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Herrn Alfred Dove ist das Unglück widerfahren, in einem stelzbeinig geschriebenen und in jedem Betracht Befürchtungen erregenden „Neujahrsworte an die deutsche Geistesarbeit“ zuletzt wahrhaft schmählich auszugleiten und fallend in folgenden Tönen zu explodiren:
„Da muss man nun von dem vergangenen Jahre anmerken, dass es auch hier wieder wirksame Mahnungen hervorgebracht: seinen Fachgenossen hat der namhafte Physiker Zöllner in einem freilich im Gesammteindrucke wunderlichen Buche, das aus Astronomie, Erkenntnisstheorie und ethischer Lehre zusammengemischt ist, vom reinsten Eifer getrieben eine ernste Busspredigt zur Einkehr in sich selbst und zur Rückkehr in die alte Einfalt ihrer Sitten gehalten. Bitterer, ja grausam scharf hat der Münchener Arzt Puschmann kürzlich Richard Wagner’s Grössenwahnsinn theoretisch nachzuweisen und zu zergliedern versucht, zu verwegen offenbar für ein menschliches Gericht über den Lebendigen, doch darf man sagen, dass er den Schuldigsten herausgegriffen. Beide Bücher, so manchen unheilvollen Anstoss sie gegeben, sind um ihrer warnenden Kraft willen entschieden hochzuhalten; keineswegs werden sie ohne nützliche Wirkung bleiben.“
Zuerst drücken wir unser ernstes Bedauern aus, dass der edle Name Zöllner’s durch die unbefugtesten Hände in eine so widerliche Gemeinschaft gezogen ist. Dann aber bleibt uns nur übrig, in Erstaunen und immer neues Erstaunen auszubrechen. Wie? Sollte nicht der Redacteur Dove, oder mindestens sein von ihm bedachter Leserkreis, ein Unicum, ein erstaunliches Unicum sein? Kein anderer Redacteur, auch der bedenklichste und verderbteste nicht, hat es gewagt, seinen Geschmack an Puschmann so frei und so pathetisch zu bekennen, offenbar in dem Glauben, dass dies wider den Anstand sein würde. Zu welcher Sorte von Publicum condescendirt also Herr Dove mit seinem „freien“ Pathos? Zu den Lesern des „Neuen Reichs“: innerhalb der vier Wände dieses „Neuen Reichs“, wenn Redacteur und Leser unter sich sind, ergötzt man sich, wie es scheint, an solchen Freiheiten —, anderwärts würden sie nur indigniren oder Ekel erregen. Selbst der eigentliche Gründer in scandalosis, Paul Lindau, hat ein vielleicht ähnliches Gelüst nur indirect zu verrathen vermocht, dadurch dass er jenen bewährten Skandal-Puschmann unter die Liste seiner Skandal-Mitarbeiter aufnahm. Zur Entschuldigung dürfte man sogar hier noch sagen, dass hier ein Bedürfniss vorlag. Die „Gegenwart“ bedarf Puschmann’s — das Gründerthum auf den Skandal hat seine Bedürfnisse; Verzeihung dem Bedürfnisse! Aber so ohne Bedürfniss, in der Manier Alfred Dove’s, Puschmann „anzugreifen“, Puschmann öffentlich die Hände zu schütteln — ist das möglich, wenn es doch nicht nöthig war? Welcher „Seelenarzt“ kann hier Auskunft geben? Oder war es doch nöthig? Welchen Zwang übten vielleicht jene Leser auf den impressionabeln Alfred Dove aus? — Inzwischen, bevor diese gar nicht rhetorisch gemeinten Fragen beantwortet sind, gratuliren wir dem Münchener „Specialisten für Psychiatrie“ zu diesem neuen Kameraden Alfred Dove, der sich ja in jenem Neujahrswort ebenfalls als Heilkünstler und Specialist gebärdet. Mögen sie zusammen wachsen und gedeihen, Puschmann und Dove, Dove und Puschmann, par nobile fratrum! Mögen sie besonders, wie wir Beiden zum Neujahr wünschen, sich baldigst mit einander, zu gegenseitiger Förderung, über die wirksamsten Geheimmittelchen, durch wissenschaftlich klingende Marktschreierei sich (oder ihr bedrucktes Blatt Papier) in Umlauf zu bringen, recht intim verständigen. Gewisslich wird der so feierlich angeredete Geist Puschmann’s nicht umsonst beschworen sein; fürderhin wird er Herrn Alfred Dove in der beschwerlichen Aufgabe unterstützen müssen, den unnatürlichen Geschmacksgelüsten der Leser des „Neuen Reiches“ psychiatrisch in befriedigender Weise beizukommen.
Prof. Dr. Friedrich Nietzsche