[9 = W II 1. Herbst 1887]

Erstes Buch

9[1]

Prinzipien und vorausgeschickte

Erwägungen.

1.

Zur Geschichte des europäischen Nihilismus.

Als nothwendige Consequenz der bisherigen Ideale:

absolute Werthlosigkeit.

2.

Die Lehre von der ewigen Wiederkunft: als seine Vollendung, als Krisis

(1) 3.

Diese ganze Entwicklung der Philosophie als Entwicklungsgeschichte des Willens zur Wahrheit. Dessen Selbst-In-Fragestellung. Die socialen Werthgefühle zu absoluten Werthprincipien aufgebauscht.

(2) 4.

Das Problem des Lebens: als Wille zur Macht.

(Zeitweiliges Überwiegen der socialen Werthgefühle begreiflich und nützlich: es handelt sich um die Herstellung eines Unterbaus, auf dem endlich eine stärkere Gattung möglich wird.) Maaßstab der Stärke: unter den umgekehrten Werthschätzungen leben können und sie ewig wieder wollen. Staat und Gesellschaft als Unterbau: weltwirthschaftl<icher>Erratum:weltwirtschaftlicher
lies:weltwirthschaftl<icher>
Nach KGW Nachberichte
Gesichtspunkt, Erziehung als Züchtung.

9[2]

(3)

Kritik des guten Menschen. (Nicht der Hypokrisie: — das diente mir höchstens zur Erheiterung und Erholung) Der bisherige Kampf mit den furchtbaren Affekten, deren Schwächung, Niederhaltung —: Moral als Verkleinerung.

9[3]

(4)

Kant: macht den erkenntnißtheoretischen Scepticismus der Engländer möglich für Deutsche

1) 

indem er die moralischen und religiösen Bedürfnisse der Deutschen für denselben interessirt (: so wie aus gleichen Gründen die neueren Akademiker die Scepsis benutzten als Vorbereitung für den Platonismus v. Augustin; so wie Pascal sogar die moralistische Scepsis benutzte, um das Bedürfniß nach Glauben zu excitiren („zu rechtfertigen“)

2) 

indem er ihn scholastisch verschnörkelte und verkräuselte und dadurch dem wissenschaftlichen Form-Geschmack der Deutschen annehmbar machte (denn Locke und Hume an sich waren zu hell, zu klar d.h. nach deutschen Werthinstinkten geurtheilt „zu oberflächlich“ —)

Kant: ein geringer Psycholog und Menschenkenner; grob fehlgreifend in Hinsicht auf große historische Werthe (franz. Revolut.); Moral-Fanatiker à la Rousseau mit unterirdischer Christlichkeit der Werthe; Dogmatiker durch und durch, aber mit einem schwerfälligen Überdruß an diesem Hang, bis zum Wunsche, <ihn> zu tyrannisiren aber auch in der Scepsis sofort müde; noch von keinem Hauche kosmopolitischen Geschmacks und antiker Schönheit angeweht… ein Verzögerer und Vermittler, nichts Originelles

(— so wie Leibniz zwischen Mechanik und Spiritualism

wie Goethe zwischen dem Geschmack des 18. Jahrhunderts und dem des „historischen Sinns“ (— der wesentlich ein Sinn des Exotism ist)

wie die deutsche Musik zwischen französischer und ital<ienischer> Musik

wie Karl der Große zwischen imperium Romanum und Nationalism.

vermittelte, überbrückte, — Verzögerer par excellence.

9[4]

Zum Schluß: „ein Lehrer dessen gewesen zu sein“

come l’uom s’eterna…

(Inf. XV, 85)

9[5]

(5)

Zur Charakteristik des nationalen Genius, in Hinsicht auf Fremdes und Entlehntes.

der englische Genius vergröbert und vernatürlicht Alles, was er empfängt

der französische verdünnt, vereinfacht, logisirt, putzt auf.

der deutsche vermischtErratum:verwischt
lies:vermischt
Nach KGW Nachberichte
, vermittelt, verwickelt, vermoralisirt.

der italiänische hat bei weitem den freiesten und feinsten Gebrauch vom Entlehnten gemacht und hundert Mal mehr hinein gesteckt als herausgezogen: als der reichste Genius, der am meisten zu verschenken hatte.

9[6]

(6)

Zur Aesthetik

Die Sinnlichkeit

 
 
 
 
 

Bilder des erhöhten siegreichen Lebens und ihre verklärende Kraft: so daß eine gewisse Vollkommenheit in die Dinge gelegt wird

der Rausch

Umgekehrt: wo die Schönheit der Vollkommenheit sich zeigt, wird die Welt der Sinnlichkeit und des Rausches mit erregt, aus alter Verwachsenheit. Deshalb gehört zum religiösen Glück die Sinnlichkeit und der Rausch.

Und wesentlich insgleichen die sensualistische Erregbarkeit der Künstler.

„schön“ wirkt entzündend auf das Lustgefühl; man denke an die verklärende Kraft der „Liebe“. Sollte nicht umgekehrt wiederum das Verklärte und Vollkommene die Sinnlichkeit sanft erregen, so daß das Leben als Wohlgefühl wirkt? —

9[7]

(7)

Die überschüssige Kraft in der Geistigkeit, sich selbst neue Ziele stellend; durchaus nicht bloß als befehlend und führend für die niedere Welt oder für die Erhaltung des Organismus, des „Individuums“. Wir sind mehr als das Individuum, wir sind die ganze Kette noch mit den Aufgaben aller Zukünfte der Kette

9[8]

Zum Plane.

An Stelle der moralischen Werthe lauter naturalistische Werthe. Vernatürlichung der Moral.

An Stelle der „Sociologie“ eine Lehre von den Herrschaftsgebilden

An Stelle der „Erkenntnißtheorie“ eine Perspektiven-Lehre der Affekte (wozu eine Hierarchie der Affekte gehört).

die transfigurirten Affekte: deren höhere Ordnung, deren „Geistigkeit“.

An Stelle von Metaphysik und Religion die ewige Wiederkunftslehre (diese als Mittel der Züchtung und Auswahl)

(8)

„Gott“ als Culminations-Moment: das Dasein eine ewige Vergottung und Entgottung. Aber darin kein WerthhöhepunktErratum:Werth-Höhepunkt
lies:Werthhöhepunkt
Nach KGW Nachberichte
sondern ein Macht-HöhepunktErratum:nur Macht-Höhepunkte
lies:ein Macht-Höhepunkt
Nach KGW Nachberichte

Absoluter Ausschluß des Mechanismus und des Stoffs: beides nur Ausdrucksform niedriger Stufen, die entgeistig<t>ste Form des Affektes („des Willens zur Macht“)

die Verdummung der Welt als Ziel, in Consequenz des Willens zur Macht, der die Elemente so unabhängig von einander als möglich macht: Schönheit als Anzeichen der Gewöhnung und Verwöhnung des Siegreichen: das Häßliche der Ausdruck vieler Niederlagen (im Organismus selbst) Keine Vererbung! Die Kette als Ganzes wachsend

Der Rückgang vom Höhepunkt im Werden (der höchsten Vergeistigung der Macht auf dem sklavenhaftesten Grunde) als Folge dieser höchsten Kraft darzustellen, welche, gegen sich sich wendend, nachdem sie nichts mehr zu organisiren hat, ihre Kraft verwendet, zu deorganisiren

a) 

Die immer größere Besiegung der Societäten und Unterjochung derselben unter eine kleinere, aber stärkere Zahl.

b) 

die immer größere Besiegung der Bevorrechteten und Stärkeren und folglich Heraufkunft der Demokratie, endlich Anarchie der Elemente.

9[9]

Die Musik der Gegenwart.
Eine Streitschrift
VonErratum:von
lies:Von
Nach KGW Nachberichte

F. N.

9[10]

Zweite Streitschrift

Die Heerden-Optik als Moral.

Unter Moralisten und Moralphilosophen.

Eine 

Abrechnung mit der Moral.

was hat die Stände-Differenz beigetragen zur Moral?

was das asket<ische>Erratum:asketische
lies:asket<ische>
Nach KGW Nachberichte
Ideal?

was die Heerde?

was die Philosophen?

was die Raubthier-Affekte?

9[11]

Unter Moralisten. — Die großen Moral-Philosophen. Moral als Verhängniß der Philosophen bisher

Rousseau. Kant. Hegel. Schopenhauer. Lichtenberg. Goethe.

B. Grazian. Macchiavell. Galiani. Montaigne. Pascal.

Carlyle. G. Eliot. H. Spencer.

S. Beuve. Renan. Goncourts. Stendhal. Napoléon.

Plato. Epictet. Epicur. Seneca. Marc-Aurel.

9[12]

(9)

Offenbach: französische Musik, mit einem Voltaireschen Geist, frei, übermüthig, mit einem kleinen sardonischen Grinsen, aber hell, geistreich bis zur Banalität (— er schminkt nicht —) und ohne die mignardise krankhafter oder blond-wienerischer Sinnlichkeit

9[13]

WertheErratum:Werthe.
lies:Werthe
Nach KGW Nachberichte

„Der Werth des Lebens“: aber Leben ist ein Einzelfall, man muß alles Dasein rechtfertigen und nicht nur das Leben, — das rechtfertigende Princip ist ein solches, aus dem sich das Leben erklärt

das Leben selbst ist kein Mittel zu etwas; es ist der Ausdruck von Wachsthumsformen der Macht.


— Daß wir nicht unsereErratum:mehr
lies:unsere
Nach KGW Nachberichte
„Wünschbarkeiten“ zu Richtern über das Sein machen!

— daß wir nicht unsere Endformen der Entwicklung (z.B. „Geist“Erratum:Geist
lies:„Geist“
Nach KGW Nachberichte
) wieder als ein „An sich“ hinter die Entwicklung placiren

9[14]

Schlusscapitel: die letzte Wünschbarkeit.

Schluß des Buchs (wie das Leben, so die Weisheit selber:) tief und verführerisch.

9[15]

(10)

Was Tertullian von den bösen Engeln sagt, das könnte man von den asketischen Priestern sagen.

Tertullian (Apologet. nr. 22) von den bösen Engeln: „in Heilung der Krankheiten sind sie wahre Zauberer. Zunächst nämlich plagen sie; dann aber schreiben sie Mittel vor, die, bis zum Wunder, neu und nachtheilig sind: — dennoch aber glaubt man, sie hätten geholfen, weil sie aufgehört haben zu plagen.“

9[16]

(11)

„Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet“ Das „auf daß“ ist verächtlich. Unvornehm

1) man giebt, wenn man die Befugniß zu richten hat, damit schlechterdings nicht zu, daß Andere die Befugniß haben, uns zu richten…

2) die unangenehmen Folgen kommen für einen, der zu irgend einer Aufgabe geschaffen ist, nicht als Gegengründe gegen diese Aufgabe in Betracht: unter Umständen können es Reizmittel sein.

Nichts ist unverständiger als eine Übertreibung alsErratum:an
lies:als
Nach KGW Nachberichte
Moral hinzustellen (z.B. liebet eure Feinde): damit hat man die Vernunft aus der Moral herausgetrieben… die Natur aus der Moral


Absolute Überzeugung: daß die Werthgefühle oben und unten verschieden sind; daß zahllose Erfahrungen den Unteren fehlen, daß von Unten nach Oben das Mißverständniß nothwendig ist.

9[17]

(12)

Die Verkleinerung des Menschen muß lange als einziges Ziel gelten: weil erst ein breites Fundament zu schaffen ist, damit eine stärkere Art Mensch darauf stehen kann: inwiefern bisher jede verstärkte Art Mensch auf einem Niveau der niedrigeren stand — — —

9[18]

(13)

Krieg gegen das christliche Ideal, gegen die Lehre von der „Seligkeit“ und dem Heil als Ziel des Lebens, gegen die Suprematie der Einfältigen, der reinen Herzen, der Leidenden und Mißglückten usw. (— was geht uns Gott, der Glaube an Gott noch an! „Gott“ heute bloß ein verblichenes Wort, nicht einmal mehr ein Begriff!) Aber, wie Voltaire auf dem Sterbebette sagen: „reden Sie mir nicht von dem Menschen da!“


Wann und wo hat je ein Mensch, der in Betracht kommt, jenem christlichen Ideal ähnlich gesehen? Wenigstens für solche Augen, wie sie ein Psycholog und Nierenprüfer haben muß! — man blättere alle Helden eines Plutarch durch.

9[19]

(14)

Franz von Assisi: verliebt, populär, Poet, kämpft gegen die Aristokratie <und>Erratum:und
lies:<und>
Nach KGW Nachberichte
Rangordnung der Seelen zu Gunsten der Niedersten.

9[20]

(15)

Sokrates: kämpft gegen die vornehmen Instinkte, sehr plebejisch (gegen die Kunst, aber vorbildlich wissenschaftlich. Spott über Renans fehlgreifenden Instinkt, der noblesse und Wissenschaft zusammenmengt.)

Die Wissenschaft und die Demokratie gehören zusammen (was auch Ms Renan sagen mag) so gewiß als die Kunst und die „gute Gesellschaft“.

9[21]

(16)

Zu Ehren der Laster:

die griechische Cultur

und die Päderastie

die deutsche Musik

und die Trunksucht

die Wissenschaft

und

die Rachsucht

9[22]

(17)

Die großen Lügen in der Historie:

als ob es die Verderbniß des Heidenthums gewesen wäre, die dem Christenthum die Bahn gemacht habe! Aber es war die Schwächung und Vermoralisirung des antiken Menschen! Die Umdeutung der Naturtriebe in Laster war schon vorhergegangen!

— als ob die Verderbniß der Kirche die Ursache der Reformation gewesen sei; nur der Vorwand, die Selbstvorlügnerei seitens ihrer Agitatoren — es waren starke Bedürfnisse da, deren Brutalität eine geistliche Bemäntelung sehr nöthig hatte

9[23]

(18)

die lügnerische Auslegung der Worte, Gebärden und Zustände Sterbender: da wird z.B. die Furcht vor dem Tode mit der Furcht vor dem „Nach-dem-Tode“ grundsätzlich verwechselt…

9[24]

die imitatio als Buch der Verführung (bei Comte)

9[25]

die vier großen Demokraten Sokrates Christus Luther Rousseau

9[26]

(19)

gegen den Werth des Ewig-Gleichbleibenden (v. Spinozas Naivetät, Descartes ebenfalls) der Werth des Kürzesten und Vergänglichsten, das verführerische Goldaufblitzen am Bauch der Schlange

vita —

9[27]

(20)

Ersatz der Moral durch den Willen zu unserem Ziele, und folglich zu dessen Mitteln.


des kategorischen Imperativs durch den kat<egorischen> ImperatorErratum:Natur-Imperativ
lies:kat<egorischen> Imperator
Nach KGW Nachberichte


Kein Lob haben wollen: man thut, was Einem nützlich ist oder was Einem Vergnügen macht oder was man thun muß.

9[28]

(21)

Die großen Fälschungen der PsychologieErratum:Psychologen
lies:Psychologie
Nach KGW Nachberichte
:

1) 

der Mensch strebt nach Glück

2)

die Moral ist der einzige Weg zum GlücklichwerdenErratum:Glücklich werden
lies:Glücklichwerden
Nach KGW Nachberichte

fader und leerer Begriff der christlichen „Seligkeit“

9[29]

<(22)>

Absoluter Instinkt-Mangel des Ms. Renan, der die Wissenschaft und die noblesse zusammen in Eins rechnet. Die Wissenschaft ist grund-demokratisch und anti-oligarchisch.

9[30]

(23)

Berichtigung des Begriffs

Der Egoismus. Hat man begriffen, inwiefern „individuum“ ein Irrthum ist, sondern jedes Einzelwesen eben der ganze Prozeß in gerader Linie ist (nicht bloß „vererbt“, sondern er selbst…), so hat dies Einzelwesen eine ungeheuer große Bedeutung. Der Instinkt redet darin ganz richtig; wo dieser Instinkt nachläßt (— wo das Individuum sich einen Werth erst im Dienst für Andre sucht) kann man sicher auf Ermüdung und Entartung schließen. Der Altruismus der Gesinnung, gründlich und ohne Tartüfferie, ist ein Instinkt dafür, sich wenigstens einen zweiten Werth zu schaffen, im Dienste andrer Egoismen. Meistens aber ist er nur scheinbar: ein Umweg zur Erhaltung des eignen Lebensgefühls, Werthgefühls

9[31]

(24)

In der Philosophie handelt es sich wie auf dem Schlachtfelde darum

— innere Linien —

9[32]

wer nicht an dem scheußlichen Obskurantism der Bayreuther Antheil genommen hat

9[33]

(25)

der Mangel an Zucht: in der Zukunft braucht es viel Askese für die Stärkung des Willens, das freiwillige Sich-Versagen

9[34]

(26)

Arbeiter sollten wie Soldaten empfinden lernen. Ein Honorar, ein Gehalt, aber keine Bezahlung! Kein Verhältniß zwischen Abzahlung und Leistung! Sondern das Individuum, je nach seiner Art, so stellen, daß es das Höchste leisten kann, was in seinem Bereiche liegt.

9[35]

(27)

1. Der Nihilism ein normaler Zustand.

Nihilism: es fehlt das Ziel; es fehlt die Antwort auf das „Warum?“ was bedeutet Nihilism? — daß die obersten Werthe sich entwerthen.

Er ist zweideutig:


AErratum:A
lies:A
Nach KGW Nachberichte
)) 

Nihilism als Zeichen der gesteigerten Macht des Geistes: als activer Nihilism.

Er kann ein Zeichen von Stärke sein: die Kraft des Geistes kann so angewachsen sein, daß ihr die bisherigen Ziele („Überzeugungen“, Glaubensartikel) unangemessen sind

— ein Glaube nämlich drückt im Allgemeinen den Zwang von Existenzbedingungen aus, eine Unterwerfung unter die Autorität von Verhältnissen, unter denen ein Wesen gedeiht, wächst, Macht gewinnt

Andrerseits ein Zeichen von nicht genügender Stärke, um produktiv sich nun auch wieder ein Ziel, ein Warum? einen Glauben zu setzen.

Sein Maximum von relativer Kraft erreicht er als gewaltthätige Kraft der Zerstörung: als aktiver Nihilism. Sein Gegensatz wäre der müdeErratum:müde
lies:müde
Nach KGW Nachberichte
Nihilism, der nicht mehr angreift: seine berühmteste Form der Buddhismus: als passivischer Nihilism

Der Nihilism stellt einen pathologischen Zwischenzustand dar (pathologisch ist die ungeheure Verallgemeinerung, der Schluß auf gar keinen Sinn): sei es, daß die produktiven Kräfte noch nicht stark genug sind: sei es, daß die décadence noch zögert und ihre Hülfsmittel noch nicht erfunden hat.

BErratum:B
lies:B
Nach KGW Nachberichte
))

Nihilism als Niedergang und Rückgang der Macht des Geistes: der passive NihilismErratum:passive Nihilism:
lies:passive Nihilism
Nach KGW Nachberichte

als ein Zeichen von Schwäche: die Kraft des Geistes kann ermüdet, erschöpft sein, so daß die bisherigen Ziele und Werthe unangemessen sind und keinen Glauben mehr finden —

daß die Synthesis der Werthe und Ziele (auf der jede starke Cultur beruht) sich löst, so daß die einzelnen Werthe sich Krieg machen: ZersetzungErratum:Zersetzung
lies:Zersetzung
Nach KGW Nachberichte

daß Alles, was erquickt, heilt, beruhigt, betäubt, in den Vordergrund tritt, unter verschiedenen Verkleidungen, religiös, oder moralisch oder politisch oder ästhetisch usw.


2. Voraussetzung dieser Hypothese


Daß es keine WahrheitErratum:keine Wahrheit
lies:keine Wahrheit
Nach KGW Nachberichte
giebt; daß es keine absolute Beschaffenheit der Dinge, kein „Ding an sich“ giebt

dies ist selbst ein Nihilism, und zwar der extremste. Er legt den Werth der Dinge gerade dahinein, daß diesem Werthe keine Realität entspricht und entsprach, sondern nur ein Symptom von Kraft auf Seiten der Werth-AnsetzungErratum:Werth-Ansetzer
lies:Werth-Ansetzung
Nach KGW Nachberichte
, eine Simplification zum Zweck des Lebens

9[36]

der Wille zur Wahrheit als Wille zur Macht

9[37]

Wesen des UrtheilsErratum:Urtheils
lies:Urtheils
Nach KGW Nachberichte
(Ja-setzend).

9[38]

(28)

die Werthschätzung „ich glaube, daß das und das so ist“ als Wesen der „Wahrheit

in der WerthschätzungErratum:den Werthschätzungen
lies:der Werthschätzung
Nach KGW Nachberichte
drücken sich Erhaltungs- und Wachsthums-Bedingungen aus

alle unsere Erkenntnißorgane und -Sinne sind nur entwickelt in Hinsicht auf Erhaltungs- und Wachsthums-Bedingungen

das Vertrauen zur Vernunft und ihren Kategorien, zur Dialektik, also die Werthschätzung der Logik beweist nur die durch Erfahrung bewiesene Nützlichkeit derselben für das Leben: nicht deren „Wahrheit“.


Daß eine Menge Glauben da sein muß, daß geurtheilt werden darf, daß der Zweifel in Hinsicht auf alle wesentlichen Werthe fehlt: —

das ist Voraussetzung alles Lebendigen und seines Lebens. Also daß etwas für wahr gehalten werden muß, ist nothwendig; nicht, daß etwas wahr ist.

„die wahre und die scheinbare Welt“ — dieser Gegensatz wird von mir zurückgeführt auf Werthverhältnisse

wir haben unsere Erhaltungs-Bedingungen projicirt als Prädikate des Seins überhaupt

daß wir in unserem Glauben stabil sein müssen, um zu gedeihen, daraus haben wir gemacht, daß die „wahre“ Welt keine wandelbare und werdende, sondern eine seiende ist.

9[39]

(29)

die Werthe und deren Veränderung steht im Verhältniß zu dem Macht-Wachsthum des Werthsetzenden

das Maaß von Unglauben u<nd>Erratum:Unglauben
lies:Unglauben u<nd>
Nach KGW Nachberichte
von zugelassener „Freiheit des Geistes“ als Ausdruck des Machtwachsthums

„Nihilism“ als Ideal der höchsten Mächtigkeit des Geistes, des überreichsten Lebens; theils zerstörerisch theils ironisch

9[40]

(30)

Daß die Dinge eine Beschaffenheit an sich haben, ganz abgesehen von der Interpretation und Subjektivität, ist eine ganz müssige Hypothese: es würde voraussetzen, daß das Interpretiren und Subjektiv-sein nicht wesentlich sei, daß ein Ding aus allen Relationen gelöst noch Ding sei. Umgekehrt: der anscheinende objektive Charakter der Dinge: könnte er nicht bloß auf eine Graddifferenz innerhalb des Subjektiven hinauslaufen? — daß etwa das Langsam-Wechselnde uns als „objektiv“ dauernd, seiend, „an sich“ sich herausstellte

— daß das Objektive nur ein falscher Artbegriff und Gegensatz wäre innerhalb des Subjektiven?

9[41]

(31)

Was ist ein Glaube? Wie entsteht er? Jeder Glaube ist ein Für-wahr-halten.

Die extremste Form des Nihilism wäre: daß jeder Glaube, jedes Für-wahr-halten nothwendig falsch ist: weil es eine wahre Welt gar nicht giebt. Also: ein perspektivischer Schein, dessen Herkunft in uns liegt (insofern wir eine engere, verkürzte, vereinfachte Welt fortwährend nöthig haben)

— daß es das Maaß der Kraft ist, wie sehr wir uns die Scheinbarkeit, die Nothwendigkeit der Lüge eingestehn können, ohne zu Grunde zu gehn.

Insofern könnte Nihilism, als Leugnung einer wahrhaften WeltErratum:Welt
lies:Welt
Nach KGW Nachberichte
, eines Seins, eine göttliche Denkweise sein: — — —

9[42]

(32)

Gegen 1876 hatte ich den Schrecken, mein ganzes bisheriges Wollen compromittirt zu sehn, als ich begriff, wohin es jetzt mit Wagner hinauswollteErratum:hinauswolle
lies:hinauswollte
Nach KGW Nachberichte
: und ich war sehr fest an ihn gebunden, durch alle Bande der tiefen Einheit der Bedürfnisse, durch Dankbarkeit, durch die Ersatzlosigkeit und absolute Entbehrung, die ich vor mir sah.

Um dieselbe Zeit schien ich mir wie unauflösbar eingekerkert in meine Philologie und Lehrthätigkeit — in einen Zufall und Nothbehelf meines Lebens —: ich wußte nicht mehr, wie herauskommen und war müde, verbraucht, vernutzt.

Um dieselbe Zeit begriff ich, daß mein Instinkt auf das Gegentheil hinauswollte als der Schopenhauers: auf eine Rechtfertigung des Lebens, selbst in seinem Furchtbarsten, Zweideutigsten und Lügenhaftesten: — dafür hatte ich die Formel „dionysisch“ in den Händen.

(— daß ein „An-sich-der-Dinge“ nothwendig gut, selig, wahr, eins sein müsse, dagegen war Schopenhauers Interpretation des An-sich’s als Wille ein wesentlicher Schritt: nur verstand er nicht diesen Willen zu vergöttlichen: er blieb im moralisch christlichen Ideal hängen

Schopenhauer stand so weit noch unter der Herrschaft der christlichen Werthe, daß nun, nachdem ihm das Ding an sich nicht mehr „Gott“ war, es schlecht, dumm, absolut verwerflich sein mußte. Er begriff nicht, daß es unendliche Arten des Anders-sein-könnens, selbst des Gott-sein-könnens geben kann.

Fluch jener bornirten Zweiheit: Gut und Böse.

9[43]

(33)

Die Frage des Nihilism „wozu?“ geht von der bisherigen Gewöhnung aus, vermöge deren das Ziel von außen her gestellt, gegeben, gefordert schien — nämlich durch irgend eine übermenschliche Autorität. Nachdem man verlernt hat,Erratum:hat
lies:hat,
Nach KGW Nachberichte
an diese zu glauben, sucht man doch nach alter Gewöhnung nach einer anderenErratum:noch nach alter Gewöhnung eine andere
lies:nach alter Gewöhnung nach einer anderen
Nach KGW Nachberichte
Autorität, welche unbedingt zu reden wüßte, Ziele und Aufgaben befehlen könnte. Die Autorität des Gewissens tritt jetzt in erste Linie (je mehr emancipirt von der Theologie, um so imperativischer wird die Moral); als Schadenersatz für eine persönliche Autorität. Oder die Autorität der Vernunft. Oder der sociale Instinkt (die Heerde) Oder die Historie mit einem immanenten Geiste, welche ihr Ziel in sich hat und der man sich überlassen kann. Man möchte herumkommen um den Willen, um das Wollen eines Zieles, um das Risico, sich selbst ein Ziel zu geben; man möchte die Verantwortung abwälzen (— man würde den Fatalism acceptiren) Endlich: Glück, und, mit einiger Tartüfferie, das Glück der Meisten

individuelle Ziele und deren Widerstreit

collektive Ziele im Kampf mit individuellen

Jedermann wird Partei dabei, auch die Philosophen.

Man sagt sich 

1) 

ein bestimmtes Ziel ist gar nicht nöthig

2)

ist gar nicht möglich vorherzusehen

Gerade jetzt, wo der Wille in der höchsten Kraft nöthig wäre, ist er am schwächsten und kleinmüthigsten.

Absolutes Mißtrauen gegen die organisatorische Kraft des Willens fürs Ganze.


Zeit, wo alle „intuitiven Wertschätzungen“ der Reihe nach in den Vordergrund treten, als ob man von ihnen die Direktiven bekommen könne, die man sonst nicht mehr hat.

— 

„wozu?“ die Antwort wird verlangt vom

1) 

Gewissen

2) 

Trieb zum Glück

3) 

„socialen Instinkt“ (Heerde)

4) 

Vernunft („Geist“)

— nur um nicht wollen zu müssen, sich selbst das „Wozu“ setzen zu müssen.

5) 

endlich: Fatalismus, „es giebt keine Antwort“ aber „es geht irgend wohin“, „es ist unmöglich,Erratum:unmöglich
lies:unmöglich,
Nach KGW Nachberichte
ein wozu? zu wollen“, mit Ergebung… oder RevolteAgnosticismusErratum:Agnosticismus
lies:Agnosticismus
Nach KGW Nachberichte
in Hinsicht auf das Ziel

6) 

endlich Verneinung als Wozu des Lebens; Leben als etwas, das sich als unwerth begreift und endlich aufhebt.

9[44]

(Zur dritten Abhandlung)

(34)

Hauptgesichtspunkt: daß man nicht die Aufgabe der höheren species in der Leitung der niederen sieht (wie es z.B. Comte macht —) sondern die niedere als Basis, auf der eine höhere species ihrer eigenen Aufgabe lebt, — auf der sie erst stehen kann.

die Bedingungen, unter denen <die>Erratum:die
lies:<die>
Nach KGW Nachberichte
starke und vornehme species sich erhält (in Hinsicht auf geistige Zucht), sind umgekehrt als die unter denen die „industriellen Massen“, dieErratum:Massen“ der
lies:Massen“, die
Nach KGW Nachberichte
Krämer à la Spencer stehn.

Das, was nur den stärksten und fruchtbarsten Naturen freisteht, zur Ermöglichung ihrer Existenz, — Muße, Abenteuer, Unglaube, Ausschweifung selbst — das würde —Erratum:würde,
lies:würde —
Nach KGW Nachberichte
wenn es den mittlerenErratum:mittleren
lies:mittleren
Nach KGW Nachberichte
Naturen freistünde, diese nothwendig zu Grunde richten — und thut es auch. Hier ist die Arbeitsamkeit, die Regel, die Mäßigkeit, die feste „Überzeugung“ am Platz, — kurz die Heerdentugenden: unter ihrErratum:ihnen
lies:ihr
Nach KGW Nachberichte
wird diese mittlere Art Mensch vollkommen.

Ursachen desErratum:des
lies:des
Nach KGW Nachberichte
Nihilism:

1) es fehlt die höhere Species d.h. die, deren unerschöpfliche Fruchtbarkeit und Macht den Glauben an den Menschen aufrecht erhält. (Man denke, was man Napoleon verdankt: fast alle höheren Hoffnungen dieses Jahrhunderts)

2) die niedere species „Heerde“ „Masse“ „Gesellschaft“ verlernt die Bescheidenheit und bauscht ihre Bedürfnisse zu kosmischen und metaphysischen Werthen auf. Dadurch wird das ganze Dasein vulgarisirt: insofern nämlich die Masse herrscht, tyrannisirt sie die Ausnahmen, so daß diese den Glauben an sich verlieren und Nihilisten werden

Alle Versuche, höhere Typen auszudenken, manquirt („Romantik“, der Künstler, der Philosoph, gegen Carlyles Versuch, ihnen die höchsten Moralwerthe zuzulegen).

Widerstand gegen höheren Typus als Resultat.

Niedergang und Unsicherheit aller höheren Typen; der Kampf gegen das Genie („Volkspoesie“ usw.) Mitleiden mit den Niederen und Leidenden als Maaßstab für die Höhe der Seele

es fehlt der Philosoph, der Ausdeuter der That, nicht nur der Umdichter

9[45]

(35)

Im Allgemeinen ist jedes Ding so viel werth, als man dafür bezahlt hat. Dies gilt freilich nicht, wenn man das Individuum isolirt nimmt; die großen Fähigkeiten des Einzelnen stehn außer allem Verhältniß zu dem, was er selbst dafür gethan, geopfert, gelitten hat. Aber sieht man seine Geschlechts-Vorgeschichte an, so entdeckt man darinErratum:da
lies:darin
Nach KGW Nachberichte
die Geschichte einer ungeheuren Aufsparung und Capital-Sammlung von Kraft, durch alle Art Verzichtleisten, Ringen, Arbeiten, Sich-Durchsetzen. Weil der große Mensch so viel gekostet hat und nicht, weil er wie ein Wunder als Gabe des Himmels und „Zufalls“ dasteht, wurde er groß. „Vererbung“ ein falscher Begriff. Für das, was Einer ist, haben seine Vorfahren die Kosten bezahlt.

9[46]

(36)

Der Wille zur Wahrheit

1) 

als Eroberung und Kampf mit der Natur

Descartes’ Urtheil der Gelehrten

2) 

als Widerstand gegen regierende Autoritäten

3) 

als Kritik des uns Schädlichen

9[47]

Geschichte der wissenschaftlichen Methode, von A. Comte beinahe als Philosophie selber verstanden

9[48]

(37)

das Feststellen zwischen „wahr“ und „unwahr“, das Feststellen überhaupt von Thatbeständen ist grundverschieden von dem schöpferischen Setzen, vom Bilden, Gestalten, Überwältigen, Wollen, wie es im Wesen der Philosophie liegt. Einen Sinn hineinlegen — diese Aufgabe bleibt unbedingt immer noch übrig, gesetzt daß kein Sinn darinliegt. So steht es mit Tönen, aber auch mit Volks-Schicksalen: sie sind der verschiedensten Ausdeutung und Richtung zu verschiedenen Zielen fähig. Die noch höhere Stufe ist ein Zielsetzen und darauf hin das Thatsächliche einformen, also die Ausdeutung der That und nicht bloß die begriffliche Umdichtung.

9[49]

(38)

Man ist vielmehr das Kind seiner vier GroßelternErratum:Grosseltern
lies:Großeltern
Nach KGW Nachberichte
als seiner zwei Eltern: das liegt daran, daß in der Zeit, wo wir gezeugt wurden, die Eltern meistens sich selbst noch nicht festgestellt hatten; die Keime des großväterlichen Typus werden in uns reif; in unsren Kindern die Keime unsrer Eltern.

9[50]

(39)

Nichts ist weniger unschuldig als das neue Testament. Man weiß, auf welchem Boden es gewachsen ist. Dies Volk, mit einem unerbittlichen Willen zu sich selbst, das sich, nachdem es jeden natürlichen Halt verloren und sein Recht auf Dasein längst eingebüßt hatte, dennoch durchzusetzen wußte und dazu nöthig hatte, sich ganz und gar auf unnatürliche, rein imaginäre Voraussetzungen (als auserwähltes Volk, als Gemeinde der Heiligen, als Volk der Verheißung, als „Kirche“) aufzubauen: dies Volk handhabt die pia fraus mit einer Vollendung, mit einem Grad „guten Gewissens“ <daß> man nicht vorsichtig genug sein kann, wenn es Moral predigt. Wenn Juden als die Unschuld selber auftreten, da ist die Gefahr groß geworden: man soll seinen kleinen fond Verstand, von Mißtrauen, von Bosheit immer in der Hand haben, wenn man das neue Testament liest.

Leute niedrigster Herkunft, zum Theil Gesindel, die Ausgestoßenen nicht nur der guten, sondern auch der achtbaren Gesellschaft, abseits selbst vom Geruche der Cultur aufgewachsen, ohne Zucht, ohne Wissen, ohne jede Ahnung davon, daß esErratum:<es>
lies:es
Nach KGW Nachberichte
in geistigen Dingen Gewissen geben könnte (das Wort „Geist“ immer nur als Mißverständniß da: was alle Welt „Geist“ nennt,Erratum:nennt
lies:nennt,
Nach KGW Nachberichte
ist diesem Volke immer noch „Fleisch“) ebenErratum:aber
lies:eben
Nach KGW Nachberichte
— Juden: instinktiv klug, aus allen abergläubischen Voraussetzungen, mit der Unwissenheit selbst einen Vorzug, eine Verführung zu schaffen

9[51]

(40)

In wie fern der Wille zur Macht als das Allein- und Absolut-Unmoralische übrig bleibt: s. St<uart> Mill (über Comte)

„wir halten das Leben für nicht so reich an Genüssen, als daß es der Pflege aller derer sollte entbehren können, die sich auf die egoistischen Neigungen beziehn. Im Gegentheil, wir glauben, daß eine genügende Befriedigung dieser letzteren, nicht im Übermaaß, wohl aber bis zu jenem Maaße, das den Genuß am vollsten gewährt, fast immer auf die wohlwollenden Triebe günstig einwirkt. Die Versittlichung der persönlichen Genüsse besteht für uns nicht darin, daß man sie auf das möglichst kleine Maaß beschränkt, sondern in der Ausbildung des Wunsches, sie mit Anderen und mit allen Anderen zu theilen und darin, daß man jeden Genuß verschmäht, der sich nicht in dieser Weise theilen läßt. Es giebt nur EineErratum:eine
lies:Eine
Nach KGW Nachberichte
Neigung, oder Leidenschaft, die mit dieser Bedingung dauernd unverträglich ist, nämlich die Sucht zu herrschen — ein Streben, das die entsprechende Erniedrigung Anderer in sich schließt und zur Voraussetzung hat.“

9[52]

(41)

Der Muthigste unter uns hat nicht Muth genug zu dem, was er eigentlich weiß… Darüber, wo Einer stehen bleibt oder noch nicht, wo Einer urtheilt „hier ist die Wahrheit“, entscheidet Grad und Stärke seiner Tapferkeit; mehr jedenfalls als irgend welche Feinheit oder Stumpfheit von Auge und Geist.

9[53]

(42)

die Juden haben in der Sphäre der Kunst das Genie gestreift, mit H. Heine und Offenbach, diesem geistreichsten und übermüthigsten Satyr, der als Musiker zur großen Tradition hält und für den, der nicht bloß Ohren hat, eine rechte Erlösung von derErratum:den
lies:der
Nach KGW Nachberichte
gefühlsamen und im Grunde entarteten MusikErratum:Musikern
lies:Musik
Nach KGW Nachberichte
der deutschen Romantik ist

9[54]

— ein Weib, das an dem, was es liebt, leiden will…

9[55]

(43)

Den Werth eines Menschen darnach abschätzen, was er den Menschen nützt oder kostet oder schadet: das bedeutet ebensoviel und ebensowenig als ein Kunstwerk abschätzen je nach den Wirkungen, die es thut. Aber ein Kunstwerk will mit Kunstwerken verglichen sein; und damit ist der Werth des Menschen im Vergleich mit anderen Menschen gar nicht berührt.

Die „moralische Werthschätzung“, so weit sie eine sociale ist, mißt durchaus den Menschen nach seinen Wirkungen.

Ein Mensch mit seinem eignen Geschmack auf der Zunge, umschlossen und versteckt durch seine Einsamkeit, unmittheilbar, unmittheilsam — ein unausgerechneter Mensch, also ein Mensch einer höheren, jedenfalls anderen Species: wie wollt ihr den abwerthen können, da ihr ihn nicht kennen könnt, nicht vergleichen könnt?

Ich finde den typischen Stumpfsinn in Hinsicht auf diesen Werth bei jenem typischen Flachkopf, dem Engländer J. St. MillErratum:Mill
lies:Mill
Nach KGW Nachberichte
: er sagt z.B. von A. Comte „er betrachtete in seinen früheren Tagen Napoleons Namen und Andenken mit einem Ingrimm, der ihm die höchste Ehre macht; später freilich erklärte er Napoleon für einen schätzenswertheren Diktator als Louis Philipp; — etwas, das die Tiefe ermessen läßt, zu der sein sittlicher Maaßstab heruntergesunken war“.

Die moral<ische> Abwerthung hat die größte Urtheils-Stumpfheit im Gefolge gehabt: der Werth eines Menschen an sich ist unterschätztErratum:unterschätzt
lies:unterschätzt
Nach KGW Nachberichte
, fast übersehn, fast geleugnet.

Rest der naiven Teleologie: der Werth des M<enschen> nur in Hinsicht auf die MenschenErratum:des Menschen nur in Hinsicht auf die Menschen
lies:des M<enschen> nur in Hinsicht auf die Menschen
Nach KGW Nachberichte

9[56]

Historiker und andere Todtengräber, solche, die zwischen Särgen und Sägespänen leben —

9[57]

(44)

Philosophie als die Kunst, die Wahrheit zu entdecken: so nach Aristoteles. Dagegen die Epicureer, die sich die sensualistische Theorie der Erkenntniß des Aristoteles zu Nutze machten: gegen das Suchen der Wahrheit ganz ironisch und ablehnend; „Philosophie als eine Kunst des Lebens“.

9[58]

die drei großen Naivetäten:

Erkenntniß 

als Mittel zum Glück (als ob…

als Mittel zur Tugend (als ob…

als Mittel zur „Verneinung des Lebens“, — insofern sie ein Mittel zur Enttäuschung ist — (als ob…)

9[59]

(45)

— so stehen sie da, die Werthe aus Urzeiten: wer könnte sie umwerfen, diese schweren granitenen Katzen?

— deren Sinn ein Widersinn, deren Witz ein Doch- und Aber-Witz ist

— ungeduldige und feurige Geister, die wir nur an Wahrheiten glauben, die man erräth: alles Beweisen-wollen macht uns widerspänstig, — wir flüchten beim Anblick des Gelehrten und seines Schleichens von Schluß zu Schluß.

— Hartnäckige Geister, fein und kleinlich

— was um euch wohnt, das wohnt sich bald auch ein.

— ausgedorrte sandige Seelen, trockne Flußbetten

— langen Willens, tief in seinem Mißtrauen und vom MoosErratum:Moor
lies:Moos
Nach KGW Nachberichte
der Einsamkeit überwachsen

— Heimlich verbrannt, nicht für seinen Glauben, sondern dafür, daß er zu keinem Glauben mehr den Muth hat

— vor kleinen runden Thatsachen auf dem Bauche liegen

— was man nicht machen wollte als es Zeit dazu war, muß man schon nachher wollen; man hat „gut zu machen“, was man nicht gut gethan hat.

9[60]

(46)

Ungeheure Selbstbesinnung: nicht als Individuum, sondern als Menschheit sich bewußt werden. Besinnen wir uns, denken wir zurück: gehen wir die kleinen und großen Wege


A. Der Mensch sucht „die Wahrheit“: eine Welt, die nicht sich widerspricht, nicht täuscht, nicht wechselt, eine wahre Welt — eine Welt, in der man nicht leidet.Erratum:leidet:
lies:leidet.
Nach KGW Nachberichte
Widerspruch, Täuschung, Wechsel — Ursachen des Leidens! Er zweifelt nicht, daß esErratum:<es>
lies:es
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eine Welt, wie sie sein soll, giebt; er möchte zu ihr sich den Weg suchen. (Indische Kritik: selbst das „Ich“ als scheinbar, als nicht-real)

Woher nimmt hier der Mensch den Begriff der Realität? —

Warum leitet er gerade das Leiden von Wechsel, Täuschung, Widerspruch ab? und warum nicht vielmehr sein Glück?… —

Die Verachtung, der Haß gegen Alles, was vergeht, wechselt, wandelt: — woher diese Werthung des Bleibenden?

Ersichtlich ist hier der Wille zur Wahrheit bloß das Verlangen in eine Welt des Bleibenden.

Die Sinne täuschen, die Vernunft corrigirt die Irrthümer: folglich, schloß man, ist die Vernunft der Weg zu dem Bleibenden; die unsinnlichsten Ideen müssen der „wahren Welt“ am nächsten sein. — Von den Sinnen her kommen die meisten Unglücksschläge — sie sind Betrüger, Bethörer, Vernichter:

Das Glück kann nur im Seienden verbürgt sein: Wechsel und Glück schließen sich aus. Der höchste Wunsch hat demnach die Einswerdung mit dem Seienden im Auge. Das ist die Formel fürErratum:der sonderbare
lies:die Formel für
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Weg zum höchsten Glück.

In summa: DieErratum:die
lies:Die
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Welt, wie sie sein sollte, existirt; diese Welt, in der wir leben, ist einErratum:nur
lies:ein
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Irrthum, — diese unsere Welt sollte nicht existiren.

Der Glaube an das Seiende erweist sich nur <als> eine Folge: das eigentliche primum mobile ist der Unglaube an das Werdende, das Mißtrauen gegen das Werdende, die Geringschätzung alles Werdens.Erratum:Werdens…
lies:Werdens.
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Was für eine Art Menschen reflektirt soErratum:so
lies:so
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? Eine unproduktive leidende Art; eine lebensmüde Art. Dächten wir uns die entgegengesetzte Art Mensch, so hätte sie den Glauben an das Seiende nicht nöthig: mehr noch, sie würde es verachten, als todt, langweilig, indifferent…

Der Glaube, daß die Welt, die sein sollte, ist, wirklich existirt, ist ein Glaube der Unproduktiven, die nicht eine Welt schaffen wollen, wie sie sein soll. Sie setzen sie als vorhanden, sie suchen nach Mitteln und Wegen, um zu ihr zu gelangen. „WilleErratum:— „Wille
lies:„Wille
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zur Wahrheit“ — als Ohnmacht des Willens zum Schaffen

erkennen, daß etwas so und so ist

thun, daß etwas so und so wird.

Antagonism in den Kraft-Graden der Naturen.

Fiktion einer Welt, welche unseren Wünschen entspricht, psychologische Kunstgriffe und Interpretationen, um alles, was wir ehren und als angenehm empfinden, mit dieser wahren Welt zu verknüpfen.

„Wille zur Wahrheit“ auf dieser Stufe ist wesentlich Kunst der Interpretation; wozu immer noch Kraft der Interpretation gehört.

Dieselbe Species Mensch, noch eine Stufe ärmer geworden, nicht mehr im Besitz der Kraft zu interpretiren, des Schaffens von Fiktionen, macht den Nihilisten. Ein Nihilist ist der Mensch, welcher von der Welt, wie sie ist, urtheilt, sie sollte nicht sein und von der Welt, wie sie sein sollte, urtheilt, sie existirt nicht. Demnach hat dasein (handeln, leiden, wollen, fühlen) keinen Sinn: das Pathos des „Umsonst“ ist das Nihilisten-Pathos — zugleich noch als Pathos eine Inconsequenz des Nihilisten

Wer seinen Willen nicht in die Dinge zu legen vermag, der Willens- und Kraftlose, der legt wenigstens noch einen Sinn hinein: d.h. den Glauben, daß schon ein Wille darinErratum:da
lies:darin
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sei, der in den Dingen wirken u<nd>Erratum:will oder
lies:wirken u<nd>
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wollen soll.

Es ist ein Gradmesser von Willenskraft, wie weit man des Sinnes in den Dingen entbehren kann, wie weit man in einer sinnlosen Welt zu leben aushält: weil man ein kleines Stück von ihr selbst organisirt.

Das philosophische Objektiv-Blicken kann somit ein Zeichen von Willens- und Kraft-Armuth sein. Denn die Kraft organisirt das Nähere und Nächste; die „Erkennenden“, welche nur feststellenErratum:fest-stellen
lies:feststellen
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wollen, was ist, sind solche, die nichts festsetzen können, wie es sein soll.

Die Künstler eine Zwischenart: sie setzen wenigstens ein Gleichniß von dem fest, was sein soll — sie sind produktiv, insofern sie wirklich verändern und umformen; nicht, wie die Erkennenden, welche Alles lassen, wie es ist.

Zusammenhang der Philosophen mit den pessimistischen Religionen: dieselbe Species Mensch (— sie legen den höchsten Grad von Realität den höchstgewertheten Dingen bei.

Zusammenhang der Philosophen mit den moralischen Menschen und deren Werthmaaßen. (Die moralische Weltauslegung als Sinn=Erratum:Sinn:
lies:Sinn=
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nach Niedergang des religiösen Sinnes —

Überwindung der Philosophen, durch Vernichtung der Welt des Seienden: Zwischenperiode des Nihilismus: bevor die Kraft da ist, die Werthe umzuwenden und das Werdende die scheinbare Welt als die Einzige zu vergöttlichen u<nd>Erratum:vergöttlichen,
lies:vergöttlichen u<nd>
Nach KGW Nachberichte
gutzuheißen.


B. Der Nihilism als normales Phänomen kann ein Symptom wachsender Stärke sein oder wachsender Schwäche.Erratum:Schwäche
lies:Schwäche.
Nach KGW Nachberichte

theils 

daß die Kraft zu schaffen, zu wollen so gewachsen ist, daß sie diese Gesammt-AusdeutungenErratum:Gesamt-Ausdeutungen
lies:Gesammt-Ausdeutungen
Nach KGW Nachberichte
und Sinn-Einlegungen nicht mehr braucht („nähere Aufgaben“, Staat usw.)

theils, 

daß selbst die schöpferische Kraft, Sinn zu schaffen, nachläßt, und die Enttäuschung der herrschende Zustand <wird>. Die Unfähigkeit zum Glauben an einen „Sinn“, der „Unglaube“

Was die Wissenschaft in Hinsicht auf beide Möglichkeiten bedeutet?

1) 

Als Zeichen von Stärke und Selbstbeherrschung, als Entbehrenkönnen von heilenden tröstlichen Illusions-Welten

2) 

als untergrabend, secirend, enttäuschend, schwächend


C. der Glaube an die Wahrheit, das Bedürfniß, einen Halt zu haben an etwas Wahrgeglaubtem: psychologische Reduktion abseits von allen bisherigen Werthgefühlen. Die Furcht, die Faulheit

— insgleichen der Unglaube: Reduktion. In wiefern er einen neuenErratum:neueren
lies:neuen
Nach KGW Nachberichte
Werth bekommt, wenn es eine wahre Welt gar nicht giebt (dadurch werden die Werthgefühle wieder frei, die bisher auf die seiende Welt verschwendet worden sind)

9[61]

die großen Methodologen: Aristoteles, Bacon, Descartes, A. Comte

9[62]

<(47)>

In wiefern die einzelnen erkenntnißtheoretischen Grundstellungen (Materialismus, Sensualismus, Idealismus) Consequenzen der Werthschätzungen sind: die Quelle der obersten Lustgefühle („Werthgefühle“) auch als entscheidend über das Problem der Realität.

— das Maaß positiven Wissens ist ganz gleichgültig, oder nebensächlich: man sehe doch die indische Entwicklung.

Die buddhistische Negation der Realität überhaupt (Scheinbarkeit = Leiden) ist eine vollkommene Consequenz: Unbeweisbarkeit, Unzugänglichkeit, Mangel an Kategorien nicht nur für eine „Welt an sich“, sondern Einsicht in die fehlerhaften Prozeduren, vermöge deren dieser ganze Begriff gewonnen ist. „Absolute Realität“, „Sein an sich“ ein Widerspruch. In einer werdenden Welt ist „Realität“ immer nur eine Simplifikation zu praktischen Zwecken oder eine Täuschung auf Grund grober Organe, oder eine Verschiedenheit im tempo des Werdens.

Die logische Weltverneinung und Nihilisirung folgt daraus, daß wir Sein dem Nichtsein entgegensetzen müssen, und daß der Begriff „Werden“ geleugnet wird („etwas wird“) wenn das Sein — — —

9[63]

Sein und Werden

„Vernunft“ entwickelt auf sensualistischer Grundlage, auf den Vorurtheilen der Sinne, d.h. im Glauben an die Wahrheit der Sinnes-Urtheile.

„Sein“ als Verallgemeinerung des Begriffs „Leben“ (athmen) „beseelt sein“ „wollen, wirken“ „werden“

Gegensatz ist: „unbeseelt sein“, „nicht-werdend“; „nicht-wollend“. Also: es wird dem „Seienden“ nicht das Nicht-seiende, nicht das Scheinbare, auch nicht das Todte entgegengesetzt (denn todtsein kann nur etwas, das auch leben kann)

Die „Seele“, das „Ich“ als Urthatsache gesetzt; und überall hineingelegt, wo es ein Werden giebt.

9[64]

(48)

die Colportage-Philosophen, welche nicht aus ihrem Leben, sondern aus Sammlungen von Beweisstücken für gewisse Thesen eine Philosophie aufbauen

Nie sehen wollen, um zu sehen! Als Psychologe muß man leben und warten — bis von selber das durchgesiebte Ergebniß vieler Erlebnisse seinen Schluß gemacht hat. Man darf niemals wissen, woher man etwas weiß

Sonst giebt es eine schlechte Optik und Künstlichkeit.

— Das unfreiwillige Vergessen des Einzel-Falls ist philosophisch, nicht das Vergessenwollen, das absichtliche Abstrahiren: letzteres kennzeichnet vielmehr die nicht-philosophische Natur.

9[65]

das was ich an W<agner schätzte> war das gute Stück Antichrist, das er mit seiner Kunst und Art vertrat (oh so klug! —

ich bin der Enttäuschteste aller Wagnerianer; denn in dem Augenblick, wo es anständiger als je war, Heide zu sein, wurde er Christ… Wir Deutschen, gesetzt daß wir esErratum:uns
lies:es
Nach KGW Nachberichte
je in ernsten Dingen ernst genommen haben, sind ja deutsche Atheisten und Spötter allesamt: W<agner> war es auch.

9[66]

(49)

Werthe umwerthen — was wäre das? Es müssen die spontanen Bewegungen alle da sein, die neuen zukünftigen, stärkeren: nur stehen sie noch unter falschen Namen und Schätzungen und sind sich selbst noch nicht bewußt geworden

ein muthiges Bewußtwerden und Ja-sagen zu dem, was erreicht ist

ein Losmachen von dem Schlendrian alter Werthschätzungen, die uns entwürdigen im Besten und Stärksten, was wir erreicht haben.

9[67]

(50)

Die unfreiwillige Naivetät des Larochefoucauld, welcher glaubt, etwas KühnesErratum:Böses
lies:Kühnes
Nach KGW Nachberichte
, Feines und Paradoxes zu sagen — damals war die „Wahrheit“ in psychologischen Dingen etwas, das erstaunen machte — Beispiel: „les grandes âmes ne sont pas celles, qui ont moins de passions et plus de vertus que les âmes communes, mais seulement celles, qui ont de plus grands desseins.“ Freilich: J. Stuart Mill (der Chamfort den edleren und philosophischeren Larochefoucauld des 18. Jahrhunderts nennt —) sieht in ihm nur den scharfsinnigsten Beobachter alles dessen in der menschlichen Brust, was auf „gewohnheitsmäßige Selbstsucht“ zurückgeht und fügt hinzu: „ein edler Geist wird es nicht über sich gewinnen, sich die Nothwendigkeit einer dauernden Betrachtung von Gemeinheit und Niedrigkeit aufzulegen, es wäre denn um zu zeigen, gegen welche verderblichen Einflüsse sich hoher Sinn und Adel des Charakters siegreich zu behaupten vermag.“

9[68]

Der complicirte Charakter Henri IV: königlich und ernst und wieder mit der Laune eines Buffo, undankbar und treu, großherzig und listig, voll von Geist, Heroism und Absurdität.

„bei den Schriften Friedrich des GroßenErratum:Grossen
lies:Großen
Nach KGW Nachberichte
findet man Flecken von Bier und Tabak auf Seiten eines Mark-Aurel“

Der Admiral de Coligny und der großeErratum:grosse
lies:große
Nach KGW Nachberichte
Condé sind Montmorency durch ihre Mütter. Die männlichen Montmorency sind tüchtige und energische Soldaten, aber keine Genies.

Ebenso leben die großenErratum:grossen
lies:großen
Nach KGW Nachberichte
Feldherrn Moritz und Heinrich von Nassau wieder in Turenne auf, ihrem Neffen, dem Sohn ihrer Schwester Elisabeth

Die Mutter des grossen Condé, Charlotte de Montmorency, in die Henri IV so gründlich verliebt war: er sagte von ihr, sie <sei> einzig, nicht nur in ihrer Schönheit, sondern auch in ihrem Muthe.

Der alte Marquis de Mirabeau sich beklagend, als er sah, wie sein Sohn sich „vers la canaille plumière, écrivassière“ neigte

„un certain génie fier, exubérant,“ — Mirabeau von seiner Familie.

Napoléon: „j’ai des nerfs fort intraitables; si mon coeur ne battait avec une continuelle lenteur, je courrais risque de devenir fou.“

Descartes hat die Entdeckungen eines Gelehrten mit einer Folge von Schlachten verglichen, die man gegen die Natur liefert.

Voltaire erzählt, daß er den Catilina vollständig in 8 Tagen gemacht habe „Ce tour de force me surprend et m’épouvante encore.“

9[69]

„Le génie n’est qu’une longue patience.“ Buffon. Das gilt am Meisten, wenn man an die Vorgeschichte des Genies denkt, an die Familien-Geduld, mit der ein Capital von Kraft gehäuft und zusammengehalten wurde —

9[70]

Beethoven componirte gehend. Alle genialen Augenblicke sind von einem Überschuß an Muskelkraft begleitet

Das heißt in jedem Sinne der Vernunft folgen. Ford<ert> erst jede geniale Erregung eine Menge Muskel-Energie, — sie erhöht das KraftgefühlErratum:Kraft-Gefühl
lies:Kraftgefühl
Nach KGW Nachberichte
überall. Umgekehrt steigert ein starker Marsch die geistige ErregungErratum:Energie
lies:Erregung
Nach KGW Nachberichte
, bis zum Rausch

9[71]

(51)

NB. Was nützlich heißt;Erratum:heißt
lies:heißt;
Nach KGW Nachberichte
ist ganz und gar abhängig von der Absicht, dem Wozu?; die Absicht wieder ist ganz und gar abhängig vom GradErratum:Grade
lies:Grad
Nach KGW Nachberichte
der Macht: deshalb kann Utilitarism keine Grundlage sondern nur eine Folgen-Lehre <sein> und <ist> absolut zu keiner Verbindlichkeit für Alle zu bringen.

9[72]

(52)

Erkenntniß als Mittel zur Macht, zur „Gottgleichheit“

Die altbiblische Legende glaubt daran, daß der Mensch im Besitz der Erkenntniß ist; daß die Vertreibung aus dem Paradies nur insofern die Folge davon ist, daß Gott nunmehr Furcht vor dem Menschen hat und ihn jetzt von der Stelle forttreibt, wo der Baum des Lebens, die UnsterblichkeitErratum:der Unsterblichkeit
lies:die Unsterblichkeit
Nach KGW Nachberichte
steht; wenn er jetzt auch vom Baum des Lebens äße, so wäre es um seine Macht gethan: AbgesehenErratum:abgesehen
lies:Abgesehen
Nach KGW Nachberichte
davon, ist die ganze Cultur eine wachsende Furchtbarkeit des Menschen, im Thurm von Babel, mit seinem „himmelstürmenden“ ZweckeErratum:Zweck
lies:Zwecke
Nach KGW Nachberichte
, symbolisirt. Gott trennt die Menschen: er zersplittert sie; die SprachenvielheitErratum:Sprachvielheit
lies:Sprachenvielheit
Nach KGW Nachberichte
ist eine Nothmaßregel Gottes, er wird mit den einzelnen Völkern besser fertig, insofern sie jetzt unter einander selber sich Krieg machen und zerstören.

Im Anfange des Alten Testaments steht die berühmte Geschichte von der Angst Gottes. Der Mensch ist dargestellt als Fehlgriff Gottes;Erratum:Gottes,
lies:Gottes;
Nach KGW Nachberichte
das Thier ebenso; der Mensch, der erkennt als Rivale Gottes;Erratum:Gottes,
lies:Gottes;
Nach KGW Nachberichte
alsErratum:als die
lies:als
Nach KGW Nachberichte
höchste Gottes; Arbeit, Noth, Tod als Nothwehr Gottes, um seinen Rivalen niederzuhalten:

Die Angst Gottes. Erratum:Die Angst Gottes:
lies:Die Angst Gottes.
Nach KGW Nachberichte
 

der Mensch als ein Fehlgriff Gottes;

das Thier ebenso

Moral:

Gott verbietet die Erkenntniß, weil sie zur Macht, zur Gottgleichheit führt. Er würde an sich dem Menschen die Unsterblichkeit gönnen, vorausgesetzt, daß derselbe immer unsterblich dumm bleibt

Er schafft ihm Thiere, dann das Weib, damit er Gesellschaft hat, — damit er Unterhaltung hat (damit er nicht auf schlechte Gedanken kommt, aufs Denken,Erratum:auf’s Denken
lies:aufs Denken,
Nach KGW Nachberichte
auf’s Erkennen

Aber der Dämon (Schlange) verräth dem Menschen, was es mit der Erkenntniß auf sich hat.

Die Gefahr Gottes ist ungeheuer: jetzt muß er die Menschen forttreiben vom Baum des Lebens und sie durch Noth, Tod und Arbeit niederhalten. Das wirkliche Leben ist dargestellt als eine Nothwehr Gottes, als ein unnatürlicher Zustand… Die Cultur d.h. das Werk der Erkenntniß strebt trotzdem nach Gottgleichheit: sie thürmt sich himmelstürmend auf. Jetzt wird der Krieg für nöthig befunden (Sprache als Ursache des „Volks“) die Menschen sollen sich selber zerstören. Endlich wird der Untergang beschlossen. —


An einen solchen Gott hat man geglaubt!…

9[73]

(53)

Das Bedürfniß nach einer metaphysischen Welt ist die Folge davon, daß man keinen Sinn, kein Wozu? aus der vorhandenen Welt zu entnehmen wußte. „Folglich, schloß man, kann diese Welt nur scheinbar sein.“

Verhältniß der „Scheinbarkeit“ zur „Sinnlosigkeit“, „Zwecklosigkeit“: psychologisch auszulegen: was bedeutet das?

Unwirklichkeit, Traum usw.

(wodurch unterscheidet sich das Wirkliche vom TraumeErratum:Traum
lies:Traume
Nach KGW Nachberichte
? durch den Sinnzusammenhang, durch das Nicht-Zufällige -Beliebige, Causale. Aber bei jedem Blick im Großen aufs Ganze des Daseins schien es sinnlos, beliebig, zwecklos, die vorhandenen Zwecke nur tromperies usw.)

die mechanistische Causalität als solche wäre noch einer vollkommenen Ausdeutung auf Scheinbarkeit fähig;Erratum:fähig:
lies:fähig;
Nach KGW Nachberichte
ja sie fordert dieselbe heraus.

9[74]

Periode der Aufklärung

darauf Periode der Empfindsamkeit

in wiefern Schopenhauer zur „Empfindsamkeit“ gehört

(Hegel zur Geistigkeit)

9[75]

(54)

Eine Periode, wo die alte Maskerade und Moral-Aufputzung der Affekte Widerwillen macht: die nackte Natur, wo die Macht-Quantitäten als entscheidend einfach zugestanden werden (als rangbestimmend), wo der große Stil wieder auftritt, als Folge der großen Leidenschaft.

9[76]

(55)

Die Posthumen (— Schwierigkeit ihres Verständnisses; in einem gewissen Sinn nie verstanden)

Epikur?

Schopenhauer

Stendhal

Napoleon

Goethe?

Shakespeare?

Beethoven?

Macchiavell?Erratum:Macchiavell:
lies:Macchiavell?
Nach KGW Nachberichte

Die posthumen Menschen werden schlechter verstanden, aber besser gehört als die zeitgemäßen. Oder, strenger: sie werden niemals verstanden: und <daher> ihre Autorität. (comprendre —Erratum:comprendre
lies:comprendre —
Nach KGW Nachberichte
c’est égaler)

9[77]

(56)

Jede Lehre ist überflüssig, für die nicht Alles schon bereit liegt an aufgehäuften Kräften, an Explosiv-Stoffen. Eine Umwerthung von Werthen wird nur erreicht, wenn eine Spannung von neuen Bedürfnissen, von Neu-Bedürftigen da ist, welche an der alten Werthung leiden, ohne zum Bewußtsein zu kommen, — — —

9[78]

(57)

Wer weiß, wie aller Ruhm entsteht, wird einen Argwohn auch gegen den Ruhm haben, den die Tugend genießt.

9[79]

(58)

Was ist das Loben? —

Lob und Dankbarkeit bei Ernte, gutem Wetter, Sieg, Hochzeit, Frieden — die Feste brauchen alle ein Subjekt, gegen welches hin sich das Gefühl entladet. Man will, daß Alles, was einem Gutes geschieht, einem angethan ist, man will den ThäterErratum:Thäter
lies:Thäter
Nach KGW Nachberichte
. Ebenso vor einem Kunstwerk: man begnügt sich nicht an ihm; man lobt den Thäter. — Was ist also loben? Eine Art Ausgleichung in Bezug auf empfangene Wohlthaten, ein Zurückgeben, ein Bezeugen unserer Macht — denn der Lobende bejaht, urtheilt, schätzt ab, richtet: er gesteht sich das Recht zu, bejahen zu können, Ehre austheilen zu können… Das erhöhte Glück<s>- und Lebensgefühl ist auch ein erhöhtes Machtgefühl: aus dem heraus lobt der Mensch (— aus dem heraus erfindet und sucht er einen Thäter, ein „Subjekt“ —)

Die Dankbarkeit als die gute Rache: am strengsten gefordert und geübt, wo Gleichheit und Stolz zugleich aufrecht erhalten werden soll, wo am besten Rache geübt wird.

9[80]

„Winter meines Mißvergnügens.“
„das ist so Einer von den Neusten,Erratum:Neusten
lies:Neusten,
Nach KGW Nachberichte
er wird sich grenzenlos erdreusten“
„Dreckgeburt von Spott und Feuer“

9[81]

Berlioz Ouvertüre „römischer Carnaval“ ist von 1844 (Offenbach)

9[82]

Der zweite Buddhismus.

Die nihilistische Katastrophe, die mit der indischenErratum:irdischen
lies:indischen
Nach KGW Nachberichte
Cultur ein Ende macht.

Vorzeichen dafür:

die Überhandnahme des Mitleids

die geistige Übermüdung

die Reduktion der Probleme auf Lust- und UnlustfragenErratum:Unlust-Fragen
lies:Unlustfragen
Nach KGW Nachberichte

die Kriegs-Glorie, welche einen Gegenschlag hervorruft

ebensowie die nationale Abgrenzung eine Gegenbewegung, die herzlichste „Fraternität“ hervorruft,

die Unmöglichkeit der Religion, mit Dogmen und Fabeln fortarbeiten zu können

9[83]

Zur Genealogie der Moral.
Zweite Streitschrift
von
Friedrich Nietzsche.

Vierte Abhandlung: der Heerdeninstinct in der Moral.

Fünfte Abhandlung: zur Geschichte der Moral-Entnatürlichung.

Sechste Abhandlung: unter Moralisten und Moralphilosophen.

Nachwort. Eine Abrechnung mit der Moral (als Circe der Philosophen). Die Moral — ich habe es schon einmal gesagt — war bisher die Circe der Philosophen. Sie ist die Ursache des Pessimismus und Nihilismus

Dessen höchste Formel formulirt.

Die Aufgabe.

Eintritt in das tragische Zeitalter von Europa

9[84]

(59)

Die große nihilistischeErratum:nihilistische
lies:nihilistische
Nach KGW Nachberichte
Falschmünzerei unter klugem Mißbrauch moralischer Werthe

a) 

Liebe als Entpersönlichung; insgleichen Mitleid.

b) 

Nur der entpersönlichte Intellekt („der Philosoph“) erkennt die Wahrheit, „das wahre Sein und Wesen der Dinge“

c) 

das Genie, der große MenschErratum:die großen Menschen
lies:der große Mensch
Nach KGW Nachberichte
sind groß, weil sie nicht sich selbst und ihre Sache suchen: der Werth des Menschen wächst im Verhältniß dazu, als er sich selbst verleugnet. Schopenhauer II 440 ss.

d) 

die Kunst als Werk des „reinen willensfreien SubjektsErratum:Subjektes
lies:Subjekts
Nach KGW Nachberichte
“ Mißverständniß der „Objektivität“.

e) 

Glück als Zweck des Lebens; Tugend als Mittel zum Zweck

die pessimistische Verurtheilung des Lebens bei Schopenhauer ist eine moralische  Erratum:[Leerzeile fehlt]
lies: 
Nach KGW Nachberichte


Übertragung der Heerden-Maaßstäbe ins Metaphysische.

Das „Individuum“ sinnlos; folglich ihm einen Ursprung im „An-sich“ gebend (und eine Bedeutung seines Daseins als Verirrung); Eltern nur als „Gelegenheitsursache“.

Es rächt sich, daß von der Wissenschaft das Individuum nicht begriffen war: es ist das ganze bisherige Leben in Einer Linie und nicht dessen Resultat.

9[85]

(60)

Die gelobten Zustände und Begierden:

friedlich, billig, mäßig, bescheiden, ehrfürchtig, rücksichtsvoll, tapfer, keusch, redlich, treu, gläubig, gerade, vertrauensvoll, hingebend, mitleidig, hülfreich, gewissenhaft, einfach, mild, gerecht, freigebig, nachsichtig, gehorsam, uneigennützig, neidlos, gütig, arbeitsam


NB zu unterscheiden: in wiefern solche Eigenschaften bedingt sind als Mittel zu einem bestimmten Willen und Zwecke (oft einem „bösen“ Zwecke)

— 

oder als natürliche Folgen eines dominirenden Affekts (z.B. Geistigkeit)

— 

oder Ausdruck einer Nothlage, will sagen: als Existenzbedingung (z.B. Bürger; Sklave, Weib usw.)

Summa: sie sind allesammtErratum:allesamt
lies:allesammt
Nach KGW Nachberichte
nicht um ihrer selber willen als gut empfunden, alle nicht an und für sich „gut“, sondern bereits unter dem Maaßstab der „Gesellschaft“, „Heerde“ als Mittel zu deren Zwecken, als nothwendig für derenErratum:die
lies:deren
Nach KGW Nachberichte
Aufrechterhaltung und Förderung, als Folge zugleich eines eigentlichen Heerdeninstinktes im Einzelnen, somit im Dienste eines Instinktes, der grundverschieden von diesen Tugendzuständen ist: denn die Heerde ist nach außen hin feindselig, selbstsüchtig, unbarmherzig, voller Herrschsucht, Mißtrauen usw.


Im „Hirten“ kommt der Antagonismus heraus: er muß die entgegengesetzten Eigenschaften der Heerde haben

Todfeindschaft der Heerde gegen die Rangordnung: ihr Instinkt zu Gunsten der Gleichmacher (Christus); gegen die starken Einzelnen (les souverains) ist sie feindselig, unbillig, maßlos, unbescheiden, frech, rücksichtslos, feig, verlogen, falsch, unbarmherzig, versteckt, neidisch, rachsüchtig.

9[86]

(61)

moralistischer Naturalismus: Rückführung des scheinbar emancipirten, übernatürlichen Moralwerthes auf seine „Natur“: d.h. auf die natürliche Immoralität, auf die natürliche „Nützlichkeit“ usw.

Ich darf die Tendenz dieser Betrachtungen als moral<istischen> Nat<uralismus> bezeichnen: meine Aufgabe ist, die scheinbar emancipirten und naturlos gewordenen Moralwerthe in ihre Natur zurückzuübersetzen — d.h. in ihre natürliche „ImmoralitätErratum:Immoralität
lies:Immoralität
Nach KGW Nachberichte

NB. Vergleich mit der jüdischen „Heiligkeit“ und ihrer Naturbasis: ebenso steht es mit dem souverain gemachten Sittengesetz, losgelöst von seiner Natur (— bis zum Gegensatz zur Natur —)

Schritte der „Entnatürlichung der MoralErratum:Entnatürlichung der Moral
lies:Entnatürlichung der Moral
Nach KGW Nachberichte
“ (sog. „Idealisirung“)

als Weg zum Individual-Glück

als Folge der Erkenntniß

als kateg<orischer> Imperativ, losgelöst von — — —

als Weg zur Heiligung

als Verneinung des Willens zum Leben

die schrittweise Lebensfeindlichkeit der Moral.

9[87]

(62)

Die unterdrückte und ausgewischte Häresie in der Moral

Begriffe

: heidnisch

: Herren-Moral

: virtù

9[88]

(63)

Im neuen Testament —Erratum:Testament,
lies:Testament —
Nach KGW Nachberichte
speziell aus den Evangelien höre ich durchaus nichts „Göttliches“ reden;Erratum:reden:
lies:reden;
Nach KGW Nachberichte
vielmehr eine indirekte Form der abgründlichsten Verleumdungs- und Vernichtungswuth — eine der unehrlichsten Formen des HassesErratum:Hasses:
lies:Hasses
Nach KGW Nachberichte

— 

es fehlt alle Kenntniß der Eigenschaften einer höheren NaturErratum:Natur
lies:Natur
Nach KGW Nachberichte

— 

ungescheuter Mißbrauch aller Art Biedermännerei; der ganze Schatz von Sprüchwörtern ist ausgenützt und angemaßt; war es nöthig, daß ein Gott kommt, um jenen Zöllnern zu sagen usw.

nichts ist gewöhnlicher als dieser Kampf gegen die Pharisäer mit Hülfe einer absurden und unpraktischen Moral-Scheinbarkeit — an solcherErratum:solchem
lies:solcher
Nach KGW Nachberichte
tour de force hat das Volk immer sein Vergnügen gehabt

Vorwurf der „Heuchelei“! aus diesem Munde!

nichts ist gewöhnlicher als die Behandlung der Gegner — ein indicium verfänglichster Art für Vornehmheit oder nicht

HatErratum:Hätte
lies:Hat
Nach KGW Nachberichte
einer nur den 100. Theil gesagt, so verdiente <er>, als Anarchist, den Untergang.

Pilatus die einzigErratum:einzige
lies:einzig
Nach KGW Nachberichte
honnete Person, sein dédain vor diesem Juden-Geschwätz von „Wahrheit“, als ob solch Volk mitreden dürfte, wenn es sich um Wahrheit handelt, sein ἃ γεγραφα, sein wohlwollender Versuch, diesen absurden Attentäter los zu geben, in dem er schwerlich etwas anderes sehen konnte als einen Narren…

sein Ekel in Hinsicht auf jenes nie genug zu verurtheilende Wort „ich bin die Wahrheit“

9[89]

(64)

die Annahme des Seienden ist nöthig, um denken und schließen zu können: die Logik handhabt nur Formeln für Gleichbleibendes

deshalb wäre diese Annahme noch ohne Beweiskraft für die Realität: „das Seiende“ gehört zu unserer Optik.

das „Ich“ als seiend (— durch Werden und Entwicklung nicht berührt)

die fingirte Welt von Subjekt, Substanz, „Vernunft“ usw. ist nöthig —: eine ordnende, vereinfachende, fälschende, künstlich-trennende Macht ist in uns. „Wahrheit“ — Wille, Herr zu werden über das Vielerlei der Sensationen.

— 

die Phänomene aufreihen auf bestimmte Kategorien

— 

hierbei gehen wir vom Glauben an das „An sich“ der Dinge aus (wir nehmen die Phänomene als wirklich)

Der Charakter der werdenden Welt als unformulirbar, als „falsch“, als „sich-widersprechend“

Erkenntniß und Werden schließt sich aus.

Folglich muß „Erkenntniß“ etwas anderes sein: es muß ein Wille zum Erkennbar-machen vorangehn, eine Art Werden selbst muß die Täuschung des Seienden schaffen.

9[90]

In diesen streitbaren Abhandlungen, mit denen ich meinen Feldzug gegen die eben so unphilosophische als verhängnißvolle Gesammt-ÜberschätzungErratum:Gesamt-Überschätzung
lies:Gesammt-Überschätzung
Nach KGW Nachberichte
der Moral fortsetze — — —

9[91]

(65)

Zur Bekämpfung des Determinismus.

Daraus, daß Etwas regelmäßig erfolgt und berechenbar erfolgt, ergiebt sich nicht, daß es nothwendig erfolgt. Daß ein Quantum Kraft sich in jedem bestimmten Falle auf eine einzige Art und Weise bestimmt und benimmt, macht ihn nicht zum „unfreien Willen“. Die „mechanische Nothwendigkeit“ ist kein Thatbestand: wir erst haben sie in das Geschehn hinein interpretirt. Wir haben die Formulirbarkeit des Geschehens ausgedeutet als Folge einer über dem Geschehen waltenden Necessität. Aber daraus, daß ich etwas Bestimmtes thue, folgt keineswegs, daß ich es gezwungen thue. Der Zwang ist in den Dingen gar nicht nachweisbar: die Regel beweist nur, daß ein und dasselbe Geschehn nicht auch ein anderes Geschehn ist. Erst dadurch, daß wir Subjekte „Thäter“ in die Dinge hineingedeutet haben, entsteht der Anschein, daß alles Geschehn die Folge von einem auf Subjekte ausgeübten Zwang ist — ausgeübt von wem? wiederum von einem „Thäter“. Ursache und Wirkung — ein gefährlicher Begriff, solange man ein Etwas denkt, das verursacht und ein Etwas, auf das gewirkt wird.

A) die Nothwendigkeit ist kein Thatbestand, sondern eine Interpretation.

B) Hat man begriffen, daß das „Subjekt“ nichts ist, was wirkt, sondern nur eine Fiktion, so folgt Vielerlei.

Wir haben nur nach dem Vorbilde des Subjektes die Dinglichkeit erfunden und in den Sensationen-Wirrwarr hineininterpretirt. Glauben wir nicht mehr an das wirkende Subjekt, so fällt auch der Glaube an wirkende Dinge, an Wechselwirkung, Ursache und Wirkung zwischen jenen Phänomenen, die wir Dinge nennen.

Es fällt damit natürlich auch die Welt der wirkenden Atome: deren Annahme immer unter der Voraussetzung gemacht ist, daß man Subjekte braucht.

Es fällt endlich auch das „Ding an sich“: weil dies im Grunde die Conception eines „Subjekts an sich“ ist. Aber wir begriffen, daß das Subjekt fingirt ist. Der Gegensatz „Ding an sich“ und „Erscheinung“ ist unhaltbar; damit aber fällt auch der Begriff „Erscheinung“ dahin.

C) Geben wir das wirkende Subjekt auf, so auch das Objekt, auf das gewirkt wird. Die Dauer, die Gleichheit mit sich selbst, das Sein inhärirt weder dem, was Subjekt, noch dem, was Objekt genannt wird: es sind Complexe des Geschehens, in Hinsicht auf andere Complexe scheinbar dauerhaft — also z.B. durch eine Verschiedenheit im tempo des GeschehensErratum:Geschehens,
lies:Geschehens
Nach KGW Nachberichte
(Ruhe-Bewegung, fest-locker: alles Gegensätze, die nicht an sich existiren und mit denen thatsächlich nur Gradverschiedenheiten ausgedrückt werden, die für ein gewisses Maaß von Optik sich als Gegensätze ausnehmen.

Es giebt keine Gegensätze: nur von denen der Logik her haben wir den Begriff des Gegensatzes — und von denen aus fälschlich in die Dinge übertragen.

D) Geben wir den Begriff „Subjekt“ und „Objekt“ auf, dann auch den Begriff „Substanz“ — und folglich auch dessen verschiedene Modificationen z.B. „Materie“ „Geist“ und andere hypothetische Wesen „Ewigkeit und Unveränderlichkeit des Stoffes“ usw. Wir sind die Stofflichkeit los.

Moralisch ausgedrückt: ist die Welt falsch. Aber, insofern die Moral selbst ein Stück dieser Welt ist, so ist die Moral falsch

Der Wille zur Wahrheit ist ein Fest-machen, ein Wahr-Dauerhaft-Machen, ein Aus-dem-Auge-schaffen jenes falschen Charakters, eine Umdeutung desselben ins Seiende.

„Wahrheit“Erratum:Wahrheit
lies:„Wahrheit“
Nach KGW Nachberichte
ist somit nicht etwas, was da wäre und was aufzufinden, zu entdecken wäre, — sondern etwas, das zu schaffen ist und das den Namen für einen Prozeß abgiebt, mehr noch für einen Willen der Überwältigung, der an sich kein Ende hat: Wahrheit hineinlegen, als ein processus in infinitum, ein aktives Bestimmen, nicht ein Bewußtwerden von etwas, <das> „an sich“ fest und bestimmt wäre. Es ist ein Wort für den „Willen zur Macht“

Das Leben ist auf die Voraussetzung eines Glaubens an Dauerndes und Regulär-Wiederkehrendes gegründet; je mächtiger das Leben, um so breiter muß die errathbare, gleichsam seiend gemachte Welt sein. Logisirung, Rationalisirung, Systematisirung als Hülfsmittel des Lebens.

Der Mensch projicirt seinen Trieb zur Wahrheit, sein „Ziel“ in einem gewissen Sinn außer sich als seiende Welt, als metaphysische Welt, als „Ding an sich“, als bereits vorhandene Welt.

Sein Bedürfniß als Schaffender erdichtet bereits die Welt, an der er arbeitet, nimmt sie vorweg: diese Vorwegnahme („dieser Glaube“ an die Wahrheit) ist seine Stütze.


Alles Geschehen, alle Bewegung, alles Werden als ein Feststellen von Grad- und Kraftverhältnissen, als ein Kampf

Das „Wohl des Individuums“ ist eben so imaginär als das „Wohl der Gattung“: das erstere wird nicht dem letzteren geopfert, Gattung ist, aus der Ferne betrachtet, etwas eben so Flüssiges wie Individuum. „Erhaltung der Gattung“ ist nur eine Folge des Wachsthums der Gattung, d.h. der Überwindung der Gattung auf dem Wege zu einer stärkeren Art

Sobald wir uns Jemanden imaginiren, der verantwortlich ist dafür, daß wir so und so sind usw. (Gott, Natur), ihm also unsere Existenz, unser Glück und Elend als Absicht zulegen, verderben wir uns die Unschuld des Werdens. Wir haben dann Jemanden, der durch uns und mit uns etwas erreichen will.

Daß die anscheinende „Zweckmäßigkeit“ („die aller menschlichen Kunst unendlich überlegene Zweckmäßigkeit) bloß die Folge jenes in allem Geschehen <sich> abspielenden Willens zur Macht ist

daß das Stärkerwerden Ordnungen mit sich bringt, die einem Zweckmäßigkeits-Entwurfe ähnlich sehen

daß die anscheinenden Zwecke nicht beabsichtigt sind, aber, sobald die Übermacht über eine geringere Macht erreicht ist und letztere als Funktion der größeren arbeitet, eine Ordnung des Rangs, der Organisation den Anschein einer Ordnung von Mittel und Zweck erwecken muß.

Gegen 

die 

anscheinende „Nothwendigkeit“

diese nur ein Ausdruck dafür, daß eine Kraft nicht auch etwas Anderes ist.

Gegen

die

anscheinende „Zweckmäßigkeit“

letztere nur ein Ausdruck für eine Ordnung von Machtsphären und deren Zusammenspiel.

Die logische Bestimmtheit Durchsichtigkeit als Kriterium der Wahrheit („omne illud verum est, quod clare et distincte percipitur“ Descartes): damit ist die mechanische Welthypothese erwünscht und glaublich.

Aber das ist eine grobe Verwechslung: wie simplex sigillum veri. Woher weiß man das, daß die wahre Beschaffenheit der Dinge in diesem Verhältniß zu unserem Intellekt steht? — Wäre es nicht anders? daß die ihm am meisten das Gefühl von Macht und Sicherheit gebende Hypothese am meisten von ihm bevorzugt, geschätzt, und folglich als wahr bezeichnet wird? — Der Intellekt setzt sein freiestesErratum:freiestes
lies:freiestes
Nach KGW Nachberichte
und stärkstes Vermögen und Können als Kriterium des Werthvollsten, folglich Wahren

„wahr“: 

von Seiten des Gefühls aus —: was das Gefühl am Stärksten erregt („Ich“)

von Seiten des Denkens aus — : was dem Denken das größte Gefühl von Kraft giebt

von Seiten des Tastens, Sehens, Hörens aus: wobei am stärkstenErratum:Stärksten
lies:stärksten
Nach KGW Nachberichte
Widerstand zu leisten ist

Also die höchsten Grade in der Leistung erwecken für das Objekt den Glauben an dessen „Wahrheit“ d.h. Wirklichkeit. Das Gefühl der Kraft, des Kampfes, des Widerstand<es> überredet dazu, daß es etwas giebt, dem hier widerstanden wird.

9[92]

Lieb<mann> p. 11

Dynamis „reale Tendenz zur Aktion“, noch gehemmt, die sich zu aktualisiren versucht

— „Wille zur Macht“

„Spannkraft“

angesammelteErratum:aufgesammelte
lies:angesammelte
Nach KGW Nachberichte
und aufgespeicherte Bewegungstendenz“

9[93]

(66)

Ich will auch die Asketik wieder vernatürlichen; an Stelle der Absicht auf Verneinung die Absicht auf Verstärkung; eine Gymnastik des Willens; eine Entbehrung und eingelegte Fastenzeiten jeder Art, auch im Geistigsten (Dîners chez Magny: lauter geistige Schlecker mit verdorbenem Magen); eine Casuistik der That in Bezug auf unsere Meinung die wir von unseren Kräften haben: ein Versuch mit Abenteuern und willkürlichen Gefahren. — Man sollte Prüfungen erfinden auch für die Stärke im Worthalten-können.

9[94]

Zur Größe gehört die Furchtbarkeit: man lasse sich nichts vormachen.

9[95]

Abhandlungen.


Woraus man bisher die „wahre Welt“ gezimmert hat.

Die Entnatürlichung der Moral auch des Gewissens (auch der Asketik) (auch der Vernunft, Scholastik, Staat

Die Zweckmäßigkeit.

Die Nothwendigkeit.

Der Heerdeninstinkt in der Moral.

Die Circe der Philosophen.

Die Starken der Zukunft.

Das tragische Zeitalter: Lehre von der ewigen Wiederkunft.

Die psychologische Falschmünzerei.

Logik unter der Herrschaft von Werthurtheilen.

Die Schönheit. Der Nihilism als Kunst.

Giebt es eine Metaphysik?…

9[96]

Die drei Scheinbarkeiten:

die Ursächlichkeit

die Zweckmäßigkeit

die Nothwendigkeit

Entnatürlichung der Werthe

Gegensätze an Stelle der Rangordnung

Die verworfene Welt

9[97]

(67)

Ein und dasselbe zu bejahen und zu verneinen mißlingt uns: das ist ein subjektiver Erfahrungssatz, darin drückt sich keine „Nothwendigkeit“ aus, sondern nur ein Nicht-vermögen.

Wenn, nach Aristoteles der Satz vom Widerspruch der gewisseste aller Grundsätze ist, wenn er der letzte und unterste ist, auf den alle Beweisführung<en> zurückgehn, wenn in ihm das Princip aller anderen Axiome liegt: um so strenger sollte man erwägen, was er im Grunde schon an Behauptungen voraussetzt. Entweder wird mit ihm etwas in Betreff des Wirklichen, Seienden behauptet, wie als ob er dasselbe anderswoher bereits kennte: nämlich daß ihm nicht entgegengesetzte Prädikate zugesprochen werden können. Oder der Satz will sagen: daß ihm entgegengesetzte Prädikate nicht zugesprochen werden sollen? Dann wäre Logik ein Imperativ, nicht zur Erkenntniß des Wahren, sondern zur Setzung und Zurechtmachung einer Welt, die uns wahr heißen soll.

Kurz, die Frage steht offen: sind die logischen Axiome dem Wirklichen adäquat, oder sind sie Maaßstäbe und Mittel, um Wirkliches den Begriff „Wirklichkeit“ für uns erst zu schaffen?… Um das Erste bejahen zu können, müßte man aber, wie gesagt, das Seiende bereits kennen; was schlechterdings nicht der Fall ist. Der Satz enthält also kein Kriterium der Wahrheit, sondern einen Imperativ über das, was als wahr gelten soll.

Gesetzt, es gäbe ein solches Sich-selbst-identisches A gar nicht, wie es jeder Satz der Logik (auch der M<athematik>) voraussetzt, das A wäre bereits eine Scheinbarkeit, so hätte die Logik eine bloß scheinbare Welt zur Voraussetzung. In der That glauben wir an jenen Satz unter dem Eindruck der unendlichen Empirie, welche ihn fortwährend zu bestätigen scheint. Das „Ding“ — das ist das eigentliche Substrat zu A;Erratum:A:
lies:A;
Nach KGW Nachberichte
unser Glaube an Dinge ist die Voraussetzung für den Glauben an die Logik. Das A der Logik ist wie das Atom eine Nachconstruktion des „Dings“… Indem wir das nicht begreifen, und aus der Logik ein Kriterium des wahren Seins machen, sind wir bereits auf dem Wege, alle jene Hypostasen, Substanz Prädicat Object Subject Action usw., als Realitäten zu setzen: d.h. eine metaphysische Welt zu concipiren, d.h. „wahre Welt“ (— diese ist aber die scheinbare Welt noch einmal…)

Die ursprünglichsten Denkakte, das Bejahen und Verneinen das Für-wahr-halten und Nicht-für-wahr-halten, sind, insofern sie nicht nur eine Gewohnheit, sondernErratum:Gewohnheit sondern
lies:Gewohnheit, sondern
Nach KGW Nachberichte
ein Recht voraussetzen, überhaupt Für-wahr-zu halten oder für-unwahr zu halten, bereits von einem Glauben beherrscht, daß es für uns Erkenntniß giebt, daß Urtheilen wirklich die Wahrheit treffen könne: — kurz, die Logik zweifelt nicht, etwas vom An-sich-Wahren aussagen zu können (nämlich daß ihm nicht entgegengesetzte Prädikate zukommen können)

Hier regiert das sensualistische grobe Vorurtheil, daß die Empfindungen uns Wahrheiten über die Dinge lehren, — daß ich nicht zu gleicher Zeit von ein und demselben Ding sagen kann, es ist hart und es ist weich (der instinktive Beweis „ich kann nicht 2 entgegengesetzte Empfindungen zugleich haben“ — ganz grob und falsch). Das begriffliche Widerspruchs-Verbot geht von dem Glauben aus, daß wir Begriffe bilden können, daß ein Begriff das WesenErratum:Wahre
lies:Wesen
Nach KGW Nachberichte
eines Dinges nicht nur bezeichnet, sondern faßt… Thatsächlich gilt die Logik (wie die Geometrie und Arithmetik) nur von fingirten Wahrheiten, die wir geschaffen haben. Logik ist der Versuch, nach einem von uns gesetzten Seins-Schema die wirkliche Welt zu begreifen, richtiger, uns formulirbar, berechenbar zu machen

9[98]

(68)

Psychologische Ableitung unseres Glaubens an die Vernunft.

Der Begriff „Realität“ „Sein“ ist von unserem „Subjekt“-Gefühle entnommen.

„Subjekt“: von uns aus interpretirt, so daß das Ich als SubstanzErratum:Subjekt
lies:Substanz
Nach KGW Nachberichte
gilt, als Ursache alles Thuns, als Thäter.

Die logisch-metaphysischen Postulate, der Glaube an Substanz, Accidens, Attribut usw. hat seine Überzeugungskraft in der Gewohnheit, all unser Thun als Folge unseres Willens zu betrachten: — so daß das Ich, als Substanz, nicht eingeht in die Vielheit der Veränderung. — Aber es giebt keinen Willen.

Wir haben gar keine Kategorien, um eine „Welt an sich“ von einer Welt als Erscheinung scheiden zu dürfen. Alle unsere Vernunft-Kategorien sind sensualistischer Herkunft: abgelesen von der empirischen Welt. „Die Seele“, „das Ich“ — <die> Geschichte dieses Begriffes zeigt, daß auch hier die älteste Scheidung („Athem“, „Leben“) — — —

Wenn es nichts Materielles giebt, giebt es auch nichts Immaterielles. Der Begriff enthält nichts mehr…


Keine Subjekt- „Atome“. Die Sphäre eines Subjektes beständig wachsend oder sich vermindernd — der Mittelpunkt des Systems sich beständig verschiebend —; im Falle es die angeeignete Masse nicht organisiren kann, zerfällt es in 2. Andererseits kann es sich ein schwächeres Subjekt, ohne es zu vernichten, zu seinem Funktionär umbilden und bis zu einem gewissen Grad mit ihm zusammen eine neue Einheit bilden. Keine „Substanz“, vielmehr Etwas, das an sich nach Verstärkung strebt; und das sich nur indirekt „erhalten“ will (es will sich überbieten —)

9[99]

NB. Nicht klug sein wollen, als Psycholog; wir dürfen nicht einmal klug sein.Erratum:sein..
lies:sein.
Nach KGW Nachberichte
Wer aus seinem Wissen, aus seiner Menschenkenntniß kleine Vortheile erschnappen will (— oder große, gleich dem Politiker —) geht vom Allgemeinen zum EinzelnstenErratum:einzelnsten
lies:Einzelnsten
Nach KGW Nachberichte
Fall zurück; aber diese Art Optik ist jener anderen entgegengesetzt, die wir allein brauchen können: wir sehen vom Einzelnsten hinaus

9[100]

<(69)>

„Gattung“ — — —

Der Fortgang zu höherer Macht;Erratum:Macht:
lies:Macht;
Nach KGW Nachberichte
die Gattungen sind nur relative Verlangsamungen des tempos, Anzeichen, daß die Möglichkeiten Vorbedingungen zu schneller Verstärkung zu mangeln anfangen (Gattungen sind nicht Ziele;Erratum:Ziele:
lies:Ziele;
Nach KGW Nachberichte
das letzte, was „der Natur“ am Herzen liegt, wäre die Erhaltung der Gattungen!!)

9[101]

NB. Dieser lerntErratum:lernte
lies:lernt
Nach KGW Nachberichte
die Menschen kennen, — er will dergestalt kleine Vortheile über sie erschnappen (oder große wie der Politiker). Jener lerntErratum:lernte
lies:lernt
Nach KGW Nachberichte
die Menschen kennen, — er will einen noch größeren Vortheil, sich ihnen überlegen zu fühlen, er wünscht zu verachten.

9[102]

(70)

Aesthetica.

Die Zustände, in denen wir eine Verklärung u<nd>Erratum:und
lies:u<nd>
Nach KGW Nachberichte
Fülle in die Dinge legen und an ihnen dichten, bis sie unsere eigene Fülle und Lebenslust zurückspiegeln:

der Geschlechtstrieb

der Rausch

die Mahlzeit

der Frühling

der Sieg über den Feind, der Hohn:Erratum:Hohn
lies:Hohn:
Nach KGW Nachberichte

das Bravourstück:Erratum:Bravourstück;
lies:Bravourstück:
Nach KGW Nachberichte
die Grausamkeit; die Ekstase des religiösen Gefühls.

Drei Elemente vornehmlich:

der Geschlechtstrieb, der Rausch, die Grausamkeit: alle zur ältesten Festfreude des Menschen gehörend: alle insgleichen im anfänglichen „Künstler“ überwiegend.

Umgekehrt: treten uns Dinge entgegen, welche diese Verklärung und Fülle zeigen, so antwortet das animalische Dasein mit einer Erregung jener Sphären, wo alle jene Lustzustände ihren Sitz haben: — und eine Mischung dieser sehr zarten Nuancen von animalischen Wohlgefühlen und Begierden ist der aesthetische Zustand. Letzterer tritt nur bei solchen Naturen ein, welche jener abge<ben>den und überströmenden Fülle des leiblichen vigor überhaupt fähig sind; in ihm ist immer das primum mobile. Der Nüchterne, der Müde, der Erschöpfte, der Vertrocknete (z.B. ein Gelehrter) kann absolut nichts von der Kunst empfangen, weil er die künstlerische Urkraft, die Nöthigung des Reichthums nicht hat: wer nicht geben kann, empfängt auch nichts.

„Vollkommenheit“: in jenen Zuständen (bei der Geschlechtsliebe in Sonderheit usw.) verräth sich naiv, was der tiefste Instinkt als das Höhere, Wünschbarere, Werthvollere überhaupt anerkennt, die Aufwärtsbewegung seines Typus; insgleichen nach welchem Status er eigentlich strebt. Die Vollkommenheit: das ist die außerordentliche Erweiterung seines Machtgefühls, der Reichthum, das nothwendige Überschäumen über alle Ränder…


Die Kunst erinnert uns an Zustände des animalischen vigor; sie ist einmal ein Überschuß und Ausströmen von blühender Leiblichkeit in die Welt der Bilder und Wünsche; andererseits eine Anregung der animalischen FunktionenErratum:Funktion
lies:Funktionen
Nach KGW Nachberichte
durch Bilder und Wünsche des gesteigerten Lebens; — eine Erhöhung des Lebensgefühls, ein Stimulans desselben.


In wiefern kann auch das Häßliche noch diese Gewalt haben? Insofern es noch von der siegreichen Energie des Künstlers etwas mittheilt, der über dies Häßliche und Furchtbare Herr geworden ist; oder insofern es die Lust der Grausamkeit in uns leise anregt (unter Umständen selbst die Lust, uns wehe zu thun, die Selbstvergewaltigung: und damit das Gefühl der Macht über uns.)

9[103]

NBErratum:NB.
lies:NB
Nach KGW Nachberichte
Wenn man krank ist, so soll man sich verkriechen, in irgend eine „Höhle“: so hat es die Vernunft für sich, so allein ist es thierisch.

9[104]

„ich will das und das“; „ich möchte, daß das und das so wäre“; „ich weiß, daß das und das so ist“. — die Kraftgrade: der Mensch des Willens, der Mensch des Verlangens, der Mensch des Glaubens

9[105]

(71)

Zum Plan.

NB. 1) über alle wesentlichen Zeiten, Völker, Menschen und Probleme ein Wort.

2) hundert gute Anekdoten, womöglich historisch.

3) kriegerisch, abenteuerlich, verfänglich

4) einige Stellen einer schwermüthigen HeiterkeitErratum:von schwermüthiger Heiterkeit
lies:einer schwermüthigen Heiterkeit
Nach KGW Nachberichte

5) des Verkannten und Verleumdeten Fürsprecher (— des Verrufenen…)

6) langsam, irreführend, Labyrinth

7) Minotauros, Katastrophe (der Gedanke, dem man Menschenopfer bringen müsse — je mehr, desto besser!)


9[106]

(71)

Unsre psychologische Optik ist dadurch bestimmt

1) daß Mittheilung nöthig ist, und daß zur Mittheilung etwas fest, vereinfacht, präcisirbar sein muß (vor allem im identischen Fall…) Damit es aber mittheilbar sein kann, muß es zurechtgemacht empfunden werden, als „wieder erkennbar“. Das Material der Sinne vom Verstande zurechtgemacht, reduzirt auf grobe Hauptstriche, ähnlich gemacht, subsumirt unter Verwandtes. Also: die Undeutlichkeit und das Chaos des SinneneindrucksErratum:Sinneseindrucks
lies:Sinneneindrucks
Nach KGW Nachberichte
wird gleichsam logisirt

2) die Welt der „Phänomene“ ist die zurechtgemachte Welt, die wir als real empfinden. Die „Realität“ liegt in dem beständigen Wiederkommen gleicher, bekannter, verwandter Dinge, in ihrem logisirten Charakter, im Glauben, daß wir hier rechnen, berechnen können.

3) der Gegensatz dieser Phänomenal-Welt ist nicht „die wahre Welt“, sondern die formlos-unformulirbare Welt des Sensationen-Chaos, — also eine andere Art Phänomenal-Welt, eine für uns „unerkennbare“.

4) Fragen, wie die „Dinge an sich“ sein mögen, ganz abgesehn von unserer Sinnen-Receptivität und Verstandes-Aktivität, muß man mit der Frage zurückweisen: woher könnten wir wissen, daß es Dinge giebt? Die „Dingheit“ ist erst von uns geschaffen. Die Frage ist, ob es nicht noch viele Art<en> geben könnte, eine solche scheinbare Welt zu schaffen — und ob nicht dieses Schaffen, Logisiren, Zurechtmachen, Fälschen die bestgarantirte Realität selbst ist: kurz, ob nicht das, was „Dinge setzt“, allein real ist; und ob nicht die, „Wirkung der äußeren Welt auf uns“ auch nur die Folge solcher wollenden Subjekte ist…

„Ursache und Wirkung“ falsche Auslegung eines Kriegs und eines relativen Siegs

die anderen „Wesen“ agiren auf uns; unsere zurechtgemachte Scheinwelt ist eine Zurechtmachung und Überwältigung von deren Aktionen; eine Art Defensiv-MaßregelErratum:Maaßregel
lies:Maßregel
Nach KGW Nachberichte
.

Das Subjekt allein ist beweisbar: Hypothese, daß es nur Subjekte giebt — daß „Objekt“ nur eine Art Wirkung von Subjekt auf Subjekt ist… ein modus des Subjekts

9[107]

(72)

Entwicklung des Pessimismus zum Nihilism.

Entnatürlichung der Werthe. Scholastik der Werthe. Die Werthe, lösgelöst, idealistisch, statt das Thun zu beherrschen und zu führen, wenden sich verurtheilend gegen das Thun.

Gegensätze eingelegt an Stelle der natürlichen Grade und Ränge. Haß auf die Rangordnung. Die Gegensätze sind einem pöbelhaften Zeitalter gemäß, weil leichter faßlich

Die verworfene Welt, Angesichts einer künstlich erbauten, „wahren, werthvollen“

Endlich: man entdeckt, aus welchem Material man die „wahre Welt“ gebaut hat: und nun hat man nur die verworfene übrig und rechnet jene höchste Enttäuschung mit ein auf das Conto ihrer Verwerflichkeit

Damit ist der Nihilism da: man hat die richtenden Werthe übrig behalten — und nichts weiter!

Hier entsteht das Problem der Stärke und der Schwäche:

1) 

die Schwachen zerbrechen daran

2) 

die Stärkeren zerstören, was nicht zerbricht

3) 

die Stärksten überwinden die richtenden Werthe.

— das zusammen macht das tragische Zeitalter aus


Zur Kritik des Pessimism.

Das „Übergewicht von Leid über Lust“ oder das Umgekehrte (der Hedonismus): diese beiden Lehren sind selbst schon Wegweiser zum N<ihilismus>Erratum:zu (3)
lies:zum N<ihilismus>
Nach KGW Nachberichte
, nihilistisch…

denn hier wird in beiden Fällen kein anderer letzter Sinn gesetzt als die Lust- oder Unlust-Erscheinung.

Aber so redet eine Art Mensch, die es nicht mehr wagt, einen Willen, eine Absicht, einen Sinn zu setzen: — für jede gesunde Art Mensch mißt sich der Werth des Lebens schlechterdings nicht am Maaße dieser Nebensachen. Und ein Übergewicht von Leid wäre möglich und trotzdem ein mächtiger Wille, ein Ja-sagen zum Leben; ein NöthighabenErratum:Nöthig-haben
lies:Nöthighaben
Nach KGW Nachberichte
dieses Übergewichts

„Das Leben lohnt sich nicht“; „Resignation“ „warum sind die Thränen?…“ — eine schwächliche und sentimentale Denkweise. „un monstre gai vaut mieux qu’un sentimental ennuyeux.“

Der Pessimismus der Thatkräftigen: das „wozu?“ nach einem furchtbaren Ringen, selbst Siegen. Daß irgend Etwas hundert Mal wichtiger ist, als die Frage, ob wir uns wohl oder schlecht befinden: Grundinstinkt aller starken Naturen — und folglich auch, ob sich die Anderen gut oder schlecht befinden. Kurz, daß wir ein Ziel haben, um dessentwillen man nicht zögert, Menschenopfer zu bringen, jede Gefahr zu laufen, jedes Schlimme und Schlimmste auf sich zu nehmen: die große Leidenschaft.

9[108]

Das „Subjekt“ ist ja nur eine Fiktion; es giebt das Ego gar nicht, von dem geredet wird, wenn man den Egoism tadelt.

9[109]

(73)

NB. den Juden Muth zu machen zu neuen Eigenschaften, nachdem sie in neue Daseinsbedingungen übergetreten sind: so warErratum:wie
lies:war
Nach KGW Nachberichte
es meinem InstinkteErratum:Instinkt
lies:Instinkte
Nach KGW Nachberichte
allein gemäß, und auf diesem Wege habe ich mich auch durch eine giftträgerische Gegenbewegung, die jetzt gerade obenauf ist, nicht irre machen lassen.

9[110]

(74)

Das Beschreibende, das Pittoreske als Symptome des Nihilism (in Künsten und in der Psychologie)

Keine Colportage-Psychologie treiben! Nie beobachten, um zu beobachten! Das giebt eine falsche Optik, ein Schielen, etwas Erzwungenes und Übertriebenes. Erleben als Erlebenwollen; es geräth nicht, wenn man nach sich selbst dabei hinblickt; der geborene Psycholog hütet sich, wie der geborene Maler, zu sehn, um zu sehn; er arbeitet nie „nach der Natur“ — er überläßt das Durchsieben und Ausdrücken des Erlebten, des „Falls“, der „Natur“ seinem Instinkt, — das Allgemeine kommt ihm als solches zum Bewußtsein, nicht das willkürliche Abstrahiren von bestimmten Fällen. Wer es anders macht, wie die beutegierigen romanciers in Paris, welche gleichsam der Wirklichkeit auflauern und jeden Tag eine Handvoll Kuriositäten nach Hause bringen: was wird schließlich daraus? Ein Mosaik besten Falls, etwas Zusammenaddirtes, Farbenschreiendes, Unruhiges (wie bei den Frères de Goncourt). — Die „Natur“, im künstlerischen Sinne gesprochen, ist niemals „wahr“; sie übertreibt, sie verzerrt, sie läßt Lücken. Das „Studium nach der Natur“ ist ein Zeichen von Unterwerfung, von Schwäche, eine Art Fatalism, die eines Künstlers unwürdig ist. Sehen, was ist — das gehört einer spezifisch anderen Art von Geistern zu, den Thatsächlichen, den Feststellern: hat man diesen Sinn in aller Stärke entwickelt, so ist er anti-künstlerisch an sich.

Die descriptive Musik; der Wirklichkeit es überlassen, zu wirken

Alle diese Art<en> Kunst sind leichter, nachmachbarer; nach ihnen greifen die Gering-Begabten. Appell an die Instinkte; suggestive Kunst.

9[111]

Wagner, ein Stück Aberglaube schon bei Lebzeiten, hat sich inzwischen so in die Wolk<en> des Unwahrscheinlichen eingewickelt, daß in Bezug auf ihn nur das Paradoxe noch Glaube findet

9[112]

(75)

Ob nicht der Gegensatz desErratum:Gegensatz der
lies:Gegensatz des
Nach KGW Nachberichte
Aktiven und ReactivenErratum:Reaktiven
lies:Reactiven
Nach KGW Nachberichte
hinter jenem Gegensatz von Classisch und Romantisch verborgen liegt?…

9[113]

NB manche Schicksale muß man hinuntertrinken, ohne sie anzusehn: das verbessert, wie beim Maté-Trinken, ihren Geschmack.

9[114]

NB jene Art des Egoismus, welche uns treibt, etwas um des Nächsten willen zu thun und zu lassen

9[115]

(76)

Zu erwägen:


Das vollkommene Buch. —


1) 

die Form, der Stil

Ein idealer Monolog. Alles Gelehrtenhafte aufgesaugt in die Tiefe

alle Accente der tiefen Leidenschaft, Sorge, auch der Schwächen, Milderungen, Sonnenstellen, — das kurze Glück, die sublime Heiterkeit —

Überwindung der Demonstration; absolut persönlich. Kein „ich“…

eine Art mémoires; die abstraktesten Dinge am leibhaftesten und blutigsten

die ganze Geschichte wie persönlich erlebt und erlitten (— so allein wird’s wahr)

gleichsam ein Geistergespräch; eine Vorforderung, Herausforderung, Todtenbeschwörung

möglichst viel Sichtbares, Bestimmtes, Beispielsweises, Vorsicht vor Gegenwärtigem. alles Zeitgemäße

Vermeiden der Worte „vornehm“ und überhaupt aller Worte, worin eine Selbst-In-Scenesetzung liegen könnte.

Nicht „Beschreibung“; alle Probleme ins Gefühl, übersetzt, bis zur Passion —


2) 

Sammlung ausdrücklicher Worte. Vorzug für militärische W<orte>.

Ersatzworte für die philosophischen Termini: womöglich deutsch und zur Formel ausgeprägt.

sämmtliche Zustände der geistigsten Menschen darstellen; so daß ihre Reihe im ganzen Werke umfaßt ist.

(— Zustände 

des Legislator<s>

des Versuchers

des zur Opferung Gezwungenen, Zögernden —

der großen Verantwortlichkeit

des Leidens an der Unerkennbarkeit

des Leidens am Scheinen-Müssen

des Leidens am Wehetun-MüssenErratum:Wehthun-Müssen
lies:Wehetun-Müssen
Nach KGW Nachberichte
,

der Wollust am Zerstören

3) 

Das Werk auf eine Katastrophe hin bauen


Einleitung herzunehmen von dem Willen zum Pessimismus. Nicht als Leidender, Enttäuschter reden. „Wir, die wir nicht an die Tugend und die schönen Schwellungen glauben.“


Satyrspiel
am Schluß

Einmischen: kurze Gespräche zwischen Theseus Dionysos und Ariadne.

— Theseus wird absurd, sagte Ariadne, Theseus wird tugendhaft —

Eifersucht des Theseus auf Ariadne’s Traum.

der HeldErratum:Der Held
lies:der Held
Nach KGW Nachberichte
sich selbst bewundernd, absurd werdend,Erratum:werdend.
lies:werdend,
Nach KGW Nachberichte
Klage der Ariadne

Dionysos ohne Eifersucht: „Was ich an Dir liebe, wie könnte das ein Theseus lieben?“…

Letzter Akt. Hochzeit des Dionysos und der Ariadne

„man ist nicht eifersüchtig, wenn man Gott ist, sagte Dionysos: es sei denn auf Götter.“


„Ariadne, sagte Dionysos, du bist ein Labyrinth: Theseus hat sich in dich verirrt, er hat keinen Faden mehr; was nützt es ihm nun, daß er nicht vom Minotauros gefressen wurde? Was ihn frißt, ist schlimmer als ein Minotauros.“ Du schmeichelst mir, antwortete Ariadne, aber ich bin meines Mitleidens müde, an mir sollen alle Helden zu Grunde gehen: DasErratum:das
lies:Das
Nach KGW Nachberichte
ist meine letzte Liebe zu Theseus: „ich richte ihn zu Grunde“

9[116]

(77)

Rousseau, dieser typische „moderne Mensch“, Idealist und Canaille in Einer Person, und das Erste um des Zweiten willen, ein Wesen, das die „moralische Würde“ und deren Attitüde nöthig hatte, um sich selber auszuhalten, krank zugleich vor zügelloser Eitelkeit und zügelloser Selbstverachtung: diese Mißgeburt, welche sich an die Schwelle unserer neuen Zeit gelagert hat, hat die „Rückkehr zur Natur“ gepredigt — wohin wollte er eigentlich zurück?

Auch ich rede von „Rückkehr zur Natur“: obwohl es eigentlich nicht ein „Zurückkehren“ ist, sondern ein „Hinaufkommen“ — in die starke souveraineErratum:sonnenreine
lies:souveraine
Nach KGW Nachberichte
furchtbare Natur und Natürlichkeit des Menschen, welche mit großen Aufgaben spielen darf, weil sie an kleinerenErratum:Kleinem
lies:kleineren
Nach KGW Nachberichte
müde würde und Ekel empfände. — Napoleon war „Rückkehr zur Natur“ in rebus tacticis und vor allem im Strategischen.

Das 18. Jahrhundert, dem man Alles verdankt, worin unser 19. Jahrhundert gearbeitet und gelitten hat: den Moral-Fanatism, die Verweichlichung des Gefühls zu Gunsten des Schwachen, Unterdrückten, Leidenden, die Rancüne gegen alle Art Privilegirte, den Glauben an den „Fortschritt“, den Glauben an den Fetisch „Menschheit“, den unsinnigen Plebejer-Stolz und die Begierde nach vollen LeidenschaftenErratum:voller Leidenschaft
lies:vollen Leidenschaften
Nach KGW Nachberichte
— beides romantisch —

Unsere Feindschaft gegen die révolution bezieht sich nicht auf die blutige farce, ihre „Immoralität“Erratum:„Immoralität“
lies:„Immoralität“
Nach KGW Nachberichte
, mit der sie sich abspielte; vielmehr auf ihre Heerden-Moralität, auf ihre „Wahrheiten“, mit denen sie immer noch wirkt und wirkt, auf ihre contagiöse Vorstellung von „Gerechtigkeit u<nd>Erratum:Gerechtigkeit,
lies:Gerechtigkeit u<nd>
Nach KGW Nachberichte
Freiheit“, mit der sie alle mittelmäßigen Seelen bestrickt, auf ihre Niederwerfung der Autoritäten höherer Stände. Daß es um sie herum so schauerlichErratum:schrecklich
lies:schauerlich
Nach KGW Nachberichte
und blutig zugieng, hat dieser Orgie der Mittelmäßigkeit einen Anschein von Größe gegeben, so daß sie als Schauspiel auch die stolzesten Geister verführt hat.

9[117]

man giebt nach, wo das Nachgeben ein VorgebenErratum:Vergeben
lies:Vorgeben
Nach KGW Nachberichte
ist: also wenn man reich genug ist, umErratum:ist um
lies:ist, um
Nach KGW Nachberichte
nicht nehmen zu müssen.

9[118]

er liebte es, so lange Recht zu behalten bis ein Zufall ihm zu Hülfe kam, — und bis er Recht hatte

9[119]

(78)

Die „Reinigung des Geschmacks“ kann nur die Folge einer Verstärkung des Typus sein. Unsere Gesellschaft von heute repräsentirt nur die Bildung; der Gebildete fehlt. Der große synthetische Mensch fehlt: in dem die verschiedenen Kräfte zu Einem Ziele unbedenklich in’s Joch gespannt sind. Was wir haben, ist der vielfache Mensch, das interessanteste Chaos, das es vielleicht bisher gegeben hat: aber nicht das Chaos vor der Schöpfung der Welt, sondern hinter ihr, der vielfache Mensch.Erratum:Mensch
lies:Mensch.
Nach KGW Nachberichte
Goethe als schönster Ausdruck des Typus (— ganz und gar kein Olympier!)


Das Recht auf den großen Affekt — für den Erkennenden wieder zurückzugewinnen! nachdem die Entselbstung und der Cultus des „Objektiven“ eine falsche Rangordnung auch in dieser Sphäre geschaffen haben. Der Irrthum kam auf die Spitze, als Schopenhauer lehrte: eben im Loskommen vom Affekt, vom Willen liege der einzige Zugang zum „Wahren“, zur Erkenntniß; der willensfreie Intellekt könne gar nicht anders, als das wahre eigentliche Wesen der Dinge sehn.


Derselbe Irrthum in arte: als ob Alles schön wäre, sobald es ohne Willen angeschaut wird.

Der Kampf gegen den „Zweck“ in der Kunst ist immer der Kampf gegen die moralisirende Tendenz der Kunst, gegen ihre Unterordnung unter die Moral: l’art pour l’art heißt: „der Teufel hole die Moral!“ — Aber selbst noch diese Feindschaft verräth die Übergewalt des Vorurtheils; wenn man den Affekt des Moralpredigens und „Menschenverbesserns“ von der Kunst ausgeschlossen hat, so folgt daraus noch lange nicht, daß die Kunst überhaupt ohne „Affekt“, ohne „Zweck“, ohne ein außeraesthetisches Bedürfniß möglich ist. „Wiederspiegeln“, „nachahmen“: gut, aber wie? alle Kunst lobt, verherrlicht, zieht heraus, verklärt — sie stärkt irgend welche Werthschätzungen: sollte man das nur als ein Nebenbei, als einen Zufall der Wirkung nehmen dürfen? Oder liegt es dem „Können“ des Künstlers schon zu Grunde? Bezieht sich der Affekt des Künstlers auf die Kunst selbst? Oder nicht vielmehr auf das Leben? auf eine Wünschbarkeit des Lebens?

Und das viele Häßliche, Harte, Schreckliche, das die Kunst darstellt? Will sie damit vom Leben entleiden? zur Resignation stimmen, wie Schopenhauer meint? — Aber der Künstler theilt vor allem seinen Zustand in Hinsicht auf dieses Furchtbare des Lebens mit: dieser Zustand selbst ist eine Wünschbarkeit, wer ihn erlebt hat, hält ihn in höchsten Ehren und theilt ihn mit, gesetzt daß er ein mittheilsames Wesen d.h. ein Künstler ist. Die Tapferkeit vor einem mächtigen Feinde, einem erhabenen Ungemach, einem grauenhaften Problem — sie selbst ist der höhere Zustand des Lebens, den alle Kunst der Erhabenheit verherrlicht. Die kriegerische Seele feiert ihre Saturnalien in der Tragödie; das Glück des Krieges und Sieges, der herben Grausamkeit angesichts leidender und kämpfender Menschen, wie alles das dem leidgewohnten, und leidaufsuchenden Menschen zu eigen ist.

9[120]

(79)

Wir lernen in unserer civilisirten Welt fast nur den verkümmerten Verbrecher kennen, erdrückt unter dem Fluch und der Verachtung der Gesellschaft, sich selbst mißtrauend, oftmals seine That verkleinernd und verleumdend, einen mißglückten Typus von Verbrecher; und wir widerstreben der Vorstellung, daß alle großen Menschen Verbrecher waren, nur im großen Stile, und nicht im erbärmlichen;Erratum:erbärmlichen,
lies:erbärmlichen;
Nach KGW Nachberichte
daß das Verbrechen zur Größe gehört (— so nämlich geredet aus dem Bewußtsein der Nierenprüfer und aller derer, die am tiefsten in große Seelen hinuntergestiegen sind) Die „Vogelfreiheit“ von dem Herkommen, dem Gewissen, der Pflicht — jeder große Mensch kennt diese seine Gefahr. Aber er will sie auch: er will das große Ziel und darum auch dessen Mittel.

9[121]

(80)

Daß man den Menschen den Muth zu ihren Naturtreiben wiedergiebt

Daß man ihreErratum:ihrer
lies:ihre
Nach KGW Nachberichte
Selbstunterschätzung steuert (nicht dieErratum:der
lies:die
Nach KGW Nachberichte
des Menschen als IndividuumErratum:Individuums
lies:Individuum
Nach KGW Nachberichte
, sondern dieErratum:der
lies:die
Nach KGW Nachberichte
des Menschen als Natur…)

Daß man die Gegensätze herausnimmt aus den Dingen, nachdem man begreift, daß wir sie hineingelegt haben.

Daß man die Gesellschafts-Idiosynkrasie aus dem Dasein überhaupt herausnimmt (Schuld, Strafe, Gerechtigkeit, Ehrlichkeit, Freiheit, Liebe usw.)


Das Problem der Civilisation hinstellen.

Fortschritt zur „Natürlichkeit“: in allen politischen Fragen, auch im Verhältniß von Parteien, selbst von merkantilen oder Arbeiter- u<nd> Unternehmer-ParteienErratum:oder Unternehmer-Parteien
lies:u<nd> Unternehmer-Parteien
Nach KGW Nachberichte
handelt es sich um Machtfragen — „was man kann?“ und erst daraufhin, was man soll?Erratum:„was man soll?“
lies:was man soll?
Nach KGW Nachberichte

Daß dabei, mitten unter der Mechanik der großen Politik, noch die christlichen FanfarenErratum:christliche Fanfare
lies:christlichen Fanfaren
Nach KGW Nachberichte
geblasen (z.B. in Siegesbulletins oder in kaiserlichen Anreden an das Volk) gehört immer mehr zu dem, was unmöglich wird: weil es wider den Geschmack geht. „Die Gurgel des Kronprinzen“ ist keine Angelegenheit Gottes.

Fortschritt des neunzehnten Jahrhunderts gegen das 18.

— im Grunde führen wir guten Europäer einen Krieg gegen das 18. Jahrhundert. —

1. „Rückkehr zur Natur“ immer entschiedener im umgekehrten Sinne verstanden als es Rousseau verstand. Weg vom Idyll und der Oper!

2. immer entschiedener antiidealistisch, gegenständlicher, furchtloser, arbeitsamer, maaßvoller, mißtrauischer gegen plötzliche Veränderungen, antirevolutionär

3. immer entschiedener die Frage der Gesundheit des Leibes der „der Seele“ voranstellend: letzteres als einen Zustand in Folge der ersteren begreifend, mindestens als derenErratum:die
lies:deren
Nach KGW Nachberichte
Vorbedingung — — —

9[122]

(80a)

Zur Genealogie des Christenthums

— der Fanatism der Schüchternen, welche nicht wieder zurückzukehren wagen, nachdem sie einmal ihr Land verlassen haben: bis sie, aus Furcht und Marter der Furcht, dazu kommen, es zu vernichten.

— es gehört mehr Muth und Stärke des Charakters dazu, halt zu machen oder gar umzukehren als weiterzugehn. Umzukehren ohne Feigheit ist schwerer als weiterzugehen ohne Feigheit.

9[123]

(81)

Zur Genesis des Nihilisten.

Man hat nur spät den Muth zu dem, was man eigentlich weiß. Daß ich von Grund aus bisher Nihilist gewesen bin, das habe ich mir erst seit Kurzem eingestanden: die Energie, der RadikalismErratum:die Nonchalance
lies:der Radikalism
Nach KGW Nachberichte
, mit der ich als Nihilist vorwärts gieng, täuschte mich über diese Grundthatsache. Wenn man einem Ziele entgegengeht, so scheint es unmöglich, daß „die Ziellosigkeit an sich“ unser Glaubensgrundsatz ist.

9[124]

(82)

Moral als Verführungs-mittel.

„Die Natur ist gut, denn ein weiser und guter Gott ist ihre Ursache. Wem fällt also die Verantwortung für die „Verderbniß des Menschen“ zu? Ihren Tyrannen und Verführern, den herrschenden Ständen — man muß sie vernichten.“

: die Logik Rousseaus (vgl. die Logik Pascals, welcheErratum:welcher
lies:welche
Nach KGW Nachberichte
den Schluß auf die Erbsünde macht)

Man vergleiche die verwandte Logik Luthers.Erratum:Luthers
lies:Luthers.
Nach KGW Nachberichte

: in beiden Fällen wird ein Vorwand gesucht, ein unersättliches Rachebedürfniß als moralisch-religiöse Pflicht einzuführen. Der Haß gegen den regierenden Stand sucht sich zu heiligen

(die „Sündhaftigkeit Israels“: Grundlage für die Machtstellung der Priester)

Man vergleiche die verwandte Logik des Paulus.Erratum:Paulus
lies:Paulus.
Nach KGW Nachberichte

: immer ist es die Sache Gottes, unter der diese Reaktionen auftreten, die Sache des Rechts, der Menschlichkeit usw.

(bei Christus scheint der Jubel des Volkes als Ursache seiner Hinrichtung; eine antipriesterliche Bewegung von vornherein)

(— selbst bei den Antisemiten ist es immer das gleiche Kunststück: den Gegner mit moralischen Verwerfungsurtheilen heimzusuchen und sich die Rolle der strafenden Gerechtigkeit vorzubehalten.)

NB Die „moralische Verurtheilung“Erratum:moralische Verurtheilung
lies:„moralische Verurtheilung“
Nach KGW Nachberichte
als Mittel zur Macht.

A. 

„die Erregung des schlechten Gewissens“ um Heilande, Priester und dergleichen nöthig zu machen oder:

B. 

die Erregung des guten Gewissens: um seine Gegner als die Schlechten behandeln und niederwerfen zu können

9[125]

(83)

gegen Rousseau: der Zustand der Natur ist furchtbar, der Mensch ist Raubthier, unsre Civilisation ist ein unerhörter Triumph über diese Raubthier-Natur: — so schloß Voltaire. Er empfand die Milderung, die Raffinements, die geistigen Freuden des civilisirten Zustandes; er verachtete die Bornirtheit, auch in der Form der Tugend; den Mangel an Delikatesse auch bei den Asketen und Mönchen.

Die moralische Verwerflichkeit des Menschen schien Rousseau zu präoccupiren; man kann mit den Worten „ungerecht“ „grausam“, am meisten die Instinkte der Unterdrückten aufreizen, die sich sonst unter dem Bann des vetitum und der Ungnade befinden: so daß ihr Gewissen ihnen die aufrührerischen Begierden widerräth. Diese Emancipatoren suchen vor allem Eins: ihrer Partei die großen Accente und Attitüden der höheren Natur zu geben.

9[126]

(84)

Haupt-SymptomeErratum:Hauptsymptome
lies:Haupt-Symptome
Nach KGW Nachberichte
des Pessimism.

die dîners chez Magny.

der russische Pessimism. Tolstoi Dostoiewsky

der aesthetische Pessimismus l’art pour l’art „Description“ der romantische und der antiromantische Pessimism

der erkenntnißtheoretische Pessimismus.
Schopenhauer. Der „Phänomenalismus“.

der anarchistische Pessimismus.

die „Religion des Mitleids“, buddhistische Vorbewegung.

der Cultur-Pessimismus (Exotism. Kosmopolitismus)

der moralistische Pessimismus: ich selber

Die Distraktionen, die zeitweiligen Erlösungen vom Pessimismus.

die großen Kriege, die starken Militär-Organisationen, der Nationalismus

die Industrie-Concurrenz

die Wissenschaft

das Vergnügen


Scheiden wir hier aus:

der Pessimismus als Stärke — worin? in der Energie seiner Logik, als Anarchismus und Nihilism, als Analytik.

der PessimismusErratum:Pessimismus
lies:der Pessimismus
Nach KGW Nachberichte
als Niedergang — worin? als Verzärtlichung, als kosmopolitische Anfühlerei, als „tout comprendre“ und Historismus.

9[127]

Die Heraufkunft des Nihilismus.

Die Logik des Nihilismus

Die Selbstüberwindung des Nihilismus.

Überwinder und Überwundene.

9[128]

(85)

die kritische Spannung: die Extreme kommen zum Vorschein und Übergewicht.

9[129]

Niedergang des Protestantism: theoretisch und historisch als Halbheit begriffen. Thatsächliches Übergewicht des Katholicism; das Gefühl des Protest<antismus> so erloschen, daß die stärksten antiprotestantischen Bewegungen nicht mehr als solche empfunden werden (z.B. Wagners Parsifal) Die ganze höhere Geistigkeit in Frankreich ist katholisch im Instinkt; Bismarck hat begriffen, daß es einen Protestantismus gar nicht mehr giebt.

9[130]

<(86)>

Kritik des modernen Menschen

(seine moralistische Verlogenheit)

„der gute Mensch“, nur verdorben und verführt durch schlechte Institutionen (Tyrannen und Priester)

die Vernunft als Autorität; die Geschichte als Überwindung von Irrthümern; die Zukunft als Fortschritt.

der christliche Staat „der Gott der HeerschaarenErratum:Heerscharen
lies:Heerschaaren
Nach KGW Nachberichte

der christliche Geschlechtsbetrieb oder die Ehe

das Reich der „Gerechtigkeit“ der Cultus der „Menschheit“

die „Freiheit“

die romantische Attitüde des modernen Menschen:

der edle Mensch (Byron, V. Hugo, G. Sand

die edle Entrüstung

die Heiligung durch die Leidenschaft (als wahre „Natur“

die Parteinahme für die Unterdrückten und Schlechtweggekommenen: Motto der Historiker und romanciers.

die Stoiker der Pflicht

die „Selbstlosigkeit“ als Kunst und Erkenntniß

der Altruism (als verlogenste Form des Egoism (Utilitarism) gefühlsamster Egoism.

9[131]

(87)

dies Alles ist 18. Jahrhundert. Was dagegen nicht sich aus ihm vererbt hat: die insouciance, die Heiterkeit, die Eleganz, die geistige Helligkeit; das tempo des Geistes hat sich verändert; der Genuß an der geistigen Feinheit und Klarheit ist dem Genuß an der FarbeErratum:den Farben
lies:der Farbe
Nach KGW Nachberichte
, Harmonie, Masse, Realität, usw. gewichen. Sensualism im Geistigen. Kurz, es ist das 18. Jahrhundert Rousseaus.

9[132]

die Virtuosi und die Tugendhaften

9[133]

Science sans conscience n’est que ruine de l’âme. Rabelais. conscience sans science c’est le salut —

9[134]

(88)

Augustin Thierry las 1814 das, was de Montlosier in seinem Werke De la monarchie française gesagt hatte: er antwortete mit einem Schrei der Entrüstung und machte sich an sein Werk. Jener Emigrant hatte gesagt: Race d’affranchis, race d’esclaves arrachés de nos mains, peuple tributaire, peuple nouveau, licence vous fut octroyée d’être libres, et non pas à nous d’être nobles; pour nous tout est de droit, pour vous tout est de grâce, nous ne sommes point de votre communauté; nous sommes un tout par nous-mêmes.

9[135]

(90)

die „evangelische Freiheit“. „Verantwortlichkeit vor dem eignen Gewissen“, diese schöne Tartüfferie Luthers: im Grunde der „Wille zur Macht“ in seiner schüchternsten Form. Denn dies sind seine drei Grade: a) Freiheit, b) Gerechtigkeit, c) Liebe

9[136]

der Glaube ist eine „heilige Krankheit“, ἱερὰ νόσος: das hat schon Heraklit gewußt: der Glaube, eine blödsinnig machende innere Nöthigung, daß etwas wahr sein soll

9[137]

(91)

Der Kampf gegen die großen Menschen, aus ökonomischen Gründen gerechtfertigt. Dieselben sind gefährlich, Zufälle, Ausnahmen, Unwetter, stark genug, um Langsam-Gebautes und -Gegründetes in Frage zu stellen. Das Explosive nicht nur unschädlich zu entladen, sondern womöglich seiner Entstehung vorbeugen… Grundinstinkt der civilisirten Gesellschaft.

9[138]

(92)

NB alles Furchtbare in Dienst nehmen;Erratum:in Dienst nehmen,
lies:in Dienst nehmen;
Nach KGW Nachberichte
einzeln, schrittweise, versuchsweise: so will es die Aufgabe der Cultur; aber bis sie stark genug dazu ist, muß sie es bekämpfen, mäßigen, verschleiern, selbst verfluchen…

— überall, wo eine Cultur das Böse ansetzt, bringt sie damit ein Furchtverhältniß zum Ausdruck also eine Schwäche

These: alles Gute ist ein dienstbar gemachtes Böse von Ehedem.

Maaßstab: je furchtbarer und größer die Leidenschaften sind, die eine Zeit, ein Volk, ein Einzelner sich gestatten kann, weil er sie als Mittel zu brauchen vermag, um so höher steht seine Cultur. (— das Reich des Bösen wird immer kleiner…)

— je mittelmäßiger, schwächer, unterwürfiger und feiger ein Mensch ist, um so mehr wird er als böse ansetzen: bei ihm ist das Reich des Bösen am umfänglichsten, der niedrigste Mensch wird das Reich des Bösen (d.h. des ihm Verbotenen und Feindlichen) überall sehen.

9[139]

(89)

Summa: die Herrschaft über die Leidenschaften, nicht deren Schwächung oder Ausrottung!

je größer die Herren-Kraft des Willens ist, um so viel mehr Freiheit darf den Leidenschaften gegeben werden.

der „große Mensch“ ist groß durch den Freiheits-Spielraum seiner Begierden und durch die noch größere Macht, welche diese prachtvollen Unthiere in Dienst zu nehmen weiß.

— der „gute Mensch“ ist auf jeder Stufe der Civilisation der Ungefährliche und Nützliche zugleich: eine Art Mitte; der Ausdruck im gemeinen Bewußtsein davon, vor wem man sich nicht zu fürchten hat und wen man trotzdem nicht verachten darf…

Erziehung: wesentlich das Mittel, die Ausnahme eine Ablenkung, Verführung, Ankränkelung zu ruiniren zu Gunsten der Regel.

Das ist hart: aber ökonomisch betrachtet, vollkommen vernünftig. Mindestens für jene lange Zeit, — — —

Bildung: wesentlich das Mittel, den Geschmack gegen die Ausnahme zu richten zu Gunsten des Mittleren.


Eine Cultur der Ausnahme, des Versuchs, der Gefahr, der Nüance als Folge eines großen Kräfte-Reichthums: — jedeErratum:jede
lies:— jede
Nach KGW Nachberichte
aristokratische Cultur tendirt dahin.

Erst wenn eine Cultur über einen Überschuß von Kräften zu gebieten hat, kann auf ihrem Boden auch ein Treibhaus der Luxus-Cultur — — —

9[140]

(93)

Versuch meinerseits, die absolute Vernünftigkeit des gesellschaftlichen Urtheilens und Werthschätzens zu begreifen: natürlich frei von dem Willen, dabei moralische Resultate herauszurechnen.

: der Grad von psychologischer Falschheit und Undurchsichtigkeit, um die zur Erhaltung und Machtsteigerung wesentlichen Affekte zu heiligen (um sich für sie das gute Gewissen zu schaffen)

: der Grad von Dummheit, damit eine gemeinsame Regulirung und Werthung möglich bleibt (dazu Erziehung, Überwachung der Bildungselemente, Dressur)

: der Grad von Inquisition, Mißtrauen und Unduldsamkeit, um die Ausnahmen als Verbrecher zu behandeln und zu unterdrücken, — um ihnen selbst das schlechte Gewissen zu geben, so daß diese innerlich an ihrer Ausnahmhaftigkeit krank sind.


Moral wesentlich als Wehr, als Vertheidigungsmittel: insofern ein Zeichen des unausgewachsenen Menschen p. 123

(verpanzert; stoisch;

der ausgewachsene Mensch hat vor allem Waffen, er ist angreifend

Kriegswerkzeuge zu Friedenswerkzeugen umgewandelt (aus Schuppen und Platten, Federn und Haare)


Summa: die Moral ist gerade so „unmoralisch“, wie jedwedes andre Ding auf Erden; die Moralität selbst ist eine Form der Unmoralität.

Große Befreiung, welche diese Einsicht bringt:Erratum:bringt,
lies:bringt:
Nach KGW Nachberichte
der Gegensatz ist aus den Dingen entfernt, die Einartigkeit in allem Geschehen ist gerettet — —

9[141]

(94)

Überarbeitung, Neugierde und Mitgefühl — unsre modernen Laster

9[142]

(95)

Die Höhepunkte der Cultur und der Civilisation liegen auseinander:Erratum:auseinander,
lies:auseinander:
Nach KGW Nachberichte
man soll sich über den Antagonismus dieser beiden Begriffe nicht irreführen lassen.

Die großen Momente der Cultur sind die Zeiten der Corruption, moralisch ausgedrückt; die Epochen der gewollten und erzwungenen Zähmung („Civilisation.“) des Menschen sind Zeiten der Unduldsamkeit für die geistigsten und kühnsten Naturen und deren tiefste Widersacher.

9[143]

(96)

Wie wenig liegt am Gegenstand! Der Geist ist es, der lebendig macht! Welche kranke und verstockte Luft mitten aus all dem aufgeregten Gerede von „Erlösung“, Liebe, „Seligkeit“, Glaube, Wahrheit, „ewigem Leben“! Man nehme einmal ein eigentlich heidnisches Buch dagegen, z.B. Petronius, wo im Grunde Nichts gethan, gesagt, gewollt und geschätzt wird, was nicht, nach einem christlich-muckerischen WerthmaßeErratum:Werthmaaß
lies:Werthmaße
Nach KGW Nachberichte
, Sünde, selbst Todsünde ist. Und trotzdem: welches Wohlgefühl der reineren Luft, der überlegenen Geistigkeit des schnelleren Schrittes, der freigewordenen und überschüssigen,Erratum:überschüssigen
lies:überschüssigen,
Nach KGW Nachberichte
zukunftsgewissen Kraft?Erratum:Kraft!
lies:Kraft?
Nach KGW Nachberichte
Im ganzen neuen Testament kommt keine einzige Bouffonnerie vor: aber damit ist ein Buch widerlegt… Mit ihm verglichen bleibt das neue Testament ein Symptom des Niedergangs u<nd> der Cultur-CorruptionErratum:der Niedergangs-Cultur und der Corruption
lies:des Niedergangs u<nd> der Cultur-Corruption
Nach KGW Nachberichte
— und als solches hat es gewirkt, als Ferment der Verwesung

9[144]

(97)

Zur „logischen Scheinbarkeit“.

Der Begriff „Individuum“ und „Gattung“ gleichermaßen falsch und bloß augenscheinlich. „Gattung“ drückt nur die Thatsache aus, daß eine Fülle ähnlicher Wesen zu gleicher Zeit hervortreten und daß das tempo im Weiterwachsen und Sich-VerwandelnErratum:Sich-Verändern
lies:Sich-Verwandeln
Nach KGW Nachberichte
eine lange Zeit verlangsamt ist: so daß die thatsächlichen kleinen Fortsetzungen und Zuwachse nicht sehr in Betracht kommen (— eine Entwicklungsphase, bei der das Sich-Entwickeln nicht in die Sichtbarkeit tritt, so daß ein Gleichgewicht erreicht scheint, und die falsche Vorstellung ermöglicht wird, hier sei ein Ziel erreicht — und es habe ein Ziel in der Entwicklung gegeben…)

Die Form gilt als etwas Dauerndes und deshalb Werthvolleres; aber die Form ist bloß von uns erfunden; und wenn noch so oft „dieselbe Form erreicht wird“, so bedeutet das nicht, daß es dieselbe Form ist, — sondernErratum:sondern
lies:sondern
Nach KGW Nachberichte
es erscheint immer etwas Neues — und nur wir, die wir vergleichen, rechnen dies Neue, insofern es Altem gleicht, zusammen in die Einheit der „Form“. Als ob ein Typus erreicht werden sollte und gleichsam der Bildung vorschwebe und innewohne.

Die Form, die Gattung, das Gesetz, die Idee, der Zweck — hier wird überall der gleiche Fehler gemacht, daß einer Fiktion eine falsche Realität untergeschoben wird: wie als ob das Geschehen irgendwelchen Gehorsam in sich trage, — eine künstliche Scheidung im Geschehen wird da gemacht zwischen dem, was thut und dem, wonach dies Thun sich richtet (aber das was und das wonach sind nur angesetzt von uns aus Gehorsam gegen unsere metaphysisch-logische Dogmatik: kein „ Thatbestand“)

Man soll diese Nöthigung, Begriffe, Gattungen, Formen, Zwecke, Gesetze — „eine Welt der identischen Fälle“ — zu bilden, nicht so verstehn, als ob wir damit die wahre Welt zu fixiren im Stande wären; sondern als Nöthigung, uns eine Welt zurechtzumachen, bei der unsre Existenz ermöglicht wird — wir schaffen damit eine Welt, die berechenbar, vereinfacht, verständlich usw. für uns ist.

Diese selbe Nöthigung besteht in der Sinnen-Aktivität, welche der Verstand unterstützt, — durchErratum:dieses
lies:durch
Nach KGW Nachberichte
Vereinfachen, Vergröbern, Unterstreichen und Ausdichten, auf dem alles „Wiedererkennen“, alles Sich-verständlich-machen-können beruht. Unsre Bedürfnisse haben unsre Sinne so präcisirt, daß die „gleiche Erscheinungswelt“ immer wieder kehrt und dadurch den Anschein der Wirklichkeit bekommen hat.

Unsre subjektive Nöthigung, an die Logik zu glauben, drückt nur aus, daß wir, längst bevor uns die Logik selber zum Bewußtsein kam, nichts gethan haben als ihre Postulate in das Geschehen hineinlegen: jetzt finden wir sie in dem Geschehen vor — wir können nicht mehr anders — und vermeinen nun, diese Nöthigung verbürge etwas über die „Wahrheit“. Wir sind es, die „das Ding“, das „gleiche Ding“, das Subjekt, das Prädikat, das Thun, das Objekt, die Substanz, die Form geschaffen haben, nachdem wir das Gleichmachen, das Grob- und Einfachmachen am längsten getrieben haben.

Die Welt erscheint uns logisch, weil wir sie erst logisirt haben

9[145]

(98)

Zum „Macchiavellismus“ der Macht.
(unbewußter Macchiavellismus)

Der Wille zur Macht erscheint

a) 

bei den Unterdrückten, bei Sklaven jeder Art als Wille zur „Freiheit“: bloß das Loskommen scheint das Ziel (moralisch-religiös: „nurErratum:vor
lies:nur
Nach KGW Nachberichte
seinem eignen Gewissen verantwortlich“ „evangelische Freiheit“ usw.)

b) 

bei einer stärkeren und zur Macht heranwachsenden Art als Wille zur Übermacht; wenn zunächst erfolglos, dann sich einschränkend auf den Willen zur „Gerechtigkeit“ d.h. zu dem gleichen Maß von Rechten, wie die andere herrschende Art sie hat. Kampf um Rechte…Erratum:hat (Kampf um Rechte…)
lies:hat. Kampf um Rechte…
Nach KGW Nachberichte

c) 

bei den Stärksten, Reichsten, Unabhängigsten, Muthigsten als „Liebe zur Menschheit“, zum „Volke“, zum Evangelium, zur Wahrheit, Gott; als Mitleid; „Selbstopferung“ usw. als Überwältigen, Mit-sich-fortreißen, in-seinen-Dienst-nehmen; als instinktives Sich-in-Eins-rechnen mit einem großen Quantum Macht, dem man Richtung zu geben vermag: der Held, der Prophet, der Cäsar, der Heiland, der Hirt (— auch die Geschlechtsliebe gehört hierher: sie will die Überwältigung, das in-Besitz-nehmen und sie erscheint als Sich-hin-geben…) im Grunde nur die Liebe zu seinem „Werkzeug“, zu seinem „Pferd“Erratum:Pferd
lies:Pferd“
Nach KGW Nachberichte
…, seine Überzeugung davon, daß ihm das und das zugehört, als Einem, der im Stande ist, es zu benutzen.

„Freiheit“, „Gerechtigkeit“ und „Liebe“!!!


Das Unvermögen zur Macht: seine Hypokrisie und Klugheit:

als Gehorsam (Einordnung, Pflicht-Stolz, Sittlichkeit…)

als Ergebung, Hingebung, Liebe (Idealisirung, Vergötterung des Befehlenden als Schadenersatz und indirekte Selbstverklärung)

als Fatalism, Resignation

als „Objektivität“

als Selbsttyrannisirung (Stoicism, Askese, „Entselbstung“, „Heiligung“)

(— überall drückt sich das Bedürfniß aus, irgend eine Macht doch noch auszuüben oder sich selbst den Anschein einer Macht zeitweilig zu schaffen (als Rausch)

als Kritik, Pessimismus, Entrüstung, Quälgeisterei

als „schöne Seele“, „Tugend“, „Selbstvergötterung“, „Abseits“, „Reinheit von der Welt“ usw. (— die Einsicht in das Unvermögen zur M<acht> sich alsErratum:als
lies:sich als
Nach KGW Nachberichte
dédain verkleidend)


Die Menschen, welche die Macht wollen um der Glücks-Vortheile willen, die die Macht gewährt (politische Parteien)

andere Menschen, welche die Macht wollen, selbst mit sichtbaren Nachtheilen und Opfern an Glück und Wohlbefinden: die Ambitiosi

andere Menschen, welche die Macht wollen, bloß weil sie sonst in andere Hände fiele, von denen sie nicht abhängig sein wollen


Zum Problem: ob die Macht im „Willen zur Macht“ bloss Mittel ist: Das Protoplasma sich etwas aneignend und anorganisirend, also sich verstärkend und Macht ausübend, um sich zu verstärken. In wiefern das Verhalten des Protoplasma beim Aneignen und Anorganisiren den Schlüssel giebt zum chemischen Verhalten zweierErratum:jener
lies:zweier
Nach KGW Nachberichte
Stoffe zu einander (Kampf und Machtfeststellung)

9[146]

(99)

Gegen Rousseau: der Mensch ist leider nicht mehr böse genug; die Gegner Rousseaus, welche sagen: „der Mensch ist ein Raubthier“ haben leider nicht Recht;Erratum:Recht:
lies:Recht;
Nach KGW Nachberichte
nicht die Verderbniß des Menschen, sondern seine Verzärtlichung und Vermoralisirung ist der Fluch; in der Sphäre, welche von Rousseau am heftigsten bekämpft wurde, war gerade die relativ noch starke und wohlgerathene Art Mensch (— die welche noch die großen Affekte ungebrochen hatte, Wille zur Macht, Wille zum Genuß, WilleErratum:Willen
lies:Wille
Nach KGW Nachberichte
und Vermögen zu commandiren) Man muß den Menschen des 18. Jahrhunderts mit dem Menschen der Renaissance vergleichen (auch dem des 17. Jahrhunderts in Frankreich), um zu spüren, worum es sich handelt: Rousseau ist ein Symptom der Selbstverachtung und der erhitzten Eitelkeit — beides Anzeichen, daß es am dominirenden Willen fehlt: er moralisirt und sucht die Ursache seiner Miserabilität als Rancüne-Mensch in den herrschenden Ständen.

9[147]

(100)

Mit welchen Mitteln eine Tugend zur Macht kommt?

Genau mit den Mitteln einer politischen Partei: Verleumdung, Verdächtigung, Unterminirung der entgegenstrebenden Tugenden, die schon in der Macht sind, Umtaufung ihres Namens, systematische Verfolgung und Verhöhnung: Also:Erratum:Also
lies:Also:
Nach KGW Nachberichte
durch lauter „Immoralitäten“.

Was eine Begierde mit sich selber macht, um zur Tugend zu werden? die Umtaufung; die principielle Verleugnung ihrer Absichten; die Übung imErratum:in
lies:im
Nach KGW Nachberichte
Sich-Mißverstehn; die Alliance mit bestehenden und anerkannten Tugenden; die affichirte Feindschaft gegen deren Gegner. Womöglich den Schutz heiligender Mächte erkaufen; berauschen, begeistern, die Tartüfferie des Idealismus; eine Partei gewinnen, die entweder mit ihr obenauf kommt oder zu Grunde geht…, unbewußt, naiv werden…

9[148]

<(101)>

Metamorphosen-Lehre.Erratum:Metamorphosen-Lehre:
lies:Metamorphosen-Lehre.
Nach KGW Nachberichte

Metamorphosen 

der Geschlechtlichkeit

der Grausamkeit

der Feigheit

der Rachsucht, Zorn

der Faulheit

der Herrschsucht

der Tollkühnheit

der Lüge, des Neid<s>

der Verleumdung

der Habsucht

des Haß<es>

Das, was eine Zeit verachtet oder haßt als die rudimentären Tugenden, als Überbleibsel vom Ideal einer früheren Zeit, aber in der Form der Verkümmerung („der Verbrecher“…)

9[149]

(102)

Wie man es macht, um lebensfeindliche Tendenzen zu Ehren zu bringen?

z.B. 

die Keuschheit

die Armut und Bettelei

die Dummheit und Unkultur

die Selbstverachtung

die Daseins-Verachtung


9[150]

(103)

Zur Optik der Werthschätzung:

Einfluß der 

Quantität (groß, klein) des Zweckes.

Einfluß der 

Geistigkeit in den MittelnErratum:Mitteln
lies:Mitteln
Nach KGW Nachberichte
.

Einfluß der 

Manieren in der Aktion.

Einfluß des 

Gelingens oder Mißlingens

Einfluß der 

gegnerischen Kräfte und deren Werth

Einfluß des 

Erlaubten und Verbotenen

Die Quantität im Ziele in ihrer Wirkung auf die Optik der Werthschätzung: der große Verbrecher und der kleine. Die Quantität im Ziele des Gewollten entscheidet auch bei dem Wollenden selbst, ob er vor sich dabei Achtung hat oder kleinmüthig und miserabel empfindet.

— Sodann der Grad der Geistigkeit in den Mitteln in ihrer Wirkung auf die Optik der Werthschätzung. Wie anders nimmt sich der philosophische Neuerer Versucher und Gewaltmensch aus gegen den Räuber, Barbaren und Abenteurer! — Anschein des „Uneigennützigen“.

Endlich vornehme Manieren, Haltung, Tapferkeit, Selbstvertrauen — wie verändern sie die Werthung dessen, was auf diese Art erreicht wird!

Wirkung des Verbots: jede Macht, die verbietet, die Furcht zu erregen weiß bei dem, dem etwas verboten wird, erzeugt das „schlechte Gewissen“ (d.h. die Begierde nach etwas mit dem Bewußtsein der Gefährlichkeit ihrer Befriedigung, mit der Nöthigung zur Heimlichkeit, zum Schleichweg, zur Vorsicht; jedes Verbot verschlechtert den Charakter bei denen, die sich ihm nicht willentlich unterwerfen, sondern nur gezwungen)

9[151]

(104)

Der Wille zur Macht kann sich nur an Widerständen äußern; er sucht alsoErratum:sucht
lies:sucht also
Nach KGW Nachberichte
nach dem, was ihm widersteht, — dies die ursprüngliche Tendenz des Protoplasma, wenn es Pseudopodien ausschickt und um sich tastet. Die Aneignung und Einverleibung ist vor allem ein Überwältigen-wollen, ein Formen u<nd>Erratum:Formen,
lies:Formen u<nd>
Nach KGW Nachberichte
An- und Umbilden, bis endlich das Überwältigte ganz in die Macht des Angreifers übergegangen ist u<nd>Erratum:und
lies:u<nd>
Nach KGW Nachberichte
denselben vermehrt hat. — Gelingt diese Einverleibung nicht, so zerfällt wohl das Gebilde; und die Zweiheit erscheint als Folge des Willens zur Macht: um nicht fahren zu lassen, was erobert ist, tritt der Wille zur Macht in zwei Willen auseinander (unter Umständen ohne seine Verbindung unter einander völlig aufzugeben)

„Hunger“ ist nur eine engere Anpassung, nachdem der Grundtrieb nach Macht geistigere Gestalt gewonnen hat.

9[152]

Die moralische Präoccupation stellt einen Geist tief in der Rangordnung: damit fehlt ihm der Instinkt des Sonder-rechtsErratum:Sonderrechts
lies:Sonder-rechts
Nach KGW Nachberichte
, des a parte, das Freiheits-Gefühl der schöpferischen Naturen, der „Kinder Gottes“ (oder des Teufels —) Und gleichgültig, ob er herrschende Moral predigt oder sein Ideal zur Kritik der herrschenden Moral anlegt: er gehört damit zur Heerde — und sei es auch als deren oberster Nothbedarf, als „Hirt“…

9[153]

(105)

Die Starken der Zukunft.

Was theils die Noth, theils der Zufall hier und da erreicht hat, die Bedingungen zur Hervorbringung einer stärkeren Art: das können wir jetzt begreifen und wissentlich wollen: wir können die Bedingungen schaffen, unter denen eine solche Erhöhung möglich ist.

Bis jetzt hatte die „Erziehung“ den Nutzen der Gesellschaft im Auge: nicht den möglichsten Nutzen der Zukunft, sondern den Nutzen der gerade bestehenden Gesellschaft. „Werkzeuge“ für sie wollte man. Gesetzt, der Reichthum an Kraft wäre größer, so ließe sich ein Abzug von Kräften denken, dessen Ziel nicht dem Nutzen der Gesellschaft gälte, sondern einem zukünftigen Nutzen,

— Eine solche Aufgabe wäre zu stellen, je mehr man begriffe, in wiefern die gegenwärtige Form der Gesellschaft in einer starken Verwandlung wäre, um irgendwann einmal nicht mehr um ihrer selber willen existiren zu können: sondern nur noch als Mittel in den Händen einer stärkeren Rasse.

Die zunehmende Verkleinerung des Menschen ist gerade die treibende Kraft, um an die Züchtung einer stärkeren Rasse zu denken: welche gerade ihren Überschuß darin hätte, worin die verkleinerte species schwach und schwächer würde (Wille, Verantwortlichkeit, Selbstgewißheit, Ziele-sich-setzen-können)

Die Mittel wären die, welche die Geschichte lehrt: die Isolation durch umgekehrte Erhaltungs-Interessen als die durchschnittlichen heute sind; die Einübung in umgekehrteErratum:umgekehrten
lies:umgekehrte
Nach KGW Nachberichte
Werthschätzungen; die Distanz als Pathos; das freie Gewissen im heute Unterschätztesten und Verbotensten.

Die Ausgleichung des europäischen Menschen ist der große Prozeß, der nicht zu hemmen ist: man sollte ihn noch beschleunigen.

Die Nothwendigkeit für eine Kluftaufreißung, Distanz, Rangordnung ist damit gegeben: nicht, die Nothwendigkeit, jenen Prozeß zu verlangsamen

Diese ausgeglichene Species bedarf einer Rechtfertigung, sobald sie erreicht ist: sie liegt im Dienste einer höheren, souveränen Art, welche auf ihr steht und erst auf ihr sich zu ihrer Aufgabe erheben kann.

Nicht nur eine Herren-Rasse, deren Aufgabe sich damit erschöpfte, zu regieren; sondern eine Rasse mit eigener Lebenssphäre, mit einem Überschuß von Kraft für Schönheit, Tapferkeit, Cultur, Manier bis ins Geistigste; eine bejahende Rasse, welche sich jeden großen Luxus gönnen darf…, stark genug, um die Tyrannei des Tugend-Imperativs nicht nöthig zu haben, reich genug, um die Sparsamkeit und Pedanterie nicht nöthig zu haben, jenseits von gut und böse; ein Treibhaus für sonderbare und ausgesuchte Pflanzen.

9[154]

(106)

Der Mensch ist das Unthier und Überthier; der höhere Mensch ist der Unmensch und Übermensch: so gehört es zusammen. Mit jedem Wachsthum des Menschen in die Größe und Höhe wächst er auch in das Tiefe und Furchtbare: man soll das Eine nicht wollen, ohne das andere — oder vielmehr: je gründlicher man das Eine will, um so gründlicher erreicht man gerade das Andere.

9[155]

(107)

Die Tugend findet jetzt keinen Glauben mehr, ihre Anziehungskraft ist dahin; es müßte sie denn Einer etwa als eine ungewöhnliche Form des Abenteuers und der Ausschweifung von Neuem auf den Markt zu bringen verstehn. Sie verlangt zu viel Extravaganz und Bornirtheit von ihren Gläubigen, als daß sie heute nicht das Gewissen gegen sich hätte. Freilich, für Gewissenlose und gänzlich Unbedenkliche mag eben das ihr neuer Zauber sein — sie ist nunmehr, was sie bisher noch niemals gewesen ist, ein Laster.

9[156]

(108)

Fälschung in der Psychologie

Die großen Verbrechen in der Psychologie:

1) daß alle Unlust, alles Unglück, mit dem Unrecht (der Schuld) gefälscht worden ist (man hat dem Schmerz die Unschuld genommen)

2) daß alle starken Lustgefühle (Übermuth, Wollust, Triumph, Stolz, Verwegenheit, Erkenntniß, Selbstgewißheit und Glück an sich) als sündlich, als Verführung, als verdächtig gebrandmarkt worden sind.

3) daß die Schwächegefühle, die innerlichsten Feigheiten, der Mangel an Muth zu sich selbst mit heiligenden Namen belegt und als wünschenswerth im höchsten Sinn gelehrt worden sind.

4) daß alles Große am Menschen umgedeutet worden ist als Entselbstung, als Sich-opfern für etwas Anderes, für Andere; daß selbst am Erkennenden, selbst am Künstler die Entpersönlichung als die Ursache seines höchsten Erkennens und Könnens vorgespiegelt worden ist.

5) daß die Liebe gefälscht worden ist als Hingebung (und Altruism), während sie ein Hinzu-Nehmen ist oder ein Abgeben in Folge eines Überreichthums von Persönlichkeit. Nur die ganzesten Personen können lieben; die Entpersönlichten, die „Objektiven“ sind die schlechtenErratum:schlechtesten
lies:schlechten
Nach KGW Nachberichte
Liebhaber (— man frage die Weibchen!). Das gilt auch von der Liebe zu Gott, oder zum „Vaterland“: man muß fest auf sich selber sitzen,

Der Egoismus als die Ver-Ichlichung, der Altruismus als die Ver-ÄnderungErratum:Ver-Änderung
lies:Ver-Änderung
Nach KGW Nachberichte

6) das Leben als Strafe, das Glück als Versuchung; die Leidenschaften als teuflisch, das Vertrauen zu sich als gottlos

NB Diese ganze Psychologie ist eine Psychologie der Verhinderung, eine Art Vermauerung aus Furcht; einmal will sich die große Menge (die Schlechtweggekommenen und Mittelmäßigen) damit wehren gegen die Stärkeren (— und sie in der Entwicklung zerstören…), andererseits alle die Triebe, mit denen sie selbst am besten gedeiht, heiligen und allein in Ehren gehalten wissen. Vergl. die jüdische Priesterschaft.

9[157]

(109)

I. Die principielle Fälschung der Geschichte, damit sie den Beweis für die moralische Werthung abgiebt.

a) Niedergang eines Volkes und die Corruption

b) Aufschwung eines Volkes und die Tugend

c) Höhepunkt eines Volkes („seine Cultur“) als Folge der moralischen Höhe


II. Die principielle Fälschung der großen Menschen, der großen Schaffenden, der großen Zeiten

a) man will, daß der Glaube das Auszeichnende der Großen ist: aber die Unbedenklichkeit, die Skepsis, die Erlaubniß sich eines Glaubens entschlagen zu können, die „Unmoralität“ gehört zur Größe (Caesar, Friedrich der Große, Napoleon, aber auch Homer, Aristophanes, Lionardo, Goethe — man unterschlägt immer die Hauptsache, ihre „Freiheit des Willens“ —)

9[158]

Wogegen ich kämpfe: daß eine Ausnahme-Art der Regel den Krieg macht, statt zu begreifen, daß die Fortexistenz der Regel die Voraussetzung für den Werth der AusnahmeErratum:Werth der Ausnahme
lies:Werth der Ausnahme
Nach KGW Nachberichte
ist. Z.B. die Frauenzimmer, welche, statt die Auszeichnung ihrer abnormen Bedürfnisse zu empfinden, die Stellung des Weibes überhaupt verrücken möchten…

9[159]

(110)

Wessen Wille zur Macht ist die Moral?

Das Gemeinsame in der Geschichte Europas seit Sokrates ist der Versuch, die moralischen Werthe zur Herrschaft über alle anderen Werthe zu bringen: so daß sie nicht nur Führer und Richter des Lebens sein sollen, sondern auch

1. der Erkenntniß

2. der Künste

3. der staatlichen und gesellschaftlichen Bestrebungen

„besser-werden“ als einzige Aufgabe, alles Übrige dazu Mittel (oder Störung, Hemmung, Gefahr: folglich bis zur Vernichtung zu bekämpfen…)

Eine ähnliche Bewegung in China

Eine ähnliche Bewegung in Indien.

Was bedeutet dieser Wille zur Macht seitens der moralischen WertheErratum:Mächte
lies:Werthe
Nach KGW Nachberichte
, der in dreiErratum:den
lies:drei
Nach KGW Nachberichte
ungeheuren Entwicklungen sich bisher auf der Erde abgespielt hat?

Antwort:drei Mächte sind hinter ihm versteckt: 1) der Instinkt der Heerde gegen die Starken Unabhängigen 2) der Instinkt der Leidenden und Schlechtweggekommenen gegen die Glücklichen 3) der Instinkt der Mittelmäßigen gegen die Ausnahmen. — Ungeheurer Vortheil dieser Bewegung, wie viel Grausamkeit, Falschheit und Bornirtheit auch in ihr mitgeholfen hat: (denn die Geschichte vom Kampf der Moral mit den Grundinstinkten des Lebens ist selbst die größte Immoralität, die bisher auf Erden dagewesen ist…)

9[160]

(111)

Die moralischen Werthe in der Theorie der Erkenntniß selbst

das Vertrauen zur Vernunft — warum nicht Mißtrauen?

die „wahre Welt“ soll die gute sein — warum?

die Scheinbarkeit, der Wechsel, der Widerspruch, der Kampf als unmoralisch abgeschätzt: Verlangen in eine Welt, wo dies Alles fehlt.

die transscendenteErratum:transcendente
lies:transscendente
Nach KGW Nachberichte
Welt erfunden, damit ein Platz bleibt für „moralische Freiheit“ (bei Kant)

die Dialektik als der Weg zur Tugend (bei Plato und Sokrates: augenscheinlich, weil die Sophistik als Weg zur Unmoralität galt

Zeit und Raum ideal: folglich „Einheit“ im Wesen der Dinge, folglich keine „Sünde“, kein Übel, keine Unvollkommenheit, — eine Rechtfertigung Gottes.

Epikur leugnet die Möglichkeit der Erkenntniß: um die moralischen (resp. hedonistischen) Werthe als die obersten zu behalten. Dasselbe thut Augustin; später Pascal („die verdorbene Vernunft“) zu Gunsten der christlichen Werthe.

die Verachtung des Descartes gegen alles Wechselnde; insgleichen die des Spinoza.

9[161]

(112)

die moral<ischen> Werthe in ihrer Herrschaft über die ästhetischen (oder Vorrang oder Gegensatz und Todfeindschaft gegen sie)

9[162]

(113)

Ursachen für die Heraufkunft des Pessimismus

1) 

daß die mächtigsten und zukunftsvollsten Triebe des Lebens bisher verleumdet sind, so daß das Leben einen Fluch über sich hat

2) 

daß die wachsende Tapferkeit und Redlichkeit und das kühnere Mißtrauen des Menschen die Unablösbarkeit dieser Instinkte vom Leben begreift und dem Leben sich entgegenwendet

3) 

daß nur die Mittelmäßigsten, die jenen Conflikt gar nicht fühlen, gedeihen, die höhere Art mißräth und als Gebilde der Entartung gegen sich einnimmt, — daß, andererseits, das Mittelmäßige, sich als Ziel und Sinn gebend, indignirt (— daß Niemand ein Wozu? mehr beantworten kann: —)

4) 

daß die Verkleinerung, die SchmerzfähigkeitErratum:Schmerzhaftigkeit
lies:Schmerzfähigkeit
Nach KGW Nachberichte
, die Unruhe, die Hast, das Gewimmel beständig zunimmt, — daß die Vergegenwärtigung dieses ganzen Treibens „die sog<enannte> Civilisation“Erratum:und der sogenannten „Civilisation“
lies:„die sog<enannte> Civilisation“
Nach KGW Nachberichte
immer leichter wird, daß der Einzelne Angesichts dieser ungeheuren Maschinerie verzagt und sich unterwirft.

9[163]

(114)

Die großen Fälschungen unter der Herrschaft der moralischen Werthe.

1) 

in der Geschichte (Politik eingerechnet)

2) 

in der Erkenntnißtheorie

3) 

in der Beurtheilung von Kunst und Künstlern

4) 

in der Werthabschätzung von Mensch und Handlung (von Volk und Rasse)

5) 

in der Psychologie

6) 

im Bau der Philosophien („sittliche Weltordnung“ und dergleichen)

7) 

in der Physiologie, Entwicklungslehre („Vervollkommnung“ „Socialisirung“ „Selektion“)

9[164]

Der Wille zur Macht.
Versuch einer Umwerthung aller Werthe.
Erstes Buch:
der Nihilismus
als Schlußfolgerung der höchsten bisherigen Werthe.
Zweites Buch:
Kritik der höchsten bisherigen Werthe,
Einsicht in das, was durch sie Ja und Nein sagte.
Drittes Buch:
Die Selbstüberwindung des Nihilismus,
Versuch, Ja zu sagen zu Allem, was bisher verneint wurde.
Viertes Buch:
Die Überwinder und die Überwundenen.
Eine Wahrsagung.

9[165]

(115)

Die Zuchtlosigkeit des modernen Geistes unter allerhand moral<ischem> Aufputz:

Die Prunkworte sind:

die Toleranz (für „Unfähigkeit zu Ja und Nein“)

la largeur de sympathie = ein Drittel Indifferenz, ein Drittel Neugierde, ein Drittel krankhafte Erregbarkeit

die „Objektivität“Erratum:Objektivität
lies:„Objektivität“
Nach KGW Nachberichte
= Mangel an Person, Mangel an Willen, Unfähigkeit zur Liebe

die „Freiheit“ gegen die Regel (Romantik)

die „Wahrheit“ gegen die Fälscherei und Lügnerei (naturalisme)

die „Wissenschaftlichkeit“ (das „document humain“), auf deutsch der Colportage-Roman und die Addition statt der Composition

die „Leidenschaft“ an Stelle der Unordnung und der Unmäßigkeit

die „Tiefe“ an Stelle der Verworrenheit, des Symbolen-Wirrwarrs

Zur „Modernität“

a) 

die Zuchtlosigkeit des Geistes

b) 

die Schauspielerei

c) 

die krankhafte Irritabilität (das milieu als „Fatum“)

d) 

die Buntheit

e) 

die Überarbeitung

Die günstigsten Hemmungen und Remeduren der „Modernität“

1. 

die allgemeine Wehrpflicht mit wirklichen Kriegen, bei denen der Spaaß aufhört

2. 

die nationale Bornirtheit (vereinfachend, concentrirend, allerdings einstweilen auch durch Überarbeitung ausdrückend und erschöpfend)

3. 

die verbesserte Ernährung (Fleisch)

4. 

die zunehmende Reinlichkeit und Gesundheit der Wohnstätten

5. 

die Vorherrschaft der Physiologie über Theologen, Moralisten, Oekonomen u<nd> PolitikerErratum:Theologie, Moralistik, Ökonomie und Politik
lies:Theologen, Moralisten, Oekonomen u<nd> Politiker
Nach KGW Nachberichte

6. 

die militärische Strenge in der Forderung und Handhabung seiner „Schuldigkeit“ (man lobt nicht mehr…)

9[166]

(116)

Aesthetica.

Um Classiker zu sein, muß man

alle starken, anscheinend widerspruchsvollen Gaben und Begierden haben: aber so daß sie mit einander unter Einem Joche gehn

zur rechten Zeit kommen, um ein Genus von Litteratur oder Kunst oder Politik auf seine Höhe und Spitze zu bringen (: nicht nachdem dies schon geschehn ist…)

einen GesammtzustandErratum:Gesamtzustand
lies:Gesammtzustand
Nach KGW Nachberichte
(sei es Volk, sei es eine Cultur) in seiner tiefsten und innersten Seele widerspiegeln, zu einer Zeit, wo er noch besteht und noch nicht überfärbt ist von der Nachahmung des Fremden (oder noch abhängig ist…)

kein reaktiver, sondern ein schließender und vorwärts führender Geist, Ja sagend in allen Fällen, selbst mit seinem Haß

„Es gehört dazu nicht der höchste persönliche Werth?“… Vielleicht zu erwägen, ob die moral<ischen> Vorurtheile hier nicht ihr Spiel spielen, und ob große moralische Höhe nicht vielleicht an sich ein Widerspruch gegen das Classische ist?…

die Musik „mediterranisiren“: das ist meine Losung…

Ob nicht die moralischen Monstra nothwendig Romantiker sein müssen, in Wort und That?… Ein solches Übergewicht Eines Zuges über die anderen (wie beim moral<ischen> Monstrum) steht eben der klassischen Macht im Gleichgewicht feindlich entgegen: gesetzt, man hätte diese Höhe, und wäre trotzdem Classiker, so dürfte dreist geschlossen werden, man besitze auch die Immoralität auf gleicher Höhe: dies vielleicht der Fall Shakespeare (gesetzt, daß esErratum:er
lies:es
Nach KGW Nachberichte
wirklich Lord Bacon ist: — — —

9[167]

(117)

Das Übergewicht der Händler und Zwischenpersonen, auch im Geistigsten

der 

Litterat

der 

„Vertreter“

der 

der Historiker (als Verquicker des Vergangenen und des Gegenwärtigen)

die 

ExotikerErratum:Exoteriker
lies:Exotiker
Nach KGW Nachberichte
und Kosmopoliten

die 

Zwischenpersonen zwischen Naturwissenschaft und Philosophie

die 

die Semi-Theologen.

9[168]

(118)

Zur CharacteristikErratum:Charakteristik
lies:Characteristik
Nach KGW Nachberichte
der „Modernität“.

überreichliche Entwicklung der Zwischengebilde

Verkümmerung der Typen

Abbruch der Traditionen, Schulen,

die Überherrschaft der Instinkte (nach eingetretener Schwächung der Willenskraft, des Wollens von Zweck und Mittel…) (philosophisch vorbereitet: das Unbewußte mehr werth)

9[169]

(119)

Schopenhauer als Nachschlag : Zustand vor der Revolution.

..Mitleid, Sinnlichkeit, Kunst, Schwäche des Willens, Katholicismus der geistigsten Begierden — das ist gutes 18. Jahrhundert au fond. Schopenhauers Grundmißverständniß des Willens (wie als ob Begierde, Instinkt, Trieb das Wesentliche am Willen sei) ist typisch: WerthermüdungErratum:Wertherniedrigung
lies:Werthermüdung
Nach KGW Nachberichte
des Willens bis zur Verkümmerung. Insgleichen Haß gegen das Wollen; Versuch, in dem Nicht-mehr-wollen, im „Subjekt sein ohne Ziel und Absicht“ („im reinen willensfreien Subjekt“) etwas Höheres, ja das Höhere, das Werthvolle zu sehen. Großes Symptom der Ermüdung, oder der Schwäche des Willens: denn dieser ist ganz eigentlich das, was die Begierde als Herr behandelt, ihr Weg und Maaß weist…

9[170]

(120)

Aesthetica.

die moderne Falschmünzerei in den Künsten: begriffen als nothwendig, nämlich dem eigentlichsten Bedürfniß der modernen Seele gemäß

man stopft die Lücken der Begabung, noch mehr die Lücken der Erziehung, der Tradition, der Schulung aus

erstens: man sucht sich ein weniger artistisches Publikum, welches unbedingt ist in seiner Liebe (— und alsbald vor der Person niederkniet…) Dazu dient die Superstition unseres Jahrhunderts, der Aberglaube vom „Genie“Erratum:Genie
lies:„Genie“
Nach KGW Nachberichte

zweitens: man haranguirt die dunklen Instinkte der Unbefriedigten, Ehrgeizigen, Sich-selbst-Verhüllten eines demokratischen Zeitalters: Wichtigkeit der Attitüde

drittens: man nimmt die Prozeduren der einen Kunst in die andere, vermischt die Absichten der Kunst mit denen der Erkenntniß oder der Kirche oder des Rassen-Interesses („Nationalismus“Erratum:Nationalismus
lies:„Nationalismus“
Nach KGW Nachberichte
) oder der Philosophie — man schlägt an alle Glocken auf einmal und erregt den dunklen Verdacht, daß man ein „Gott“ sei

viertens: man schmeichelt dem Weibe, den Leidenden, den Empörten; man bringt auch in der Kunst narcotica und opiatica zum Übergewicht. Man kitzelt die „Gebildeten“, die Leser von Dichtern und alten Geschichten

9[171]

(121)

NB.Erratum:NB.
lies:NB.
Nach KGW Nachberichte
Die Scheidung in „Publikum“ und „Coenakel“: im ersten muß man heute Charlatan sein, im zweiten will man Virtuose sein und nichts weiter! Übergreifend über diese Scheidung,Erratum:Scheidung
lies:Scheidung,
Nach KGW Nachberichte
unsere spezifischen „Genies“ des Jahrhunderts, groß für Beides; große Charlatanerie Victor Hugo’s und R. Wagners, aber gepaart mit so viel ächtem Virtuosenthum, daß sie auch den Raffinirtesten im Sinne der Kunst selbst genug thatenErratum:thäten
lies:thaten
Nach KGW Nachberichte

Daher der Mangel an Größe 1) sie haben eine wechselnde Optik, bald in Hinsicht auf die gröbsten Bedürfnisse, bald in Hinsicht auf die raffinirtesten

9[172]

(122)

Auf Fort Gonzaga, außerhalb von Messina.

Zur Vorrede. Zustand tiefster Besinnung. Alles gethan, um mich fern zu stellen; weder durch Liebe, noch durch Haß mehr gebunden. Wie an einer alten Festung. Spuren von Kriegen;Erratum:Kriegen:
lies:Kriegen;
Nach KGW Nachberichte
auch von Erdbeben. Vergessen

9[173]

(123)

Die Moral in der Werthung von Rassen und Ständen.

In Anbetracht, daß Affekte und Grundtriebe bei jeder Rasse und bei jedem Stande etwas von ihren Existenzbedingungen ausdrücken (— zum Mindesten von den Bedingungen, unter denen sie die längste Zeit sich durchgesetzt haben:)

: heißt verlangen, daß sie „tugendhaft“ sind: daß sie ihren Charakter wechseln, aus der Haut fahren und ihre Vergangenheit auswischen.Erratum:auswischen
lies:auswischen.
Nach KGW Nachberichte

: heißt, daß sie aufhören sollen, sich zu unterscheiden

: heißt, daß sie in Bedürfnissen und Ansprüchen sich anähnlichen sollen — deutlicher: daß sie zu Grunde gehen…

Der Wille zu Einer Moral erweist sich somit als die Tyrannei jener Art, der diese Eine Moral auf den Leib geschnitten ist, über andere Art<en>: es ist die Vernichtung oder die Uniformirung zu Gunsten der HerrschendenErratum:herrschenden
lies:Herrschenden
Nach KGW Nachberichte
(sei es, um ihr nicht mehr furchtbar zu sein, sei es, um von ihr ausgenutzt zu werden)

„Aufhebung der Sklaverei“ — angeblich ein Tribut an die „Menschenwürde“, in Wahrheit eine Vernichtung einer grundverschiedenen species (— Untergrabung ihrer Werthe und ihres Glücks —)

Worin eine gegnerische Rasse oder ein gegnerischer Stand seine Stärke hat, das wird ihm als sein Bösestes, Schlimmstes ausgelegt: denn damit schadet er uns (— seine „Tugenden“ werden verleumdet und umgetauft)

Es gilt als Einwand gegen Mensch und Volk, wenn er uns schadet: aber von seinem Gesichtspunkt aus sind wir ihm erwünscht, weil wir solche sind, an denen man sich nützen kann.

Die Forderung der „Vermenschlichung“ (welche ganz naiv sich im Besitz der Formel „was ist menschlich?“ glaubt) ist eine Tartüfferie, unter der sich eine ganz bestimmte Art Mensch zur Herrschaft zu bringen sucht: genauer, ein ganz bestimmter Instinkt, der Heerdeninstinkt.

„Gleichheit der Menschen“: was sich verbirgt unter der Tendenz, immer mehr Menschen als Menschen gleich zu setzen.

Die „Interessirtheit“ in Hinsicht auf die gemeine Moral (Kunstgriff: die großen Begierden Herrschsucht und Habsucht zu Protectoren der Tugend zu machen)

In wiefern alle Art Geschäftsmänner und Habsüchtige, alles, was Credit geben und in Anspruch nehmen muß, es nöthig hat, auf gleichen Charakter und gleichen Werthbegriff zu dringen: der Welthandel und -Austausch jeder Art erzwingt und kauft sich gleichsam die Tugend.

Insgleichen der Staat und jede Art Herrschsucht in Hinsicht auf Beamte und Soldaten; insgleichen die Wissenschaft, um mit Vertrauen und Sparsamkeit der KraftErratum:Kräfte
lies:Kraft
Nach KGW Nachberichte
zu arbeiten

Insgleichen die Priesterschaft:Erratum:Priesterschaft.
lies:Priesterschaft:
Nach KGW Nachberichte

— Hier wird also die gemeine Moral erzwungen, weil mit ihr ein Vortheil errungen wird; und um sie zum Sieg zu bringen, wird Krieg und Gewalt geübt gegen die Unmoralität — nach welchem „Rechte“? Nach gar keinem Rechte: sondern gemäß dem Selbsterhaltungsinstinkt. Dieselben Classen bedienen sich der Immoralität, wo sie ihnen nützt.

9[174]

(124)

die Vermehrung der Kraft trotz des zeitweiligen Niedergehens des Individuums

— 

ein neues Niveau zu begründen

— 

eine Methodik der Sammlung von Kräften, vonErratum:zur
lies:von
Nach KGW Nachberichte
Erhaltung kleiner Leistungen, im Gegensatz zu unökonomischer Verschwendung

— 

die zerstörende Natur einstweilen unterjocht zum Werkzeug dieser Zukunfts-Oekonomik

— 

die Erhaltung der Schwachen, weil eine ungeheure Masse kleiner Arbeit gethan werden muß

— 

die Erhaltung einer Gesinnung, bei der Schwachen und Leidenden die Existenz noch möglich ist

— 

die Solidarität als Instinkt zu pflanzen gegen den Instinkt der Furcht und der Servilität

— 

der Kampf mit dem Zufall, auch mit dem Zufall des „großen Menschen“

9[175]

(125)

Das Patronat der Tugend.

Habsucht

Herrschsucht

Faulheit

Einfalt

Furcht

 
 
 
 
 

alle haben ein Interesse an der Sache der Tugend: darum steht sie so fest.

9[176]

<(126)>

Spinoza, von dem Goethe sagte „ich fühle mich ihm sehr nahe, obgleich sein Geist viel tiefer und reiner ist als der meinige“, — den er gelegentlich seinen Heiligen nennt.

9[177]

(127)

Den ganzen Umkreis der modernen Seele umlaufen, in jedem ihrer Winkel gesessen zu haben — mein Ehrgeiz, meine Tortur und mein Glück

Wirklich den Pessimismus überwinden —; ein GoethescherErratum:Goethischer
lies:Goethescher
Nach KGW Nachberichte
Blick voll Liebe und gutem Willen als Resultat.

NB. Mein Werk soll enthalten ein GesammturtheilErratum:einen Gesamtüberblick
lies:ein Gesammturtheil
Nach KGW Nachberichte
über unser Jahrhundert, über die ganze Modernität, über die erreichte „Civilisation“

9[178]

(128)

Die drei Jahrhunderte.

Ihre verschiedene SensibilitätErratum:Sensibilität
lies:Sensibilität
Nach KGW Nachberichte
drückt sich am besten so aus:

Aristokratism Descartes,

Herrschaft der Vernunft, Zeugniß von der Souverainetät des Willens

Feminism Rousseau,

Herrschaft des Gefühls, Zeugniß von der Souverainetät der Sinne (verlogen)

Animalism Schopenhauer,

Herrschaft der Begierde, Zeugniß von der Souverainetät der Animalität (redlicher, aber düster)


Das 17. Jahrhundert ist aristokratisch, ordnend, hochmüthig gegen das Animalische, streng gegen das Herz, „ungemüthlich“, sogar ohne Gemüth, „undeutsch“, dem Burlesken und dem Natürlichen abhold, generalisirend und souverain gegen Vergangenheit: denn es glaubt an sich. Viel Raubthier au fond, viel asketische Gewöhnung, um Herr zu bleiben. Das willensstarkeErratum:willensstarke
lies:willensstarke
Nach KGW Nachberichte
Jahrhundert; auch das der starken Leidenschaft.


Das 18. Jahrhundert ist vom Weibe beherrscht, schwärmerisch, geistreich, flach, aber mit einem Geiste im Dienste der Wünschbarkeit, des Herzens, libertin im Genusse des Geistigsten, alle Autoritäten unterminirend; berauscht, heiter, klar, human, falsch vor sich, viel Canaille au fond, gesellschaftlich…


Das 19. Jahrhundert ist animalischer, unterirdischer, häßlicher, realistischer, pöbelhafter, und ebendeshalb „besser“ „ehrlicher“, vor der „Wirklichkeit“ jeder Art unterwürfiger, wahrer, es ist kein Zweifel: natürlicher; aber willensschwach, aber traurig und dunkel-begehrlich, aber fatalistisch. Weder vor der „Vernunft“, noch vor dem „Herzen“ in Scheu und Hochachtung; tief überzeugt von der Herrschaft der Begierde (Schopenhauer sagte „Wille“; aber nichts ist charakteristischer für seine Philosophie, als daß der „Wille“Erratum:Wille
lies:„Wille“
Nach KGW Nachberichte
in ihr fehlt, die absurdeErratum:absolute
lies:absurde
Nach KGW Nachberichte
Verleugnung des eigentlichen Wollens) Selbst die Moral auf einen Instinkt reduzirt („Mitleid“)


A. Comte ist Fortsetzung des 18. Jahrhunderts (Herrschaft von coeur über la tête, Sensualism in der Erkenntnißtheorie, altruistische Schwärmerei)


Daß die Wissenschaft in dem Grade souverain geworden ist, das beweist, wie das 19. Jahrhundert sich von der Domination der Ideale losgemacht hat. Eine gewisse „Bedürfnißlosigkeit“ im Wünschen ermöglicht uns erst unsere wissenschaftliche Neugierde und Strenge — diese unsre Art Tugend…


Die Romantik ist Nachschlag des 18. Jahrhunderts; eine Art aufgethürmtes Verlangen nach dessen Schwärmerei großen Stils (— thatsächlich ein gut Stück Schauspielerei und Selbstbetrügerei: man wollte die starke Natur, die große Leidenschaft darstellen)


Das neunzehnte Jahrhundert sucht instinktiv nach Theorien, mit denen es seine fatalistische Unterwerfung unter das Thatsächliche gerechtfertigt fühlt. Schon Hegels Erfolg gegen die „Empfindsamkeit“ und den romantischen Idealismus lag im Fatalistischen seiner Denkweise, in seinem Glauben an die größere Vernunft auf Seiten des Siegreichen, in seiner Rechtfertigung des wirklichen „Staates“ (an Stelle von „Menschheit“ usw.) Schopenhauer: wir sind etwas Dummes und, besten Falls, sogar etwas Sich-selbst-aufhebendes. Erfolg des Determinismus, der genealogischen Ableitung der früher als absolut geltenden Verbindlichkeiten, die Lehre vom milieu und der Anpassung, die Reduktion des Willens auf Reflexbewegungen, die Leugnung des Willens als „wirkende Ursache“; endlich — eine wirkliche Umtaufung: man sieht so wenig Wille, daß das Wort frei wird, um etwas Anderes zu bezeichnen.

Weitere Theorien: die Lehre von der objektiven, „willenslosen“ Betrachtung, als einzigen WegsErratum:einzigem Wege
lies:einzigen Wegs
Nach KGW Nachberichte
zur Wahrheit; auch zur Schönheit; der Mechanismus, die ausrechenbare Starrheit des mechanischen Prozesses; der angebliche „naturalisme“,Erratum:naturalisme“.
lies:naturalisme“,
Nach KGW Nachberichte
Elimination des wählenden richtenden, interpretirenden Subjekts als Princip — Auch der Glaube an das „Genie“, um ein Recht auf Unterwerfung zu haben

Kant, mit seiner „praktischen Vernunft“, mit seinem Moral-Fanatism ist ganz 18. Jahrhundert; noch völlig außerhalb der historischen Bewegung; ohne jeden Blick für die Wirklichkeit seiner Zeit z.B. Revolution; unberührt von der griechischen Philosophie; Phantast des Pflichtbegriffs; Sensualist;Erratum:Sensualist,
lies:Sensualist;
Nach KGW Nachberichte
mit dem Hinterhang der dogmatischen Verwöhnung — die Rückbewegung auf Kant in unserem Jahrhundert ist eine Rückbewegung zum 18. Jahrhundert: man will sich ein Recht wieder auf die alten Ideale und die alte Schwärmerei verschaffen, — darum eine Erkenntnißtheorie, welche „Grenzen setzt“, d.h. erlaubt, ein Jenseits der Vernunft nach Belieben anzusetzen

Die Denkweise Hegels ist von der Goetheschen nicht sehr entfernt: man höre Goethe über Spinoza. Wille zur Vergöttlichung des Alls und des Lebens, um in seinem Anschauen und Ergründen Ruhe und Glück zu finden; Hegel suchtErratum:sieht
lies:sucht
Nach KGW Nachberichte
Vernunft überall, — vor der Vernunft darf man sich ergeben und bescheiden. Bei Goethe eine Art von fast freudigem und vertrauendem Fatalismus, der nicht revoltirt, der nicht ermattet, der aus sich eine Totalität zu bilden sucht, imErratum:ein
lies:im
Nach KGW Nachberichte
Glauben, daß erst in der Totalität Alles sich erlöst, als gut und gerechtfertigt erscheint.

Goethe sein 18. Jahrhundert in sich findendErratum:fördernd
lies:findend
Nach KGW Nachberichte
und bekämpfend: die Gefühlsamkeit, die Naturschwärmerei, das Unhistorische, das Idealistische, das Unpraktische und Unreale des Revolutionären; er nimmt die Historie, die Naturwissenschaft, die Antike zu Hülfe, insgleichen Spinoza (als höchsten Realisten); vor allem die praktische Thätigkeit mit lauter ganz festen Horizonten; er separirt sich nicht vom Leben; er ist nicht zaghaft und nimmt soviel als möglich auf sich, über sich, in sich, — er will Totalität, er bekämpft das Auseinander von Vernunft, Sinnlichkeit, Gefühl, Wille, er disciplinirt sich, er bildet sich… er sagt Ja zu allen großen Realisten (Napoleon — Goethes höchstes Erlebniß)

9[179]

(129)

Goethe: ein großartiger Versuch, das 18. Jahrhundert zu überwinden (Rückkehr zu einer Art Renaissance-Mensch), eine Art Selbstüberwindung von Seiten dieses Jahrhunderts: er hat dessen stärkste Triebe in sich entfesselt und zur Consequenz getrieben. Aber was er für seine Person erreichte, war nicht unser 19. Jahrhundert…

— er concipirt einen hoch gebildeten, sich selbst im Zaum habendenErratum:haltenden
lies:habenden
Nach KGW Nachberichte
, vor sich selbst ehrfürchtigen Menschen, der sich den ganzen Reichthum der Seele und der Natürlichkeit (bis zum Burlesken und Buffonesken) zu gönnen wagen darf, weil er stark genug dazu ist; den Menschen der Toleranz nicht aus Schwäche, sondern aus Stärke, weil er das, woran die durchschnittliche Natur zu Grunde geht, zu seiner Förderung zu gebrauchen weiß, den umfänglichsten, aber darum nicht chaotischen Menschen. Sein Complement ist Napoleon (im kleineren MaaßeErratum:in kleinerem Maaß
lies:im kleineren Maaße
Nach KGW Nachberichte
Friedrich der Grosse), der ebenfalls den Kampf gegen das 18. Jahrhundert übernimmt.

NB In einem gewissen Sinn hat das 19. Jahrhundert alles das auch erstrebt, was Goethe für sich gethan hat: eine Universalität des Verstehens, Gutheißens, An-sich-herankommen-lassens ist ihm zu eigen; ein verwegener Realismus, eine Ehrfurcht vor den Thatsachen — wie kommt es, daß das GesammtresultatErratum:Gesamtresultat
lies:Gesammtresultat
Nach KGW Nachberichte
kein Goethe,Erratum:Goethe
lies:Goethe,
Nach KGW Nachberichte
sondern ein Chaos ist, ein Nihilismus, eine Erfolglosigkeit, welche fortwährend wieder zum 18. Jahrhundert zurückgreifen lehrtErratum:zurückgreifen läßt
lies:zurückgreifen lehrt
Nach KGW Nachberichte
(z.B. als Romantik, als Altruismus, als Femininismus, als Natural<ismus>Erratum:Naturalismus
lies:Natural<ismus>
Nach KGW Nachberichte
)

9[180]

(130)

Händel, Leibnitz, Goethe, Bismarck — für die deutsche starke Art charakteristisch. Unbedenklich zwischen Gegensätzen lebend, voll jener geschmeidigen Stärke, welche sich vor Überzeugungen und Doktrinen hütet, indem sie eine gegen die andere benutzt und sich selber die Freiheit vorbehält.

9[181]

(131)

ein Systematiker, ein Philosoph, der seinem Geiste nicht länger mehr zugestehen will, daß er lebt, daß er wie ein Baum mächtig u<nd> breitErratum:in Breite
lies:u<nd> breit
Nach KGW Nachberichte
und unersättlich um sich greift, der schlechterdings keine Ruhe kennt, bis er aus ihm etwas Lebloses, etwas Hölzernes, eine viereckige DummheitErratum:Dürrheit
lies:Dummheit
Nach KGW Nachberichte
, ein „System“ herausgeschnitzt hatErratum:hat.
lies:hat
Nach KGW Nachberichte

9[182]

(132)

ohne den christlichen Glauben, meinte Pascal, werdet ihr euch selbst, ebenso wie die Natur und die Geschichte, un monstre et un chaos“. Diese Prophezeiung haben wir erfüllt: nachdem das schwächlich-optimistische 18. Jahrhundert den Menschen verhübscht und verrationalisirt hatte


Schopenhauer und Pascal: in einem wesentlichen Sinn ist Schopenhauer der Erste, der die Bewegung Pascals wieder aufnimmt: un monstre et un chaos, folglich etwas, das zu verneinen ist… Geschichte, Natur, der Mensch selbst!


unsre Unfähigkeit, die Wahrheit zu erkennen, ist die Folge unsrer Verderbniß, unsres moralischen AbfallsErratum:Verfalls
lies:Abfalls
Nach KGW Nachberichte
: so Pascal. Und so im Grunde Schopenhauer. „Um so tiefer die Verderbniß der Vernunft, um so nothwendiger die Heilslehre“ — oder, SchopenhauerischErratum:schopenhauerisch
lies:Schopenhauerisch
Nach KGW Nachberichte
gesprochen, die Verneinung

9[183]

(133)

das 17. Jahrhundert leidet am Menschen wie an einer Summe von Widersprüchen, „l’amas de contradictions“, der wir sindErratum:sind,
lies:sind
Nach KGW Nachberichte
  Erratum:[Absatzumbruch fehlt]
lies: 
Nach KGW Nachberichte

Schop<enhauer> suchtErratum:sucht
lies:Schop<enhauer> sucht
Nach KGW Nachberichte
den Menschen zu entdecken, zu ordnen, auszugraben: während das 18. Jahrhundert zu vergessen sucht, was man von der Natur des Menschen weiß, um ihn an seine Utopie anzupassen. „oberflächlich, weich, human“ — schwärmt für „den Menschen“

— Das 17. Jahrhundert sucht die Spuren des Individuums auszuwischen, damit das Werk dem Leben so ähnlich als möglich sehe. Das 18. sucht durch das Werk für den Autor zu interessiren.

Das 17. Jahrhundert sucht in der Kunst Kunst, ein Stück Cultur; das 18. treibt mit der Kunst Propaganda für Reformen socialer und politischer Natur.


Die „Utopie“, der „ideale Mensch“, die Natur-Angöttlichung, die Eitelkeit des Sich-in-Scene-setzens, die Unterordnung unter die Propaganda socialer Ziele, die Charlatanerie — das haben wir vom 18. Jahrhundert.


Der Stil des 17. Jahrhunderts: propre, exact et libre


das starke Individuum, sich selbst genügend oder vor Gott in eifriger Bemühung — und jene moderne Autoren-Zudringlichkeit und Zuspringlichkeit, — das sind Gegensätze. „Sich-produziren“ — damit vergleiche man die Gelehrten von Port-Royal.


Alfieri hatte einen Sinn für großen Styl


der Haß gegen das Burleske (Würdelose), der Mangel an Natursinn gehört zum 17. Jahrhundert.

9[184]

(134)

Rousseau: 

die Regel gründend auf das Gefühl

die Natur als Quelle der Gerechtigkeit

der Mensch vervollkommnet sich in dem Maaße, in dem er sich der Natur nähert

(nach Voltaire, in dem Maaße, in dem er sich von der

Natur entfernt

dieselben Epochen für den Einen die des FortschrittsErratum:Fortschritts,
lies:Fortschritts
Nach KGW Nachberichte
der Humanität, für den Anderen Zeiten der Verschlimmerung von Ungerechtigkeit und Ungleichheit

Voltaire noch die humanità im Sinne der Renaissance begreifend, insgleichen die virtù (als „hohe Cultur“), er kämpft für die Sache der honnêtes gens und de la bonne compagnie, die Sache des Geschmacks, der Wissenschaft, der Künste, die Sache des Fortschritts selbst und der Civilisation.

Der Kampf gegen 1760 entbrannt: der Genfer Bürger und le seigneur de Tourney. Erst von da an wird Voltaire der Mann seines Jahrhunderts, der Philosoph, der Vertreter der Toleranz und der Pfeifer des Unlaubens (bis dahin nur un bel esprit) Der Neid und der Haß auf Rousseaus Erfolg trieb ihn vorwärts, „in die Höhe“ —

— Pour „la canaille“, un dieu rémunérateur et vengeur — Voltaire.

Kritik beider Standpunkte in Hinsicht auf den Werth der Civilisation.

die social<e> Erfindung die schönste, die es giebt für Voltaire, es giebt kein höheres Ziel als sie zu unterhalten und zu vervollkommnen; eben das ist die honnêteté, die socialen Gebräuche zu achten; Tugend ein Gehorsam gegen gewisse nothwendige „Vorurtheile“ zu Gunsten der Erhaltung der „Gesellschaft“.

Cultur-Missionär, Aristokrat, Vertreter der siegreichen herrschenden Stände und ihrer Werthungen. Aber Rousseau blieb Plebejer, auch als homme de lettres, das war unerhört; seine unverschämte Verachtung alles dessen, was nicht er selbst war.

Das Krankhafte an Rousseau am meisten bewundert und nachgeahmtErratum:nachgeahmt
lies:nachgeahmt
Nach KGW Nachberichte
. (Lord Byron verwandt;Erratum:verwandt:
lies:verwandt;
Nach KGW Nachberichte
auch sich zu erhabenen Attitüden aufschraubend, zum rancunösen Groll; Zeichen der „Gemeinheit“; später, durch Venedig ins Gleichgewicht gebracht, begriff er, was mehr erleichtert und wohlthut,… l’insouciance)

er ist stolz in Hinsicht auf das, was er ist, trotz seiner Herkunft; aber er geräth außer sich, wenn man ihn daran erinnert…

Bei Rousseau unzweifelhaft die Geistesstörung, bei Voltaire eine ungewöhnliche Gesundheit und Leichtigkeit. Die Rancune des Kranken; die Zeiten seines Irrsinns auch die seiner Menschenverachtung, und seines Mißtrauens.

Die Vertheidigung der Providenz durch Rousseau (gegen den Pessismismus Voltaires): er brauchte Gott, um den Fluch auf die Gesellschaft und die Civilisation werfen zu können; alles mußte an sich gut sein, da Gott es geschaffen; nur der Mensch hat den Menschen verdorben. Der „gute Mensch“ als Naturmensch war eine reine Phantasie; aber mit dem Dogma von derErratum:der
lies:von der
Nach KGW Nachberichte
Autorschaft Gottes etwas Wahrscheinliches und Begründetes.


Wirkung Rousseaus:

die Narrheit zur Größe gerechnet, Romantik (erstes Beispiel, nichtErratum:Beispiel nicht
lies:Beispiel, nicht
Nach KGW Nachberichte
stärkstes)

„das souveraineErratum:souveräne
lies:souveraine
Nach KGW Nachberichte
Recht der Passion“

„die monstruöseErratum:monstruose
lies:monstruöse
Nach KGW Nachberichte
Erweiterung des „ich“

„das Naturgefühl“

„in der Politik hat man seit 100 Jahren einen Kranken als Führer genommen“


Romantik à la Rousseau

die Leidenschaft,

die „Natürlichkeit“

die Fascination der Verrücktheit

die Pöbel-Rancune als Richterin

die unsinnige Eitelkeit derErratum:des
lies:der
Nach KGW Nachberichte
Schwachen

9[185]

(135)

Die unerledigten Probleme, die ich neu stelle:

das Problem der Civilisation, der Kampf zwischen Rousseau und Voltaire um 1760

der Mensch wird tiefer, mißtrauischer, „unmoralischer“, stärker, sich-selbst-vertrauender — und insofern „natürlicher“das ist „Fortschritt“

(dabei legen sich, durch eine Art von Arbeitstheilung, die verböserten Schichten und die gemilderten, gezähmten aus einander: so daß die GesammtthatsacheErratum:Gesamtthatsache
lies:Gesammtthatsache
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nicht ohne Weiteres in die Augen springt.)… Es gehört zur Stärke, zur Selbstbeherrschung und Fascination der Stärke, daß diese stärkeren Schichten die Kunst besitzen, ihre Verböserung als etwas Höheres empfinden zu machen. Zu jedem „Fortschritt“ gehört eine Umdeutung der verstärkten Elemente ins „Gute“ (d.h. — — —

9[186]

(136)

Das Problem des 19. Jahrhunderts. Ob seine starke und schwache Seite zu einander gehören? Ob es aus Einem Holze geschnitzt ist? Ob die Verschiedenheit seiner Ideale, deren Widerspruch in einem höheren Zwecke bedingt sind, als etwas Höheres? — Denn es könnte die Vorbestimmung zur Größe sein, in diesem Maaße, in heftiger Spannung zu wachsen. Die Unzufriedenheit, der Nihilism könnte ein gutes Zeichen sein.

9[187]

Beyle geboren 23 Januar 1783

9[188]

Ein Buch zum Denken, nichts weiter: es gehört Denen, welchen Denken Vergnügen macht, nichts weiter…

Daß es DeutschErratum:deutsch
lies:Deutsch
Nach KGW Nachberichte
geschrieben ist, ist zum Mindesten unzeitgemäß: ich wünschte es französisch geschrieben zu haben, damit es nicht als Befürwortung irgend welcher reichsdeutschen Aspirationen erscheint.


Bücher zum Denken, — sie gehören denen, welchen Denken Vergnügen macht, nichts weiter… Die D<eutschen>Erratum:Deutschen
lies:D<eutschen>
Nach KGW Nachberichte
von Heute sind keine Denker mehr: ihnen macht etwas Anderes Vergnügen und EindruckErratum:Bedenk<en>
lies:Eindruck
Nach KGW Nachberichte
. Der Wille zur Macht als Princip wäre ihnen sch<we>r verständlich… Ebendarum wünschte ich meinen Z<arathustra> nicht deutsch geschrieben zu haben


Ich mißtraue allen Systemen und Systematikern und gehe ihnen aus dem WegeErratum:Weg
lies:Wege
Nach KGW Nachberichte
: vielleicht entdeckt man noch hinter diesem Buche das System, dem ich ausgewichen bin…

Der Wille zum System: bei einem Philosophen moralisch ausgedrückt eine feinere Verdorbenheit, eine Charakter-Krankheit, unmoralisch ausgedrückt, sein Wille, sich dümmer zu stellen als man ist — Dümmer, das heißt: stärker, einfacher, gebietender, ungebildeter, commandirender, tyrannischer…


Ich achte die Leser nicht mehr: wie könnte ich für Leser schreiben?… Aber ich notire mich, für mich.

9[189]

gerade unter Deutschen wird heute am wenigsten gedacht. Aber wer weiß! schon in zwei Geschlechtern wird man das Opfer der nationalen Macht-Vergeudung, die Verdummung nicht mehr nöthig haben.

9[190]

Ich lese Zarathustra: aber wie konnte ich dergestalt meine Perlen vor die Deutschen werfen!