Nietzsche in Cosmopolis

Mazzino Montinari

1. „Ô peuple des meilleurs Tartuffes‚
Ich bleibe dir treu‚ gewiß!“
— Sprach’s‚ und mit dem schnellsten Schiffe
Fuhr er nach Cosmopolis. (eKGWB/NF-1884,28[52])

2. I. So dichtete Nietzsche im Herbst 1884. Das Volk der „Tartuffes“, der „moralischen Tartüfferie“ war – wie bekannt – Deutschland. Wo aber lag Cosmopolis, die ideale Stadt der Immoralisten und freien Geister, der „guten Europäer“? Sie lag in Frankreich, dem „Sitz der geistigsten und raffinirtesten Cultur Europa’s”, der „hohe[n] Schule des Geschmacks”. Dies verborgene „Frankreich des Geschmacks“ wollte Nietzsche gefunden haben, und zwar hinter dem Vordergrunde eines „verdummte[n] und vergröberte[n] Frankreich”, wie es 1885 bei dem Begräbnis Victor Hugos eine wahre „Orgie des Ungeschmacks und zugleich der Selbstbewunderung“ (eKGWB/JGB-254) gefeiert hatte. Zu jenem Frankreich des Geistes gehörte – nach Nietzsche – eine kleine Zahl Menschen, welche nicht auf den kräftigsten Beinen standen: Fatalisten, Verdurstete, Kranke, Verzärtelte und Verkünstelte, wie jener Baudelaire, von dem die Definition Hugos als eines „Esel[s] von Genie“ (eKGWB/NF-1885,34[45] und 38[6]) stammte, die Nietzsche mit Vergnügen in seine Notizbücher aufnahm. In diesem Frankreich des Geistes, welches auch ein Frankreich des Pessimismus war, war im Zuge einer ungewollten geistigen Germanisierung Schopenhauer mehr noch als in Deutschland heimisch geworden. Da Nietzsche hier, im erwähnten Aphorismus 254 von Jenseits von Gut und Böse (eKGWB/JGB-254), kein Beispiel zitiert, so verweise ich auf Karl Joris Huysmans‘ Roman À rebours, der gerade 1884 erschienen war. Dieses Manifest der décadence, gegen den Naturalismus entstanden, aus der Schule Zolas und gegen sie selbst, hatte Schopenhauer als Philosophen auserwählt, Nietzsche kannte den universellen sadistischen Roman indirekt. Die feineren und anspruchsvolleren Lyriker Frankreichs, setzt Nietzsche seine Beschreibung der „Germanisierung“ Frankreichs fort, hatten Heinrich Heine in ihrem Fleisch und Blut, Hegel übte in der Gestalt Taines einen beinahe tyrannischen Einfluß aus; was endlich Richard Wagner betrifft: „je mehr sich die französische Musik nach den wirklichen Bedürfnissen der âme moderne gestalten lernt, um so mehr wird sie ,wagnerisiren’ [...] sie thut es jetzt schon genug!“ (eKGWB/NW-Wohin) Dazu wären vielleicht noch die gleichzeitigen Notizen aus dem Nachlaß zu zitieren, in denen Nietzsche seine französischen Gesprächspartner in kritischer Auseinandersetzung noch einmal vorstellt: Stendhal, Mérimée, Taine, Renan, Sainte-Beuve, Flaubert, Baudelaire, Goncourt, Hugo, Michelet, George Sand. Daß Delacroix als Maler, Wagner als Musiker, Flaubert als Schriftsteller und Heine und Baudelaire als Dichter die großen Vorläufer der Pariser décadence waren, wusste schon Nietzsche:

3. Was von Dichtern jetzt in Frankreich blüht, steht unter Heinrich Heines und Baudelaires Einfluß [...] denn, in gleicher Weise wie Schopenhauer jetzt schon mehr in Frankreich geliebt und gelesen wird als in Deutschland, ist auch der Cultus Heinrich Heines nach Paris übergesiedelt. Was den pessimistischen Baudelaire betrifft, so gehört er zu jenen kaum glaublichen Amphibien, welche ebensosehr deutsch als pariserisch sind; seine Dichtung hat etwas von dem, was man in Deutschland Gemüth oder „unredliche Melodie“ und mitunter auch „Katzenjammer“ nennt. Im Übrigen war Baudelaire der Mensch eines vielleicht verstorbenen aber sehr bestimmten und scharfen, seiner selbst gewissen Geschmacks: damit tyrannisirt er die Ungewissen von Heute. Wenn er seiner Zeit der erste Prophet und Fürsprecher Delacroix’ war: vielleicht, daß er heute der erste „Wagnerianer“ von Paris sein würde. Es ist viel Wagner in Baudelaire. (eKGWB/NF-1885,38[5])

4. Dieses schrieb Nietzsche im Sommer 1885, zu einer Zeit, da die Œuvres posthumes des französischen Dichters noch nicht erschienen waren. Als diese 1887 erschienen und Nietzsche sie las und exzerpierte, fand er in ihnen die Bestätigung seiner kritischen Ansicht vor: Baudelaire war tatsächlich Wagnerianer gewesen. Von 1884 an gerät Wagner für Nietzsche nicht nur in die Gesellschaft Baudelaires, sondern auch in die der Brüder Goncourt und Gustave Flauberts. „Die Malerei an Stelle der Logik […] das Überwiegen des Vordergrundes, der tausend Einzelheiten — alles schmeckt nach den Bedürfnissen nervöser Menschen, bei R<ichard> W<agner> wie bei den Goncourts.“ (Frühjahr 1884, eKGWB/NF-1884,25[184]) Diese Goncourts sind wie Wagner von den décadents mit schlechtem Gewissen zu unterscheiden, meint Nietzsche in einem nachgelassenen Fragment vom Frühjahr 1888 und in den Vorarbeiten zum Fall Wagner aus derselben Zeit:

5. Ich habe mich gefragt, ob überhaupt schon Jemand dagewesen ist, modern, morbid, vielfach und krumm genug, um als vorbereitet für das Problem Wagner zu gelten? Höchstens in Frankreich: Ch. Baudelaire z.B. Vielleicht auch die Gebrüder Goncourt. Die Verfasser der „Faustine“ [fehlerhaft für la Faustin M. M.] würden sicherlich Einiges an Wagner errathen... aber es fehlte ihnen Musik im Leibe. (eKGWB/NF-1888,15[6])

6. Dasselbe gilt, wie gesagt, für Flaubert. So im Sommer 1887, wenn Nietzsche von einer typischen Verwandlung spricht, für die unter Franzosen G. Flaubert, unter Deutschen R. Wagner das deutlichste Beispiel abgibt: zwischen 1830 und 1850 wandelt sich der romantische Glaube an die Liebe und die Zukunft in das Verlangen zum Nichts. Im Fall Wagner vollends wird Emma Bovary zum Prototyp der Wagnerschen Heldinnen:

7. Würden Sie es glauben, dass die Wagnerischen Heroïnnen sammt und sonders, sobald man nur erst den heroischen Balg abgestreift hat, zum Verwechseln Madame Bovary ähnlich sehn! — wie man umgekehrt auch begreift, dass es Flaubert freistand, seine Heldin in’s Skandinavische oder Karthagische zu übersetzen und sie dann, mythologisirt, Wagnern als Textbuch anzubieten. (eKGWB/WA-Brief-9)

8. Auf die Cosmopolis der décadence kommt Nietzsche mehrmals zu sprechen, zuletzt noch und an entscheidenden Stellen in seiner letzten antiwagnerischen Schrift Nietzsche contra Wagner, sowie auch im Ecce homo, also im Spätherbst 1888. Die kleine Schrift Nietzsche contra Wagner ist, wie wir wissen, eine Auswahl von Stellen über Wagner aus Nietzsches früheren Schriften. Auch der Aphorismus 254 aus Jenseits von Gut und Böse (eKGWB/JGB-254) war übernommen worden, allerdings mit einigen entscheidenden Verdeutlichungen, welche uns die Nähe Nietzsches zur Pariser décadence noch besser verstehen, ja seine Polemik gegen Wagner nicht nur als Antipodencharakteristik, sondern vielmehr als ein Geständnis der eigenen Affinität zu Wagner erscheinen lassen. Der zweite Teil des Aphorismus hat tiefgreifende Änderungen erfahren; jetzt lesen wir:

9. In diesem Frankreich des Geistes, welches auch das Frankreich des Pessimismus ist, ist heute schon Schopenhauer mehr zu Hause als er es je in Deutschland war; sein Hauptwerk zwei Mal bereits übersetzt, das zweite Mal ausgezeichnet, so dass ich es jetzt vorziehe, Schopenhauer französisch zu lesen (— er war ein Zufall unter Deutschen, wie ich ein solcher Zufall bin — die Deutschen haben keine Finger für uns, sie haben überhaupt keine Finger, sie haben bloss Tatzen). Gar nicht zu reden von Heinrich Heine — l’adorable Heine sagt man in Paris —, der den tieferen und seelenvolleren Lyrikern Frankreichs längst in Fleisch und Blut übergegangen ist. Was wüsste deutsches Hornvieh mit den délicatesses einer solchen Natur anzufangen! — Was endlich Richard Wagner angeht: so greift man mit Händen, nicht vielleicht mit Fäusten, dass Paris der eigentliche Boden für Wagner ist [...]. In Deutschland ist [...] Wagner bloss ein Missverständniss [...] Die Thatsache bleibt für jeden Kenner der europäischen Cultur-Bewegung nichtsdestoweniger gewiss, dass die französische Romantik und Richard Wagner auf’s Engste zu einander gehören. (eKGWB/NW-Wohin)

10. Während Nietzsche in Jenseits von Gut und Böse von einer Germanisierung Frankreichs gesprochen hatte, so findet er nun, daß die Deutschen – Schopenhauer, Heine, Wagner – in Frankreich nur deshalb aufgenommen wurden, weil sie allesamt – genau so wie er selber (Nietzsche) – ein Zufall in ihrem Land waren. lhre Heimat war – Cosmopolis. Sodann kommt in Nietzsche contra Wagner die Beschreibung jener französischen Romantik in ihren allerletzten Erscheinungen, so wie sie Nietzsche – gründlich genug, wie wir sehen werden – kannte:

11. Allesammt beherrscht von der Litteratur bis in ihre Augen und Ohren — die ersten Künstler Europa’s von weltlitterarischer Bildung — meistens sogar selber Schreibende, Dichtende, Vermittler und Vermischer der Sinne und Künste, allesammt Fanatiker des Ausdrucks, große Entdecker im Reiche des Erhabenen, auch des Hässlichen und Grässlichen, noch grössere Entdecker im Effekte, in der Schaustellung, in der Kunst der Schauläden, allesammt Talente weit über ihr Genie hinaus —, Virtuosen durch und durch, mit unheimlichen Zugängen zu Allem, was verführt, lockt, zwingt, umwirft, geborne Feinde der Logik und der geraden Linie, begehrlich nach dem Fremden, dem Exotischen, dem Ungeheuren, allen Opiaten der Sinne und des Verstandes. Im Ganzen eine verwegen-wagende, prachtvoll-gewaltsame, hochfliegende und emporreissende Art von Künstlern, welcheihrem Jahrhundert — es ist das Jahrhundert der Masse — den Begriff „Künstler” erst zu lehren hatte. Aber krank ... (eKGWB/NW-Wohin)

12. Diese einfühlende Charakteristik der décadence-Künstler lässt aufhorchen. Allerdings auch das Wort „krank“ am Schluss. Wenn aber jemand daraus eine Zurücknahme jener Einfühlung herauslesen wollte, so sei ihm, vor allem aber uns, in Erinnerung gebracht, was Nietzsche unter Krankheit und décadence in diesem Zusammenhang versteht:

13. l. Eine allgemeine Feststellung, auf die ich schon bei anderen Gelegenheiten aufmerksam gemacht habe. Wenn Nietzsche vom Leben im Ganzen redet, d.h. aus dem höchsten Gesichtspunkt seiner philosophischen Betrachtung, der Bejahung des Lebens als des Ringes der ewigen Wiederkunft des Gleichen, so will er keinen einzigen Aspekt und Augenblick aus ihm ausschließen. Um ein berühmtes Beispiel zu geben: der letzte Mensch ist sehr wohl ein Einwand gegen jenen Gedanken der ewigen Wiederkunft, aber er muß – auch er, der letzte Mensch – bejaht werden. Hier liegt ein Paradoxon, welches die Lehre der Wiederkehr gleichsam in eine transzendentale (nicht transzendente) Sphäre rückt. Der Ausblick in jene Sphäre relativiert sofort jegliche Aufstellung im Bereich unseres Denkens und Lebens; in einem gewissen Sinne wird die Lehre somit zum Motor einer ununterbrochenen Setzung und Aufhebung von Positionen und Negationen: ein Ausruhen in irgendwelcher Weltbetrachtung wird unmöglich, und so wollte es übrigens Nietzsche selber haben. Dies sei als spekulativer Hintergrund festgehalten.

14. 2. Jene Bewegung von Position und Negation ist tatsächlich gegeben im Ganzen von Nietzsches Denken, ohne daß man jedesmal auf den transzendentalen Hintergrund zurückzugreifen braucht. So in Sachen décadence, selbst da noch, wo dieses Wort für „modernen Fortschritt“ steht:

15. [...] es giebt auch heute noch Parteien, die als Ziel den Krebsgang aller Dinge träumen. Aber es steht Niemandem frei, Krebs zu sein. Es hilft nichts: man muss vorwärts, will sagen Schritt für Schritt weiter in der décadence (— dies meine Definition des modernen „Fortschritts“...). Man kann diese Entwicklung hemmen und, durch Hemmung, die Entartung selber stauen, aufsammeln, vehementer und plötzlicher machen: mehr kann man nicht. — (eKGWB/GD-Streifzüge-43)

16. Oder noch deutlicher in einem Fragment über die Herrschaft der Niedergangsinstinkte in der modernen Welt:

17. [...] ist nicht vielleicht eine größere Garantie des Lebens, der Gattung in diesem Sieg der Schwachen und Mittleren? — ist es vielleicht nur ein Mittel in der Gesammtbewegung zum Leben, eine tempo-Verzögerung? eine Nothwehr gegen etwas noch Schlimmeres? — gesetzt, die Starken wären Herren, in Allem und auch in den Werthschätzungen geworden: ziehen wir die Consequenz, wie sie über Krankheit, Leiden, Opfer denken würden? Eine Selbstverachtung der Schwachen wäre die Folge; sie würden suchen, zu verschwinden und sich auszulöschen... Und wäre dies vielleicht wünschenswerth?... — und möchten wir eigentlich eine Welt, wo die Nachwirkung der Schwachen, ihre Feinheit, Rücksicht, Geistigkeit, Biegsamkeit fehlte?... (eKGWB/NF-1888,14[140])

18. So fragt kein Dogmatiker der Lebensbejahung, ich fürchte auch kein Nietzscheaner, Nietzsche jedenfalls schon, und über sein NEIN als Antwort habe ich keinen Zweifel.

19. 3. Zu Krankheit und décadence hat sich Nietzsche mit aller nur wünschbaren Klarheit in seiner Autobiographie, im Ecce homo ausgesprochen. Jeder kennt Nietzsches Wort: „Abgerechnet nämlich, daß ich ein décadent bin, bin ich auch dessen Gegensatz“ (eKGWB/NF-1888,24[1]). Die Krankheit gilt für Nietzsche als Quelle der Erkenntnis:

20. Von der Kranken-Optik aus nach gesünderen Begriffen und Werthen, und wiederum umgekehrt aus der Fülle und Selbstgewissheit des reichen Lebens hinuntersehn in die heimliche Arbeit des Décadence-Instinkts — das war meine längste Übung, meine eigentliche Erfahrung, wenn irgend worin wurde ich darin Meister. (eKGWB/EH-Weise-1)

21. Gerade diese Meisterschaft nun befähigte Nietzsche dazu, der ganzen modernen französischen Kultur nachzufühlen, was sie war, was sie bedeutete. In einem Abschnitt des Ecce homo sagt er: „ich glaube nur an französische Bildung und halte Alles, was sich sonst in Europa ,Bildung‘ nennt, für Missverständniss“, und nachdem er seiner alten großen französischen Autoren (Montaigne und Pascal voran) gedacht hat, setzt er fort:

22. [...] das schliesst zuletzt nicht aus, dass mir auch die allerletzten Franzosen eine charmante Gesellschaft wären. Ich sehe durchaus nicht ab, in welchem Jahrhundert der Geschichte man so neugierige und zugleich so delikate Psychologen zusammenfischen könnte, wie im jetzigen Paris: ich nenne versuchsweise — denn ihre Zahl ist gar nicht klein — die Herren Paul Bourget, Pierre Loti, Gyp, Meilhac, Anatole France, Jules Lemaître, oder um Einen von der starken Rasse hervorzuheben, einen echten Lateiner, dem ich besonders zugethan bin, Guy de Maupassant. (eKGWB/EH-Klug-3)

23. Aber es ist wieder Wagner, dem im Ecce homo Nietzsche die Gelegenheit bietet, sich auf eine unzweideutige Weise über Krankheit und französische, d. h. europäische Dekadenz auszudrücken. Mir scheint, daß Nietzsche in den Abschnitten fünf und sechs des Kapitels Warum ich so klug bin über Wagner seine letzte und tiefste Wahrheit ausgesagt habe:

24. Als Artist hat man keine Heimat in Europa ausser in Paris; die délicatesse in allen fünf Kunstsinnen, die Wagner’s Kunst voraussetzt, […] findet sich nur in Paris. Man hat nirgendswo sonst diese Leidenschaft in Fragen der Form, diesen Ernst in der mise en scène — es ist der Pariser Ernst par excellence. [...] Aber ich habe schon zur Genüge ausgesprochen […] wohin Wagner gehört, in wem er seine Nächstverwandten hat: es ist die französische Spät-Romantik, jene hochfliegende und hoch emporreissende Art von Künstlern wie Delacroix, wie Berlioz, mit einem fond von Krankheit, von Unheilbarkeit im Wesen, lauter Fanatiker des Ausdrucks, Virtuosen durch und durch... Wer war der erste intelligente Anhänger Wagner’s überhaupt? Charles Baudelaire, derselbe, der zuerst Delacroix verstand, jener typische décadent, in dem sich ein ganzes Geschlecht von Artisten wiedererkannt hat — er war vielleicht auch der letzte... (eKGWB/EH-Klug-5)

25. nämlich „intelligente Anhänger Wagner’s“... Und aus dem Abschnitt sechs über Tristan, nur diese Worte:

26. Ich nehme es als Glück ersten Ranges, zur rechten Zeit gelebt und gerade unter Deutschen gelebt zu haben, um reif für dies Werk zu sein: so weit geht bei mir die Neugierde des Psychologen. Die Welt ist arm für den, der niemals krank genug für diese „Wollust der Hölle“ gewesen ist: es ist erlaubt, es ist fast geboten, hier eine Mystiker-Formel anzuwenden. (eKGWB/EH-Klug-6)

27. „Die Welt ist arm für den, der niemals krank genug für diese ,Wollust der Hölle‘ gewesen ist“. Das ist nicht nur eine Mystiker-Formel, oder vielmehr: diese Mystiker-Formel ist ganz einfach die Formel par excellence, welche in sich jene faszinierende, düstere und abstoßende Welt der romantischen Dekadenz resümiert, so wie wir sie unter der furchtlosen Führung von Mario Praz in La carne, la morte e il diavolo kennengelernt haben.

28. II. In zwei traurigen Briefen an Franz Overbeck aus dem Herbst 1883 (27. Oktober und 9. November) äußert sich Nietzsche über das Problem, einen für seinen Zustand erträglichen Ort zu finden, in dem er die Herbste und Winter verleben könnte:

29. Nicht in Deutschland leben und nicht mit meinen Angehörigen zusammen ist mir freilich ebenso wichtig wie die Martern des Wenig-Essens. (eKGWB/BVN-1883,470)

30. Es geht, wie ich leider melden muß, betrüblich genug. Anfälle über Anfälle, jeder Tag eine Krankengeschichte, und manche Stunde, wo ich mir sage: „ich weiß mir nicht mehr zu helfen“. Jetzt erst merke ich ganz, wie arm und abgeschnitten von äußeren Begünstigungen mein Leben nun eine ganze Reihe von Jahren hingerollt ist — und jetzt wo die stille Hoffnung mich verlassen hat, daß diese Erleichterungen und Begünstigungen zu mir kommen müßten. Ich bin fortwährend noch wüthend darüber, sobald mir einfällt, daß mir ein Mensch fehlt, mit dem ich über die Zukunft der Menschen nachdenken kann — wirklich, ich bin durch die lange Entbehrung zu mir gehöriger Gesellschaft inwendig ganz krank und wund. Nichts kommt mir zu Hülfe, Niemand denkt sich etwas aus, das mich erheitern und erheben könnte, es will sich nichts dazwischen stellen und mich von all den beschimpfenden Eindrücken erlösen, mit denen mich die letzten Jahre überhäuft haben. Ich bin an den Augen viel gehinderter als sonst, es giebt so viel Zeit, wo mir die Einsamkeit zur Last wird. Dazu will es mit Genua durchaus nicht mehr gehen, es lärmt zu sehr und hat seine Spaziergänge in gar zu größen Entfernungen. Ich merke, man kann nichts zum zweiten Male thun. Um zu genesen, brauche ich neue erst malige Eindrücke. (eKGWB/BVN-1883,473)

31. Mitte November 1883 hielt sich Nietzsche zum ersten Mal in Nizza, d. h. in Frankreich auf. An sich war ihm die internationale Kranken-Stadt gräßlich, aber es war der „lufttrockenste Ort der Riviera“ und hatte eine ganze Menge heller und reiner Tage aufzuweisen, so daß sich Nietzsche gegen die unangenehmen Eindrücke – wie er schrieb – „defensiv“ (eKGWB/BVN-1884,566) verhielt: ihm lag ja an der Luft und dem Himmel von Nizza... Von nun an verbrachte er die Monate des späten Herbstes und des Winters in Nizza: insgesamt fünf Mal bis zum Frühjahr 1888, als er Turin entdeckte. Diese notwendige klimatische Änderung brachte andere Folgen mit sich. In dieser gewiß nicht idealen Cosmopolis kam Nietzsche in noch nähere Berührung als bisher mit der französischen Presse und Literatur. Nachdem der dritte Zarathustra erschienen war (den Nietzsche zunächst als den Abschluß seines Werks betrachtete) ließ er ein ganzes Jahr ohne weitere Publikation vergehen, dafür las er viel und fast ausschließlich französische Bücher. Der Umfang der französischen Lektüre Nietzsches läßt sich anhand seiner nachgelassenen Bibliothek und der Exzerpte in seinen Heften rekonstruieren. Es waren nicht mehr oder nicht nur die alten französischen Autoren wie Montaigne und Pascal oder der moderne geliebte Stendhal, sondern Nietzsche schloss neue literarische Bekanntschaften, die ihn mit der Kultur der Restauration und der französischen Romantik vertraut machten (Custine, Doudan, Balzac); vor allem aber hielt er sich auf dem laufenden über die neuesten Produkte aus Paris. Das geschah durch Werke der damaligen maßgebenden Kritiker: Jules Lemaître, Ferdinand Brunetière, Paul Bourget und von den älteren: Edmond Scherer, Paul Alberty. Das sind aber nur einige der von Nietzsche gelesenen Kritiker, andere sind heute vergessen. Ein Buch von Louis Desprez z. B. L‘évolution naturaliste, war eine Art Bilanz der naturalistischen Bewegung. Es erschien 1884, in einem Jahr, das auch heute noch von den französischen Literaturhistorikern als ein Jahr der Wende bezeichnet wird. Erst zwei Jahre später, durch Jules Lemaires Essais, lernte Nietzsche wahrscheinlich das Buch kennen, in dem sich jene Wende vollzog, die vom Naturalismus zur décadence. Das, was der junge Paul Bourget in der Zeitschrift La vie littéraire im Jahre 1876, dann aber 1883 in seinen bald berühmt gewordenen Essais de psychologie contemporaine als Stimmung, als Sensibilität der europäischen Gesellschaft charakterisiert hatte, die décadence, wurde 1884 als Lebensprogramm, als literarische Position in dem epochemachenden Roman À rebours von Karl Joris Huysmans aufgezeigt.

32. Dieser Roman enthält in sich alle Motive der décadence, er ist deren Summa, deren Manifest. In ihm wird mit jeder optimistischen Illusion tabula rasa gemacht. Der Protagonist, M. des Esseintes, lebt gegen den Strich, gegen die Natur. Nach einem Leben der moralischen und physischen Ausschweifungen baut er sich eine Welt der Künstlichkeit: er liebt die Orchideen, weil sie den künstlichen Blumen am meisten ähnlich sind, weil in ihnen die Natur die Geschwüre der Syphilis am besten nachahmt. Seine Schriftsteller sind die Lateiner der Decadenz: die Klassiker, wie Vergil und Horaz, findet er fade. Seine Abgötter unter den modernen sind Baudelaire, die Goncourts (vor allem der Roman La Faustin), Flaubert (insbesondere Die Versuchungen des Heiligen Antonius), sowie Barbey d‘Aurevilly und andere katholische Autoren. Die größten sind ihm die damals noch wenig bekannten Paul Verlaine und Stéphane Mallarmé. Huysmans war auf der Schule bei Zola gewesen; er gehörte der naturalistischen Bewegung an. Wenn sich bei ihm der Pessimismus, der furchtlose Realismus, die Vorliebe für die häßlichen, schauerlichen, ekelhaften Seiten des Lebens in eine Misanthropie verdichtete, die alles flach, idiotisch und lächerlich fand, so war Huysmans eine Ad-absurdum-Führung, somit eine Konsequenz des Naturalismus. Zola selber übrigens hat einmal bemerkt: „Ich liebe die stark gewürzten literarischen Ragouts, die Werke der décadence, in denen eine Art krankhafte Sensibilität an die Stelle der üppigen Sensibilität klassischer Zeitalter tritt“. In diese Richtung gingen auch die Goncourts, deren Romane vor allem ab 1876 mit Vorliebe gelesen wurden und jene „sensibilité moderne“ vorbereiteten, so z. B. in Charles Demailly, ihrem wichtigsten Schriftsteller-Roman. Es ist nicht entscheidend, ob Nietzsche Huysmans gelesen hat, er kannte die Goncourts, Barbey d‘Aurevilly, Baudelaire und andere mehr, er lebte in jener Atmosphäre, er war mit der literarischen Diskussion vertraut, er hatte in sich selber – und dies ist die Hauptsache – die Voraussetzungen der décadence. Er war ein Kind seiner Zeit, wie er im Fall Wagner zeigt, und deshalb décadent.

33. Nietzsche wehrte sich allerdings gegen die décadence, er setzte sich mit ihr auseinander: und das konnte nur in Cosmopolis geschehen: Vom November 1884 bis in das Frühjahr 1888, d.h. bis das Problem der décadence auch das Ganze seiner philosophischen Überlegungen prägt, wie man aus den Plänen des Willens zur Macht herauslesen kann. Am Anfang dieser Peripetie steht eine Anmerkung zu Wagner aus dem Winter 1883/84, am Schluss die Physiologisierung des Problems; einerseits – wie wir gleich sehen werden – das Buch von Paul Bourget Essais de psychologie contemporaine, andererseits ein anderes französisches Buch: Charles Féré, Criminalité et dégénérescence. Es ist nicht meine Absicht, über die Physiologisierung, welche Férés Buch signalisiert, zu berichten. Vielmehr möchte ich die neue Sensibilität herausstreichen, mit der sich Nietzsche in Frankreich konfrontiert sah. Jene Anmerkung über Wagner aus dem Winter 1883/84 lautet:

34. Stil des Verfalls bei Wagner: die einzelne Wendung wird souverän, die Unterordnung und Einordnung wird zufällig. Bourget S. 25. (eKGWB/NF-1883,24[6])

35. Nietzsche meint Seite 25 aus den Essais Bourgets, und dort lesen wir im Kapitel über Baudelaire und unter dem Titel Théorie de la décadence:

36. Ein Stil der Dekadenz ist ein Stil, in dem sich die Einheit des Buches auflöst, um der Autonomie der Seite Platz zu lassen, die Seite sich auflöst, um der Autonomie des Satzes Platz zu lassen, und der Satz um der Autonomie des Wortes Platz zu lassen.

37. Dass die Physiologisierung schon in Bourgets Beschreibung der décadence angelegt war, sollte jedoch nicht vergessen werden: er schreibt kurz davor (S. 24):

38. Eine Gesellschaft gleicht dem Organismus. Als Organismus gliedert sie sich als Verband von kleineren Organismen, diese wiederum sind Verbände der Zellen. Das Individuum ist die Zelle der Gesellschaft. Damit der Organismus in seiner Ganzheit kräftig existiere, […] ist es nötig, daß die Organismen, welche das Ganze bilden, kräftig aber in der Subordination funktionieren.

39. Ein paar Jahre später (Mitte April 1886) schreibt Nietzsche in einem Brief an Carl Fuchs:

40. Das Wagnerische Wort „unendliche Melodie“ drückt die Gefahr, den Verderb des Instinkts und den guten Glauben, das gute Gewissen dabei allerliebst aus. Die rhythmische Zweideutigkeit, so daß man nicht mehr weiß und wissen soll, ob etwas Schwanz oder Kopf ist, ist ohne allen Zweifel ein Kunstmittel, mit dem wunderbare Wirkungen erreicht werden können: der „Tristan“ ist reich daran —, als Symptom einer ganzen Kunst ist und bleibt sie trotzdem das Zeichen der Auflösung. Der Theil wird Herr über das Ganze, die Phrase über die Melodie, der Augenblick über die Zeit (auch das tempo), das Pathos über das Ethos (Charakter, Stil, oder wie es heißen soll —), schließlich auch der esprit über den „Sinn“. Verzeihung! was ich wahrzunehmen glaube, ist eine Veränderung der Perspektive: man sieht das Einzelne viel zu scharf, man sieht das Ganze viel zu stumpf, — und man hat den Willen zu dieser Optik in der Musik, vor Allem man hat das Talent dazu! Das aber ist décadence, ein Wort, das, wie sich unter uns von selbst versteht, nicht verwerfen, sondern nur bezeichnen soll. (eKGWB/BVN-1886,688)

41. Wir sehen hier, wie Nietzsche die Theorie der décadence selbständig handhabt, wie er etwas entwickelt, was damals nicht jeder imstande war, einzusehen. Sein Postulat eines großen Stils im Gegensatz zum Stil der décadence bleibt allerdings, auch trotz späterer Versuche in der Götzendämmerung, in Allgemeinheiten oder Suggestionen stecken, die z. T. auf Eindrücke einer einseitigen Lektüre von Burckhardts Werken, z. B. des Cicerone, zurückgehen, so wenn er den Palazzo Pitti (im erwähnten Brief an Fuchs, sowie auch in Fragmenten) gegen die Neunte Symphonie ausspielt. Ein paar Jahre nach jenem Brief an C. Fuchs schrieb Nietzsche im Fall Wagner.

42. Womit kennzeichnet sich jede litterarische décadence? Damit, dass das Leben nicht mehr im Ganzen wohnt. Das Wort wird souverain und springt aus dem Satz hinaus, der Satz greift über und verdunkelt den Sinn der Seite, die Seite gewinnt Leben auf Unkosten des Ganzen — das Ganze ist kein Ganzes mehr. (eKGWB/WA-Brief-7)

43. Auch hier ist zunächst Nietzsches Assimilation der Theorie der décadence hervorzuheben. Übrigens hat er eine Variante eingeführt: die Bewegung geht im Fall Wagner vom Einzelnen zum Allgemeinen, vom Wort zum Ganzen, in Bourgets Essais geht sie vom Ganzen und Allgemeinen, vom Buch, zum Einzelnen, zum Wort. Sollen wir, wie es Ende des Jahrhunderts Sitte war (bei den nicht intelligenten Wagnerianern auch heute noch) von Plagiat reden? Oder das Recht des Genies auf Plünderung bemühen, mit dem obligaten Hinweis auf Goethe, welcher auch usw. usf.? Nein. Wir sollen vielmehr lernen, historisch zu denken. Nietzsche, Bourget und jeder andere, beliebige, freilich auch intelligente Kritiker aus jener Zeit, haben ein gemeinsames Recht auf ihre gemeinsamen Fragen. Sie haben jenes Phänomen der décadence gemeinsam erlebt, sie haben es, da sie alle Kinder derselben Zeit waren, gemeinsam analysiert. Die Assimilation (ohne eine Fußnote Nietzsches über die Provenienz) ist für mich ein Grund des historischen Vergnügens, mögen auch Mikrologen und andere Pedanten mit ihren sterilen und sauertöpfischen Richtigstellungen aufwarten. Oder ist es verwunderlich, daß sich Nietzsche so stark für Bourget interessierte? Man lese, wiederum im Kapitel über Baudelaire, folgende Stelle:

44. Ein allgemeiner Ekel gegen die Mängel dieser Welt erfüllt das Herz der Slaven, Germanen und Romanen und erscheint bei den ersteren als Nihilismus, bei den zweiten als Pessimismus, bei uns als einsame und merkwürdige Neurose. Die mörderische Wut in St. Petersburg, die Bücher Schopenhauers, die Brände der Commune und die Mysanthropie der naturalistischen Romanciers […] zeigen denselben Geist der Negation des Lebens, der täglich mehr die westliche Zivilisation verdüstert.

45. Nietzsche ließ sich gerne belehren: von Bourget, von Lemaître, von Taine, von den Goncourts, ja sogar von Barbey d‘Aurevilly. Letzterer, ein katholischer Schriftsteller der älteren Generation, die unter Chateaubriands und Byrons Einfluß stand, gilt als exemplarischer Fall jener morbiden, sadistischen Literatur, mit der uns das Buch von Mario Praz bekannt gemacht: in der Sammlung Les Diaboliques geschehen alle möglichen Ungeheuerlichkeiten, die nur dadurch interessant und pikant wirken, weil sie von einem Katholiken erfunden, der einen besonderen Geschmack an der Profanierung, am Frevel, am Sakrileg, an jeder Art Sabba und Schwarzen Messe, am Inzest und sexuellen Perversionen hat, genau wie der andere (allerdings spätere) Katholik, Huysmans, dessen Roman À rebours Barbey d‘Aurevilly als große literarische Leistung begrüßte.

46. An Overbeck schrieb Nietzsche, am 4. Mai 1887, zu einer Essaysammlung dieses Autors:

47. Am gleichen Tage las ich einen unzufriedenen Franzosen, einen Unabhängigen (denn zu seinem Katholicismus gehört jetzt mehr Unabhängigkeit als zur Freidenkerei) Barbey d’Aurevilly Œuvres et hommes. Sensations d’histoire. Lies ihn, auf meine Verantwortung.

48. Freilich fügte er hinzu: „Als romancier ist er mir nicht erträglich“. (eKGWB/BVN-1887,843) Was man verstehen kann, wenn man bedenkt, daß der eigentümliche katholische Geschmack am Frevel, am Sakrileg, dem nach seiner Herkunft grundprotestantischen Nietzsche abgehen mußte. Wichtig bleibt dabei die Feststellung, daß Nietzsche doch auch seine Romane gelesen haben muß, wie überhaupt trotz nachgelassener Bibliothek, trotz Briefen, trotz nachgelassenen Fragmenten, wir der Überzeugung sind, daß Nietzsche viel mehr aus der ganzen französischen Literatur gekannt hat, als das, was wir noch erschließen können. Es gibt aber viele Lektüren Nietzsches, die bekannt sein könnten, und die bis jetzt überhaupt keine Aufmerksamkeit in der Nietzsche-Forschung gefunden haben. Das Kapitel Goncourt ist zum Beispiel noch zu schreiben: Nietzsche hat sicherlich La Faustin, Charles Demailly, Rénée Mauperin, Manette Salomon gelesen, nicht zu reden von den drei ersten Bänden des Journal. Und wer war jener Catulle Mendès, dem Nietzsche zuletzt noch seine Dionysos-Dithyramben widmete? Gewiß eine Bekanntschaft aus dem Wagnerischen Kreis; er verkehrte ja in Tribschen (mit seinem Freund Villiers de l‘Isle-Adam) und Bayreuth; seine erste Frau Judith Gautier (die Tochter Theophile Gautiers, einer der Väter der französischen décadence, sie selbst Schriftstellerin) wurde, nebenbei gesagt, in eine Liebesgeschichte mit dem alternden Wagner verwickelt... Ja, wer war dieser „größt[e] und erst[e] Satyr, der heute lebt, und nicht nur heute“ (eKGWB/BVN-1889,1235), wie Nietzsche ihn in der Widmung apostrophierte? Es war einer der berüchtigsten Schriftsteller der décadence, wie Barbey d‘Aurevilly, allerdings ohne dessen Katholizismus. In einem seiner Romane Zoh‘ar, aus dem Jahre 1886, wird eins der beliebtesten Themata der décadence, das des Inzestes, variiert: Bruder und Schwester werden dazu durch die Musik – eine Ballett-Aufführung – verführt. Zwei Jahre davor – 1884 – hatte ein anderer Romancier, Elémir Bourges, dasselbe sexuelle Geschehen mit einer Aufführung der Walküre verbunden... An die Novelle Wälsungenblut von Thomas Mann werden Sie alle denken: nun, sie wurde geschrieben 1905, also 21 Jahre nach jenem Roman Crépuscule des Dieux des Elémir Bourges: selbstverständlich haben Kritiker von Plagiat geredet. Man lese darüber meine Quelle: Erwin Koppen, „Dekadenter Wagnerismus“, um sich ein weiteres Mal davon zu überzeugen, wie nichtig solche Plagiatsfragen sind.

49. Nietzsche seinerseits notierte stichwortartig in jenem schon erwähnten Fragment über Wagner aus dem Winter 1883/84: „Wagner — französischer Cultus des Grässlichen und der grossen Oper, Paris und Flucht inUrzustände. (Die Schwester-ehe)“. (eKGWB/NF-1883,24[6]) Wenige Jahre nach dem geistigen Zusammenbruch wurde Nietzsche in Frankreich zu einem der umstrittensten und bekanntesten deutschen Denker. Seine Schriften wurden übersetzt, es gab bald einen französischen und somit einen europäischen, kosmopolitischen Nietzscheanismus; eine französische Nietzsche-Anthologie aus dem Jahre 1892 hat Gabriele d‘Annunzios Nietzscheanismus auf dem Gewissen. Bedeutende französische Schriftsteller und Denker wie André Gide, Romain Rolland, Paul Valéry, Albert Camus, André Malraux, Georges Bataille, Gabriel Marcel, Jean Wahl, Jean-Paul Sartre, sind ohne Nietzsche gar nicht zu denken, und ich habe nur einige der bedeutendsten erwähnt. In Frankreich entstand, Anfang der 30er Jahre, das mächtigste und umfassendste Werk der Nietzsche-Forschung: Charles Andler, Nietzsche. Sa vie et sa pensée, in sechs großen Bänden. Man hat Nietzsches gewaltigen Einfluß auf die französische Kultur durch einen präexistenten Nietzscheanismus zu erklären versucht (Geneviève Bianquis). Ich schlage vor, daß man diese falsche Perspektive umkehrt: Nicht die französische Literatur und Philosophie war auf Nietzsche vorbereitet, sondern Nietzsche selber präparierte sich durch seine umfassende Kenntnis und Assimilation der französischen Kultur der décadence für seine Wirkung in Frankreich, d.h. in Europa.