11[1]
(301)
Man soll von sich nichts wollen, was man nicht kann. Man frage sich: willst du vorangehn? Oder willst du für dich gehn? Im ersten Falle wird man, besten Falls, Hirt, das heißt Nothbedarf der Heerde. Im andern Fall muß man etwas Andres können, — von sich Für-sich-gehn-können, muß man Anders- und Anderswohin-gehn-können. In beiden Fällen muß man es können und kann man das Eine, darf man nicht das Andre wollen
11[2]
(302)
Mit Menschen fürlieb nehmen und mit seinem Herzen offnes Haus halten: das ist liberal, aber nicht vornehm. Man erkennt die Herzen, die der vornehmen Gastfreundschaft fähig sind, an den vielen verhängten Fenstern und geschlossenen Läden: sie halten ihre besten Räume zum Mindesten leer, sie erwarten Gäste, mit denen man nicht fürlieb nimmt…
11[4]
Ein Brief erinnert mich an deutsche Jünglinge, gehörnte Siegfriede und andre Wagnerianer. Allen Respekt vor der deutschen Genügsamkeit! Es giebt bescheidene Intelligenzen im nördlichen Deutschland, denen sogar die Intelligenz der Kreuzzeitung genugthut. Einem Draußen-Stehenden könnte mitunter der Argwohn kommen, ob das junge Reich, in seinem Heißhunger nach Colonien und allerlei Afrika, das die Erde besitzt, nicht unversehens auch die zwei berühmten schwarzbraunen Inseln verschluckt hat, Horneo und Borneo…
11[9]
(304)
Sainte-Beuve: Nichts von Mann; voll eines verlogenen Hasses gegen alle Mannsgeister: schweift umher, feig, neugierig, gelangweilt, verleumderisch, — eine Weibsperson im Grunde, mit einer Weibs-Rachsucht und Weibs-Sinnlichkeit (— letztere hält ihn in der Nähe von Klöstern und andren Brutstätten der Mystik fest, zeitweilig selbst in der Nähe der Saint-Simonisten) Übrigens ein wirkliches Genie der médisance, unerschöpflich reich an Mitteln dazu, fähig z.B. auf eine tödtliche Weise zu loben; nicht ohne eine anmuthige Virtuosen-Bereitwilligkeit, seine Kunst zur Schau zu stellen, wo es irgend am Platze ist: nämlich vor aller Art Zuhörerschaft, an der Etwas zu fürchten ist. Freilich nimmt er hinterdrein auch an seinen Zuhörern bei sich Rache, heimlich, kleinlich, unreinlich; in Sonderheit müssen es alle unabweislich vornehmen Naturen büßen, daß sie vor sich selber Ehrfurcht haben, — die hat er nicht! schon das Männliche, Stolze, Ganze, Selbstgewisse reizt ihn, schüttelt ihn bis zum Aufruhr. — Dies ist nun der Psychologe comme il faut: nämlich nach dem Maaß und dem Bedürfniß des jetzigen esprit français, der so spät, so krank, so neugierig ist, so aushorcherisch, so lüstern wie er; Heimlichkeiten schnüffelnd, wie er; instinktiv die Bekanntschaft mit Menschen von Unten und Hintenher suchend, nicht viel anders als es die Hunde unter einander machen (die ja auch auf ihre Art Psychologen sind). Plebejisch im Grunde und mit den Instinkten Rousseaus verwandt: folglich Romantiker — denn unter allem romantisme grunzt und giert der Pöbel nach „Vornehmheit“; revolutionär, aber durch die Furcht leidlich noch im Zaum gehalten. Ohne Freiheit vor Allem, was Stärke hat (öffentliche Meinung, Akademie, Hof, selbst Port-Royal). Seiner im letzten Grunde überdrüssig, bei Zeiten schon ohne Glauben an sein Recht, da zu sein; ein Geist, der sich von jung auf vergeudet hat, der sich vergeudet fühlt, der sich selbst immer dünner und älter wird. Das lebt zuletzt noch fort, von einem Tag zum andern, bloß aus Feigheit; das erbittert sich gegen alles Große an Mensch und Ding, gegen Alles, was an sich glaubt, da es leider Dichter und Halbweib genug ist, um das Große noch als Macht zu fühlen; das krümmt sich beständig, wie jener berühmte Wurm, weil es sich beständig von irgend Etwas Großem getreten fühlt. Als Kritiker ohne Maaßstab, Rückgrat und Halt, mit der Zunge des kosmopolitischen libertin für Vielerlei, aber ohne den Muth selbst zur eingeständlichen libertinage, folglich einem unbestimmten Klassicismus sich unterwerfend. Als Historiker ohne Philosophie und die Macht des Blicks, instinktiv die Aufgabe des Richtens in allen Hauptsachen ablehnend und die Maske der Objektivität vorhaltend (— damit eins der schlimmsten Muster, die das letzte Frankreich gehabt hat): abgesehn, wie billig, von den kleinen Dingen, wo ein feiner und vernutzter Geschmack die höchste Instanz ist, und wo er wirklich den Muth zu sich selber, die Lust an sich selber hat (— darin ist er den Parnassiens verwandt, die wie er die raffinirteste und eitelste Form der modernen Selbstverachtung, Selbstentäußerung darstellen). „Sainte-Beuve a vu une fois le premier Empereur. C’était à Boulogne: il était en train de pisser. N’est-ce pas un peu dans cette posture-là, qu’il a vu et jugé depuis tous les grands hommes?“ (Journal des Goncourt, 2. p. 239) — so erzählen seine boshaften Feinde, die Goncourts.
11[23]
— man hat auch dann noch genug Gründe, zufrieden und selbst dankbar zu sein, und wenn auch nur in der Art, wie es jener alte Schäker war, der tamquam re bene gesta von einem verliebten Stelldichein heimkehrte. Ut desint vires, sagte er zu sich mit der Sanftmuth eines Heiligen, tamen est laudanda voluptas.
11[24]
(305)
George Sand. Ich las die ersten lettres d’un voyageur: wie Alles, was von Rousseau stammt, falsch, von Grund aus, moralistisch verlogen, wie sie selbst, diese „Künstlerin“. Ich halte diesen bunten Tapeten-Stil nicht aus, ebenso wenig diese aufgeregte Pöbel-Ambition nach „vornehmen“ Leidenschaften, heroischen Attitüden und Gedanken, die wie Attitüden wirken. Wie kalt muß sie dabei gewesen sein — kalt, wie Victor Hugo, wie Balzac, wie alle eigentlichen Romantiker —: und wie selbstgefällig mag sie dabei dagelegen haben, diese breite fruchtbare Kuh, welche etwas Deutsches an sich hatte, gleich Rousseau selber, und jedenfalls am Ende alles französischen Geschmacks und esprit erst möglich gewesen ist… Aber Ernest Renan verehrt sie…
11[25]
(306)
Menschen, die Schicksale sind, die, indem sie sich tragen, Schicksale tragen, die ganze Art der heroischen Lastträger: oh wie gerne möchten sie einmal von sich selber ausruhn! wie dürsten sie nach starken Herzen und Nacken, um für Stunden wenigstens los zu werden, was sie drückt! Und wie umsonst dürsten sie!… Sie warten; sie sehen sich Alles an, was vorübergeht: Niemand kommt ihnen auch nur mit dem Tausendstel von Leiden und Leidenschaft entgegen, Niemand erräth, inwiefern sie warten… Endlich, endlich lernen sie ihre erste Lebensklugheit — nicht mehr zu warten; und dann alsbald auch ihre zweite: leutselig zu sein, bescheiden zu sein, von nun an Jedermann zu ertragen, Jederlei zu ertragen — kurz, noch ein wenig mehr zu tragen, als sie bisher schon getragen haben…
11[26]
(307)
— und wer ohne Vorurtheil die Bedingungen nachrechnet, unter denen hier auf Erden irgend eine Vollkommenheit erreicht wird, dem wird nicht entgehn, wie viel Wunderliches und Peinliches zu diesen Bedingungen gehört. Es scheint, daß zu jedem großen Wachsthum Mist und Dünger irgend welcher Art noth thut. Um einen paradoxen Fall zu nehmen, so behauptete in Hinsicht auf die Vervollkommnung des modernen Weibes eine Autorität, die für diesen heiklen Punkt vielleicht nicht zu unterschätzen ist, der duc de Morny, dieser erfahrenste und „erlebteste“ Weiberkenner des letzten Frankreichs, daß dazu selbst ein Laster dienen könne, nämlich die tribaderie: „qui raffine la femme, la parfait, l’accomplit.“
11[27]
(308)
Frau Cosima Wagner ist das einzige Weib größeren Stils, das ich kennen gelernt habe; aber ich rechne ihr es an, daß sie Wagnern verdorben hat. Wie das gekommen ist? Er „verdiente“ solch ein Weib nicht: zum Dank dafür verfiel er ihr. — Der Parsifal W<agner>s war zu allererst- und anfänglichst eine Geschmacks-Condescendenz W<agner>s zu den katholischen Instinkten seines Weibes, der Tochter Liszt’s, eine Art Dankbarkeit und Demuth von Seiten einer schwächeren vielfacheren leidenderen Creatur hinauf zu einer, welche zu schützen und zu ermuthigen verstand, das heißt zu einer stärkeren, bornirteren: — zuletzt selbst ein Akt jener ewigen Feigheit des Mannes vor allem „Ewig-Weiblichen“. — Ob nicht alle großen Künstler bisher durch anbetende Weiber verdorben worden sind? Wenn diese unsinnig-eitlen und sinnlichen Affen — denn das sind sie fast allesammt — zum ersten Male und in nächster Nähe den Götzendienst erleben, den das Weib in solchen Fällen mit allen ihren untersten und obersten Begehrungen zu treiben versteht, dann geht es bald genug zu Ende: der letzte Rest von Kritik, Selbstverachtung, Bescheidenheit und Scham vor dem Größeren ist dahin: — von da an sind sie jeder Entartung fähig. — Diese Künstler, die in der herbsten und stärksten Zeit ihrer Entwicklung Gründe genug hatten, ihre Anhängerschaft in Bausch und Bogen zu verachten, diese schweigsam gewordenen Künstler werden unvermeidlich das Opfer jeder ersten intelligenten Liebe (— oder vielmehr jedes Weibs, das intelligent genug ist, sich in Hinsicht auf das Persönlichste des Künstlers intelligent zu geben, ihn als leidend „zu verstehen“, ihn „zu lieben“…)
11[31]
(310)
Gesammt-Anblick des zukünftigen Europäers: derselbe als das intelligenteste Sklaventhier, sehr arbeitsam, im Grunde sehr bescheiden, bis zum Excess neugierig, vielfach, verzärtelt, willensschwach — ein kosmopolitisches Affekt- und Intelligenzen-Chaos. Wie möchte sich aus ihm eine stärkere Art herausheben? Eine solche mit klassischem Geschmack? Der klassische Geschmack: das ist der Wille zur Vereinfachung, Verstärkung, zur Sichtbarkeit des Glücks, zur Furchtbarkeit, der Muth zur psychologischen Nacktheit (— die Vereinfachung ist eine Consequenz des Willens zur Verstärkung; das Sichtbarwerdenlassen des Glücks insgleichen der Nacktheit, eine Consequenz des Willens zur Furchtbarkeit…) Um sich aus jenem Chaos zu dieser Gestaltung emporzukämpfen — dazu bedarf es einer Nöthigung: man muß die Wahl haben, entweder zu Grunde zu gehn oder sich durchzusetzen. Eine herrschaftliche Rasse kann nur aus furchtbaren und gewaltsamen Anfängen emporwachsen. Problem: wo sind die Barbaren des 20. Jahrhunderts? Offenbar werden sie erst nach ungeheuren socialistischen Krisen sichtbar werden und sich consolidiren, — es werden die Elemente sein, die der größten Härte gegen sich selber fähig sind und den längsten Willen garantiren können…
11[32]
(311)
Zur Psychologie der „Hirten“. Die grossen Durchschnittlichen.
Kann man sich verbergen, daß ein Geist und Geschmack durchschnittlich sein muß, um tiefe breite populäre Wirkungen zu hinterlassen, und daß z.B. es noch nicht zu Unehren Voltaire’s verstanden werden darf, wenn ihn der Abbé Trublet mit allerbestem Rechte „la perfection de la médiocrité“ genannt hat? (— wäre er das nämlich nicht gewesen, wäre er eine Ausnahme gewesen, wie etwa der Neapolitaner Galiani eine Ausnahme war, jener tiefste und nachdenklichste Hanswurst, den jenes heitere Jahrhundert hervorgebracht hat, woher dann seine Kraft zu führen? woher sein Übergewicht über seine Zeit?) Man könnte übrigens das Gleiche auch noch in Hinsicht auf einen viel populäre<re>n Fall behaupten: auch der Stifter des Christenthums muß etwas von einer „perfection de la médiocrité“ gewesen sein. Lasse man sich doch einmal die Hauptsätze jenes berühmten Evangeliums der Bergpredigt zu einer Person concresciren: — man wird hinterdrein darüber nicht mehr in Zweifel sein, weshalb gerade ein solcher Hirt und Bergprediger verführerisch auf alle Art Heerdenthier gewirkt hat.
11[34]
(313)
Flaubert hielt weder Mérimée noch Stendhal aus; man konnte ihn wüthend machen, wenn man „Monsieur Beyle“ in seiner Gegenwart citirte. Der Unterschied liegt darin: Beyle stammt von Voltaire, Flaubert von Victor Hugo.
Die „Männer von 1830“ (— Männer?…) haben eine unsinnige Vergötterung mit der Liebe getrieben: Alfred de Musset, Richard Wagner; auch mit der Ausschweifung und dem Laster…
„Je suis de 1830, moi! J’ai appris à lire dans Hernani, et j’aurai voulu être Lara! J’exècre toutes les lâchetés contemporaines, l’ordinaire de l’existence et l’ignominie des bonheurs faciles.“ Flaubert.
11[35]
(314)
Die Geschlechtlichkeit, die Herrschsucht, die Lust am Schein und am Betrügen, die große freudige Dankbarkeit für das Leben und seine typischen Zustände — das ist am heidnischen Cultus wesentlich und hat das gute Gewissen auf seiner Seite. — Die Unnatur (schon im griechischen Alterthum) kämpft gegen das Heidnische an, als Moral, Dialektik.
11[38]
(315)
Aus dem Druck der Fülle, aus der Spannung von Kräften, die beständig in uns wachsen und noch nicht sich zu entladen wissen, entsteht ein Zustand, wie er einem Gewitter vorhergeht: die Natur, die wir sind, verdüstert sich. Auch das ist Pessimismus… Eine Lehre, die einem solchen Zustand ein Ende macht, indem sie irgend Etwas befiehlt, eine Umwerthung der Werthe, vermöge deren den aufgehäuften Kräften ein Weg, ein Wohin gezeigt wird, so daß sie in Blitzen und Thaten explodieren — braucht durchaus keine Glückslehre zu sein: indem sie Kraft auslöst, die bis zur Qual zusammengedrängt und gestaut war, bringt sie Glück.
11[44]
(316)
Daß man sein Leben, seine Gesundheit, seine Ehre aufs Spiel setzt, das ist die Folge des Übermuthes und eines überströmenden verschwenderischen Willens: nicht aus Menschenliebe, sondern weil jede große Gefahr unsre Neugierde in Bezug auf das Maaß unsrer Kraft, unsres Muthes herausfordert.
11[45]
(317)
Emerson, viel aufgeklärter, vielfacher, raffinirter, glücklicher, ein Solcher, der instinktiv sich von Ambrosia nährt und das Unverdauliche in den Dingen zurückläßt. Carlyle, der ihn sehr liebte, sagte trotzdem von ihm „er giebt uns nicht genug zu beißen“: was mit Recht gesagt sein mag, aber keineswegs zu Ungunsten Emerson’s.
Carlyle, ein Mann der starken Worte und der excentrischen Attitüden, ein Rhetor aus Noth, den beständig das Verlangen nach einem starken Glauben agacirt und das Gefühl der Unfähigkeit dazu (— eben damit ein typischer Romantiker —) Das Verlangen nach einem starken Glauben ist nicht der Beweis eines starken Glaubens, vielmehr das Gegentheil: hat man ihn, so verräth sich das eben damit, daß man sich den Luxus der Skepsis und der frivolen Ungläubigkeit gönnen darf, — man ist eben reich genug dazu. Carlyle betäubt etwas in sich durch die Heftigkeit seiner Verehrung für Menschen des starken Glaubens und durch seine Wuth gegen alle weniger Einfältigen: diese beständige leidenschaftliche Unredlichkeit gegen sich, um moralisch zu reden, degoutirt mich an ihm. Daß die Engländer gerade an ihm seine Redlichkeit bewundern, das ist englisch; und, in Anbetracht, daß sie das Volk des vollkommenen cant sind, sogar billig und nicht nur begreiflich. Im Grunde ist Carlyle ein Atheist, der es nicht sein will. —
11[46]
In diesen streitbaren Abhandlungen, in denen ich meinen Feldzug gegen das verhängnißvollste bisherige Werthurtheil, gegen unsere Überschätzung der Moral fortsetze —
Ein solches Wort des Friedens steht wie billig am Schluß dieser kriegerischen Abhandlungen, mit denen ich meinen Feldzug gegen eins unserer verhängnißvollsten Werthurtheile, gegen unsere bisherige Schätzung und Überschätzung der Moral eröffnet habe.
11[48]
(318)
Ein Geist, der Großes will der auch die Mittel dazu will, ist nothwendig Skeptiker: womit nicht gesagt ist, daß er es auch scheinen müßte. Die Freiheit vor jeder Art Überzeugung gehört zu seiner Stärke, das Freiblickenkönnen. Die große Leidenschaft, der Grund und die Macht seines Seins, noch aufgeklärter und despotischer als er selbst es ist, — sie nimmt seinen ganzen Intellekt in ihren Dienst (und nicht nur in ihren Besitz); sie macht unbedenklich; sie giebt ihm den Muth zu unheiligen Mitteln (sogar zu heiligen), sie gönnt Überzeugungen, sie braucht und verbraucht selbst Überzeugungen, aber sie unterwirft sich ihnen nicht. Das macht, sie allein weiß sich als souverain. Umgekehrt: das Bedürfniß nach Glauben, nach irgend etwas Unbedingtem von Ja und Nein, ist ein Bedürfniß der Schwäche; alle Schwäche ist Willensschwäche; alle Schwäche des Willens rührt daher, daß keine Leidenschaft, kein kategorischer Imperativ kommandirt. Der Mensch des Glaubens, der „Gläubige“ jeder Art ist nothwendig eine abhängige Art Mensch, das heißt eine solche, die sich nicht als Zweck ansetzen, noch überhaupt von sich aus Zwecke ansetzen kann, — die sich als Mittel verbrauchen lassen muß… Sie giebt instinktiv einer Moral der Entselbstung die höchste Ehre; zu ihr überredet sie Alles, ihre Klugheit, ihre Erfahrung, ihre Eitelkeit. Und auch der Glaube ist noch eine Form der Entselbstung. —
11[49]
(319)
Aus dem ungeheuren Bereiche der Kunst, welches antideutsch ist und bleiben wird und von dem ein für alle Mal deutsche Jünglinge, gehörnte Siegfriede und andere Wagnerianer ausgeschlossen sind: — der Geniestreich Bizet’s, welcher einer neuen — ach, so alten — Sensibilität, die bisher in der gebildeten Musik Europas noch keine Sprache gehabt hatte, zum Klange verhalf, einer südlicheren, brauneren, verbrannteren Sensibilität, welche freilich nicht vom feuchten Idealismus des Nordens aus zu verstehen ist. Das afrikanische Glück, die fatalistische Heiterkeit, mit einem Auge, das verführerisch, tief und entsetzlich blickt; die lascive Schwermuth des maurischen Tanzes; die Leidenschaft blinkend, scharf und plötzlich wie ein Dolch; und Gerüche aus dem gelbe Nachmittage des Meeres heranschwimmend bei denen das Herz erschrickt, wie als ob es sich an vergessene Inseln erinnere, wo es einst weilte, wo es ewig hätte weilen sollen…
Antideutsch: Der Buffo. Der maurische Tanz
Die anderen antideutschen Kostbarkeiten des aesthet<ischen> Genusses
11[54]
(320)
Von der Herrschaft
der Tugend.
Wie man der Tugend zur Herrschaft
verhilft.
Ein tractatus politicus.
Von
Friedrich Nietzsche.
Vorrede.
Dieser tractatus politicus ist nicht für Jedermanns Ohren: er handelt von der Politik der Tugend, von ihren Mitteln und Wegen zur Macht. Daß die Tugend zur Herrschaft strebt, wer möchte ihr das verbieten? Aber wie sie das thut —! man glaubt es nicht… Darum ist dieser tractatus nicht für Jedermanns Ohren. Wir haben ihn denen zum Nutzen bestimmt, denen daran gelegen ist, zu lernen, nicht wie man tugendhaft wird, sondern wie man tugendhaft macht, — wie man die Tugend zur Herrschaft bringt. Ich will sogar beweisen, daß, um dies Eine zu wollen, die Herrschaft der Tugend, man grundsätzlich das Andere nicht wollen darf; eben damit verzichtet man darauf, tugendhaft zu werden. Dies Opfer ist groß: aber ein solches Ziel lohnt vielleicht Opfer. Und selbst noch größere!… Und einige von den großen Moralisten haben so viel risquirt. Von diesen nämlich wurde bereits die Wahrheit erkannt und vorweggenommen, welche mit diesem Traktat zum ersten Male gelehrt werden soll: daß man die Herrschaft der Tugend schlechterdings nur durch dieselben Mittel erreichen kann, mit denen man überhaupt irgend eine Herrschaft erreicht, jedenfalls nicht durch die Tugend… Dieser Traktat handelt, wie gesagt, von der Politik in der Tugend: er setzt ein Ideal dieser Politik an, er beschreibt sie so, wie sie sein müßte, wenn etwas auf dieser Erde vollkommen sein könnte. Nun wird kein Philosoph darüber in Zweifel sein, was der Typus der Vollkommenheit in der Politik ist; nämlich der Macchiavellismus. Aber der Macchiavellismus, pur, sans mélange, cru, vert, dans toute sa force, dans toute son âpreté ist übermenschlich, göttlich, transscendent, er wird von Menschen nie erreicht, höchstens gestreift… Auch in dieser engeren Art von Politik, in der Politik der Tugend, scheint das Ideal nie erreicht worden zu sein. Auch Plato hat es nur gestreift. Man entdeckt, gesetzt daß man Augen für versteckte Dinge hat, selbst noch an den unbefangensten und bewußtesten Moralisten (— und das ist ja der Name für solche Politiker der Moral, für jede Art Begründer neuer Moral-Gewalten), Spuren davon, daß auch sie der menschlichen Schwäche ihren Tribut gezollt haben. Sie alle aspirirten, zum Mindesten in ihrer Ermüdung, auch für sich selbst zur Tugend: erster und capitaler Fehler eines Moralisten, — als welcher Immoralist der That zu sein hat. Daß er gerade das nicht scheinen darf, ist eine andere Sache. Oder vielmehr ist es nicht eine andere Sache: es gehört eine solche grundsätzliche Selbstverleugnung (moralisch ausgedrückt, Verstellung) mit hinein in den Kanon des Moralisten und seiner eigensten Pflichtenlehre: ohne sie wird er niemals zu seiner Art Vollkommenheit gelangen. Freiheit von der Moral, auch von der Wahrheit, um jenes Zieles willen, das jedes Opfer aufwiegt: Herrschaft der Moral — so lautet jener Kanon. Die Moralisten haben die Attitüde der Tugend nöthig, auch die Attitüde der Wahrheit; ihr Fehler beginnt erst, wo sie der Tugend nachgeben, wo sie die Herrschaft über die Tugend verlieren, wo sie selbst moralisch werden, wahr werden. Ein großer Moralist ist, unter Anderem, nothwendig auch ein großer Schauspieler; seine Gefahr ist, daß seine Verstellung unversehens Natur wird, wie es sein Ideal ist, sein esse und sein operari auf eine göttliche Weise auseinander zu halten; Alles, was er thut, muß er sub specie boni thun, — sein hohes, fernes, anspruchsvolles Ideal! Ein göttliches Ideal!… Und in der That geht die Rede, daß der Moralist damit kein geringeres Vorbild nachahmt als Gott selbst: Gott, diesen größten Immoralisten der That den es giebt, der aber nichtsdestoweniger zu bleiben versteht, was er ist, der gute Gott…
11[55]
(321)
Man soll es dem Christenthum nie vergeben, daß es solche Menschen wie Pascal zu Grunde gerichtet hat. Man soll nie aufhören, eben dies am Christenthum zu bekämpfen, daß es den Willen dazu hat, gerade die stärksten und vornehmsten Seelen zu zerbrechen. Man soll sich nie Frieden geben, solange dies Eine noch nicht in Grund und Boden zerstört ist: das Ideal vom Menschen, welches vom Christenthum erfunden worden ist. Der ganze absurde Rest von christlicher Fabel, Begriffs-Spinneweberei und Theologie geht uns nichts an; er könnte noch tausend Mal absurder sein, und wir würden nicht einen Finger gegen ihn aufheben. Aber jenes Ideal bekämpfen wir, das mit seiner krankhaften Schönheit und Weibs-Verführung, mit seiner heimlichen Verleumder-Beredsamkeit allen Feigheiten und Eitelkeiten müdgewordener Seelen zuredet — und die Stärksten haben müde Stunden —, wie als ob alles das, was in solchen Zuständen am nützlichsten und wünschbarsten scheinen mag, Vertrauen, Arglosigkeit, Anspruchslosigkeit, Geduld, Liebe zu seines Gleichen, Ergebung, Hingebung an Gott, eine Art Abschirrung und Abdankung seines ganzen Ich’s, auch an sich das Nützlichste und Wünschbarste sei; wie als ob die kleine bescheidene Mißgeburt von Seele, das tugendhafte Durchschnittsthier und Heerdenschaf Mensch nicht nur den Vorrang vor der stärkeren, böseren, begehrlicheren, trotzigeren, verschwenderischeren und eben darum hundertfach gefährdeteren Art Mensch habe, sondern geradezu für den Menschen überhaupt das Ideal, das Ziel, das Maaß, die höchste Wünschbarkeit abgebe. Diese Aufrichtung eines Ideals war bisher die unheimlichste Versuchung, welcher der Mensch ausgesetzt war: denn mit ihm drohte den stärker gerathenen Ausnahmen und Glücksfällen von Mensch, in denen der Wille zur Macht und zum Wachsthum des ganzen Typus Mensch einen Schritt vorwärts thut, der Untergang; mit seinen Werthen sollte das Wachsthum jener Mehr-Menschen an der Wurzel angegraben werden, welche um ihrer höheren Ansprüche und Aufgaben willen freiwillig auch ein gefährlicheres Leben (ökonomisch ausgedrückt: Steigerung der Unternehmer-Kosten ebensosehr wie der Unwahrscheinlichkeit des Gelingens) in den Kauf nehmen. Was wir am Christenthum bekämpfen? Daß es die Starken zerbrechen will, daß es ihren Muth entmuthigen, ihre schlechten Stunden und Müdigkeiten ausnützen, ihre stolze Sicherheit in Unruhe und Gewissensnoth verkehren will, daß es die vornehmen Instinkte giftig und krank zu machen versteht, bis sich ihre Kraft, ihr Wille zur Macht rückwärts kehrt, gegen sich selber kehrt, — bis die Starken an den Ausschweifungen der Selbstverachtung und der Selbstmißhandlung zu Grunde gehn: jene schauerliche Art des Zugrundegehens, deren berühmtestes Beispiel Pascal abgiebt.
11[59]
(324)
Das Litteraturweib, unbefriedigt, aufgeregt, öde in Herz und Eingeweide, mit schmerzhafter Neugierde jeder Zeit auf den Imperativ hinhorchend, der aus der Tiefe ihrer Organisation kategorisch sein aut liberi aut libri formulirt: das Litteraturweib, gebildet genug, um die Stimme der Natur zu verstehn, selbst wenn sie Latein redet und andrerseits ehrgeizig genug, um mit sich im Geheimen auch noch französisch zu sprechen: „je me verrai, je me lirai, je m’extasierai et je dirai: Possible que j’aie eu tant d’esprit?“…
Das vollkommene Weib begeht Litteratur, wie es eine kleine Sünde begeht, zum Versuch, im Vorübergehn, sich umblickend, ob es Jemand bemerkt und daß es Jemand bemerkt: es weiß, wie gut dem vollkommenen Weibe ein kleiner Fleck Fäulniß und brauner Verdorbenheit steht, — es weiß noch besser, wie alles Litteraturmachen am Weibe wirkt, als Fragezeichen in Hinsicht auf alle sonstigen weiblichen pudeurs…
11[60]
(325)
Die moderne Unklarheit. —
Ich sehe nicht ab, was man mit dem europäischen Arbeiter machen will. Er befindet sich viel zu gut, um jetzt nicht Schritt für Schritt mehr zu fordern, unbescheidener zu fordern: er hat zuletzt die Zahl für sich. Die Hoffnung ist vollkommen vorüber, daß hier eine bescheidene und selbstgenügsame Art Mensch, ein Sklaventhum im gemildertsten Sinne des Wortes, kurz ein Stand, etwas, das Unwandelbarkeit hat, sich herausbilde. Man hat den Arbeiter militärtüchtig gemacht: man hat ihm das Stimmrecht, das Coalitionsrecht gegeben: man hat Alles gethan, um die Instinkte, auf die ein Arbeiter-Chinesenthum sich gründen könnte, zu verderben: so daß der Arbeiter heute seine Existenz bereits als einen Nothstand (moralisch ausgedrückt als ein Unrecht…) empfindet und empfinden läßt… Aber was will man? nochmals gefragt. Wenn man ein Ziel will, muß man die Mittel wollen: wenn man Sklaven will, — und man braucht sie! — muß man sie nicht zu Herren erziehen.
11[61]
(326)
„Die Summe der Unlust überwiegt die Summe der Lust: folglich wäre das Nichtsein der Welt besser als deren Sein“: dergleichen Geschwätz heißt sich heute Pessimismus
„Die Welt ist etwas, das vernünftiger Weise nicht wäre, weil sie dem empfindenden Subjekt mehr Unlust als Lust verursacht.“
Lust und Unlust sind Nebensachen, keine Ursachen; es sind Werthurtheile zweiten Ranges, die sich erst ableiten von einem regierenden Werth; ein in Form des Gefühls redendes „nützlich“ „schädlich“, und folglich absolut flüchtig und abhängig. Denn bei jedem „nützlich“ „schädlich“ sind immer noch hundert verschiedene Wozu? zu fragen.
Ich verachte diesen Pessimismus der Sensibilität: er ist selbst ein Zeichen tiefer Verarmung an Leben. Ich werde nie zulassen, daß solch ein magerer Affe wie Hartmann von seinem „philosophischen Pessimismus“ redet. —
11[62]
(327)
Talma hat gesagt:
oui, nous devons être sensibles, nous devons éprouver l’émotion, mais pour mieux l’imiter, pour mieux en saisir le caractère par l’étude et la réflexion. Notre art en exige de profondes. Point d’improvisation possible sur la scène, sous peine d’échec. Tout est calculé, tout doit être prévu, et l’émotion, qui semble soudaine, et le trouble, qui paraît involontaire. — L’intonation, le geste, le regard qui semblent inspirés, ont été répétés cent fois. Le poète rêveur cherche un beau vers, le musicien une mélodie, le géomètre une démonstration: aucun d’eux n’y attache plus d’interêt que nous à trouver le geste et l’accent, qui rend le mieux le sens d’un seul hémistiche. Cette étude suit en tous lieux l’acteur épris de son art. — Faut-il vous dire plus? Nous nous sommes à nous-mêmes, voyez vous, quand nous aimons notre art, des sujets d’observation. J’ai fait des pertes bien cruelles; j’ai souvent ressenti des chagrins profonds; hé bien, après ces premiers moments où la douleur se fait jour par des cris et par des larmes, je sentai qu’involontairement je faisais un retour sur mes souffrances et qu’en moi, à mon insu, l’acteur étudiait l’homme et prenait la nature sur le fait. Voici de quelle façon nous devons éprouver l’émotion pour être un jour en état de la rendre; mais non à l’improviste et sur la scène, quand tous les yeux sont fixés sur nous; rien n’exposerait plus notre situation. Récemment encore, je jouais dans Misanthropie et repentir avec une admirable actrice; son jeu si réfléchi et pourtant si naturel et si vrai, m’entraînait. Elle s’en aperçut. Quel triomphe! et pourtant elle me dit tout bas: „Prenez garde, Talma, vous êtes ému!“ C’est qu’en effet de l’émotion naît le trouble; la voix résiste, la mémoire manque, les gestes sont faux, l’effet est détruit! Ah! nous ne sommes pas la nature, nous ne sommes que l’art, qui ne peut tendre qu’à imiter.
11[64]
Chinesisch: „da mein Geliebter in meinem Herzen einlogirt ist, so hüte ich mich, warm zu essen: diese Hitze soll ihm nicht lästig sein“
„Sähest du selbst deine Mutter vor Hunger sterben, thue nichts, was der Tugend zuwider ist.“
„wenn du, der Schildkröte gleich, die ihre fünf Gliedmaßen in ihre Schale zurückzieht, deine fünf Sinne in dich selber zurückziehst, so wird dir dies noch nach dem Tode zu Gunsten kommen: du wirst die himmlische Seligkeit erhalten“
11[65]
„Man ist erstaunt über das viele Zögern und Zaudern in der Argumentation des Montaigne. Aber auf den Index im Vatican gesetzt, allen Parteien längst verdächtig, setzt er vielleicht freiwillig seiner gefährlichen Toleranz, seiner verleumdeten Unparteilichkeit, die Sordine einer Art Frage auf. Das war schon viel in seiner Zeit: Humanität, welche zweifelt…“
11[69]
(328)
Sainte-Beuve: „la jeunesse est trop ardente pour avoir du goût.
Pour avoir du goût, il ne suffit pas d’avoir en soi la faculté de goûter les belles et douces choses de l’esprit, il faut encore du loisir, une âme libre et vacante, redevenue comme innocente, non livrée aux passions, non affairée, non bourrelée d’âpres soins et d’inquiétudes positives; une âme désintéressée et même exempte du feu trop ardent de la composition, non en proie à sa propre verve insolente; il faut du repos, de l’oubli, du silence, d’espace autour de soi. Que de conditions, même quand on a en soi la faculté de les trouver, pour jouir des choses délicates!“ —
11[71]
(329)
Unlust und Lust sind die denkbar dümmsten Ausdrucksmittel von Urtheilen: womit natürlich nicht gesagt ist, daß die Urtheile, welche hier auf diese Art laut werden, dumm sein müßten. Das Weglassen aller Begründung und Logicität, ein Ja oder Nein in der Reduktion auf ein leidenschaftliches Haben-wollen oder Wegstoßen, eine imperativische Abkürzung, deren Nützlichkeit unverkennbar ist: das ist Lust und Unlust. Ihr Ursprung ist in der Central-Sphäre des Intellekts; ihre Voraussetzung ist ein unendlich beschleunigtes Wahrnehmen, Ordnen, Subsumiren, Nachrechnen, Folgern: Lust und Unlust sind immer Schlußphänomene, keine „Ursachen“…
Die Entscheidung darüber, was Unlust und Lust erregen soll, ist vom Grade der Macht abhängig: dasselbe, was in Hinsicht auf ein geringes Quantum Macht als Gefahr und Nöthigung zu schnellster Abwehr erscheint, kann bei einem größeren Bewußtsein von Machtfülle eine wollüstige Reizung, ein Lustgefühl als Folge haben.
Alle Lust- und Unlustgefühle setzen bereits ein Messen nach Gesammt-Nützlichkeit, Gesammt-Schädlichkeit voraus: also eine Sphäre, wo das Wollen eines Ziels (Zustands) und ein Auswählen der Mittel dazu stattfindet. Lust und Unlust sind niemals „ursprüngliche Thatsachen“
Lust- und Unlustgefühle sind Willens-Reaktionen (Affekte), in denen das intellekt<uelle> Centrum den Werth gewisser eingetretener Veränderung<en> zum Gesammt-Werthe fixirt, zugleich als Einleitung von Gegenaktionen.
11[72]
(330)
Wenn die Weltbewegung einen Zielzustand hätte, so müßte er erreicht sein. Das einzige Grundfaktum ist aber, daß sie keinen Zielzustand hat: und jede Philosophie oder wissenschaftliche Hypothese (z.B. der Mechanismus), in der ein solcher nothwendig wird, ist durch die einzige Thatsache widerlegt… Ich suche eine Weltconception, welche dieser Thatsache gerecht wird: das Werden soll erklärt werden, ohne zu solchen finalen Absichten Zuflucht zu nehmen: das Werden muß gerechtfertigt erscheinen in jedem Augenblick (oder unabwerthbar: was auf Eins hinausläuft); es darf absolut nicht das Gegenwärtige um eines Zukünftigen wegen oder das Vergangene um des Gegenwärtigen willen gerechtfertigt werden. Die „Nothwendigkeit“ nicht in Gestalt einer übergreifenden, beherrschenden Gesammtgewalt, oder eines ersten Motors; noch weniger als nothwendig, um etwas Werthvolles zu bedingen. Dazu ist nöthig, ein Gesammtbewußtsein des Werdens, einen „Gott“ zu leugnen, um das Geschehen nicht unter den Gesichtspunkt eines mitfühlenden, mitwissenden und doch nichts wollenden Wesens zu bringen: „Gott“ ist nutzlos, wenn er nicht etwas will, und andrerseits ist eine Summirung von Unlust und Unlogik damit gesetzt, welche den Gesammtwerth des „Werdens“ erniedrigen würde: glücklicherweise fehlt gerade eine solche summirende Macht (— ein leidender und überschauender Gott, ein „Gesammtsensorium“ und „Allgeist“ — wäre der größte Einwand gegen das Sein)
Strenger: man darf nichts Seiendes überhaupt zulassen, — weil dann das Werden seinen Werth verliert und geradezu als sinnlos und überflüssig erscheint.
Folglich ist zu fragen: wie die Illusion des Seienden hat entstehen können (müssen)
insgleichen: wie alle Werthurtheile, welche auf der Hypothese ruhen, daß es Seiendes gäbe, entwerthet sind.
damit aber erkennt man, daß diese Hypothese des Seienden die Quelle aller Welt-Verleumdung ist
„die bessere Welt, die wahre Welt, die „jenseitige“ Welt, Ding an sich“
|
1) |
das Werden hat keinen Zielzustand, mündet nicht in ein „Sein“. |
|
2) |
das Werden ist kein Scheinzustand; vielleicht ist die seiende Welt ein Schein. |
|
3) |
das Werden ist werthgleich in jedem Augenblick: die Summe seines Werthes bleibt sich gleich: anders ausgedrückt: es hat gar keinen Werth, denn es fehlt etwas, woran es zu messen wäre, und in Bezug worauf das Wort „Werth“ Sinn hät<te>. der Gesammtwerth der Welt ist unabwerthbar, folglich gehört der philosophische Pessimismus unter die komischen Dinge |
11[73]
(331)
Der Gesichtspunkt des „Werths“ ist der Gesichtspunkt von Erhaltungs-Steigerungs-Bedingungen in Hinsicht auf complexe Gebilde von relativer Dauer des Lebens innerhalb des Werdens:
— : es giebt keine dauerhaften letzten Einheiten, keine Atome, keine Monaden: auch hier ist „das Seiende“ erst von uns hineingelegt, (aus praktischen, nützlichen perspektivischen Gründen)
— „Herrschafts-Gebilde“; die Sphäre des Beherrschenden fortwährend wachsend oder periodisch abnehmend, zunehmend; oder, unter der Gunst und Ungunst der Umstände (der Ernährung —)
— „Werth“ ist wesentlich der Gesichtspunkt für das Zunehmen oder Abnehmen dieser herrschaftlichen Centren („Vielheiten“ jedenfalls, aber die „Einheit“ ist in der Natur des Werdens gar nicht vorhanden)
— ein Quantum Macht, ein Werden, insofern nichts darin den Charakter des „Seins“ hat; insofern
— die Ausdrucksmittel der Sprache sind unbrauchbar, um das Werden auszudrücken: es gehört zu unserem unablöslichen Bedürfniß der Erhaltung, beständig die eine gröbere Welt von Bleibend<em>, von „Dingen“ usw. zu setzen. Relativ, dürfen wir von Atomen und Monaden reden: und gewiß ist, daß die kleinste Welt an Dauer die dauerhafteste ist…
es giebt keinen Willen: es giebt Willens-Punktationen, die beständig ihre Macht mehren oder verlieren
11[74]
(332)
— daß im „Prozeß des Ganzen“ die Arbeit der Menschheit nicht in Betracht kommt, weil es einen Gesammtprozeß (diesen als System gedacht —) gar nicht giebt:
— daß es kein „Ganzes“ giebt, daß alle Abwerthung des menschlichen Daseins, der menschlichen Ziele nicht in Hinsicht auf etwas gemacht werden kann, das gar nicht existirt…
— daß die Nothwendigkeit, die Ursächlichkeit, Zweckmäßigkeit nützliche Scheinbarkeiten sind
— daß nicht Vermehrung des Bewußtseins das Ziel ist, sondern Steigerung der Macht, in welche Steigerung die Nützlichkeit des Bewußtseins eingerechnet ist, ebenso mit Lust als mit Unlust
— daß man nicht die Mittel zum obersten Werthmaß nimmt (also nicht Zustände des Bewußtseins, wie Lust und Schmerz, wenn das Bewußtsein selbst ein Mittel ist —)
— daß die Welt durchaus kein Organism ist, sondern das Chaos: daß die Entwicklung der „Geistigkeit“ ein Mittel zur relativen Dauer der Organisation ist…
— daß alle „Wünschbarkeit“ keinen Sinn hat in Bezug auf den Gesammtcharakter des Seins.
11[75]
(333)
nicht die Befriedigung des Willens ist Ursache der Lust: gegen diese oberflächlichste Theorie will ich besonders kämpfen. Die absurde psychologische Falschmünzerei der nächsten Dinge…
sondern daß der Wille vorwärts will und immer wieder Herr über das wird, was ihm im Wege steht: das Lustgefühl liegt gerade in der Unbefriedigung des Willens, darin, daß er ohne die Grenzen und Widerstände noch nicht satt genug ist…
„Der Glückliche“: Heerdenideal
11[76]
(334)
Die normale Unbefriedigung unsrer Triebe z.B. des Hungers, des Geschlechtstriebs, des Bewegungstriebs, enthält in sich durchaus noch nichts Herabstimmendes; sie wirkt vielmehr agacirend auf das Lebensgefühl, wie jeder Rhythmus von kleinen schmerzhaften Reizen es stärkt, was auch die Pess<imisten> uns vorreden mögen: diese Unbefriedigung, statt das Leben zu verleiden, ist das große Stimulans des Lebens.
— Man könnte vielleicht die Lust überhaupt bezeichnen als einen Rhythmus kleiner Unlustreize…
11[77]
(335)
Je nach den Widerständen, die eine Kraft aufsucht, um über sie Herr zu werden, muß das Maaß des hiermit herausgeforderten Mißlingens und Verhängnisses wachsen: und insofern jede Kraft sich nur an Widerstehendem auslassen kann, ist nothwendig in jeder Aktion eine Ingredienz von Unlust. Nur wirkt diese Unlust als Reiz des Lebens: und stärkt den Willen zur Macht!
11[83]
<(339)>
Das, was eine gute Handlung genannt wird, ist ein bloßes Mißverständniß; solche Handlungen sind gar nicht möglich.
„Egoismus“ ist ebenso wie „Selbstlosigkeit“ eine populäre Fiktion; insgleichen das Individuum, die Seele.
In der ungeheuren Vielheit des Geschehens innerhalb eines Organismus ist der uns bewußt werdende Theil ein bloßer Winkel: und das Bischen „Tugend“, „Selbstlosigkeit“ und ähnliche Fiktionen werden auf eine vollkommen radikale Weise vom übrigen Gesammtgeschehen aus Lügen gestraft. Wir thun gut, unseren Organism in seiner vollkommenen Unmoralität zu studiren…
Die animalischen Funktionen sind ja principiell millionenfach wichtiger als alle schönen Zustände und Bewußtseins-Höhen: letztere sind ein Überschuß, soweit sie nicht Werkzeuge sein müssen für jene animalischen Funktionen.
Das ganze bewußte Leben, der Geist sammt der Seele, sammt dem Herzen, sammt der Güte, sammt der Tugend: in wessen Dienst arbeitet es denn? In dem möglichster Vervollkommnung der Mittel (Ernährungs- Steigerungsmittel) der animalischen Grundfunktionen: vor Allem der Lebenssteigerung.
Es liegt so unsäglich viel mehr an dem, was man „Leib“ und „Fleisch“ nannte: der Rest ist ein kleines Zubehör. Die Aufgabe, die ganze Kette des Lebens fortzuspinnen und so, daß der Faden immer mächtiger wird — das ist die Aufgabe. Aber nun sehe man, wie Herz, Seele, Tugend, Geist förmlich sich verschwören, diese principielle Aufgabe zu verkehren: wie als ob sie die Ziele wären… Die Entartung des Lebens ist wesentlich bedingt durch die außerordentliche Irrthumsfähigkeit des Bewusstseins: es wird am wenigsten durch Instinkte im Zaum gehalten und vergreift sich deshalb am längsten und gründlichsten.
Nach den angenehmen oder unangenehmen Gefühlen dieses Bewußtseins abmessen, ob das Dasein Werth hat: kann man sich eine tollere Ausschweifung der Eitelkeit denken? Es ist ja nur ein Mittel: und angenehme oder unangenehme Gefühle sind ja auch nur Mittel! — Woran mißt sich objektiv der Werth? Allein an dem Quantum gesteigerter und organisirter Macht, nach dem, was in allem Geschehen geschieht, ein Wille zum Mehr…
11[87]
(341)
All die Schönheit und Erhabenheit, die wir den wirklichen und eingebildeten Dingen geliehen haben, will ich zurückfordern als Eigenthum und Erzeugniß des Menschen: als seine schönste Apologie. Der Mensch als Dichter, als Denker, als Gott, als Liebe, als Macht —: oh über seine königliche Freigebigkeit, mit der er die Dinge beschenkt hat, um sich zu verarmen und sich elend zu fühlen! Das war bisher seine größte Selbstlosigkeit, daß er bewunderte und anbetete und sich zu verbergen wußte, daß er es war, der das geschaffen hat, was er bewunderte. —
11[88]
(342)
Wie viel uneingeständliche und selbst unwissende Befriedigung alter religiöser Bedürfnisse ist im Gefühls-Mischmasch der deutschen Musik rückständig! Wie viel Gebet, Tugend, Salbung, Jungfräulichkeit, Weihrauch, Muckerei und „Kämmerlein“ redet da noch mit! Daß die Musik selbst vom Worte, vom Begriff, vom Bilde absieht: oh wie sie davon ihren Vortheil zu ziehen weiß, die arglistige weibliche „Ewig-Weibliche“! auch das redlichste Gewissen braucht sich nicht zu schämen, wenn jener Instinkt sich befriedigt, — es bleibt außerhalb. Dies ist gesund, klug und, insofern es Scham vor der Armseligkeit alles religiösen Urtheils ausdrückt, ein gutes Zeichen… Trotz alledem bleibt es eine Tartüfferie…
Stellt man dagegen, wie es W<agner> in seinen letzten Tagen mit gefährlicher Verlogenheit that, die religiöse Symbolik daneben, wie im Parsifal, wo er auf den abergläubischen Unsinn des Abendmahls anspielt und nicht nur anspielt: so erregt eine solche Musik Entrüstung…
11[89]
(343)
Die Menschen haben die Liebe immer mißverstanden: sie glauben hier selbstlos zu sein, weil sie den Vortheil eines anderen Wesens wollen, oft wider ihren eigenen Vortheil: aber dafür wollen sie jenes andere Wesen besitzen… In anderen Fällen ist Liebe ein feineres Schmarotzerthum, ein gefährliches und rücksichtsloses Sicheinnisten einer Seele in eine andere Seele — mitunter auch ins Fleisch… ach! wie sehr auf „des Wirthes“ Unkosten!
Wie viel Vortheil opfert der Mensch, wie wenig „eigennützig“ ist er! Alle seine Affekte und Leidenschaften wollen ihr Recht haben — und wie fern vom klugen Nutzen des Eigennutzes ist der Affekt!
Man will nicht sein „Glück“; man muß Engländer sein, um glauben zu können, daß der Mensch immer seinen Vortheil sucht; unsere Begierden wollen sich in langer Leidenschaft an den Dingen vergreifen — ihre aufgestaute Kraft sucht die Widerstände
11[94]
(346)
Jener Kaiser hielt sich beständig die Vergänglichkeit aller Dinge vor, um sie nicht zu wichtig zu nehmen und zwischen ihnen ruhig zu bleiben. Mir scheint umgekehrt Alles viel zu viel werth zu sein, als daß es so flüchtig sein dürfte: ich suche nach einer Ewigkeit für Jegliches: dürfte man die kostbarsten Salben und Weine ins Meer gießen? — und mein Trost ist, daß Alles was war ewig ist: — das Meer spült es wieder heraus
11[95]
(347)
Man belästigte, wie bekannt, Voltaire noch in seinen letzten Augenblicken: „glauben Sie an die Gottheit Christi?“ fragte ihn sein Curé; und nicht zufrieden damit, daß Voltaire ihn bedeutete, er wolle in Ruhe gelassen werden, wiederholte er seine Frage. Da überkam den Sterbenden sein letzter Ingrimm: wüthend stieß er den unbefugten Frager zurück: „au nom du dieu! — rief er ihm ins Gesicht — ne me parlez pas de cet-homme-là!“ — unsterbliche letzte Worte, in denen alles zusammengefaßt ist, wogegen dieser tapferste Geist gekämpft hatte. —
Voltaire urtheilte: „es ist nichts Göttliches an diesem Juden von Nazareth“: so urtheilte aus ihm der klassische Geschmack.
Der klassische Geschmack und der christliche Geschmack setzen den Begriff „göttlich“ grundverschieden an; und wer den ersteren im Leibe hat, der kann nicht anders als das Christenthum als foeda <superstitio> und das christliche Ideal als eine Carikatur und Herabwürdigung des Göttlichen zu empf<inden>.
11[96]
(348)
Daß man den Thäter wieder in das Thun hineinnimmt, nachdem man ihn begrifflich aus ihm herausgezogen und damit das Thun entleert hat;
daß man das Etwas-thun, „das Ziel“, die „Absicht“, den „Zweck“ wieder in das Thun zurücknimmt, nachdem man ihn künstlich aus ihm herausgezogen und damit das Thun entleert hat;
daß alle „Zwecke“, „Ziele“, „Sinne“ nur Ausdrucksweisen und Metamorphosen des Einen Willens sind, der allem Geschehen inhärirt, der Wille zur Macht; daß Zwecke, Ziele, Absichten haben, wollen überhaupt soviel ist wie Stärker-werden-wollen, wachsen wollen, und dazu auch die Mittel wollen;
daß der allgemeinste und unterste Instinkt in allem Thun und Wollen eben deshalb der unerkannteste und verborgenste geblieben ist, weil in praxi wir immer seinem Gebote folgen, weil wir dies Gebot sind… Alle Werthschätzungen sind nur Folgen und engere Perspektiven im Dienste dieses Einen Willens: das Werthschätzen selbst ist nur dieser Wille zur Macht; eine Kritik des Seins aus irgend einem dieser Werthe heraus ist etwas Widersinniges und Mißverständliches; gesetzt selbst, daß sich darin ein Untergangsprozeß einleitet, so steht dieser Prozeß noch im Dienste dieses Willens…
Das Sein selbst abschätzen: aber das Abschätzen selbst ist dieses Sein noch —: und indem wir Nein sagen, so thun wir immer noch, was wir sind… Man muß die Absurdität dieser daseinsrichtenden Gebärde einsehen; und sodann noch zu errathen suchen, was sich eigentlich damit begiebt. Es ist symptomatisch.
11[97]
(349)
Der philosophische Nihilist ist der Überzeugung, daß alles Geschehen sinnlos und umsonstig ist; und es sollte kein sinnloses und umsonstiges Sein geben. Aber woher dieses: Es sollte nicht? Aber woher nimmt man diesen „Sinn“? dieses Maaß? — Der Nihilist meint im Grunde, der Hinblick auf ein solches ödes nutzloses Sein wirke auf einen Philosophen unbefriedigend, öde, verzweifelt; eine solche Einsicht widerspricht unserer feineren Sensibilität als Philosophen. Es läuft auf die absurde Werthung hinaus: der Charakter des Daseins müßte dem Philosophen Vergnügen machen, wenn anders es zu Recht bestehen soll…
Nun ist leicht zu begreifen, daß Vergnügen und Unlust innerhalb des Geschehens nur den Sinn von Mitteln haben können: es bliebe übrig zu fragen, ob wir den „Sinn“ und „Zweck“ überhaupt sehen könnten, ob nicht die Frage der Sinnlosigkeit oder ihres Gegentheils für uns unlösbar ist. —
11[98]
(350)
Werth der Vergänglichkeit: etwas, das keine Dauer hat, das sich widerspricht, hat wenig Werth. Aber die Dinge, an welche wir glauben als dauerhaft, sind als solche reine Fiktionen. Wenn Alles fließt, so ist die Vergänglichkeit eine Qualität (die „Wahrheit“) und die Dauer und Unvergänglichkeit bloß ein Schein.
11[99]
(351)
Kritik des Nihilism. —
1.
Der Nihilism als psychologischer Zustand wird eintreten müssen erstens wenn wir einen „Sinn“ in allem Geschehen gesucht haben, der nicht darin ist: so daß der Sucher endlich den Muth verliert. Nihilismus ist da das Bewußtwerden der langen Vergeudung von Kraft, die Qual des „Umsonst“, die Unsicherheit, der Mangel an Gelegenheit, sich irgendwie zu erholen, irgendworüber noch zu beruhigen — die Scham vor sich selbst, als habe man sich allzulange betrogen… Jener Sinn könnte gewesen sein: die „Erfüllung“ eines sittlichen höchsten Kanons in allem Geschehen, die sittliche Weltordnung; oder die Zunahme der Liebe und Harmonie im Verkehr der Wesen; oder die Annäherung an einen allgemeinen Glücks-Zustand; oder selbst das Losgehn auf einen allgemeinen Nichts-Zustand — ein Ziel ist immer noch ein Sinn. Das Gemeinsame aller dieser Vorstellungsarten ist, daß ein Etwas durch den Prozeß selbst erreicht werden soll: — und nun begreift man, daß mit dem Werden nichts erzielt, nichts erreicht wird… Also die Enttäuschung über einen angeblichen Zweck des Werdens als Ursache des Nihilismus: sei es in Hinsicht auf einen ganz bestimmten Zweck, sei es, verallgemeinert, die Einsicht in das Unzureichende aller bisherigen Zweck-Hypothesen, die die ganze „Entwicklung“ betreffen (— der Mensch nicht mehr Mitarbeiter, geschweige der Mittelpunkt des Werdens)
Der Nihilismus als psychologischer Zustand tritt zweitens ein, wenn man eine Ganzheit, eine Systematisirung, selbst eine Organisirung in allem Geschehn und unter allem Geschehn angesetzt hat: so daß in der Gesammtvorstellung einer höchsten Herrschafts- und Verwaltungsform die nach Bewunderung und Verehrung durstige Seele schwelgt (— ist es die Seele eines Logikers, so genügt schon die absolute Folgerichtigkeit und Realdialektik, um mit Allem zu versöhnen…) Eine Art Einheit, irgend eine Form des „Monismus“: und in Folge dieses Glaubens der Mensch in tiefem Zusammenhangs- und Abhängigkeits-Gefühl von einem ihm unendlich überlegenen Ganzen, ein modus der Gottheit… „Das Wohl des Allgemeinen fordert die Hingabe des Einzelnen“… aber siehe da, es giebt kein solches Allgemeines! Im Grunde hat der Mensch den Glauben an seinen Werth verloren, wenn durch ihn nicht ein unendlich werthvolles Ganzes wirkt: d.h. er hat ein solches Ganzes concipirt, um an seinen Werth glauben zu können.
Der Nihilismus als psychologischer Zustand hat noch eine dritte und letzte Form. Diese zwei Einsichten gegeben, daß mit dem Werden nichts erzielt werden soll und daß unter allem Werden keine große Einheit waltet, in der der Einzelne völlig untertauchen darf, wie in einem Element höchsten Werthes: so bleibt als Ausflucht übrig, diese ganze Welt des Werdens als Täuschung zu verurtheilen und eine Welt zu erfinden, welche jenseits derselben liegt, als wahre Welt. Sobald aber der Mensch dahinterkommt, wie nur aus psychologischen Bedürfnissen diese Welt gezimmert ist und wie er dazu ganz und gar kein Recht hat, so entsteht die letzte Form des Nihilismus, welche den Unglauben an eine metaphysische Welt in sich schließt, — welche sich den Glauben an eine wahre Welt verbietet. Auf diesem Standpunkt giebt man die Realität des Werdens als einzige Realität zu, verbietet sich jede Art Schleichwege zu Hinterwelten und falschen Göttlichkeiten — aber erträgt diese Welt nicht, die man schon nicht leugnen will…
— Was ist im Grunde geschehen? Das Gefühl der Werthlosigkeit wurde erzielt, als man begriff, daß weder mit dem Begriff „Zweck“, noch mit dem Begriff „Einheit“, noch mit dem Begriff „Wahrheit“ der Gesammtcharakter des Daseins interpretirt werden darf. Es wird nichts damit erzielt und erreicht; es fehlt die übergreifende Einheit in der Vielheit des Geschehens: der Charakter des Daseins ist nicht „wahr“, ist falsch…, man hat schlechterdings keinen Grund mehr, eine wahre Welt sich einzureden…
Kurz: die Kategorien „Zweck“, „Einheit“, „Sein“, mit denen wir der Welt einen Werth eingelegt haben, werden wieder von uns herausgezogen — und nun sieht die Welt werthlos aus…
2.
Gesetzt, wir haben erkannt, in wiefern mit diesen drei Kategorien die Welt nicht mehr ausgelegt werden darf und daß nach dieser Einsicht die Welt für uns werthlos zu werden anfängt: so müssen wir fragen, woher unser Glaube an diese 3 Kategorien stammt — versuchen wir, ob es nicht möglich ist, ihnen den Glauben zu kündigen. Haben wir diese 3 Kategorien entwerthet, so ist der Nachweis ihrer Unanwendbarkeit auf das All kein Grund mehr, das All zu entwerthen.
*
* *
Resultat: der Glaube an die Vernunft-Kategorien ist die Ursache des Nihilismus, — wir haben den Werth der Welt an Kategorien gemessen, welche sich auf eine rein fingirte Welt beziehen.
* *
*
Schluß-Resultat: alle Werthe, mit denen wir bis jetzt die Welt zuerst uns schätzbar zu machen gesucht haben und endlich ebendamit entwerthet haben, als sie sich als unanlegbar erwiesen — alle diese Werthe sind, psychologisch nachgerechnet, Resultate bestimmter Perspektiven der Nützlichkeit zur Aufrechterhaltung und Steigerung menschlicher Herrschafts-Gebilde: und nur fälschlich projicirt in das Wesen der Dinge. Es ist immer noch die hyperbolische Naivetät des Menschen, sich selbst als Sinn und Werthmaß der Dinge <anzusetzen>…
11[100]
(352)
Die obersten Werthe, in deren Dienst der Mensch leben sollte, namentlich wenn sie sehr schwer und kostspielig über ihn verfügten: diese socialen Werthe hat man zum Zweck ihrer Ton-Verstärkung, wie als ob sie Commando’s Gottes wären, als „Realität“, als „wahre“ Welt, als Hoffnung und zukünftige Welt über dem Menschen aufgebaut. Jetzt, wo die mesquine Herkunft dieser Werthe klar wird, scheint uns das All damit entwerthet, „sinnlos“ geworden… aber das ist nur ein Zwischenzustand.
11[101]
Ich wünsche durchaus nicht, an der verächtlichen Komödie mitzuspielen, welche heute immer noch, in Preußen zumal, philosophischer Pessimismus genannt wird; ich sehe selbst die Nöthigung nicht ein, von ihr zu reden. Mit Ekel sollte man sich längst von dem Schauspiel abgewandt haben, w<elches> jener magere Affe Herr von Hartmann giebt: in meinen Augen ist jeder damit durchgestrichen, daß er diesen Namen mit dem Schopenhauers zugleich in den Mund nimmt.
11[103]
(354)
Daß man endlich die menschlichen Werthe wieder hübsch in die Ecke zurücksetze, in der sie allein ein Recht haben: als Eckensteher-Werthe. Es sind schon viele Thierarten verschwunden; gesetzt daß auch der Mensch verschwände, so würde nichts in der Welt fehlen. Man muß Philosoph genug sein, um auch dies Nichts zu bewundern (— Nil admirari —)
11[104]
(355)
Ist man über das „Warum?“ seines Lebens mit sich im Reinen, so giebt man dessen Wie? leichten Kaufs. Es ist selbst schon ein Zeichen von Unglauben an Warum?, an Zweck und Sinn, ein Mangel an Willen, wenn der Werth von Lust und Unlust in den Vordergrund tritt und hedonistisch-pessimistische Lehren Gehör finden; und Entsagung, Resignation, Tugend, „Objektivität“ können zum Mindesten schon Zeichen davon sein, daß es an der Hauptsache zu mangeln beginnt.
Daß man sich ein Ziel zu geben weiß — — —
11[106]
Nicht zu verwechseln: — Der Unglaube als Unvermögen überhaupt zu glauben und, andrerseits, als Unvermögen Etwas noch zu glauben: im letzteren Falle gemeinhin als Symptom von einem neuen Glauben —
Dem Unglauben als Unvermögen eignet die Unfähigkeit zu negiren — er weiß sich weder gegen ein Ja noch gegen ein Nein zu wehren…
11[108]
Ein Philosoph erholt sich anders und in Anderem: er erholt sich z.B. im Nihilismus. Der Glaube, daß es gar keine Wahrheit giebt, der Nihilisten-Glaube ist ein großes Gliederstrecken für einen, der als Kriegsmann der Erkenntniß unablässig mit lauter häßlichen Wahrheiten im Kampfe liegt. Denn die Wahrheit ist häßlich
11[111]
(356)
Wie kommt es, daß die Grundglaubensartikel in der Psychologie allesammt die ärgsten Verdrehungen und Falschmünzereien sind? „Der Mensch strebt nach Glück“ z.B. — was ist daran wahr! Um zu verstehn, was Leben ist, welche Art Streben und Spannung Leben ist, muß die Formel so gut von Baum und Pflanze als vom Thier gelten. „Wonach strebt die Pflanze?“ — aber hier haben wir bereits eine falsche Einheit erdichtet, die es nicht giebt: die „Thatsache eines millionenfachen Wachsthums mit eigenen und halbeigenen Initiativen ist versteckt und verleugnet, wenn wir eine plumpe Einheit „Pflanze“ voranstellen. Daß die letzten kleinsten „Individuen“ nicht in dem Sinn eines „metaphysischen Individuums“ und Atoms verständlich sind, daß ihre Machtsphäre fortwährend sich verschiebt — das ist zuallererst sichtbar: aber strebt ein Jedes von ihnen, wenn es sich dergestalt verwandelt, nach „Glück“? — Aber alles Sich-ausbreiten, Einverleiben, Wachsen ist ein Anstreben gegen Widerstehendes, Beweg<ung> ist essentiell etwas mit Unlustzuständen Verbundenes: es muß das, was hier treibt, jedenfalls etwas Anderes wollen, wenn es dergestalt die Unlust will und fortwährend aufsucht. — Worum kämpfen die Bäume eines Urwaldes mit einander? Um „Glück“? — Um Macht…
Der Mensch, Herr über die Naturgewalten geworden, Herr über seine eigne Wildheit und Zügellosigkeit: die Begierden haben folgen, haben nützlich sein gelernt
Der Mensch, im Vergleich zu einem Vor-Menschen, stellt ein ungeheures Quantum Macht dar — nicht ein plus vom „Glück“: wie kann man behaupten, daß er nach Glück gestrebt hat?…
11[112]
(357)
Der höhere Mensch unterscheidet sich von dem niederen in Hinsicht auf die Furchtlosigkeit und die Herausforderung des Unglücks: es ist ein Zeichen von Rückgang, wenn eudämonistische Werthmaaße als oberste zu gelten anfangen (— physiologische Ermüdung, Willens-Verarmung —) Das Christenthum mit seiner Perspektive auf „Seligkeit“ ist eine typische Denkweise für eine leidende und verarmte Gattung Mensch: eine volle Kraft will schaffen, leiden, leiden<d> untergehn: ihr ist das christliche Mucker-Heil eine schlechte Musik und hieratische Gebärden ein Verdruß
11[113]
(358)
Zur Psychologie und Erkenntnisslehre.
Ich halte die Phänomenalität auch der inneren Welt fest: alles, was uns bewußt wird, ist durch und durch erst zurechtgemacht, vereinfacht, schematisirt, ausgelegt — der wirkliche Vorgang der inneren „Wahrnehmung“, die Causalvereinigung zwischen Gedanken, Gefühlen, Begehrungen, wie die zwischen Subjekt und Objekt, uns absolut verborgen — und vielleicht eine reine Einbildung. Diese „scheinbare innere Welt ist mit ganz denselben Formen und Prozeduren behandelt, wie die „äußere“ Welt. Wir stoßen nie auf „Thatsachen“: Lust und Unlust sind späte und abgeleitete Intellekt-Phänomene…
Die „Ursächlichkeit“ entschlüpft uns; zwischen Gedanken ein unmittelbares ursächliches Band anzunehmen, wie es die Logik thut — das ist Folge der allergröbsten und plumpsten Beobachtung. Zwischen zwei Gedanken spielen noch alle möglichen Affekte ihr Spiel: aber die Bewegungen sind zu rasch, deshalb verkennen wir sie, leugnen wir sie…
„Denken“, wie es die Erkenntnißtheoretiker ansetzen, kommt gar nicht vor: das ist eine ganz willkürliche Fiktion, erreicht durch Heraushebung Eines Elementes aus dem Prozeß und Subtraktion aller übrigen, eine künstliche Zurechtmachung zum Zweck der Verständlichung…
Der „Geist“, etwas, das denkt: womöglich gar „der Geist absolut, rein, pur“ — diese Conception ist eine abgeleitete zweite Folge der falschen Selbstbeobachtung, welche an „Denken“ glaubt: hier ist erst ein Akt imaginirt, der gar nicht vorkommt, „das Denken“ und zweitens ein Subjekt-Substrat imaginirt in dem jeder Akt dieses Denkens und sonst nichts Anderes seinen Ursprung hat: d.h. sowohl das Thun, als der Thäter sind fingirt
11[114]
„wollen“ ist nicht „begehren“, streben, verlangen: davon hebt es sich ab durch den Affekt des Commando’s
es giebt kein „wollen“, sondern nur ein Etwas-wollen: man muß nicht das Ziel auslösen aus dem Zustand: wie es die Erkenntnißtheoretiker thun. „Wollen“, wie sie es verstehn, kommt so wenig vor, wie „Denken“: ist eine reine Fiktion.
daß Etwas befohlen wird, gehört zum Wollen (: damit ist natürlich nicht gesagt, daß der Wille „effektuirt“ wird…)
Jener allgemeine Spannungszustand, vermöge dessen eine Kraft nach Auslösung trachtet — ist kein „Wollen“
11[115]
(359)
In einer Welt, die wesentlich falsch ist, wäre Wahrhaftigkeit eine widernatürliche Tendenz: eine solche könnte nur Sinn haben als Mittel zu einer besonderen höheren Potenz von Falschheit: damit eine Welt des Wahren, Seienden fingirt werden konnte, mußte zuerst der Wahrhaftige geschaffen sein (eingerechnet, daß ein solcher sich „wahrhaftig“ glaubt)
Einfach, durchsichtig, mit sich nicht im Widerspruch, dauerhaft, sich gleichbleibend, ohne Falte, Volte, Vorhang, Form: ein Mensch der Art concipirt eine Welt des Seins als „Gott“ nach seinem Bilde.
Damit Wahrhaftigkeit möglich ist, muß die ganze Sphäre des Menschen sehr sauber, klein und achtbar sein: es muß der Vortheil in jedem Sinne auf Seiten des Wahrhaftigen sein. — Lüge, Tücke, Verstellung müssen Erstaunen erregen…
Der Haß gegen die Lüge und die Verstellung aus Stolz, aus einem reizbaren Ehrbegriff; aber es giebt einen solchen Haß auch aus Feigheit: weil Lüge verboten ist. — Bei einer anderen Art Mensch hilft alles Moralisiren „du sollst nicht lügen“ nichts gegen den Instinkt, welcher der Lüge beständig bedarf: Zeugniß das neue Testament.
11[116]
(360)
Es giebt solche, die danach suchen, wo etwas unmoralisch ist: wenn sie urtheilen: „das ist Unrecht“, so glauben sie, man müsse es abschaffen und ändern. Umgekehrt habe ich nirgends Ruhe, so lange ich bei einer Sache noch nicht über ihre Unmoralität im Klaren bin. Habe ich diese heraus, so ist mein Gleichgewicht wieder hergestellt.
11[118]
wir Hyperboreer
(361)
Mein Schlußsatz ist: daß der wirkliche Mensch einen viel höheren Werth darstellt als der „wünschbare“ Mensch irgend eines bisherigen Ideals; daß alle „Wünschbarkeiten“ in Hinsicht auf den Menschen absurde und gefährliche Ausschweifungen waren, mit denen eine einzelne Art von Mensch ihre Erhaltungs- und Wachsthums-Bedingungen über der Menschheit als Gesetz aufhängen möchte; daß jede zur Herrschaft gebrachte „Wünschbarkeit“ solchen Ursprungs bis jetzt den Werth des Menschen, seine Kraft, seine Zukunfts-Gewißheit herabgedrückt hat; daß die Armseligkeit und Winkel-Intellektualität des Menschen sich am meisten bloßstellt, auch heute noch, wenn er wünscht; daß die Fähigkeit des Menschen, Werthe anzusetzen, bisher zu niedrig entwickelt war, um dem thatsächlichen, nicht bloß „wünschbaren“ Werthe des Menschen gerecht zu werden; daß das Ideal bis jetzt die eigentlich welt- und menschverleumdende Kraft, der Gifthauch über der Realität, die große Verführung zum Nichts war…
11[119]
(362)
Zur Vorrede.
Ich beschreibe, was kommt: die Heraufkunft des Nihilismus. Ich kann hier beschreiben, weil hier etwas Nothwendiges sich begiebt — die Zeichen davon sind überall, die Augen nur für diese Zeichen fehlen noch. Ich lobe, ich tadle hier nicht, daß er kommt: ich glaube, es giebt eine der größten Krisen, einen Augenblick der allertiefsten Selbstbesinnung des Menschen: ob der Mensch sich davon erholt, ob er Herr wird über diese Krise, das ist eine Frage seiner Kraft: es ist möglich…
der moderne Mensch glaubt versuchsweise bald an diesen, bald an jenen Werth und läßt ihn dann fallen: der Kreis der überlebten und fallengelassenen Werthe wird immer voller; die Leere und Armut an Werthen kommt immer mehr zum Gefühl; die Bewegung ist unaufhaltsam — obwohl im großen Stil die Verzögerung versucht ist —
Endlich wagt er eine Kritik der Werthe überhaupt; er erkennt deren Herkunft; er erkennt genug, um an keinen Werth mehr zu glauben; das Pathos ist da, der neue Schauder…
Was ich erzähle, ist die Geschichte der nächsten zwei Jahrhunderte…
11[120]
(363)
Daß zwischen Subjekt und Objekt eine Art adäquater Relation stattfinde; daß das Objekt etwas ist, das von Innen gesehn Subjekt wäre, ist eine gutmüthige Erfindung, die, wie ich denke, ihre Zeit gehabt hat. Das Maaß dessen, was uns überhaupt bewußt <wird>, ist ja ganz und gar abhängig von grober Nützlichkeit des Bewußtwerdens: wie erlaubte uns diese Winkelperspektive des Bewußtseins irgendwie über „Subjekt“ und „Objekt“ Aussagen, mit denen die Realität berührt würde! —
11[121]
(364)
man kann die unterste und ursprünglichste Thätigkeit im Protoplasma nicht aus einem Willen zur Selbsterhaltung ableiten: denn es nimmt auf eine unsinnige Art mehr in sich hinein, als die Erhaltung bedingen würde: und vor allem, es „erhält sich“ damit eben nicht, sondern zerfällt… Der Trieb, der hier waltet, hat gerade dieses Sich-nicht-erhalten-Wollen zu erklären: „Hunger“ ist schon eine Ausdeutung, nach ungleich complicirteren Organismen (— Hunger ist eine spezialisirte und spätere Form des Triebes, ein Ausdruck der Arbeitstheilung, im Dienst eines darüber waltenden höheren Triebes)
11[122]
(365)
— dies ist es nicht was uns abscheidet: daß wir keinen Gott wiederfinden, weder in der Geschichte, noch in der Natur, noch hinter der Natur, — sondern daß wir das, was als Gott verehrt wurde, nicht als „göttlich“, sondern als heilige Fratze, als Moutonnerie, als absurde und erbarmungswürdige Niaiserie, als Princip der Welt- und Mensch-Verleumdung empfinden: kurz daß wir Gott als Gott leugnen. Es ist der Gipfel der psychologischen Verlogenheit des Menschen, sich ein Wesen als Anfang und „An-sich“ <nach> seinem Winkel-Maßstab des ihm gerade gut, weise, mächtig, werthvoll Erscheinenden herauszurechnen — und dabei die ganze Ursächlichkeit, vermöge deren überhaupt irgendwelche Güte, irgendwelche Weisheit, irgendwelche Macht besteht und Werth hat, wegzudenken. Kurz, Elemente der spätesten und bedingtesten Herkunft als nicht entstanden, sondern als „an sich“ zu setzen und womöglich gar als Ursache alles Entstehens überhaupt… Gehen wir von der Erfahrung aus, von jedem Fall, wo ein Mensch sich bedeutend über das Maaß des Menschlichen erhoben hat, so sehen wir, daß jeder hohe Grad von Macht Freiheit von Gut und Böse ebenso wie von „Wahr“ und „Falsch“ in sich schließt und dem, was Güte will, keine Rechnung gönnen kann: wir begreifen dasselbe noch einmal für jeden hohen Grad von Weisheit — die Güte ist in ihr ebenso aufgehoben als die Wahrhaftigkeit, Gerechtigkeit, Tugend und andere Volks-Velleitäten der Werthung. Endlich jeder hohe Grad von Güte selbst: ist es nicht ersichtlich, daß er bereits eine geistige Myopie und Unfeinheit voraussetzt? insgleichen die Unfähigkeit, zwischen wahr und falsch zwischen nützlich und schädlich auf eine größere Entfernung hin zu unterscheiden? gar nicht davon zu reden, daß ein hoher Grad von Macht in den Händen der höchsten Güte die unheilvollsten Folgen („die Abschaffung des Übels“) mit sich bringen würde? — In der That, man sehe nur an, was der „Gott der Liebe“ seinen Gläubigen für Tendenzen eingiebt: sie ruiniren die Menschheit zu Gunsten des „Guten“ — In praxi hat sich derselbe Gott Angesichts der wirklichen Beschaffenheit der Welt als Gott der höchsten Kurzsichtigkeit, Teufelei und Ohnmacht erwiesen: woraus sich ergiebt, wie viel Werth seine Conception hat.
An sich hat ja Wissen und Weisheit keinen Werth; ebenso wenig als Güte: man muß immer erst noch das Ziel haben, von wo aus diese Eigenschaften Werth oder Unwerth erhalten — es könnte ein Ziel geben, von wo aus ein extremes Wissen einen hohen Unwerth darstellte (etwa wenn die extreme Täuschung eine der Voraussetzungen der Steigerung des Lebens wäre; insgleichen wenn die Güte etwa die Sprungfedern der großen Begierde zu lähmen und zu entmuthigen vermöchte…
Unser menschliches Leben gegeben, wie es ist, so hat alle „Wahrheit“, alle „Güte“ alle „Heiligkeit“, alle „Göttlichkeit“ im christlichen Stile bis jetzt sich als große Gefahr erwiesen — noch jetzt ist die Menschheit in Gefahr, an einer lebenswidrigen Idealität zu Grunde zu gehn
11[123]
(366)
Die Heraufkunft des Nihilismus.
Der Nihilism ist nicht nur eine Betrachtsamkeit über das „Umsonst!“, und nicht nur der Glaube, daß Alles werth ist, zu Grunde zu gehen: man legt Hand an, man richtet zu Grunde… Das ist, wenn man will, unlogisch: aber der Nihilist glaubt nicht an die Nöthig<ung>, logisch zu sein… Es ist der Zustand starker Geister und Willen: und solchen ist es nicht möglich, bei dem Nein „des Urtheils“ stehn zu bleiben: — das Nein der That kommt aus ihrer Natur. Der Ver-Nichtung durch das Urtheil sekundirt die Ver-Nichtung durch die Hand.
11[124]
(367)
Wenn wir „Enttäuschte“ sind, so sind wir es nicht in Hinsicht auf das Leben: sondern daß uns über die „Wünschbarkeiten“ aller Art die Augen aufgegangen sind. Wir sehen mit einem spöttischen Ingrimm dem zu, was „Ideal“ heißt: wir verachten uns nur darum, nicht zu jeder Stunde jene absurde Regung niederhalten zu können, welche „Idealismus“ heißt. Die Verwöhnung ist stärker als der Ingrimm des Enttäuschten…
11[127]
(370)
NB. gegen die Gerechtigkeit… Gegen J. Stuart Mill: Ich perhorreszire seine Gemeinheit, welche sagt „was dem Einen recht ist, ist dem Andern billig; was du nicht willst usw., das füge auch keinem Andern zu“; welche den ganzen menschlichen Verkehr auf Gegenseitigkeit der Leistung begründen will, so daß jede Handlung als eine Art Abzahlung erscheint für etwas, das uns erwiesen ist. Hier ist die Voraussetzung unvornehm im untersten Sinn: hier wird die Äquivalenz der Werthe von Handlungen vorausgesetzt bei mir und dir; hier ist der persönlichste Werth einer Handlung einfach annullirt (das, was durch Nichts ausgeglichen und bezahlt werden kann —) Die „Gegenseitigkeit“ ist eine große Gemeinheit; gerade daß Etwas, was ich thue, nicht von Einem Andern gethan werden dürfte und könnte, daß es keinen Ausgleich geben darf — außer in der ausgewähltesten Sphäre der „meines Gleichen“, inter pares —; daß man in einem tieferen Sinne nie zurückgiebt, weil man etwas Einmaliges ist und nur Einmaliges thut — diese Grundüberzeugung enthält die Ursache der aristokratischen Absonderung von der Menge, weil die Menge an „Gleichheit“ und folglich Ausgleichbarkeit und „Gegenseitigkeit“ glaubt.
11[128]
(371)
Es ist das verwandtschaftliche Gefühl, das die Kinder Eines Volkes miteinander verbindet: diese Verwandtschaft ist physiologisch tausendfach stärker als man gemeinhin annimmt. Sprache, Sitten, Gemeinsamkeit der Interessen und Schicksale — das ist Alles wenig gegen jenes Sich-verstehen-können auf Grund gleicher Vorfahren.
11[135]
Zur Kritik der großen Worte. — Ich bin voller Argwohn und Bosheit gegen das, was man „Ideal“ nennt: hier liegt mein Pessimism, erkannt zu haben, wie die „höheren Gefühle“ eine Quelle des Unheils d.h. der Verkleinerung und Wertherniedrigung des Menschen sind.
— man täuscht sich jedes Mal, wenn man einen „Fortschritt“ von einem Ideal erwartet: der Sieg des Ideals war jedes Mal bisher eine retrograde Bewegung.
— Christenthum, Revolution, Aufhebung der Sklaverei, gleiches Recht, Philanthropie, Friedensliebe, Gerechtigkeit, Wahrheit: alle diese großen Worte haben nur Werth im Kampf, als Standarte: nicht als Realitäten, sondern als Prunkworte für etwas ganz Anderes (ja Gegensätzliches!)
11[137]
Die „wachsende Autonomie des Individuums“: davon reden diese Pariser Philosophen, wie Fouillée: sie sollten doch nur die race moutonnière ansehen, die sie selber sind!…
Macht doch die Augen auf, ihr Herren Zukunfts-Sociologen!
Das „Individuum“ ist stark geworden unter umgekehrten Bedingungen: ihr beschreibt die äußerste Schwächung und Verkümmerung des Menschen, ihr wollt sie selbst und braucht den ganzen Lügenapparat des alten Ideals dazu! ihr seid der Art, daß ihr eure Heerdenthier-Bedürfnisse wirklich als Ideal empfindet!
Der vollkommene Mangel an psychologischer Rechtschaffenheit!
11[138]
|
(372) Die Herkunft des Ideals. Untersuchung des Bodens, auf dem es wächst. |
||
|
A. |
Von den „aesthetischen“ Zuständen ausgehn, wo die Welt voller runder, vollkommener gesehen wird — das heidnische Ideal: darin die Selbstbejahung vorherrschend vom Buffo an |
|
|
— |
der höchste Typus: das klassische Ideal — als Ausdruck eines Wohlgerathenseins aller Hauptinstinkte |
|
|
— |
darin wieder der höchste Stil: der große Stil Ausdruck des „Willens zur Macht“ selbst (der am meisten gefürchtete Instinkt wagt sich zu bekennen) |
|
|
— man giebt ab — |
||
|
B. |
Von Zuständen ausgehn, wo die Welt leerer, blässer, verdünnter gesehen wird, wo die „Vergeistigung“ und Unsinnlichkeit den Rang des Vollkommnen einnimmt; wo am meisten das Brutale, Thierisch-Direkte, Nächste vermieden wird: der „Weise“, „der Engel“ (priesterlich = jungfräulich = unwissend) physiologische Charakteristik solcher „Idealisten“… das anämische Ideal: unter Umständen kann es das Ideal solcher Naturen sein, welche das erste, das heidnische darstellen (: so sieht Goethe in Spinoza seinen „Heiligen“) |
|
|
— man rechnet ab, man wählt — |
||
|
C. |
Von Zuständen ausgehn, wo wir die Welt absurder, schlechter, ärmer, täuschender empfinden, als daß wir in ihr noch das Ideal vermuthen oder wünschen: die Projektion des Ideals in das Wider-Natürliche, Wider-Thatsächliche, Wider-Logische. Der Zustand dessen, der so urtheilt (— die „Verarmung“ der Welt als Folge des Leidens: man nimmt, man giebt nicht mehr —) : das widernatürliche Ideal |
|
|
— man negirt, man vernichtet — (Das christliche Ideal ist ein Zwischengebilde zwischen dem zweiten und dritten, bald mit dieser, bald mit jener Gestalt überwiegend.) |
||
die drei Ideale
|
A. |
Entweder |
eine |
Verstärkung (heidnisch) |
des Lebens |
|
|
B. |
oder |
eine |
Verdünnung (anämisch) |
||
|
C. |
oder |
eine |
Verleugnung (widernatürlich) |
|
die „Vergöttlichung“ gefühlt |
in |
der höchsten Fülle |
|
in |
der zartesten Auswahl |
|
|
in |
der Zerstörung und Verachtung des Lebens. |
11[140]
Die Heerdenthier-Ideale — jetzt gipfelnd als höchste Werthansetzung der „Societät“: Versuch, ihr einen kosmischen, ja metaphysischen Werth zu geben
gegen sie vertheidige ich den Aristokratism.
Eine Gesellschaft, welche in sich jene Rücksicht und Delikatesse in Bezug auf Freiheit bewahrt, muß sich als Ausnahme fühlen und sich gegenüber eine Macht haben, gegen welche sie sich abhebt, gegen welche sie feindselig ist und herabblickt
— je mehr ich Recht abgebe und mich gleich stelle, um so mehr gerathe ich unter die Herrschaft der Durchschnittlichsten, endlich der Zahlreichsten
— die Voraussetzung, welche eine aristokratische Gesellschaft in sich hat, um zwischen ihren Mitgliedern den hohen Grad von Freiheit zu erhalten, ist die extreme Spannung, welche aus dem Vorhandensein des entgegengesetzten Triebes bei allen Mitgliedern entspringt: des Willens zur Herrschaft…
11[142]
Zur wirklichen Psychologie der Freiheits- und Gleichheits-Societät:
|
was nimmt ab? |
Der Wille zur Selbstverantwortlichkeit — Zeichen des Niedergangs der Autonomie die Wehr- und Waffentüchtigkeit, auch im Geistigsten — die Kraft zu commandiren der Sinn der Ehrfurcht, der Unterordnung, des Schweigen-könnens. die große Leidenschaft, die große Aufgabe, die Tragödie, die Heiterkeit |
11[143]
Capitel:
Kritik der großen Worte.
Von der Herkunft des Ideals.
|
das Heerdenthier-Ideal |
|
Wie man die Tugend zur Herrschaft bringt. Die Circe der Philosophen. |
|
das asketische Ideal |
Das religiöse Ideal. Physiologie des Ideals I. II. III |
|
|
das Herren-Ideal |
Das politische Ideal. „Wissenschaft“ |
|
|
das Geistigkeits-Ideal |
|
|
III |
das Heerdenthier-Ideal |
|
III |
das Herren-Ideal |
|
I |
das Ideal der Widernatur |
|
II |
das Ideal der Geistigkeit |
|
I |
das heidnische Ideal |
|
III |
das Einsiedler Ideal (Stoa usw.) |
|
II |
das Ideal der Versinnlichung |
Tafel:
Von der Herkunft des Ideals
|
A. |
das Heerdenthier-Ideal das Herrenthier-Ideal das Einsiedlerthier-Ideal |
|
B. |
das heidnische Ideal das Ideal der Widernatur |
|
C. |
das Ideal der Versinnlichung das Ideal der Vergeistigung das Ideal des dominirenden Affekts |
|
Kritik der großen Worte. Wahrheit. Gerechtigkeit. Liebe. Frieden. Tugend Freiheit. Güte Rechtschaffenheit Genie Weisheit |
11[145]
Rolle des „Bewußtseins“
Es ist wesentlich, daß man sich über die Rolle des „Bewußtseins“ nicht vergreift: es ist unsere Relation mit der „Außenwelt“, welche es entwickelt hat. Dagegen die Direktion, resp. die Obhut und Vorsorglichkeit in Hinsicht auf das Zusammenspiel der leiblichen Funktionen tritt uns nicht ins Bewußtsein; ebenso wenig als die geistige Einmagazinirung: daß es dafür eine oberste Instanz giebt, darf man nicht bezweifeln: eine Art leitendes Comité, wo die verschiedenen Hauptbegierden ihre Stimme und Macht geltend machen. „Lust“, „Unlust“ sind Winke aus dieser Sphäre her: …der Willensakt insgleichen. Die Ideen insgleichen
In summa: das, was bewußt wird, steht unter causalen Beziehungen, die uns ganz und gar vorenthalten sind, — die Aufeinanderfolge von Gedanken, Gefühlen, Ideen im Bewußtsein drückt nichts darüber aus, daß diese Folge eine causale Folge ist: es ist aber scheinbar so, im höchsten Grade. Auf diese Scheinbarkeit hin haben wir unsere ganze Vorstellung von Geist, Vernunft, Logik usw. gegründet (das giebt es Alles nicht: es sind fingirte Synthesen und Einheiten)… Und diese wieder in die Dinge, hinter die Dinge projicirt!
Gewöhnlich nimmt man das Bewußtsein selbst als Gesammt-Sensorium und oberste Instanz: indessen es ist nur ein Mittel der Mittheilbarkeit: es ist im Verkehr entwickelt, und in Hinsicht auf Verkehrs-Interessen… „Verkehr“ hier verstanden auch von den Einwirkungen der Außenwelt und den unsererseits dabei nöthigen Reaktionen; ebensowie von unseren Wirkungen nach außen. Es ist nicht die Leitung, sondern ein Organ der Leitung —
11[146]
Die Mittel, vermöge deren eine stärkere Art sich erhält.
Sich ein Recht auf Ausnahme-Handlungen zugestehn; als Versuch der Selbstüberwindung und der Freiheit
Sich in Zustände begeben, wo es nicht erlaubt ist, nicht Barbar zu sein
Sich durch jede Art von Askese eine Übermacht und Gewißheit in Hinsicht auf seine Willensstärke verschaffen.
Sich nicht mittheilen; das Schweigen; die Vorsicht vor der Anmuth.
Gehorchen lernen, in der Weise, daß es eine Probe für die Selbst-Aufrechterhaltung abgiebt. Casuistik des Ehrenpunktes ins Feinste getrieben.
Nie schließen „was Einem recht ist, ist dem Andern billig“ — sondern umgekehrt!
Die Vergeltung, das Zurückgeben-dürfen als Vorrecht behandeln, als Auszeichnung zugestehn —
Die Tugend der Anderen nicht ambitioniren.
11[148]
Die Zeit kommt, wo wir dafür bezahlen müssen, zwei Jahrtausende lang Christen gewesen zu sein: wir verlieren das Schwergewicht, das uns leben ließ, — wir wissen eine Zeit lang nicht, wo aus, noch ein. Wir stürzen jählings in die entgegengesetzten Werthungen, mit dem gleichen Maaße von Energie, mit dem wir Christen gewesen sind — mit dem wir die unsinnige Übertreibung des christlichen — — —
|
1) |
die „unsterbliche Seele“; der ewige Werth der „Person“ — |
|
2) |
die Lösung, die Richtung, die Werthung im „Jenseits“ — |
|
3) |
der moralische Werth als oberster Werth, das „Heil der Seele“ als Cardinal-Interesse — |
|
4) |
„Sünde“, „irdisch“, „Fleisch“, „Lüste“ — als „Welt“ stigmatisirt. |
Jetzt ist Alles durch und durch falsch, „Wort“, durcheinander, schwach oder überspannt
|
a) |
man versucht eine Art von irdischer Lösung, aber im gleichen Sinne, in dem des schließlichen Triumphs von Wahrheit, Liebe, Gerechtigkeit: der Socialismus: „Gleichheit der Person“ |
|
b) |
man versucht ebenfalls das Moral-Ideal festzuhalten (mit dem Vorrang des Unegoistischen, der Selbstverleugnung, der Willens-Verneinung) |
|
c) |
man versucht selbst das „Jenseits“ festzuhalten: sei es auch nur, als antilogisches x: aber man kleidet es sofort so aus, daß eine Art metaphysischer Trost alten Stils aus ihm gezogen werden kann |
|
d) |
man versucht die göttliche Leitung alten Stils, die belohnende, bestrafende, erziehende, zum Besseren führende Ordnung der Dinge aus dem Geschehen herauszulesen |
|
e) |
man glaubt nach wie vor an Gut und Böse: so, daß man den Sieg des Guten und die Vernichtung des Bösen als Aufgabe empfindet (— das ist englisch, typischer Fall der Flachkopf John Stuart Mill) |
|
f) |
die Verachtung der „Natürlichkeit“, der Begierde, des Ego: Versuch selbst die höchste Geistigkeit und Kunst als Folge einer Entpersönlichung und als désintéressement zu verstehn |
|
g) |
man erlaubt der Kirche, sich immer noch in alle wesentlichen Erlebnisse und Hauptpunkte des Einzellebens einzudrängen, um ihnen Weihe, höheren Sinn zu geben: wir haben auch einen „christlichen Staat“, die christliche „Ehe“ — |
11[150]
Zur Geschichte des europäischen Nihilismus.
Die Periode der Unklarheit, der Tentativen aller Art, das Alte zu conserviren und das Neue nicht fahren zu lassen.
Die Periode der Klarheit: man begreift, daß Altes und Neues Grundgegensätze sind: die alten Werthe aus dem niedergehenden, die neuen aus dem aufsteigenden Leben geboren, — <daß> Erkenntniß der Natur und Geschichte uns nicht mehr solche „Hoffnungen“ gestattet, — daß alle alten Ideale lebensfeindliche Ideale sind (aus der décadence geboren und die décadence bestimmend, wie sehr auch im prachtvollen Sonntags-Aufputz der Moral) — wir verstehen das Alte und sind lange nicht stark genug zu einem Neuen.
|
Die Periode der |
drei großen Affekte |
|
der Verachtung |
|
|
des Mitleids |
|
|
der Zerstörung |
|
|
Die Periode der |
Katastrophe |
|
die Heraufkunft einer Lehre, welche |
|
|
die Menschen aussiebt… welche |
|
|
die Schwachen zu Entschlüssen treibt |
|
|
und ebenso die Starken |
11[153]
Die Lasterhaften und Zügellosen: ihr deprimirender Einfluß auf den Werth der Begierden. Es ist die schauerliche Barbarei der Sitte, welche, im Mittelalter vornehmlich, zu einem wahren „Bund der Tugend“ zwingt — nebst ebenso schauerlichen Übertreibungen über das, was den Werth des Menschen ausmacht. Die kämpfende „Civilisation“ (Zähmung) braucht alle Art Eisen und Tortur, um sich gegen die Furchtbarkeit und Raubthier-Natur aufrecht zu erhalten.
Hier ist eine Verwechslung ganz natürlich, obwohl vom schlimmsten Einfluß: das, was Menschen der Macht und des Willens von sich verlangen können, giebt ein Maaß auch für das, was sie sich zugestehen dürfen. Solche Naturen sind der Gegensatz der Lasterhaften und Zügellosen: obwohl sie unter Umständen Dinge thun, derentwegen ein geringerer Mensch des Lasters und der Unmäßigkeit überführt wäre.
Hier schadet der Begriff der „Gleichwerthigkeit der Menschen vor Gott“ außerordentlich: man verbot Handlungen und Gesinnungen, welche, an sich, zu den Prärogativen der Starkgerathenen gehören, — wie als ob sie an sich des Menschen unwürdig wären. Man brachte die ganze Tendenz des starken Menschen in Verruf, indem man die Schutzmittel der Schwächsten (auch gegen sich Schwächsten) als Werth-Norm aufstellte.
Die Verwechslung geht so weit, daß man geradezu die großen Virtuosen des Lebens (deren Selbstherrlichkeit den schärfsten Gegensatz zum Lasterhaften und „Zügellosen“ abgiebt) mit den schimpflichsten Namen brandmarkte. Noch jetzt glaubt man einen Cesare Borgia mißbilligen zu müssen: das ist einfach zum Lachen. Die Kirche hat deutsche Kaiser auf Grund ihrer Laster in Bann gethan: als ob ein Mönch oder Priester über das mitreden dürfte, was ein Friedrich der Zweite von sich fordern darf. Ein Don Juan wird in die Hölle geschickt: das ist sehr naiv. Hat man bemerkt, daß im Himmel alle interessanten Menschen fehlen?… Nur ein Wink für die Weiblein, wo sie ihr Heil am besten finden… Denkt man ein wenig consequent und außerdem mit einer vertieften Einsicht in das, was ein „großer Mensch“ ist, so unterliegt es keinem Zweifel, daß die Kirche alle „großen Menschen“ in die Hölle schickt —, sie kämpft gegen alle „Größe des Menschen“…
11[154]
Der „Ehr-Begriff“: beruhend auf dem Glauben an „gute Gesellschaft“, an ritterliche Hauptqualitäten, an die Verpflichtung, sich fortwährend zu repräsentiren. Wesentlich: daß man sein Leben nicht wichtig nimmt; daß man unbedingt auf respektvollste Manieren hält, seitens aller, mit denen man sich berührt (zum Mindesten, so weit sie nicht zu „uns“ gehören); daß man weder vertraulich, noch gutmüthig, noch lustig, noch bescheiden ist, außer inter pares; daß man sich immer repräsentirt…
11[156]
Man spricht von der „tiefen Ungerechtigkeit“ des socialen Pakts: wie als ob die Thatsache, daß dieser unter günstigen, jener unter ungünstigen Verhältnissen geboren wird, eine Ungerechtigkeit sei; oder gar, daß dieser mit diesen Eigenschaften, jener mit jenen geboren wird… Dies ist unbedingt zu bekämpfen. Der falsche Begriff „Individuum“ führt zu diesem Unsinn. Die Umstände, aus denen ein Mensch wächst, von ihm zu isoliren und ihn, wie eine „seelische Monade“, gleichsam bloß hineinsetzen oder fallen lassen: ist eine Folge der elenden Seelen-Metaphysik. Niemand hat ihm Eigenschaften gegeben, weder Gott, noch seine Eltern; niemand ist verantwortlich, daß er ist, daß er so und so ist, daß er unter diesen Umständen ist… Der Faden des Lebens, den er jetzt darstellt, ist nicht herauszulösen aus allem, was war und sein muß: da er nicht das Resultat einer langen Absicht ist, überhaupt keines Willens zu einem „Ideal von Mensch“ oder „ldeal von Glück“ oder „Ideal von Moralität“, so ist es absurd, irgendwohin sich „abwälzen“ wollen: wie als ob irgendwo eine Verantwortung läge.
|
Die Revolte des „Leidenden“ gegen |
|
|
Gott |
|
|
Gesellschaft |
|
|
Natur |
|
|
Vorfahren |
|
|
Erziehung usw. |
imaginirt Verantwortlichkeiten und Willensformen, die es gar nicht giebt. Man soll nicht von einem Unrecht reden in Fällen, wo gar keine Vorbedingungen für Recht und Unrecht da sind. Daß eine Seele jeder Seele an sich gleich sei — oder gleich sein sollte: das ist die schlimmste Art optimistischer Schwärmerei. Das Umgekehrte ist das Wünschbare, die möglichste Unähnlichkeit und folglich Reibung, Kampf, Widerspruch: und, das Wünschbare ist das Wirkliche, glücklicher Weise!
11[157]
Die Absicht auf gleiche Rechte und endlich auf gleiche Bedürfnisse, eine beinahe unvermeidliche Consequenz unserer Art Civilisation des Handels und der politischen Stimmen-Gleichwerthigkeit, bringt den Ausschluß und das langsame Aussterben der höheren, gefährlicheren, absonderlicheren und in summa neueren Menschen mit sich: das Experimentiren hört gleichsam auf, und ein gewisser Stillstand ist erreicht.
11[172]
Zur Theorie der „Hingebung“…
L’amour, c’est le goût de la prostitution. Il n’est même pas de plaisir noble, qui ne puisse être ramené à la prostitution. L’être le plus prostitué, c’est l’être par excellence, c’est Dieu. Dans un spectacle, dans un bal chacun jouit de tous. Qu’est-ce que l’art? Prostitution
L’amour peut dériver d’un sentiment généreux: le goût de la prostitution. Mais il est bientôt corrompu par le goût de la propriété.
11[174]
Daß die Liebe der Tortur gleicht oder einer chirurgischen Operation. Daß Einer von Beiden immer der Henker oder der Operateur ist.
Worin besteht das größte Vergnügen der Liebe? hat man in Gegenwart Baudelaire’s gefragt. Einer antwortete: im Empfangen, ein Anderer: im Sich-geben. Dieser sagte: Wollust des Stolzes, jener: Wollust der Demuth (volupté d’humilité) Alle diese orduriers redeten wie die imitatio Christi. Endlich fand sich ein unverschämter Utopist, welcher behauptete, das größte Vergnügen der Liebe bestünde darin, Bürger für das Vaterland zu bilden.
Moi, je dis: la volupté unique et suprême de l’amour gît dans la certitude de faire le mal. Et l’homme et la femme savent, de naissance, que dans le mal se trouve toute volupté.
11[184]
une tête séduisante et belle, une tête de femme, c’est une tête qui fait rêver à la fois, mais d’une manière confuse, de volupté et de tristesse; qui comporte une idée de mélancholie, de lassitude, même de satiété, — soit une idée contraire, c’est-à-dire une ardeur, un désir de vivre, associés avec une amertume refluante, comme venant de privation ou de désespérance. Le mystère, le regret sont aussi des caractères du Beau.
11[185]
Ein schöner Mannskopf hat nicht nöthig (außer vielleicht in den Augen eines Weibs), diese Idee der Wollust in sich zu enthalten, welche, in einem Weibsgesicht, eine um so anziehendere Provokation ist, als es gemeinhin melancholischer ist. Aber auch dieser Kopf wird etwas Glühendes und Trauriges enthalten, von spirituellen Bedürfnissen, von Ambitionen, die im Dunklen gehalten sind, die Idee einer Macht, die im Grunde gronde et ohne Verwendung <ist>, bisweilen die Idee d’une insensibilité vengeresse, bisweilen — im interessantesten Falle — das Geheimniß und endlich le malheur.
11[197]
Die Todesstrafe, Resultat einer mystischen Idee, die heute ganz unbegriffen ist. Die Todesstrafe hat nicht als Ziel die Gesellschaft zu sauver, materiellement: sie will sie und den Schuldigen spirituellement sauver. Damit das Opfer vollkommen sei, muß Zustimmung und Freude auf Seiten des Opfers sein. Chloroform einem zum Tode Verurtheilten geben wäre eine Gottlosigkeit: denn das würde das Bewußtsein de sa grandeur comme victime nehmen und die chances, das Paradies zu gewinnen, ihm nehmen.
Was die Tortur betrifft, so stammt sie aus der partie infâme du cœur de l’homme, welche Durst nach Wollust hat. Cruauté et volupté, identische Sensationen, wie die extreme Hitze und der extreme Frost.
11[198]
Ce qu’il y a de vil dans une fonction quelconque.
Un dandy ne fait rien. Vous figurez-vous un dandy parlant au peuple, excepté pour le bafouer?
Es giebt nur 3 respektable Wesen: Priester, Krieger, Poet. Savoir, tuer et créer.
Die anderen Menschen sind taillables ou corvéables, faits pour l’écurie, c’est-à-dire pour exercer ce qu’on appelle des professions.
11[199]
La femme Sand war ein Moralist.
— elle a le fameux style coulant, cher aux bourgeois.
— elle est bête, elle est lourde, elle est bavarde. In Dingen der Moral die gleiche Tiefe des Urtheils, die gleiche Delikatesse des Gefühls, wie les concierges et les filles entretenues.
— eine naive Alte, die nicht die Bretter verlassen will
— sie hat sich überredet, se fier à son bon cœur et à son bon sens und überredet andere grosses bêtes, es ebenso zu machen.
— ich kann an diese stupide créature nicht denken, ohne einen Schauder des Abscheus.
11[201]
Voltaires Spott über die unsterbliche Seele, welche, während 9 Monate, zwischen Excrementen und Urin residirt. Baudelaire erräth in dieser Localisirung „une malice ou une satire de la Providence contre l’amour et, dans le mode de la génération, un signe du péché originel. De fait, nous ne pouvons faire l’amour qu’avec des organes excrémentiels.“
11[207]
Was ist die Liebe? Ein Bedürfniß, aus sich hinauszugehn.
Der Mensch ist un animal adorateur. Adorer c’est se sacrifier et se prostituer. Aussi tout amour est-il prostitution.
l’indestructible, éternelle, universelle et ingénieuse férocité humaine. Liebe zum Blut, l’ivresse du sang, l’ivresse des foules.
11[211]
Man soll den regierenden Fürsten nicht die Verdienste und Laster des Volkes zuschreiben, über welches sie Herr sind. Diese Verdienste und Laster gehören fast immer zur Atmosphäre der vorhergehenden Regierung.
Ludwig der XIV erbt die Leute von Ludwig dem XIII: gloire.
Napoleon erbt die Leute der Republik: gloire.
Napoleon erbt die Leute von Louis-Philippe: déshonneur.
11[215]
Der Handel ist, seinem Wesen nach, satanisch. Le commerce, c’est le prêté-rendu, c’est le prêt avec le sous-entendu: Rends-moi plus que je ne te donne.
— Der Geist jedes Handeltreibenden ist völlig vicié.
— Le commerce est naturel, donc il est infâme.
— Der Mindest-Verruchte unter allen Handeltreibenden ist der welcher sagt: seien wir tugendhaft, um viel mehr Geld zu gewinnen als die Thoren, welche lasterhaft sind. Für den Handelsmann ist die Honnetetät selbst eine Spekulation auf Gewinn.
— Le commerce est satanique, parce qu’il est une des formes de l’égoïsme —
11[216]
Nur durch Mißverständnisse befindet sich alle Welt im Einklang. Wenn man, unglücklicherweise, sich begriffe, so würde man sich nie mit einander verstehen
Ein Mann von Geist, der also, welcher sich nie mit Jemandem verstehen wird, soll sich darauf üben, die Unterhaltung mit Thoren und die Lektüre schlechter Bücher zu lieben. Er wird daraus bittere Genüsse ziehen, welche ihn reichlich für die fatigue entschädigen werden.
11[218]
Jede Zeitung giebt die Zeichen der schrecklichsten menschlichen Perversität: un tissu d’horreurs. Mit diesem dégoûtant apéritif begleitet der civilisirte Mensch die Morgenmahlzeit. Tout, en ce monde, sue le crime: le journal, la muraille et le visage de l’homme. — Wie kann eine reine Hand ohne eine Convulsion von Ekel ein Journal anrühren?…
11[226]
1.
Daß die Menschheit eine Gesammt-Aufgabe zu lösen habe, daß sie als Ganzes irgend einem Ziel entgegenlaufe, diese sehr unklare und willkürliche Vorstellung ist noch sehr jung. Vielleicht wird man sie wieder los, bevor sie eine „fixe Idee“ wird… Sie ist kein Ganzes, diese Menschheit: sie ist eine unlösbare Vielheit von aufsteigenden und niedersteigenden Lebensprozessen — sie hat nicht eine Jugend und darauf eine Reife und endlich ein Alter. Nämlich die Schichten liegen durcheinander und übereinander — und in einigen Jahrtausenden kann es immer noch jüngere Typen Mensch geben, als wir sie heute nachweisen können. Die décadence andererseits gehört zu allen Epochen der Menschheit: überall giebt es Auswurf- und Verfall-Stoffe, es ist ein Lebensprozeß selbst, das Ausscheiden der Niedergangs- und Abfalls-Gebilde.
2.
Unter der Gewalt des christlichen Vorurtheils gab es diese Frage gar nicht: der Sinn lag in der Errettung der einzelnen Seele; das Mehr oder Weniger in der Dauer der Menschheit kam nicht in Betracht. Die besten Christen wünschten, daß es möglichst bald ein Ende habe: — über das, was dem Einzelnen noth thue, gab es keinen Zweifel… Die Aufgabe stellte sich jetzt für jeden Einzelnen, wie in irgend welcher Zukunft für einen Zukünftigen: der Werth, Sinn, Umkreis der Werthe war fest, unbedingt, ewig, Eins mit Gott… Das, was von diesem ewigen Typus abwich, war sündlich, teuflisch, verurtheilt…
Das Schwergewicht des Werthes lag für jede Seele in sich selber: Heil oder Verdammniß! Das Heil der ewigen Seele! Extremste Form der Verselbstung… Für jede Seele gab es nur Eine Vervollkommnung; nur Ein Ideal; nur Einen Weg zur Erlösung… Extremste Form der Gleichberechtigung, angeknüpft an eine optische Vergrößerung der eigenen Wichtigkeit bis ins Unsinnige… Lauter unsinnig wichtige Seelen, um sich selbst mit entsetzlicher Angst gedreht…
3.
Nun glaubt kein Mensch mehr an diese absurde Wichtigthuerei: und wir haben unsere Weisheit durch ein Sieb der Verachtung geseiht. Trotzdem bleibt unerschüttert die optische Gewöhnung, einen Werth des Menschen in der Annäherung an einen idealen Menschen zu suchen: man hält im Grunde sowohl die Verselbstungs-Perspektive als die Gleichberechtigung vor dem Ideal aufrecht. In summa: man glaubt zu wissen, was, in Hinsicht auf den idealen Menschen, die letzte Wünschbarkeit ist…
Dieser Glaube ist aber nur die Folge einer ungeheuren Verwöhnung durch das christliche Ideal: als welches man, bei jeder vorsichtigen Prüfung des „idealen Typus“, sofort wieder herauszieht. Man glaubt, erstens, zu wissen, daß die Annäherung an Einen Typus wünschbar ist; zweitens zu wissen, welcher Art dieser Typus ist; drittens daß jede Abweichung von diesem Typus ein Rückgang, eine Hemmung, ein Kraft- und Machtverlust des Menschen ist… Zustände träumen, wo dieser vollkommene Mensch die ungeheure Zahlen-Majorität für sich hat: höher haben es auch unsere Socialisten, selbst die Herren Utilitarier, nicht gebracht. — Damit scheint ein Ziel in die Entwicklung der Menschheit zu kommen: jedenfalls ist der Glaube an einen Fortschritt zum Ideal die einzige Form, in der eine Art Ziel in der Menschheits-Geschichte heute gedacht wird. In summa: man hat die Ankunft des „Reichs Gottes“ in die Zukunft verlegt, auf die Erde, in’s Menschliche, — aber man hat im Grunde den Glauben an das alte Ideal festgehalten…
11[227]
Zu begreifen:
Daß alle Art Verfall und Erkrankung fortwährend an den Gesammt-Werthurtheilen mitgearbeitet hat: daß in den herrschend gewordenen Werthurtheilen décadence sogar zum Übergewicht gekommen ist: daß wir nicht nur gegen die Folgezustände alles gegenwärtigen Elends von Entartung zu kämpfen haben, sondern alle bisherige décadence rückständig d.h. lebendig geblieben ist. Eine solche Gesammt-Abirrung der Menschheit von ihren Grundinstinkten, eine solche Gesammt-Décadence des Werthurtheils ist das Fragezeichen par excellence, das eigentliche Räthsel, das das Thier „Mensch“ dem Philosophen aufgiebt —
11[228]
Die Hauptarten des Pessimismus, der Pessimismus der Sensibilität (die Überreizbarkeit mit einem Übergewicht der Unlustgefühle)
Der Pessimismus des „unfreien Willens“ (anders gesagt: der Mangel an Hemmungskräften gegen die Reize)
Der Pessimismus des Zweifels (: die Scheu vor allem Festen, vor allem Fassen und Anrühren)
die dazugehörigen psychologischen Zustände kann man allesammt im Irrenhause beobachten, wenn auch in einer gewissen Übertreibung. Insgleichen den „Nihilismus“ (das durchbohrende Gefühl des „Nichts“)
|
Wohin aber gehört |
der |
Moral-Pessimismus Pascal’s? |
|
der |
metaphysische Pessimismus der Vedanta-Philosophie? |
|
|
der |
sociale Pessimismus des Anarchisten (oder Shelley’s)? |
|
|
der |
Mitgefühls-Pessimismus (wie der Tolstoi’s, Alfred de Vigny’s)? |
— sind das nicht Alles gleichfalls Verfalls- und Erkrankungs-Phänomene?… Das excessive Wichtignehmen von Moralwerthen, oder von „Jenseits“-Fiktionen, oder von socialen Nothständen oder von Leiden überhaupt: jede solche Übertreibung eines einzelnen Gesichtspunktes ist an sich schon ein Zeichen von Erkrankung. Ebenfalls das Überwiegen des Neins über das Ja!
Was hier nicht zu verwechseln ist: die Lust am Neinsagen und Neinthun aus einer ungeheuren Kraft und Spannung des Jasagens — eigenthümlich allen reichen und mächtigen Menschen und Zeiten. Ein Luxus gleichsam; eine Form der Tapferkeit ebenfalls, welche sich dem Furchtbaren entgegenstellt; eine Sympathie für das Schreckliche und Fragwürdige, weil man, unter Anderem, schrecklich und fragwürdig ist: das Dionysische in Wille, Geist, Geschmack.
11[234]
Die Weiter-Entwicklung der Menschheit nach Baudelaires Vorstellung. Nicht daß wir dem wilden Zustande uns wieder näherten, etwa nach Art des désordre bouffon südamerikanischer Republiken, wo man, das Gewehr in der Hand, seine Nahrung sucht, zwischen den Trümmern unserer Civilisation. Das würde noch eine gewisse vitale Energie voraussetzen. Die Mechanik wird uns derart amerikanisirt, der Fortschritt wird die spiritualistische Partie dermaaßen in uns atrophiirt haben, daß Alles Verrückte, was geträumt worden ist von Socialisten, hinter der positiven Wirklichkeit zurück bleibt. Keine Religion, kein Eigenthum; selbst keine Revolution mehr. Nicht in politischen Institutionen wird sich der allgemeine Ruin zeigen (ou le progrès universel: es liegt wenig am Namen) Habe ich nöthig zu sagen, daß das Wenige von Politik, das übrig bleibt, se débattra péniblement dans les étreintes de l’animalité générale, und daß die politischen Gouvernants gezwungen sein werden, um sich aufrecht zu erhalten und ein Phantom von Ordnung zu schaffen, zu Mitteln ihre Zuflucht zu nehmen qui feraient frissonner notre humanité actuelle, pourtant si endurcie! (Haarsträubend!) Dann wird der Sohn die Familie fliehen, mit 12 Jahren, émancipé par sa précocité gloutonne, um sich zu bereichern, um seinem infamen Vater Concurrenz zu machen, fondateur et actionnaire d’un journal, das Licht verbreitet usw. — Dann werden selbst die Prostituirten eine unbarmherzige Weisheit sein, qui condamne tout, fors l’argent, tout, même les erreur des sens! Dann wird alles, das uns Tugend heißt, als etwas ungeheuer Lächerliches angesehen werden — Alles was nicht ardeur vers Plutus ist. Die Gerechtigkeit wird Bürger verbieten, welche nicht ihr Glück zu machen wissen usw. — avilissement —
Was mich betrifft, der ich bisweilen das Lächerliche eines Propheten in mir fühle, ich weiß, daß ich niemals la charité d’un médecin darin finden werde. Verloren in dieser erbärmlichen Welt, coudoyé par les foules, bin ich wie ein müder Mensch, der rückwärts blickend nichts sieht, als désabusement et amertume in langen tiefen Jahren und vor sich einen Sturm, in dem es Nichts Neues giebt, weder Lehre, noch Schmerz. Le soir, où cet homme a volé à la destinée quelques heures de plaisir — den Abend, an dem dieser Mensch eine Stunde Vergnügen dem Schicksale abgestohlen hat —, bercé dans sa digestion, oublieux autant que possible du passé, content du présent et résigné à l’avenir, enivré de son sang-froid et de son dandysme, fier de n’être pas aussi bas, que ceux qui passent, il se dit, en contemplant la fumée de son cigare: „Que m’importe, où vont ces consciences?“ —
11[235]
Ein wenig reine Luft! Dieser absurde Zustand Europa’s soll nicht mehr länger dauern! Giebt es irgend einen Gedanken hinter diesem Hornvieh-Nationalismus? Welchen Werth könnte es haben, jetzt wo Alles auf größere und gemeinsame Interessen hinweist, diese ruppigen Selbstgefühle aufzustacheln?… Und das nennt sich „christlicher Staat“! Und in der Nähe der obersten Kreise die Hofprediger-Canaille!… Und das „neue Reich“, wieder auf den verbrauchtesten und bestverachteten Gedanken gegründet, die Gleichheit der Rechte und der Stimmen…
Und das in einem Zustande, wo die geistige Unselbständigkeit und Entnationalisirung in die Augen springt und in einem gegenseitigen Sich-Verschmelzen und -Befruchten der eigentliche Werth und Sinn der jetzigen Cultur liegt!
Die wirthschaftliche Einigung Europas kommt mit Nothwendigkeit — und ebenso, als Reaktion, die Friedenspartei…
Das Ringen um einen Vorrang innerhalb eines Zustandes, der nichts taugt: diese Cultur der Großstädte, der Zeitungen, des Fiebers und der „Zwecklosigkeit“
11[236]
Eine Partei des Friedens, ohne Sentimentalität, welche sich und ihren Kindern verbietet, Krieg zu führen; verbietet, sich der Gerichte zu bedienen; welche den Kampf, den Widerspruch, die Verfolgung gegen sich heraufbeschwört; eine Partei der Unterdrückten, wenigstens für eine Zeit; alsbald die große Partei. Gegnerisch gegen die Rach- und Nachgefühle.
Eine Kriegspartei, mit der gleichen Grundsätzlichkeit und Strenge gegen sich in umgekehrter Richtung vorgehend —
11[239]
Das ursprüngliche Christenthum ist Abolition des Staates:
|
es verbietet |
den |
Eid |
|
den |
Kriegsdienst |
|
|
die |
Gerichtshöfe |
|
|
die |
Selbstvertheidigung und Vertheidigung irgend eines Ganzen |
|
|
den |
Unterschied zwischen Volksgenossen und Fremden; insgleichen die Ständeordnung |
Das Vorbild Christi: er widerstrebt nicht denen, die ihm Übles thun (er verbietet die Vertheidigung); er vertheidigt sich nicht; er thut mehr: „er reicht die linke Wange“ (auf die Frage „bist du Christus?“ antwortet er „und von nun an werdet ihr sehn usw.“)
— er verbietet, daß seine Jünger ihn vertheidigen; er macht aufmerksam, daß er Hülfe haben könnte, aber nicht will.
— das Christenthum ist auch Abolition der Gesellschaft: es bevorzugt alles von ihr Hinweggestoßene, es wächst heraus aus den Verrufenen und Verurtheilten, dem Aussatze jeder Art, den „Sündern“, den „Zöllnern“ und Prostituirten, dem dümmsten Volk (den „Fischern“); es verschmäht die Reichen, die Gelehrten, die Vornehmen, die Tugendhaften, die „Correkten“…
11[240]
Zum psychologischen Problem des Christenthums
Die treibende Kraft bleibt: das Ressentiment, der Volksaufstand, der Aufstand der Schlechtweggekommenen
(mit dem Buddhism steht es anders: er ist nicht geboren aus einer Ressentiments-Bewegung. Er bekämpft dasselbe, weil es zum Handeln antreibt)
diese Friedenspartei begreift, daß Verzichtleistung auf Feindseligkeit in Gedanken und That eine Unterscheidungs- und Erhaltungsbedingung ist
: hierin liegt die psychologische Schwierigkeit, welche verhindert hat, daß man das Christenthum verstand.
Der Trieb, der es schuf, erzwingt eine grundsätzliche Bekämpfung seiner selber —
Nur als Friedens- und Unschulds-Partei hat diese Aufstandsbewegung eine Möglichkeit auf Erfolg: sie muß siegen durch die extreme Milde, Süßigkeit, Sanftmuth, ihr Instinkt begreift das —
Kunststück: den Trieb, dessen Ausdruck man ist, leugnen, verurtheilen, das Gegenstück dieses Triebes durch die That und das Wort beständig zur Schau tragen —
11[243]
Die Christen haben niemals die Handlungen praktizirt, welche ihnen Jesus vorgeschrieben hat: und das unverschämte Gerede vom „Glauben“ und von der „Rechtfertigung durch den Glauben“ und dessen oberster und einziger Bedeutsamkeit ist nur die Folge davon, daß die Kirche nicht den Muth, noch den Willen hatte, sich zu den Werken zu bekennen, welche Jesus forderte.
11[245]
Die tiefe und verächtliche Verlogenheit des Christenthums in Europa: wir verdienen wirklich die Verachtung der Araber, Hindus, Chinesen… Man höre die Reden des ersten deutschen Staatsmanns über das, was jetzt 40 Jahre Europa eigentlich beschäftigt hat… man höre die Sprache des Hofprediger-Tartüffes
11[251]
Ich bin nicht eine Stunde meines Lebens Christ gewesen: ich betrachte alles, was ich gesehen habe, als Christenthum, als eine verächtliche Zweideutigkeit der Worte, eine wirkliche Feigheit vor allen Mächten, die sonst herrschen…
Christen der allgemeinen Wehrpflicht, des parlamentarischen Stimmrechts, der Zeitungs-Cultur und zwischen dem Allen von „Sünde“ „Erlösung“ „Jenseits“ Tod am Kreuze redende —: wie kann man in einer solchen unsauberen Wirthschaft es aushalten!
11[252]
Ihr habt alle nicht den Muth, einen Menschen zu tödten oder auch nur zu peitschen oder auch nur zu — aber der ungeheure Wahnsinn im Staat überwältigt den Einzelnen, so daß er die Verantwortlichkeit für das, was er thut, ablehnt (Gehorsam, Eid usw.)
— Alles, was ein Mensch im Dienste des Staates thut, geht wider seine Natur…
— insgleichen alles, was er in Hinsicht auf den zukünftigen Dienst im Staate lernt, geht wider seine Natur
Das wird erreicht durch die Arbeitstheilung: so daß Niemand die ganze Verantwortlichkeit mehr hat.
: der Gesetzgeber und der, der das Gesetz ausführt
: der Disciplin-Lehrer und die, welche in der Disciplin hart und streng geworden sind
Der Staat als die organisirte Gewaltthätigkeit…
11[262]
Gott schuf den Menschen glücklich, müssig, unschuldig und unsterblich: unser wirkliches Leben ist ein falsches, abgefallenes, sündhaftes Dasein, eine Straf-existenz… Das Leiden, der Kampf, die Arbeit, der Tod werden als Einwände und Fragezeichen gegen das Leben abgeschätzt, als etwas Unnatürliches, etwas, das nicht dauern soll; gegen das man Heilmittel braucht — und hat!…
11[263]
Die Menschheit hat von Adam an bis jetzt sich in einem unnormalen Zustande befunden: Gott selbst hat seinen Sohn für die Schuld Adams hergegeben, um diesem unnormalen Zustande ein Ende zu machen: der natürliche Charakter des Lebens ist ein Fluch; Christus giebt dem, der an ihn glaubt, den Normal-zustand zurück: er macht ihn glücklich, müssig und unschuldig. — Aber die Erde hat nicht angefangen, fruchtbar zu sein ohne Arbeit; die Weiber gebären nicht ohne Schmerzen Kinder, die Krankheit hat nicht aufgehört: die Gläubigsten befinden sich hier so schlecht wie die Ungläubigsten. Nur daß der Mensch vom Tode und von der Sünde befreit ist, Behauptungen, die keine Controlle zulassen, das hat die Kirche um so bestimmter behauptet. „Er ist frei von Sünde“ — nicht durch sein Thun, nicht durch einen rigorösen Kampf seinerseits, sondern durch die That der Erlösung freigekauft — folglich vollkommen, unschuldig, paradiesisch…
Das wahre Leben nur ein Glaube (d.h. ein Selbstbetrug, ein Irrsinn) Das ganze ringende kämpfende voll Glanz und Finsterniß wirkliche Dasein nur ein schlechtes, falsches Dasein: von ihm erlöst werden ist die Aufgabe.
11[265]
Das Leben ist schlecht: aber es hängt nicht von uns ab, es besser zu machen. Die Veränderung geht von Gesetzen aus, welche außer uns liegen. — Der Determinism der Wissenschaft und der Glaube an die That der Erlösung stehen darin auf gleichem Boden.
Insgleichen darin, daß sie dem Menschen ein Recht auf Glück zugestehn; daß sie mit diesem Maßstabe das gegenwärtige Leben verurtheilen —
11[267]
NB. NB. „der Mensch, unschuldig, müssig, unsterblich, glücklich“ — diese Conception der „höchsten Wünschbarkeit“ ist vor allem zu kritisiren.
Warum ist die Schuld, die Arbeit, der Tod, das Leiden (und, christlich geredet, die Erkenntniß…) wider die höchste Wünschbarkeit?
Die faulen christlichen Begriffe „Seligkeit“ „Unschuld“, „Unsterblichkeit“ — — —
11[269]
seid in Frieden mit aller Welt, betrachtet Niemanden, als sei er ein Nichts oder wie unsinnig! Wenn der Friede verletzt ist, thut Alles, ihn wieder herzustellen. Die Verehrung Gottes liegt ganz und gar in der Austilgung von Feindschaft unter den Menschen. Versöhnt euch bei der geringsten Diskussion, um nicht den inneren Frieden zu verlieren, welcher das wahre Leben ist. Was trübt vor allem den Frieden? Einmal die geschlechtliche Begierde: dagegen die Monogamie und zwar unlöslich. Die zweite Versuchung ist der Eid: er zieht den Menschen in Sünde: schwört niemandem und unter keinen Umständen einen Eid, damit ihr keinen Herrn über euch habt als Gott. Die dritte Versuchung ist die Rache, welche sich Gerechtigkeit heißt: ertragt die Unbilden und gebt nicht das Übel mit dem Übel heim! Die vierte Versuchung ist die Unterscheidung von Volksgenossen und Fremden; brecht mit Niemandem den Frieden auf Grund eurer Nationalität und Herkunft!
Die Praktik dieser 5 Commandos bringt den Zustand herbei, den das menschliche Herz ersehnt: alle unter einander Brüder, jeder in Frieden mit jedem, jeder die Güter der Erde genießend bis zu seinem Ende…
Luc. IV, 18
„das angenehme Jahr des Herrn“ — die holdseligen Worte, die aus seinem Munde giengen —
11[270]
der Mensch hat Recht auf Nichts, er hat Verpflichtungen für die Wohlthaten, die er empfangen hat: er hat mit Niemandem zu rechten. Selbst wenn er sein Leben gäbe, er würde nicht Alles zurückgeben, was er empfangen hat: deshalb kann sein Herr nicht ungerecht gegen ihn sein. Aber wenn der Mensch sein Recht auf das Leben geltend macht, wenn er rechtet mit dem Princip von Allem, von woher er das Leben hat, beweist er nur Eins — er begreift nicht den Sinn des Lebens. Die Menschen, nachdem sie eine Wohlthat empfangen haben, fordern noch etwas Anderes. Die Arbeiter der Parabel befanden sich müssig, unglücklich: der Herr giebt ihnen das höchste Glück des Lebens — die Arbeit. Sie nehmen die Wohlthat an und sind immer noch unzufrieden. Sie sind mit ihrer falschen Theorie vom Recht auf Arbeit gekommen, folglich mit einer Belohnung für ihre Arbeit. Sie begreifen nicht, daß sie das höchste Gut umsonst bekommen haben, daß sie sich erkenntlich dafür zu zeigen haben — und nicht eine Bezahlung fordern. Matth. XX, 1 Luc. 17, 5, 10.
Die Lehre besteht in der Verzichtleistung auf das persönliche Leben: und ihr verlangt den persönlichen Ruhm, — eine persönliche Belohnung… In der Welt giebt es Ruhm und persönliche Macht; ihr, meine Schüler, sollt wissen, daß der wahre Sinn des Lebens sich nicht im persönlichen Glück befindet, sondern darin, daß man Jedem dient und sich vor Jedem erniedrigt… Christus empfiehlt ihnen nicht zu glauben: er lehrt sie die wahre Unterscheidung von Gut und Böse, von Wichtig und Sekundär…
Petrus begreift die Lehre nicht: daher sein Mangel an Glauben. Die Belohnung proportional der Arbeit hat nur Wichtigkeit in Hinsicht auf das persönliche Leben. Der Glaube an die Belohnung für die Arbeit, in Proportion der Arbeit, ist eine Folge der Theorie des persönlichen Lebens…
11[271]
Der Glaube kann nicht kommen aus dem Vertrauen in seine Worte: er kann nur kommen aus Einsicht in unsere Lage. Man kann ihn nicht durch Versprechen von Belohnung und Strafe schaffen — der Glaube der „Berge versetzt“ kann nur sich auf das Bewußtsein unseres unvermeidlichen Schiffbruchs gründen, wenn wir nicht die Rettung acceptiren, die uns noch offen steht… — das Leben conform dem Willen des Herrn —
11[272]
Matth. 21, 18
— als er aber des Morgens wieder in die Stadt gieng, hungerte ihn. Und er sahe einen Feigenbaum am Wege und gieng hin und fand nichts daran, denn allein Blätter, und sprach zu ihm: Nun wachse auf dir hinfort nimmermehr eine Frucht. Und der Feigenbaum verdorrte alsobald. Und da das die Jünger sahen, verwunderten sie sich und sprachen: Wie ist doch der Feigenbaum so bald verdorret? —
11[273]
Die fünf Commandos: erzürnt euch nicht; begeht keinen Ehebruch; leistet keinen Eid; wehrt euch nicht durch Gewalt; zieht nicht in den Krieg: Ihr könnt, in Augenblicken, gegen diese Gebote fehlen, wie ihr jetzt gegen die Artikel des code civil und des code mondain fehlt. Aber, in Momenten der Ruhe, werdet ihr dann nicht das thun, was ihr jetzt thut: ihr werdet euch nicht eine Existenz organisiren, welche die Aufgabe so schwierig macht, nicht zu zürnen, nicht die Ehe zu brechen, nicht zu schwören, nicht sich mit Gewalt zu wehren, nicht in den Krieg zu ziehen. Organisirt euch vielmehr eine Existenz, welche es euch schwer machen würde, dies zu thun!
11[274]
Für dieses euer jetziges Leben — sagt T<olstoi> zu den Ungläubigen, zu uns Philosophen — vous n’avez actuellement aucune règle, sauf celles, qui sont rédigées par des hommes que vous n’estimez pas et mises en vigueur par la police. La doctrine de Jésus vous donne ces règles, qui, assurément, sont d’accord avec votre loi, parceque votre loi de „l’altruisme“ ou de la volonté unique n’est pas autre chose qu’une mauvaise paraphrase de cette même doctrine de Jésus.
Tolstoi, ma religion. Moskau 22 Januar 1884
11[275]
Kein Gott für unsere Sünden gestorben; keine Erlösung durch den Glauben; keine Wiederauferstehung nach dem Tode — das sind alles Falschmünzereien des eigentlichen Christenthums, für die man jenen unheilvollen Querkopf verantwortlich machen muß;
Das vorbildliche Leben besteht in der Liebe und Demuth; in der Herzens-Fülle, welche auch den Niedrigsten nicht ausschließt; in der förmlichen Verzichtleistung auf das Recht-behalten-wollen, auf Vertheidigung, auf Sieg im Sinne des persönlichen Triumphes; im Glauben an die Seligkeit hier, auf Erden, trotz Noth, Widerstand und Tod; in der Versöhnlichkeit, in der Abwesenheit des Zornes, der Verachtung; nicht belohnt werden wollen; Niemandem sich verbunden haben; die geistlich-geistigste Herrenlosigkeit; ein sehr stolzes Leben unter dem Willen zum armen und dienenden Leben.
Nachdem die Kirche die ganze christliche Praxis sich hatte nehmen lassen und ganz eigentlich das Leben im Staate, jene Art Leben, welche Jesus bekämpft und verurtheilt hatte, sanktionirt hatte, mußte sie den Sinn des Christenthums irgendwo anders hin legen: in den Glauben an unglaubwürdige Dinge, in das Ceremoniell von Gebet, Anbetung, Fest usw. Die Begriffe „Sünde“, „Vergebung“, „Strafe“, „Belohnung“ — Alles ganz unbeträchtlich und fast ausgeschlossen vom ersten Christenthum, kommt jetzt in den Vordergrund.
Ein schauderhafter Mischmasch von griechischer Philosophie und Judenthum; der Asketismus; das beständige Richten und Verurtheilen; die Rangordnung; — — —
11[277]
Tolstoi, p. 243
„La doctrine de Jésus ne peut pas contrarier en aucune façon les hommes de notre siècle sur leur manière d’envisager le monde; elle est d’avance d’accord avec leur métaphysique, mais elle leur donne ce qu’ils n’ont pas, ce qui leur est indispensable et ce qu’ils cherchent: elle leur donne le chemin de la vie, non pas un chemin inconnu, mais un chemin exploré et familier à chacun.“
p. 236
L’antagonisme entre les explications de l’Église, qui passent pour la foi, et la vraie foi de notre génération, qui consiste à obéir aux lois sociales et à celle de l’État, est entré dans une phase aiguë, et la majorité des gens civilisés n’a pour régler sa vie que la foi dans le sergent de ville et la gendarmerie. Cette situation serait épouvantable, si elle était complétement telle; mais heureusement il y a des gens, les meilleurs de notre époque, qui ne se contentent pas de cette religion, mais qui ont une foi toute différente, relativement à ce que doit être la vie des hommes. Ces hommes sont considérés comme les plus malfaisants, les plus dangereux et principalement le plus incroyants de tous les êtres: et pourtant ce sont les seuls hommes de notre temps croyant à la doctrine évangélique, si ce n’est pas dans son ensemble, au moins en partie… Souvent même ils haïssent Jésus… On aura beau le persécuter et les calomnier, ce sont les seuls, qui ne se soumettent point sans protester aux ordres du premier venu; par conséquent, ce sont les seuls à notre époque, qui vivent d’une vie raisonnée, non pas de la vie animale; ce sont les seuls, qui aient de la foi.
11[278]
NB. Man kann nicht genug Achtung vor dem Menschen haben, sobald man ihn darauf hin ansieht, wie er sich durchzuschlagen, auszuhalten, die Umstände sich zu Nutze zu machen, Widersacher niederzuwerfen versteht; sieht man dagegen auf den Menschen, so fern er wünscht, ist er die absurdeste Bestie… Es ist gleichsam, als ob er einen Tummelplatz der Feigheit, Faulheit, Schwächlichkeit, Süßlichkeit, Unterthänigkeit zur Erholung für seine starken und männlichen Tugenden brauchte: siehe die menschlichen Wünschbarkeiten, seine „Ideale“. Der wünschende Mensch erholt sich von dem Ewig-Werthvollen an ihm, von seinem Thun: im Nichtigen, Absurden, Werthlosen, Kindischen. Die geistige Armut und Erfindungslosigkeit ist bei diesem so erfinderischen und auskunftsreichen Thier erschrecklich. Das „Ideal“ ist gleichsam die Buße, die der Mensch zahlt, für den ungeheuren Aufwand, den er in allen wirklichen und dringlichen Aufgaben zu bestreiten hat. Hört die Realität auf, so kommt der Traum, die Ermüdung, die Schwäche: „das Ideal“ ist geradezu eine Form von Traum, Ermüdung, Schwäche… Die stärksten und ohnmächtigsten Naturen werden sich gleich, wenn dieser Zustand über sie kommt: sie vergöttlichen das Aufhören der Arbeit, des Kampfes, der Leidenschaften, der Spannung, der Gegensätze, der „Realität“ in summa… des Ringens um Erkenntniß, der Mühe der Erkenntniß
Unschuld: so heißen sie den Idealzustand der Verdummung
Seligkeit: den Idealzustand der Faulheit
Liebe: den Idealzustand des Heerdenthiers, das keinen Feind mehr haben will
damit hat man alles, was den Menschen erniedrigt und herunterbringt, ins Ideal erhoben.
11[279]
Jesus stellte ein wirkliches Leben, ein Leben in der Wahrheit jenem gewöhnlichen Leben gegenüber: nichts liegt ihm ferner als der plumpe Unsinn eines „verewigten Petrus“, einer ewigen Personal-Fortdauer. Was er bekämpft, das ist die Wichtigthuerei der „Person“: wie kann er gerade die verewigen wollen?
Er bekämpft insgleichen die Hierarchie innerhalb der Gemeinde: er verspricht nicht irgend eine Proportion von Lohn je nach der Leistung: wie kann er Strafe und Lohn im Jenseits gemeint haben!
11[280]
Ich sehe nicht ab, wogegen der Aufstand gerichtet war, dessen Urheber Jesus ist: wenn er nicht der Aufstand gegen die jüdische Kirche war, — Kirche genau in dem Sinne verstanden, wie wir das Wort verstehn… Es war ein Aufstand gegen die „Guten und Gerechten“, gegen die „Heiligen Israels“, gegen die Hierarchie der Gesellschaft — nicht gegen deren Verderbniß, sondern gegen die Tyrannei der Kaste, der Sitte, der Formel, der Ordnung, des Privilegiums, des geistlichen Stolzes, des Puritanismus auf geistlichem Gebiete, — es war der Unglaube an die „höheren Menschen“, das Wort geistlich verstanden, der hier zur Empörung führte, ein Attentat auf Alles, was Priester und Theologe ist. Aber die Hierarchie, welche dergestalt in Frage gestellt wurde, war der Grundbau, auf dem das jüdische Volk überhaupt noch fortbestand, die mühsam errungene letzte Möglichkeit, übrig zu bleiben, die Reliquie seiner alten politischen Sonderexistenz: ein Angriff auf sie war ein Angriff auf den tiefsten nationalen Instinkt, auf den Willen der jüdischen Selbsterhaltung. Dieser heilige Anarchist, der das niedere Volk, die Ausgestoßenen und „Sünder“ zum Widerspruch gegen den „herrschenden Stand“ aufrief — mit einer Sprache, die auch heute noch nach Sibirien führen würde —, war ein politischer Verbrecher, soweit eben ein politisches Verbrechen unter diesen Umständen noch möglich war. Dies brachte ihn ans Kreuz: das Zeugniß dafür ist die Aufschrift des Kreuzes: der König der Juden. Es fehlt jeder Grund, mit Paulus zu behaupten, daß Jesus „für die Sünde Anderer“ gestorben sei… er starb für seine eigene „Sünde“. Unter andere Verhältnisse gestellt, zum Beispiel mitten in das heutige Europa hinein, würde dieselbe Art Mensch als Nihilist leben, lehren und reden: und auch in diesem Falle würde man seitens seiner Partei zu hören bekommen, ihr Meister sei für die Gerechtigkeit und die Liebe zwischen Mensch und Mensch gestorben — nicht um seiner Schuld willen, sondern um unserer Schuld willen (— der jetzt regierenden Classen: insofern nämlich Regieren selbst schon bei Anarchisten als Schuld gilt.)
11[281]
Paulus, mit einem Instinkt für die Bedürfnisse der Nicht-Juden, übersetzte jene großen Symbole der ersten christlichen Bewegung ins Handgreifliche und Unsymbolische: einmal machte er aus dem Gegensatz des wahren und des falschen Lebens den Gegensatz dieses irdischen und jenes himmlischen jenseitigen, zu dem der Tod die Brücke ist (— er stellte sie in die Bewegung der Zeit, als jetzt und als einstmals —) Zu diesem Zwecke that er einen Griff ins volle Heidenthum und nahm die Personal-Unsterblichkeit, etwas ebenso Antijüdisches als Antichristliches. Aber in der ganzen Welt, wo es geheime Culte gab, glaubte man an diese Fortdauer, und zwar unter einer Perspektive von Lohn und Strafe. Diese Verdüsterung des Heidenthums durch den Schatten der Schuld-Abzahlung im Jenseits war es z.B., was Epicur bekämpfte… Der Kunstgriff des Paulus war, den Glauben, daß Christus nach dem Tode wieder gesehen worden ist (d.h. die Thatsache einer Collektiv-Hallucination), aufzubauschen zu einer theologischen Logik, wie als ob die Unsterblichkeit und die Wiederauferstehung Hauptthatsachen wären und gleichsam der Schlußstein der Heils-Ordnung Jesu (— dazu mußte die ganze Lehre und Praxis der alten Gemeinde auf den Kopf gestellt werden)
Das ist der Humor der Sache, ein tragischer Humor: Paulus hat gerade das im großen Stile wieder aufgerichtet, was Christus durch sein Leben annullirt hatte. Endlich, als die Kirche fertig ist, nimmt sie sogar das Staats-Dasein unter ihre Sanktion…
11[282]
NB.: ein naiver Ansatz zu einer buddhistischen Friedensbewegung, mitten aus dem eigentlichen Herde des ressentiment heraus… aber durch Paulus zu einer heidnischen Mysterienlehre umgedreht, welche endlich sich mit der ganzen staatlichen Organisation vertragen lernt… und Kriege führt, verurtheilt, foltert, schwört, haßt.
Paulus geht von dem Mysterien-Bedürfniß der großen religiös-erregten Menge aus: er sucht ein Opfer, eine blutige Phantasmagorie, die den Kampf aushält mit den Bildern der Geheimkulte: Gott am Kreuze, das Bluttrinken, die unio mystica mit dem „Opfer“
er sucht die Fortexistenz (die selige, entsühnte Fortexistenz der Einzelseele) als Auferstehung in Causalverbindung mit jenem Opfer zu bringen (nach dem Typus des Dionysos, Mithras, Osiris)
er hat nöthig, den Begriff Schuld und Sünde in den Vordergrund zu bringen, nicht eine neue Praxis (wie sie Jesus selbst zeigte und lehrte) sondern einen neuen Cultus, einen neuen Glauben, einen Glauben an eine wundergleiche Verwandlung („Erlösung“ durch den Glauben)
er hat das große Bedürfniß der heidnischen Welt verstanden und aus den Thatsachen vom Leben und Tode Christi eine vollkommen willkürliche Auswahl gemacht, alles neu accentuirt, überall das Schwergewicht verlegt… er hat principiell das ursprüngliche Christenthum annullirt…
Das Attentat auf Priester und Theologen mündete, Dank dem Paulus, in eine neue Priesterschaft und Theologie — einen herrschenden Stand, auch eine Kirche
Das Attentat auf die übermäßige Wichtigthuerei der „Person“ mündet<e> in den Glauben an die „ewige Person“ (in die Sorge um’s „ewige Heil“…), in die paradoxeste Übertreibung des Personal-Egoism.
Man sieht, was mit dem Tode am Kreuze geschehen war. Als der Dämon des Dysangeliums erscheint Paulus…
11[283]
Daß die Schädlichkeit eines Menschen bereits ein Einwand gegen ihn sein soll!… Als ob unter den großen Förderern des Lebens nicht auch der große Verbrecher Platz hätte!…
Wir lassen die Thiere mit unseren Wünschen unangetastet; auch die Natur; aber die Menschen wollen wir schlechterdings anders…
Die außerordentlichsten Menschen, gesetzt, daß zu ihrem Entstehen ein Wille, ein Beschlußnehmen, eine Abstimmung nöthig gemacht wären, würden nie erstrebt werden…
So viel habe ich begriffen: wenn man das Entstehen großer und seltener Menschen abhängig gemacht hätte von der Zustimmung der Vielen (einbegriffen, daß diese wüßten, welche Eigenschaften zur Größe gehören und insgleichen auf wessen Unkosten alle Größe sich entwickelt) — nun, es hätte nie einen bedeutenden Menschen verhindert…
Daß der Gang der Dinge unabhängig von der Zustimmung der Allermeisten seinen Weg nimmt: daran liegt es, daß einiges Erstaunliche sich auf der Erde eingeschlichen hat…
11[285]
Sich stärker fühlen — oder anders ausgedrückt: die Freude — setzt immer ein Vergleichen voraus (aber nicht nothwendig mit Anderen, sondern mit sich, inmitten eines Zustands von Wachsthum, ohne daß man erst wüßte, in wiefern man vergleicht —)
— die künstliche Verstärkung: sei es durch aufregende Chemica, sei es durch aufregende Irrthümer („Wahnvorstellungen“)
z.B. das Gefühl der Sicherheit, wie es der Christ hat. Er fühlt sich stark in seinem Vertrauen-dürfen, in seinem Geduldig- und Gefaßtsein-dürfen: er verdankt diese künstliche Verstärkung dem Wahne, von einem Gott beschirmt zu sein
z.B. das Gefühl der Überlegenheit z.B. wenn der Chalif von Marokko nur Erdkugeln zu sehen bekommt, auf denen seine drei vereinigten Königreiche 4/5 der Oberfläche einnehmen
z.B. das Gefühl der Einzigkeit z.B. wenn der Europäer sich einbildet, daß der Gang der Cultur sich in Europa abspielt und wenn er sich selber eine Art abgekürzter Weltprozeß scheint; oder der Christ alles Dasein überhaupt um das „Heil des Menschen“ sich drehen macht —
Es kommt darauf an, wo man den Druck, die Unfreiheit empfindet: je nach dem erzeugt sich ein andres Gefühl des Stärker-seins. Einem Philosophen ist z.B. <in>mitten der kühlsten transmontansten Abstraktions-Gymnastik zu Muthe wie einem Fisch der in sein Wasser kommt: während Farben und Töne ihn drücken, gar nicht zu reden von den dumpfen Begehrungen — von dem, was die Anderen „das Ideal“ nennen.
11[286]
Morphologie der Selbstgefühle:
Erster Gesichtspunkt
A: in wiefern die Mitgefühls- und Gemeinschafts-Gefühle die niedrigere, die vorbereitende Stufe sind, zur Zeit, wo das Personal-Selbstgefühl, die Initiative der Werthsetzung im Einzelnen noch gar nicht möglich ist
B: in wiefern die Höhe des Collektiv-Selbstgefühls, der Stolz auf die Distanz des Clans, das Sich-Ungleich-fühlen, die Abneigung gegen Vermittlung, Gleichberechtigung, Versöhnung eine Schule des Individual-Selbstgefühls ist: namentlich insofern sie den Einzelnen zwingt, den Stolz des Ganzen zu repräsentiren… Er muß reden und handeln mit einer extremen Achtung vor sich, insofern er die Gemeinschaft in Person darstellt…
insgleichen: wenn das Individuum sich als Werkzeug und Sprachrohr der Gottheit fühlt
C: in wiefern diese Formen der Entselbstung thatsächlich der Person eine ungeheure Wichtigkeit geben: insofern höhere Gewalten sich ihrer bedienen: religiöse Scheu vor sich selbst Zustand des Propheten, Dichters…
D: inwiefern die Verantwortlichkeit für das Ganze dem Einzelnen einen weiten Blick, eine strenge und furchtbare Hand, eine Besonnenheit und Kälte und Großartigkeit der Haltung Gebärde an<er>zieht und erlaubt, welche er nicht um seiner selber willen sich zugestehen würde
In summa: die Collektiv-Selbstgefühle sind die große Vorschule der Personal-Souveränität
der vornehme Stand ist der, welcher die Erbschaft dieser Übung macht —
11[287]
In den Begriff der Macht, sei es eines Gottes, sei es eines Menschen, ist immer zugleich die Fähigkeit zu nützen und die Fähigkeit zu schaden eingerechnet. So bei den Arabern; so bei den Hebräern. So bei allen stark gerathenen Rassen.
Es ist ein verhängnißvoller Schritt, wenn man dualistisch die Kraft zum Einen von der zum Anderen trennt… Damit wird die Moral zur Giftmischerin des Lebens…
11[290]
Der Sinn der Beschneidung ist eine Probe der Mannhaftigkeit ersten Ranges (ein Maturitäts-Zeugniß, bevor man heirathen darf): die Araber heißen sie „Schindung“. Die Scene findet im Freien statt: der Vater und die Freunde umstehen den Jüngling. Der tonsor zieht das Messer und entblößt, nachdem er die Vorhaut abgeschnitten hat, das Glied (Schamtheil) samt dem Bauch vom Nabel aufwärts bis zu den Hüften von aller Haut. Der Jüngling schwingt dabei mit der Rechten ein Messer über dem Rücken des tonsor und schreit „schneide ohne Furcht!“ Wehe, wenn der tonsor zögert und seine Hand zittert! Der Vater aber tödtet seinen Sohn auf der Stelle, wenn er vor Schmerz schreit. Schließlich stimmt der Jüngling ein gloria Deo an und begiebt sich ins Zelt, wo er vor Schmerz auf den Boden niederfällt. Manche gehen an der ungeheuren Eiterung zu Grunde, von zehn bleiben meistens acht übrig: die haben kein pecten und ihren Bauch deckt eine bleiche Haut. (bei den ‘Asîr)
11[292]
Das Christenthum hat das Abendmahl nicht verstanden: die communio durch Fleisch und Trank, die sich auf natürlichem Wege in Fleisch und Blut transsubstantiiren —
Alle Gemeinschaft ist Blutgemeinschaft. Diese ist nicht nur angeboren, sie wird auch erworben; ebenso wie das Blut nicht bloß angeboren ist, sondern auch erworben wird. Wer mit einander ißt und trinkt, erneuert sein Blut aus demselben Quell, bringt dasselbe Blut in seine Adern. Ein Fremder, sogar ein Feind, der unser Mahl theilt (auch ohne und gegen unseren Willen) wird dadurch, wenigstens für eine Weile, in die Gemeinschaft unseres Fleisches und Bluts aufgenommen.
11[294]
Das „Christenthum“ ist etwas Grundverschiedenes von dem geworden, was sein Stifter that und wollte
es ist die große antiheidnische Bewegung des Alterthums, formulirt mit Benutzung von Leben, Lehre und „Worten“ des Stifters des Christenthums, aber in einer absolut willkürlichen Interpretation nach dem Schema grundverschiedener Bedürfnisse: übersetzt in die Sprache aller schon bestehenden unterirdischen Religionen —
es ist die Heraufkunft des Pessimismus, während Jesus den Frieden und das Glück der Lämmer bringen wollte
: und zwar des Pessimismus der Schwachen, der Unterlegenen, der Leidenden, der Unterdrückten
ihr Todfeind ist 1) Macht in Charakter, Geist und Geschmack; die „Weltlichkeit“ 2) das klassische „Glück“, die vornehme Leichtfertigkeit und Skepsis, der harte Stolz, die excentrische Ausschweifung und die kühle Selbstgenügsamkeit des Weisen, das griechische Raffinement in Gebärde, Wort und Form, — ihr Todfeind ist der Römer ebensosehr als der Grieche.
Versuch des Antiheidenthums, sich philosophisch zu begründen und möglich zu machen: Witterung für die zweideutigen Figuren der alten Cultur, vor allem für Plato, diesen Antihellenen und Semiten von Instinkt… Insgleichen für den Stoicismus, der wesentlich das Werk von Semiten ist (— die „Würde“ als Strenge, Gesetz, die Tugend als Größe, Selbstverantwortung, Autorität, als höchste Personal-Souveränität — das ist semitisch:
der Stoiker ist ein arabischer Sheik in griechische Windeln und Begriffe gewickelt
11[295]
Das Christenthum hat von vornherein das Symbolische in Cruditäten umgesetzt:
|
1) |
der Gegensatz „wahres Leben“ und „falsches“ Leben: mißverstanden als „Leben diesseits“ und „Leben jenseits“ |
|
2) |
der Begriff „ewiges Leben“ im Gegensatz zum Personal-Leben der Vergänglichkeit als „Personal-Unsterblichkeit“ |
|
3) |
die Verbrüderung durch gemeinsamen Genuß von Speise und Trank nach hebräisch-arabischer Gewohnheit als „Wunder der Transsubstantiation“ |
|
4) |
die „Auferstehung“ — als Eintritt in das „wahre Leben“, als „Wiedergeboren“ — daraus: eine historische Eventualität, die irgendwann nach dem Tode eintritt |
|
5) |
die Lehre vom Menschensohn als dem „Sohn Gottes“, das Lebens-Verhältniß zwischen Mensch und Gott — daraus: die „zweite Person der Gottheit“ — gerade das weggeschafft: das Sohnverhältniß jedes Menschen zu Gott, auch des niedrigsten |
|
6) |
die Erlösung durch den Glauben, nämlich daß es keinen anderen Weg zur Sohnschaft Gottes giebt als die von Christus gelehrte Praxis des Lebens — umgekehrt in den Glauben, daß man an irgend eine wunderbare Abzahlung der Sünde zu glauben habe, welche nicht durch den Menschen sondern durch die That Christi bewerkstelligt ist : damit mußte „Christus am Kreuze“ neu gedeutet werden. |
Dieser Tod war an sich durchaus nicht die Hauptsache… es war nur ein Zeichen mehr, wie man sich gegen die Obrigkeit, und Gesetze der Welt zu verhalten habe — nicht sich wehrend… Darin lag das Vorbild.
Das Christenthum nimmt den Kampf nur auf, der schon gegen das klassische Ideal, gegen die vornehme Religion bestand
Thatsächlich ist diese ganze Umbildung eine Übersetzung in die Bedürfnisse und das Verständniß-Niveau der damaligen religiösen Masse: jener Masse, welche an Isis, Mithras, Dionysos, die „große Mutter“ glaubte und welche von einer Religion verlangte
|
1) |
die Jenseits-Hoffnung |
|
2) |
die blutige Phantasmagorie des Opferthiers „das Mysterium“ |
|
3) |
die erlösende That, die heilige Legende |
|
4) |
den Asketismus, die Weltverneinung, die abergläubische „Reinigung“ |
|
5) |
eine Hierarchie, eine Form der Gemeindebildung |
kurz: das Christenthum paßt sich an das schon bestehende überall eingewachsene Anti-Heidenthum an, an die Culte, welche von Epicur bekämpft worden sind… genauer, an die Religionen der niederen Masse der Frauen, der Sklaven, der nicht-vornehmen Stände.
Wir haben also als Mißverständniß:
|
1) |
die Unsterblichkeit der Person |
|
2) |
die angebliche andere Welt |
|
3) |
die Absurdität des Strafbegriffs und Sühnebegriffs im Centrum der Daseins-Interpretation |
|
4) |
die Entgöttlichung des Menschen statt seiner Vergöttlichung die Aufreißung der tiefsten Kluft, über die nur das Wunder, nur die Prostration der tiefsten Selbstverachtung hinweghilft |
|
5) |
die ganze Welt der verdorbenen Imagination und des krankhaften Affekts, statt der liebevollen einfältigen Praxis, statt eines auf Erden erreichbaren buddhistischen Glückes… |
|
6) |
eine kirchliche Ordnung, mit Priesterschaft, Theologie, Cultus, Sakramenten; kurz, alles das, was Jesus von Nazareth bekämpft hatte |
|
7) |
das Wunder in Allem und Jedem, der Aberglaube: während gerade das Auszeichnende des Judenthums und des ältesten Christenthums sein Widerwille gegen die Wunder ist, seine relative Rationalität |
11[296]
Journal des Goncourt I.
„ein Gott à l’américaine, der Gott auf eine ganz menschliche Weise ist, der Brille trägt, über den es Zeugnisse der kleinen Zeitungen giebt“ — ein Gott in Photographie —
… sie verlangt Neuigkeiten über Ihre Seele „sind Sie im Zustand der Gnade?“, wie als ob sie fragte: „haben Sie Schnupfen?“
Joubert: in seinen Gedanken fehlt die französische Bestimmtheit. Das ist weder klar noch franc. Das riecht nach der kleinen Genfer Schule: Mad. Necker, Tracy, Jouffroy. Der schlechte Sainte-Beuve kommt von da. Joubert dreht die Ideen, wie man du buis dreht.
— man hat von Zeit zu Zeit das Bedürfniß d’un encanaillement de l’esprit
— es fehlt der breite Pinsel in seinem Gespräch; lauter hübsche, kleine, schüchterne Dinge (von Sainte-Beuve)
— haben die Alten nach einer schönen Realität gearbeitet? waren sie vielleicht gar keine „Idealisten“?
— sie suchen eine Null, um ihren Werth zu verzehnfachen
— in früher Jugend, wenn die ganze Lebhaftigkeit der Expansion durch große Einsamkeit zurücktritt —
„man fühlt sich in einer Synagoge wie im Orient, in einer glücklichen Religion. Eine Art Familiarität mit Gott, kein Gebet, wie in der christlichen Kirche, wo man immer etwas vergeben haben will…
Die „4 Syndics“ von Rembrandt; die Marter des Heiligen Marc von Tintoretto — die schönsten Bilder der Welt für die Goncourt.
Der englische Comfort ein wunderbares Verständniß für das leibliche Wohl, aber von einer Art Glück, wie es Blinde brauchen können: das Auge findet darin keine Genüge.
NB: rien de si mal écrit qu’un beau discours.
In Salammbô kommt Flaubert zum Vorschein, geschwollen, deklamatorisch, melodramatisch, verliebt in die dicke Farbe
— der Einzige, der den Fund einer Sprache gemacht hat, mit der man von den alten Zeiten sprechen kann: Maurice de Guérin im „Centaur“
— das Volk liebt weder das Wahre, noch das Einfache: es liebt den Roman und den Charlatan.
Es ist sehr merkwürdig, daß die vier Männer les plus purs de tout métier et de tout industrialisme, les quatre plumes les plus entièrement vouées à l’art gerade vor die Banken der police correctionelle gekommen sind: Baudelaire, Flaubert und les Goncourt.
Wir haben alle Verkehrsmittel verzehnfacht in der Geschwindigkeit: zugleich aber das Bedürfniß nach Schnelligkeit in uns verhundertfacht…
Je hais tout ce qui est cœur imprimé, mis sur du papier. Gavarni.
Eine Corruption alter Civilisationen, nur noch an Werken des Menschen Vergnügen zu empfinden und à s’embêter des œuvres de Dieu.
wir sind le siècle des chefs-d’œuvre de l’irrespect.
das Glück im Licht von Algier, die schmeichlerische Art Licht: wie man Heiterkeit athmet…
Die französische mélancholie contemporaine, une mél<ancolie> non suicidante, non blasphématrice, non désespérée: une tristesse, qui n’est pas sans douceur et où rit un coin d’ironie. Melancholien <von> Hamlet, Lara, Werther, René selbst sind die Melancholien von nördlicheren Völkern als wir sind.
Der Typus von 1830: energische Züge, milder Ausdruck, ein weiches Lächeln, das euch streichelt; gewöhnt an die Schlacht, an noble Kämpfe, an glühende Sympathien, an die laute Zustimmung eines jungen Publikums; und dabei im Grund von sich die Trauer und die Reue tragend, nicht zu trösten, zerrissenen Herzens; die politischen Ideen von 1848 haben ihn einen Augenblick wieder in Fieber gesetzt. Seitdem die Langeweile und die Nichtbeschäftigung seiner Gedanken und Aspirationen. Ein distinguirter Geist, an einem friedlichen Heimweh nach einem Ideal in Politik, Litteratur, Kunst leidend, sich mit halber Stimme beklagend und nur an sich selbst sich rächend für die Vision der Unvollkommenheit der Dinge hier unten.
Im modernen Gesetzbuch, im Code ist die Ehre ebenso vergessen wie la fortune. Pas un mot de l’arbitrage de l’honneur: das Duell usw. Was die fortune von heute betrifft, qui est presque toute in Börsenoperationen <dans des opérations de bourse>, de courtage, d’agiotage, de coulisse ou d’agences de change, so ist nichts vorgesehen, es zu schützen und zu vertheidigen: keine Reglementation de ces trafics journaliers; die Tribunale incompetent für alle Börsen-Transaktionen; der Wechselagent giebt kein reçu.
La Bruyère: „on peut se servir des coquins, mais l’usage en doit être discret.“
Wie hat man den Muth, zu einem Theater-Publikum zu sprechen? Das Stück wird abgeschätzt durch eine masse d’humanité réunie, une bêtise agglomérée… (Vom Buche nimmt man in der Einsamkeit Kenntniß —)
„Wenn man gut ist, so erscheint man feige: man muß böse sein, damit man für muthig gilt“: ein Thema für Napoleon III
„Vor einer guten Landschaft fühle ich mich mehr à la campagne als auf freiem Feld und im vollen Walde“ Wir sind zu civilisirt, zu alt, zu sehr verliebt in das factice und artificiel, daß wir durch das Grüne der Erde und Blaue des Himmels amüsirt würden.
Flaubert insgleichen: horreur auf dem Rigi.
Litteratur des 20. Jahrhunderts: verrückt und mathematisch zugleich, analytisch-phantastisch: die Dinge wichtiger und im Vordergrund, nicht mehr die Wesen; die Liebe abgeschafft (schon bei Balzac tritt das Geld in den Vordergrund): mehr von der Geschichte im Kopfe erzählend als von der im Herzen.
Ces désespérances, ces doutes, non de nous, ni de nos ambitions, mais du moment et des moyens, au lieu de nous abaisser vers les concessions, font en nous, plus entière, plus intraitable, plus hérissée, la conscience littéraire. Et, un instant, nous agitons si nous ne devrions pas penser et écrire absolument pour nous, laissant à d’autres le bruit, l’éditeur, le public. Mais, comme dit Gavarni: on n’est pas parfait.
Journal des Goncourt I, p. 147.
das Café ein rudimentärer Zustand: für 40 ct. Heiterkeit, mit einem Gas vielleicht (gas exhilarant): une demi-tasse de paradis
Gavarni: das ist grausam, aber so ist es, ich habe nicht für zwei sous vénération in mir. (wohl aber sensitivité —)
Flaubert: de la forme naît l’idée, höchste Formel der Schule, nach Théophile Gautier
il faut à des hommes comme nous, une femme peu élevée, peu éduquée, qui ne soit que gaieté et esprit naturel, parce que celle-là nous réjouira et nous charmera ainsi qu’un agréable animal, auquel nous pourrons nous attacher.
Die Zeit, wo alle Männer lesen und alle Frauen Piano spielen werden, wird die Welt in voller Auflösung sein; sie hat ein Wort aus dem Testament des Cardinal de Richelieu vergessen: „ainsi qu’un corps qui auroit des yeux en toutes ses parties, seroit monstrueux, de même un État le seroit, si tout le sujets étoient savants. On y verroit aussi peu d’obéissance que l’orgueil et la présomption y seroient ordinaires.“
Kein Maler mehr. Eine Armee von chercheurs d’idées ingénieuses. De l’esprit, non de touche, mais dans le choix du sujet. Litteratur des Pinsels.
Raphael hat den klass<ischen> Typus der Jungfrau gefunden durch die Vollendung des vulgären Typus — durch den absoluten Gegensatz zur Schönheit, wie sie le Vinci suchte in dem Exquisen des Typus und der Seltenheit des Ausdrucks. Eine Art ganz menschlicher Heiterkeit, eine runde Schönheit, eine fast junonische Gesundheit. Sie wird ewig populär bleiben.
Voltaire der letzte Geist des alten Frankreich, Diderot der erste des neuen. Voltaire hat das Epos, die Fabel, die kleinen vers, die Tragödie zu Grabe getragen. Diderot hat den modernen Roman, das Drama und die Kunstkritik inaugurirt.
Skeptiker sein, den Skepticismus bekennen — ein schlechter Weg, seinen Weg zu machen! Das Mittel der Skepsis ist die Ironie, die Formel die am wenigsten aux épais, aux obtus, aux sots, aux niais, aux masses zugänglich ist? Dann choquirt diese Negation, dieser Zweifel an Allem, die Illusionen Aller, zum mindesten, die, welche alle affichiren: die Selbstzufriedenheit der Menschheit mit sich, welche die Zufriedenheit mit sich voraussetzt, — diesen Frieden des menschlichen Gewissens, welchen der bourgeois affektirt wie den Frieden seines persönlichen Gewissens auszugeben. —
Im Grunde dieses metaphysischen Monologs fühle ich die Präoccupation — „la préoccupation et la terreur du au-delà de la mort, que donne aux esprits les plus émancipés l’éducation religieuse.“
Der Mann hat das Weib gemacht, indem er ihr alle seine Poesien giebt… Gavarni
Bei Clowns und Seiltänzern ihr Metier ihre Pflicht: die einzigen Akteure, deren Talent unbestritten und absolut ist, wie das der Mathematiker oder mehr noch comme le saut périlleux. Denn hierbei giebt es keinen falschen Anschein von Talent: entweder fällt man oder man fällt nicht.
Rien de plus charmant, de plus exquis que l’esprit français des étrangers, l’esprit de Galiani, du prince de Ligne, de Henri Heine.
Flaubert: „après tout, le travail, c’est encore le meilleur moyen d’escamoter la vie.“
Das, was bei Victor Hugo frappirt, der die Ambition hat, für einen Denker gelten zu wollen: das ist die Abwesenheit des Gedankens. Das ist kein Denker, das ist ein Naturwesen (un naturaliste sagt Flaubert): er hat den Saft der Bäume in den Adern —
De l’amoureux à la mode. 1830 le ténébreux, nach dem Einfluß Antony’s. Der dominirende Schauspieler giebt den Ton für die Verführung in der Liebe an. 1860 ist es der farceur (nach dem Vorbilde Grassot)
Es giebt keine Arme mehr für die Landarbeit. Die Erziehung zerstört die Rasse der Arbeiter und folglich den Ackerbau…
wahre Freiheit für das Individuum giebt es nur, so lange es noch nicht in eine vollkommen civilisirte Gesellschaft enrégimenté ist: in ihr verliert es den ganzen Besitz von sich, von seinen Gütern, von seinem Guten. Der Staat hat, von 1789 an, teufelsmäßig die Rechte von Jedem absorbirt, und ich frage mich, ob nicht, unter dem Namen der vollkommenen Herrschaft des Staates, uns die Zukunft noch eine ganz andere Tyrannei vorbehält, servi par le despotisme d’une bureaucratie française —
11[297]
Die halbseitige Tüchtigkeit: oder der gute Mensch.
Einem Versuche, von der Gottheit alle „bösen“ Eigenschaften und Absichten wegzudenken, entspricht ein Versuch, den Menschen auf die Hälfte zu reduziren, welche seine guten Eigenschaften ausmachen: er soll unter keinen Umständen schaden, schaden wollen…
Der Weg dazu: die Verschneidung der Möglichkeit zur Feindschaft, die Entwurzelung des ressentiment, der Frieden als der einzige und einzig gebilligte innere Zustand…
Der Ausgangspunkt ist völlig ideologisch: man hat „Gut“ und „Böse“ als Widerspruch angesetzt, man hält es nunmehr für folgerichtig, daß der Gute „dem Bösen“ bis in die letzte Wurzel entsagt und widerstrebt, man meint damit, zur Ganzheit, zur Einheit, zur Stärke zurückzukehren und seiner eigenen inneren Anarchie und Selbstauflösung zwischen entgegengesetzten Werth-Antrieben ein Ende zu machen.
Aber: man hält den Krieg für böse — und führt doch Krieg!… Mit anderen Worten: man hört jetzt erst recht nicht auf, zu hassen, Nein zu sagen, Nein zu thun: der Christ z.B. haßt die Sünde (nicht den Sünder: wie sie fromme List auseinanderhält) — Und gerade durch diese falsche Trennung „gut“ und „böse“ ist die Welt des Hassenswerthen, Ewig-zu-Bekämpfenden ungeheuer angewachsen. In praxi sieht „der Gute“ sich umringt vom Bösen, sieht in allem Thun Böses — er endet damit, die Natur für böse, den Menschen für verdorben, das Gutsein als Gnade zu verstehn.
— So entsteht ein mit Haß und Verachtung überladener Typus, der sich aber die Mittel abgeschnitten hat, Krieg in der That und mit Waffen zu führen: eine wurmstichige Art von „Auserwählten“, Friedensaposteln
I. Der vollkommene „Hornochs“.
Der stoische Typus. Oder: der vollkommene Hornochs. Die Festigkeit, die Selbstbeherrschung, das Unerschütterliche, der Frieden als Unbeugsamkeit eines langen Willens — die tiefe Ruhe, der Vertheidigungszustand, der Berg, das kriegerische Mißtrauen — die Festigkeit der Grundsätze; die Einheit von Willen und Wissen die Hochachtung vor sich. Einsiedler-Typus.
Der consequente Typus: hier wird begriffen, daß man auch das Böse nicht hassen dürfe, daß man ihm nicht widerstehen dürfe, daß man auch nicht gegen sich selbst Krieg führen dürfe: daß man das Leiden, welches eine solche Praxis mit sich bringt, nicht nur hinnimmt; daß man ganz und gar in den positiven Gefühlen lebt; daß man die Partei der Gegner nimmt in Wort und That; daß man durch eine Superfötation der friedlichen, gütigen, versöhnlichen, hülf- und liebreichen Zustände den Boden der anderen Zustände verarmt…, daß man eine fortwährende Praxis nöthig hat
was ist hier erreicht? — Der buddhistische Typus: oder die vollkommene Kuh
Dieser Standpunkt ist nur möglich, wenn kein moralischer Fanatismus herrscht d.h. wenn das Böse nicht um seiner selber willen gehaßt wird, sondern nur, weil es den Weg abgiebt zu Zuständen, welche uns wehe thun (Unruhe, Arbeit, Sorge, Verwicklung, Abhängigkeit.)
Dies der buddhistische Standpunkt: hier wird nicht die Sünde gehaßt, hier fehlt der Begriff „Sünde“.
II.
Der inconsequente Typus: man führt Krieg gegen das Böse — man glaubt, daß der Krieg um des Guten willen nicht die moralische und Charakter-Consequenz habe, die sonst der Krieg mit sich bringt (und derentwegen man ihn als böse verabscheut) Thatsächlich verdirbt ein solcher Krieg gegen das Böse viel gründlicher als irgend eine Feindseligkeit von Person zu Person; und gewöhnlich schiebt sich sogar „die Person“ als Gegner wenigstens imaginär wieder ein (der Teufel, die bösen Geister usw.) Das feindselige Verhalten, Beobachten, Spioniren gegen alles, was in uns schlimm ist und schlimmen Ursprungs sein könnte, endet mit der gequältesten und unruhigsten Verfassung: so daß jetzt „Wunder“, Lohn, Ekstase, Jenseitigkeits-Lösung wünschbar werden…
Der christliche Typus: oder der vollkommene Mucker.
11[300]
„Objektivität“ am Philosophen: moral<ischer> Indifferentism gegen sich, Blindheit gegen die guten und schlimmen Folgen: Unbedenklichkeit im Gebrauch gefährlicher Mittel; Perversität und Vielheit des Charakters als Vorzug errathen und ausgenützt —
Meine tiefe Gleichgültigkeit gegen mich: ich will keinen Vortheil aus meinen Erkenntnissen und weiche auch den Nachtheilen nicht aus, die sie mit sich bringen — hier ist eingerechnet das, was man Verderbniß des Charakters nennen könnte; diese Perspektive liegt außerhalb: ich handhabe meinen Charakter, aber denke weder daran, ihn zu verstehen, noch ihn zu verändern — der persönliche calcul der Tugend ist mir nicht einen Augenblick in den Kopf gekommen. Es scheint mir, daß man sich die Thore der Erkenntniß zumacht, sobald man sich für seinen persönlichen Fall interessirt — oder gar für das „Heil“ seiner Seele!… Man muß seine Moralität nicht zu wichtig nehmen und sich ein bescheidenes Anrecht auf deren Gegentheil nicht nehmen lassen…
Eine Art Erbreichthum an Moralität wird hier vielleicht vorausgesetzt: man wittert, daß man viel davon verschwenden und zum Fenster hinauswerfen kann, ohne dadurch sonderlich zu verarmen. Niemals sich versucht fühlen, „schöne Seelen“ zu bewundern. Sich ihnen immer überlegen wissen. Den Tugend-Ungeheuern mit einem innerlichen Spott begegnen; déniaiser la vertu — geheimes Vergnügen.
Sich um sich selber rollen; kein Wunsch „besser“ oder überhaupt nur „anders“ zu werden; zu interessirt, um nicht Fangarme und Netze jeder Moralität nach den Dingen auszuwerfen —
11[301]
Diese Figur ist nicht aus einem Guß. Nicht nur daß man sie mit allerlei Weisheit- und Sprüchwort-Biedermännerei verkleidet hat, so daß sie beinahe zum „Moralisten“ vulgarisirt ist: das Schlimme ist, daß man den Typus selbst nicht unangetastet hat. Man erräth, wie früh diese Figur verschiedenen Absichten von vornherein hat dienen müssen: in kurzer Zeit schon gab es bloß noch eine Tradition dieser bereits zurechtgemachten Figur. Es scheint, daß der alte typische Prophet Israels stark auf diese Zeichnung abgefärbt hat: die unevangelischen Züge, der Zorn, die Verfluchungen, die ganze so unwahrscheinliche Prophezeiung des „Gerichts“, der ganze Wüsten-Typus, die zügellose Sprache gegen Pharisäer und Schriftgelehrte, das Austreiben aus dem Tempel
— auch die Verfluchung des Feigenbaums — der typische Fall, wo und wie man nicht ein Wunder thun soll
Du sollst nicht fluchen. Du sollst nicht zaubern. Du sollst keine Rache üben. Du sollst nicht lügen (— denn daß eine Sache, bloß deshalb, weil sie für wahr gehalten wird, die Gefälligkeit hätte, zur Wahrheit zu werden, ist eine Lüge: man erlebt die demonstratio ad absurdum jeden Tag zu drei Malen —
11[302]
Hier ist jedes Wort Symbol; es giebt im Grunde keine Realität mehr. Die Gefahr ist außerordentlich, sich über diese Symbole zu vergreifen. Fast alle kirchlichen Begriffe und Werthungen führen irre: man kann das neue Testament gar nicht gründlicher mißverstehen als es die Kirche mißverstanden hat. Ihr fehlten alle Voraussetzungen zu einem Verständniß: die Historiker-Neutralität, welche sich den Teufel darum kümmert, ob „das Heil der Seele“ am Worte hängt
Die Kirche hat nie den guten Willen gehabt, das neue Testament zu verstehen: sie hat sich mit ihm beweisen wollen. Sie suchte und sucht hinter demselben ein theologisches System: sie setzt es voraus, — sie glaubt an die Eine Wahrheit. Es bedurfte erst des neunzehnten Jahrhunderts — le siècle de l’irrespect — um einige der vorläufigsten Bedingungen wieder zu gewinnen, um das Buch als Buch (und nicht als Wahrheit) zu lesen, um diese Geschichte nicht als „heilige Geschichte“, sondern als eine Teufelei von Fabel, Zurechtmachung, Fälschung, Palimpsest, Wirrwarr, kurz als Realität wieder zu erkennen…
Man giebt sich nicht genug Rechenschaft darüber, in welcher Barbarei der Begriffe wir Europäer noch leben.
NB: Daß man hat glauben können, „das Heil der Seele“ hänge an einem Buche!… Und man sagt mir, man glaube das heute noch.
Was hilft alle wissenschaftliche Erziehung, alle Kritik und Hermeneutik, wenn ein solcher Widersinn von Bibel-Auslegung, wie ihn die Kirche aufrecht erhält, noch nicht die Schamröthe zur Leibfarbe gemacht hat?
11[303]
Liebe
Seht hinein: diese Liebe, dieses Mitleid der Weiber — giebt es etwas Egoistischeres?… Und wenn sie sich opfern, ihre Ehre, ihren Ruf, wem opfern sie sich? dem Mann? oder nicht vielmehr einem zügellosen Bedürfnisse?
— das sind genau so selbstsüchtige Begierden: ob sie nun Anderen wohlthun und Dankbarkeit anpflanzen…
— in wiefern eine derartige Hyperfötation Einer Werthung alles Übrige heiligen kann!!
11[304]
Wir würden Recht haben, davon chokirt zu sein: ein solcher Enthusiasmus wie der Theklas ist etwas, das man unmöglich im Princip gutheißen kann. Wir können uns durch das Talent des Dichters dazu fortreißen lassen, mit einem einzelnen Individuum zu sympathisiren, das ihn erfährt: aber er kann nicht als Basis für ein allgemeines System dienen et nous n’aimons en France que ce qui peut être d’une application universelle.
Die Theater-Moral in Frankreich ist viel rigoröser als die in Deutschland. Cela tient à ce, que les Allemands prennent le sentiment pour base de la morale, tandis que pour nous cette base est la raison. Un sentiment sincère, complet, sans bornes, leur paraît, non seulement excuser ce qu’il inspire, mais l’ennoblir et, si j’ose employer cette expression, le sanctifier. Wir haben viel strengere Principien und wir entfernen uns von ihnen niemals in der Theorie. Das Gefühl, das eine Pflicht verkennt, scheint uns nur ein Fehler mehr; wir würden leichter dem Interesse verzeihen, weil das Interesse in seine Überschreitungen mehr Geschick und Decenz legt. Das Gefühl fordert die Meinung heraus, brave l’opinion, und sie wird dadurch gereizt; das Interesse sucht sie zu täuschen, indem es sie schont, und selbst wenn sie die Täuschung entdeckt, weiß sie ihren Dank für diese Art Huldigung.
11[306]
Die Regel der Einheiten macht die Composition sehr schwierig: elles circonscrivent les tragédies, surtout historiques, dans un espace. — Sie zwingen den Dichter oft, in den Ereignissen und den Charakteren, die Wahrheit der Gradation, die Delikatesse der nuances zu vernachlässigen; es giebt Lücken, zu brüske Übergänge.
Die Franzosen malen nur Ein Faktum oder Eine Leidenschaft. Sie haben ein Bedürfniß nach Einheit. Ils repoussent des caractères tout ce qui ne sert pas à faire ressortir la passion qu’ils veulent peindre; ils suppriment de la vie antérieure de leurs héros tout ce qui ne s’enchaîne pas nécessairement au fait, qu’ils ont choisi.
Das französische System präsentirt le fait qui forme le sujet und ebenso la passion, qui est le mobile de chaque tragédie, in einem vollkommenen isolement. Einheit des Interesses, der Perspektive. Der Zuschauer erkennt, daß das nicht eine historische Personnage ist, sondern un héros factice, une créature d’invention —
11[310]
Die ganze Auffassung vom Rang der Leidenschaften: wie als ob das Rechte und Normale sei, von der Vernunft geleitet zu werden — während die Leidenschaften das Unnormale, Gefährliche, Halbthierische sind, überdies, ihrem Ziele nach, nichts anderes als Lust-Begierden…
Die Leidenschaft ist entwürdigt 1) wie als ob sie nur ungeziemender Weise, und nicht nothwendig und immer das mobile sei 2) insofern sie etwas in Aussicht nimmt, was keinen hohen Werth hat, ein Vergnügen…
Die Verkennung von Leidenschaft und Vernunft, wie als ob letztere ein Wesen für sich sei und nicht vielmehr ein Verhältnißzustand verschiedener Leidenschaften und Begehrungen; und als ob nicht jede Leidenschaft ihr Quantum Vernunft in sich hätte…
11[311]
Indem man nur Eine Leidenschaft malt (und nicht einen ganzen individuellen Charakter) erhält man tragische Wirkungen, weil die individuellen Charaktere, die immer gemischt sind, der Einheit des Eindrucks schaden. Aber die Wahrheit verliert dabei. Man fragt sich, was von den Heroen übrigbleiben würde, wenn sie nicht von dieser Leidenschaft bewegt wären: sicherlich nur wenig… Der Charaktere sind unzählige. Die Theater-Leidenschaften eine geringe Zahl. „Polyphonte le tyran („der Tyrann“) est un genre: le tyran Richard III un individu“
11[312]
Zukünftiges. Gegen die Romantik der großen „Passion“.
Zu begreifen, wie zu jedem „klassischen“ Geschmack ein Quantum Kälte, Lucidität, Härte hinzugehört: Logik vor allem, Glück in der Geistigkeit, „drei Einheiten“, Concentration — Haß gegen Gefühl, Gemüth, esprit, Haß gegen das Vielfache, Unsichere, Schweifende, Ahnende so gut als gegen das Kurze Spitze Hübsche Gütige
Man soll nicht mit künstlerischen Formeln spielen: man soll das Leben umschaffen, daß es sich nachher formuliren muß…
Es ist eine heitere Comödie, über die erst jetzt wir lachen lernen, die wir jetzt erst sehen: daß die Zeitgenossen Herders, Winckelmanns, Goethes und Hegels in Anspruch nahmen, das klassische Ideal wieder entdeckt zu haben… Und zu gleicher Zeit Shakespeare!
— und dasselbe Geschlecht hatte sich von der klassischen Schule der Franzosen auf schnöde Art losgesagt!
— als ob nicht das Wesentliche so gut hier wie dorther hätte gelernt werden können!…
Aber man wollte die „Natur“, die „Natürlichkeit“: oh Stumpfsinn! man glaubte, die Classicität sei eine Art Natürlichkeit!
Ohne Vorurtheil und Weichlichkeit zu Ende denken, auf welchem Boden ein klassischer Geschmack wachsen kann.
Verhärtung, Vereinfachung, Verstärkung, Verböserung des Menschen: so gehört es zusammen. Die logisch-psychologische Vereinfachung. Die Verachtung des Details, des Complexen, des Ungewissen —
Die Romantiker in Deutschland protestirten nicht gegen den Classicismus, sondern gegen Vernunft, Aufklärung, Geschmack, 18. Jahrhundert.
Die Sensibilität der romantisch-Wagnerischen Musik: Gegensatz, die klassische Sensibilität…
der Wille zur Einheit (weil die Einheit tyrannisirt: nämlich die Zuhörer, Zuschauer) aber Unfähigkeit, sie in der Hauptsache tyrannisiren zu lassen: nämlich in Hinsicht auf das Werk selbst (auf Verzichtleisten, Kürzen, Klären, Vereinfachen.
die Überwältigung durch Masse (Wagner, Victor Hugo, Zola, Taine) und nie mit der Größe
11[315]
Warum kulminirt die deutsche Musik zur Zeit der deutschen Romantik? Warum fehlt Goethe in der deutschen Musik? Wie viel Schiller, genauer wie viel „Thekla“ ist dagegen in Beethoven!
— Schumann hat Eichendorff, Uhland, Heine, Hoffmann, Tieck in sich
— Richard Wagner hat Freischütz, Hoffmann, Grimm, die romantische Sage, den mystischen Katholizismus des Instinkts, den Symbolismus, die „Freigeisterei der Leidenschaft“, Rousseau’s Absichten
Der „fliegende Holländer“ schmeckt nach Frankreich, wo le ténébreux 1830 der Verführer-Typus war
— Cultus der Musik: die revolutionäre Romantik der Form
Wagner resümirt die Romantik, die deutsche und die französische —
11[321]
— diese unsinnige Überladung mit Details, diese Unterstreichung der kleinen Züge, der Mosaik-Effekt: Paul Bourget
Der Ehrgeiz des großen Stils — und dabei Nicht-Verzichtleisten-wollen auf das, was er besser machte, auf das Kleine, das Kleinste; dieses Überladen mit Details; diese Ciseleur-Arbeit in Augenblicken, wo Niemand für Kleines Augen haben dürfte; diese Unruhe des Auges, welches bald für Mosaik und bald für verwegen hingeworfene Wand-Fresken eingestellt werden soll
ich habe die eigenthümliche Qual, welche mir das Anhören Wagn<erscher> Musik erregt, darauf zurückgeführt, daß diese Musik einem Gemälde gleicht, welches mir nicht erlaubt, auf Einem Platz zu bleiben… daß beständig das Auge, um zu verstehen, sich anders einstellen muß: bald myopisch, damit ihm die raffinirteste Mosaik-Ciseleurarbeit nicht entgeht, bald für verwegene und brutale Fresken, welche sehr aus der Ferne gesehen werden wollen. Das Nicht-festhalten-können einer bestimmten Optik macht den Stil der Wagnerschen Musik aus: Stil hier im Sinne von Stil-Unfähigkeit gebraucht
11[322]
|
Wagner: |
1) |
nicht sich täuschen lassen durch die deutsche Tendenz — seine Sensibilität ist so wenig deutsch als möglich; dagegen um so deutscher seine Art Geist und Geistigkeit (den Stil eingerechnet) — er hat die tiefste Sympathie für die großen Symbole des mittelalterlichen Europa und sucht deren „Träger“ — — der Typus seiner Helden ist so wenig deutsch als möglich: Tannhäuser, der fliegende Holländer, Rienzi, Lohengrin, Elsa, Tristan, Siegfried, Parsifal: man versuche doch die — — —: bleibt der „Meistersinger“ — der Cultus der „Passion“ ist nicht deutsch — der Cultus des „Dramas“ ist nicht deutsch: er hat eine ungeheure Überzeugungskraft durch Wucht und Furchtbarkeit der Gebärde. |
|
2) |
was ist deutsch? — die ungewisse Symbolik, die Lust am Ungenau-Gedachten, der falsche „Tiefsinn“, das Willkürliche, der Mangel an Feuer, Witz und Anmuth, die Unfähigkeit zur großen Linie, zum Nothwendigen in — — — |
|
|
3) |
man muß in der Hauptsache sich nicht irreführen lassen: das musikalische Drama W<agner>s ist ein Rückschritt, schlimmer, eine Decadence-Form der Musik — — er hat alles Musikalische, die Musik geopfert, um aus ihr eine Kunst des Ausdrucks, der Verstärkung, der Suggestion, des Psychologisch-Pittoresken zu machen |
der außerordentliche Schauspieler- und Theater-Instinkt war bisher insgleichen nicht deutsch (— man versteht nichts von Wagner, wenn man nicht in diesem Instinkt seine faculté maîtresse, seinen dominirenden Instinkt begreift)
die deutsche Tiefe, Vielheit, Willkür, Fülle, Ungewißheit: die großen Symbole und Räthsel, mit sanftem Donner aus ungeheurer Ferne laut werdend: der deutsche graue und bösartige Himmel, der das Glück nur als Carikatur und Wunsch kennt —
11[323]
Woher nimmt er seinen Anhang? Aus der Überzahl der Unmusikalischen, Halbmusikalischen, Dreiviertel-Gebildeten beiderlei Geschlechts, deren Eitelkeit es schmeichelt, Wagner zu verstehen
Sieg des unmusikalischen, halbmusikalischen Bildungs-Schwärmers, dem die große Attitüde Wagner’s schmeichelt, wie als ob es ein Zeichen von Superiorität sei, hier zu „verstehen“
: er appellirt an die schönen Gefühle und den gehobenen Busen
er erregt namentlich das, was eine schwärmerische — die deutsche — Naturempfindung — — —
— er hypnotisirt die mystisch-erotischen Weibchen, indem seine Musik den Geist eines Magnetiseurs bis in ihr Rückenmark hinein fühlbar macht (— man beobachte das Lohengrin-Vorspiel in seinen physiologischen Einwirkungen auf die Sekretion und — — —
— er erreicht jedes Mal die Höhe des Pathos zugleich mit einer Breite und Strom-Ausdehnung, welche ihn in Gegensatz zu allen Kurzathmigen und Augenblicks-Dramatikern stellt
11[325]
Zur Kritik des guten Menschen
Rechtschaffenheit, Würde, Pflichtgefühl, Gerechtigkeit, Menschlichkeit, Ehrlichkeit, Geradheit, gutes Gewissen — sind wirklich mit diesen wohlklingenden Worten Eigenschaften um ihrer selber willen bejaht und gutgeheißen? oder sind hier an sich werthindifferente Eigenschaften und Zustände nur unter irgend welchen Gesichtspunkt gerückt, wo sie Werth bekommen? — Liegt der Werth dieser Eigenschaften in ihnen oder in dem Nutzen, Vortheil, der aus ihnen folgt (zu folgen scheint, zu folgen erwartet wird)?
Ich meine hier natürlich nicht einen Gegensatz von ego und alter in der Beurtheilung: die Frage ist, ob die Folgen es sind, sei es für den Träger dieser Eigenschaften, sei es für die Umgebung, Gesellschaft, „Menschheit“, derentwegen diese Eigenschaften Werth haben sollen: oder ob sie an sich selbst Werth haben…
Anders gefragt: ist es die Nützlichkeit, welche die entgegengesetzten Eigenschaften verurtheilen, bekämpfen, verneinen heißt (— Unzuverlässigkeit, Falschheit, Verschrobenheit, Selbst-Ungewißheit, Unmenschlichkeit —)? Ist das Wesen solcher Eigenschaften oder nur die Consequenz solcher Eigenschaften verurtheilt?
Anders gesagt: wäre es wünschbar, daß Menschen dieser zweiten Eigenschaften nicht existirten? — Das wird jedenfalls geglaubt —
aber hier steckt der Irrthum, die Kurzsichtigkeit, die Bornirtheit des Winkel-Egoismus.
Anders ausgedrückt: wäre es wünschbar, Zustände zu schaffen, in denen der ganze Vortheil auf Seiten der Rechtschaffenen ist — so daß die entgegengesetzten Naturen und Instinkte entmuthigt würden und langsam ausstürben?
— dies ist im Grunde eine Frage des Geschmacks und der Aesthetik: wäre es wünschbar, daß die „achtbarste“ d.h. langweiligste Species Mensch übrig bliebe? die Rechtwinkligen, die Tugendhaften, die Biedermänner, die Braven, die Geraden, die „Hornochsen“?
— denkt man sich die ungeheure Überfülle der „Anderen“ weg: so hat sogar der Rechtschaffene nicht einmal mehr ein Recht auf Existenz: er ist nicht mehr nöthig — und hier begreift man, daß nur die grobe Nützlichkeit eine solche unausstehliche Tugend zu Ehren gebracht hat.
Die Wünschbarkeit liegt vielleicht gerade auf der umgekehrten Seite: Zustände schaffen, bei denen der „rechtschaffene Mensch“ in die bescheidene Stellung eines „nützlichen Werkzeugs“ herabgedrückt wird — als das „ideale Heerdenthier“, bestenfalls Heerden-Hirt: kurz, bei denen er nicht mehr in die obere Ordnung zu stehen kommt —: welche andere Eigenschaften verlangt —
11[327]
|
Tagebuch des Nihilisten… der Schauder über die entdeckte „Falschheit“ |
|
|
leer: |
kein Gedanke mehr; die starken Affekte um Objekte ohne Werth sich drehend: |
|
— Zuschauer für diese absurden Regungen für und wider |
|
|
— überlegen, höhnisch, kalt gegen sich |
|
|
— die stärksten Regungen erscheinen wie Lügner: als ob wir an ihre Objekte glauben sollten, als ob sie uns verführen wollten — |
|
|
— die stärkste Kraft weiß nicht mehr, wozu? |
|
|
— es ist Alles da, aber keine Zwecke — |
|
|
der Atheismus als die Ideallosigkeit |
|
|
Phase |
des leidenschaftlichen Neins und Neinthuns: in ihm entladet sich die aufgespeicherte Begierde nach Bejahung, nach Anbetung… |
|
|
Phase |
der Verachtung |
selbst gegen das Nein… |
|
selbst gegen den Zweifel… |
||
|
selbst gegen die Ironie… |
||
|
selbst gegen die Verachtung… |
||
|
Katastrophe: |
ob |
nicht die Lüge etwas Göttliches ist… |
|
ob |
nicht der Werth aller Dinge darin beruht, daß sie falsch sind?… |
|
|
ob |
nicht die Verzweiflung bloß die Folge eines Glaubens an die Gottheit der Wahrheit ist |
|
|
ob |
nicht gerade das Lügen und Falschmachen (Umfälschen) das Sinn-Einlegen ein Werth, ein Sinn, ein Zweck ist |
|
|
ob |
man nicht an Gott glauben sollte, nicht weil er wahr ist (sondern weil er falsch — ? |
11[328]
I.
Begriff des Nihilismus.
Zur Psychologie des Nihilisten.
Zur Geschichte des europäischen Nihilism
Kritik der „Modernität“
Die großen Worte.
Aus der Schule der Starken.
Der gute Mensch.
Die Christlichkeit
Genealogie des Ideals
Die Circe der Philosophen
Die aesthetischen Werthe: Herkunft und Kritik
Kunst und Künstler: neue Fragezeichen.
11[331]
Bési.
Niemanden anklagen —
Meine Wünsche haben nicht genug Kraft, um mich zu leiten —
selbst gegen diese négateurs eifersüchtig: eifersüchtig auf ihre Hoffnungen — daß sie einen Haß so ernst nehmen können!
„Wozu diese Kraft verwenden?“ —
Mit ihnen mich zu verbinden, daran verhinderte mich nicht die Furcht vor dem Lächerlichen — darüber bin ich hinaus — sondern der Haß und die Verachtung, die sie mir einflößen. Ich habe, trotz allem, die Gewohnheiten eines homme, comme il faut, und ihr Verkehr widersteht mir.
„Hätte ich noch mehr Haß und Eifersucht in Hinsicht auf sie empfunden, vielleicht hätte ich mich mit ihnen ins Einvernehmen gesetzt.“
„ich habe Furcht vor dem Selbstmord, denn ich fürchte Größe der Seele zu zeigen… Ich sehe, daß das noch eine tromperie sein würde, — eine letzte Lüge zu allen zahllosen von Ehedem! — Welchen Vortheil gäbe es darin, sich selbst zu betrügen, einzig um den Großartigen zu spielen? — Da ich immer der Entrüstung und der Scham fremd war, werde ich niemals mehr die Verzweiflung kennen lernen…“
Bemerken Sie auch, daß ich kein Mitleid mit Ihnen habe, um Sie zu rufen; und Sie nicht schätze, um Sie zu erwarten… Indessen rufe ich Sie und erwarte Sie —
Ich kann, wie ich das immer gekonnt habe, das Bedürfniß haben, eine gute That zu thun und ich habe Vergnügen daran; nebenbei aber wünsche ich auch, Übel zu thun und habe ebenfalls Genugthuung dabei. Alle diese Eindrücke, wenn sie überhaupt entstehen, was selten genug ist, sind, wie immer, sehr leicht…
„On peut traverser une rivière sur une poutre et non sur un copeau.“ Ich habe die débauche experiment<irt> im großen Stile und meine Kräfte dabei erschöpft; aber ich liebe sie nicht, sie war nicht mein Ziel.
Wenn man sich nicht mehr an sein Vaterland attachirt, hat man keine Götter mehr, das heißt keine Ziele mehr in der Existenz…
Man kann unendlich über Alles diskutiren, aber aus mir ist nur eine Negation ohne Größe und ohne Kraft hervorgegangen. Zuletzt schmeichle ich mir noch, indem ich so rede. Alles ist immer faible et mou.
Der großherzige Kiriloff ist durch einen Gedanken besiegt worden: er hat sich erschossen. Ich sehe die Größe seiner Seele darin, daß er den Kopf verloren hat. Niemals würde ich so handeln können. Niemals würde ich an eine Idee so leidenschaftlich glauben können… Mehr noch, es ist mir unmöglich, mich mit Ideen auf einen solchen Punkt zu beschäftigen… Niemals, niemals würde ich mich erschießen können…
Ich weiß, daß ich mich tödten sollte, daß ich die Erde von mir reinigen sollte, wie von einem miserablen Insekt.
11[332]
Zur Psychologie des Nihilisten.
„das Verehrungswürdigste am Menschen, nach Goethe: — — — Folgerichtigkeit, das gehört dem Nihilisten zu.
Um diese Zeit überredet er sich zur Ausschweifung. Man unterschätze die Logik darin nicht; man muß Philosoph <sein>, um das zu verstehen. Die Ideen sind Täuscherei; die Sensationen sind die letzte Realität… Es ist der letzte Hunger nach „Wahrheit“, der die Ausschweifung anräth — Es könnte nicht „die Liebe“ sein: es müssen alle die Schleier und Verschönerungen d.h. Fälschungen abgewischt <werden>: deshalb muß es die Ausschweifung, der Schmerz und die Combination von Ausschweifung und Schmerz sein.
Eine Steigerung: der Schmerz ist realer als die Lust… Das bejahende Element in der letzteren hat den Charakter der Werthschätzung, der Betrügerei und Übertreibung…
|
der Schmerz berauscht nicht leicht, seine Nüchternheit… |
|
|
— |
Vorsicht vor den berauschenden und umnebelnden Schmerzen… |
|
— |
der Schmerz, den man zufügt, ist realer als der, den man leidet — |
11[333]
Die absolute Veränderung, welche mit der Negation Gottes eintritt —
Wir haben absolut keinen Herrn mehr über uns; die alte Werthungs-Welt ist theologisch — sie ist umgeworfen —
Kürzer: es giebt keine höhere Instanz über uns: so weit Gott sein könne, sind wir selbst jetzt Gott…
Wir müssen uns die Attribute zuschreiben, die wir Gott zuschrieben…
11[334]
Die Logik des Atheismus.
Wenn Gott existirt, hängt Alles von seinem Willen ab und ich bin nichts außer seinem Willen. Wenn er nicht existirt, so hängt Alles von mir ab, und ich muß meine Unabhängigkeit beweisen —
Der Selbstmord die completeste Art, seine Unabhängigkeit zu beweisen —
Gott ist nothwendig, folglich muß er existiren
Aber er existirt nicht
Also kann man nicht mehr leben.
dieser Gedanke hat auch Stavrogin verzehrt: „wenn er glaubt, glaubt er nicht, daß er glaubt. Wenn er nicht glaubt, glaubt er nicht, daß er nicht glaubt.“
die klassische Formel Kiriloffs bei Dostoj<ewsky:>
Ich bin gehalten, meinen Unglauben zu affirmiren; in meinen Augen giebt es keine größere Idee als die Leugnung Gottes. Was ist die Geschichte der Menschheit? Der Mensch hat nichts gemacht als Gott erfinden, um sich nicht zu tödten. Ich, als der Erste, stoße die Fiktion Gottes zurück…
Einen anderen tödten — das wäre die Unabhängigkeit in der niedrigsten Form: ich will den höchsten Punkt der Unabhängigkeit erreichen
Die früheren Selbstmörder hatten Gründe dazu; ich aber habe keinen Grund, einzig, um meine Unabhängigkeit zu beweisen —
11[336]
Wenn die Natur selbst ihr Meisterstück nicht geschont hat, wenn sie Jesus hat leben lassen in mitten der Lüge und für eine Lüge (— und ihm schuldet die Erde Alles, was sie hat leben lassen —) ohne ihn wäre der Planet, mit Allem, was darauf ist, bloße Thorheit, nun, so ruht der Planet auf einer Lüge, auf einer dummen Verspottung. Folglich sind die Gesetze der Natur selbst eine Imposture und eine diabolische farce. Warum also leben, wenn du ein Mensch bist?…
„Wenn Sie aber enttäuscht sind? wenn Sie begriffen haben, daß der ganze Irrthum im Glauben an den alten Gott lag?“
Das Heil der Menschheit hängt davon ab, ihr diesen Gedanken zu beweisen —
Ich begreife nicht, wie bisher ein Atheist hat wissen können, daß es keinen Gott giebt und sich nicht sofort getödtet hat…
„Fühlen daß Gott nicht ist und nicht zugleich fühlen, daß man eben damit Gott geworden ist, ist eine Absurdität: andernfalls würde man nicht verfehlen, sich zu tödten. Wenn du das fühlst, bist du tzar, und, fern davon dich zu tödten, wirst du auf dem Gipfel der Glorie leben…
„Ich bin Gott nur durch Zwang und ich bin unglücklich, denn ich bin verpflichtet, meine Freiheit zu beweisen. Alle sind unglücklich, weil sie Furcht haben, ihre Freiheit zu beweisen. Wenn der Mensch bis jetzt so unglücklich und so arm war, so geschah dies, weil er nicht wagte, sich in der höchsten Bedeutung des Wortes frei zu zeigen, weil er sich mit einer schülermäßigen Insubordination begnügte… Denn ich bin schrecklich unglücklich, denn ich habe schrecklich Furcht. Die Furcht ist der Fluch des Menschen —
Dies wird alle Menschen retten und physisch die folgende Generation umbilden: denn, nach mir zu urtheilen, kann unter seiner gegenwärtigen physischen Form der Mensch des alten Gottes nicht entrathen… Ich suche seit 3 Jahren das Attribut meiner Göttlichkeit: und ich habe es gefunden — die Unabhängigkeit. Ich will mich tödten, um meine Insubordination zu beweisen, meine neue und schreckliche Freiheit“ —
11[337]
Fünf, sechs Sekunden und nicht mehr: da fühlt ihr plötzlich die Gegenwart der ewigen Harmonie. Der Mensch kann, in seiner sterblichen Hülle, das nicht aushalten; er muß sich physisch umformen oder sterben. Es ist ein klares und indiskutables Gefühl. Ihr scheint euch in Contakt mit der ganzen Natur und ihr sagt: „Ja, dies ist wahr!“ Als Gott die Welt geschaffen hatte, sagte er am Ende jedes Tags: „Ja, dies ist wahr, dies ist gut!“ Das ist nicht Rührung, das ist Freude. Ihr verzeiht nichts, weil es nichts zu verzeihen giebt. Ihr liebt nicht mehr — oh, dies Gefühl ist höher als die Liebe. Das schrecklichste ist die schauerliche Bestimmtheit, mit der es sich ausdrückt und die Freude, mit der es erfüllt. Wenn das länger dauerte, könnte die Seele es nicht aushalten, sie müßte verschwinden — In diesen 5 Sekunden lebe ich eine ganze Menschen-Existenz, für sie würde ich mein ganzes Leben geben, es wäre nicht zu theuer bezahlt. Um dies länger zu ertragen, müßte man sich physisch transformiren. Ich glaube, der Mensch hört auf zu zeugen. Wozu Kinder, wenn das Ziel erreicht ist? —
Verständniß des Auferstehungs-Symbols:
„Nach der Auferstehung wird man nicht mehr zeugen, man wird sein, wie die Engel Gottes“ d.h. das Ziel ist erreicht: wozu Kinder?… Im Kinde drückt sich die Unbefried<igun>g des Weibes aus…
11[340]
Die Vorzeichen einer großen Revolte: ein Cynismus auf Befehl, ein Durst nach Skandal, agaçant, irritation, lassitude. Das Publikum entnervt, auf falschen Wegen erkannte sich nicht mehr
In Momenten der Crisis fühlt man eine Menge Individuen aus den tiefsten Schichten der Bevölkerung auftauchen, die kein Ziel, keine Idee irgend einer Art haben und die sich nur durch die Liebe zum désordre unterscheiden. Fast immer stehen sie unter dem Antrieb der kleinen Gruppe der „avancés“, welche aus ihnen machen, was sie wollen…
Die gens de rien bekamen eine plötzliche Wichtigkeit, sie kritisirten laut alle respektablen Dinge, sie, die bisher nicht den Mund zu öffnen gewagt hatten, und die Begabtesten hörten ihnen schweigend zu, oft selbst mit einem kleinen Lächeln der Zustimmung.
11[341]
— eine verbrecherische Solidarität suchend und seine Herrschaft über ihn gewinnend?
Die Spionage. In seinem System hat jedes Mitglied das Auge auf das andere, die Delation ist Pflicht. Jeder gehört Allen und Alle Jedem. Alle sind Sklaven und gleich in der Sklaverei. Die Verleumdung und das Assassinat in den äußersten Fällen, aber überall die „Gleichheit“. Vorerst das Niveau der wissenschaftlichen Cultur und der Talente niedriger machen, herunterbringen! Ein wissenschaftliches Niveau ist nur höheren Intelligenzen zugänglich; aber es darf keine höhere Intelligenz geben. Menschen von hohen Fähigkeiten haben sich immer der Macht bemächtigt und sind immer Despoten gewesen. Sie können gar nicht anders als Despoten sein, sie haben immer mehr Übel als Gutes gethan; man treibe sie aus oder man überliefere sie au supplice. Cicero die Zunge abschneiden, Copernikus blenden, Shakespeare steinigen… Sklaven dürfen gleich sein: ohne Despotism hat es noch niemals weder Freiheit noch Gleichheit gegeben, aber in einer Heerde darf Gleichheit herrschen… Man muß die Berge ebnen; nieder mit Unterricht und Wissenschaft! Man hat dafür genug für ein Jahrtausend; aber man muß den Gehorsam organisiren, die einzige Sache, die in der Welt fehlt. Der Durst nach Studium ist ein aristokratischer Durst. Mit der Familie oder der Liebe verschwindet der Durst nach Eigenthum. Wir werden diesen Durst tödten: wir werden die Trunkenheit, den Lärm, die Delation begünstigen, wir werden eine Ausschweifung ohne Gleichen propagiren, wir werden die Genie’s in der Wiege ersticken. „Reduktion von Allen au même dénominateur, vollkommene Gleichheit!“
„Wir haben ein Handwerk gelernt und sind honnete Leute; wir haben nichts Andres nöthig“ — haben jüngst englische Arbeiter gesagt. Das Nothwendige allein ist nothwendig, das soll die Devise des Erdballs von jetzt ab sein. Aber man hat auch Convulsionen nöthig, dafür werden wir sorgen, wir anderen Leiter und Lenker… Die Sklaven müssen Herren haben. Vollständiger Gehorsam, vollständige Entpersönlichung: aber alle dreißig Jahre wird man das Signal zu Convulsionen geben und alle werden sich plötzlich daran machen, sich gegenseitig aufzufressen, bis zu einem gewissen Punkt natürlich, zu dem einzigen Zweck, sich nicht zu langweilen. Die Langeweile ist ein aristok<ratisches> Gefühl; in dem Socialism wird es keine Begierde geben. Wir reserviren uns den Schmerz und die Begierde, die Sklaven werden den Socialism haben… Ich habe daran gedacht, die Welt dem Papst zu überliefern. Er möge mit bloßen Füßen aus seinem Palaste heraustreten und zum Volke sagen: „darauf hat man mich reduzirt!“ — Alles, auch die Armée, wird sich zu seinen Füßen niederwerfen. Der Papst oben, wir um ihn und unter uns der Socialism… Die Internationale muß sich mit dem Papst verständigen: er wird gleich zustimmen, er hat keinen anderen Ausweg…
Sie sind schön! Sie vergessen bisweilen, was es Exquisites an Ihnen giebt! Selbst Bonhomie und Naivetät! Sie leiden ohne Zweifel, Sie leiden tief, auf Grund dieser Bonhomie. Ich bin Nihilist, aber ich liebe die Schönheit — je suis nihiliste, mais j’aime la beauté. Lieben die Nihilisten sie nicht? Das, was sie nicht lieben, das sind Götzenbilder: ich, ich liebe Götzenbilder und Sie sind das meinige!
Sie beleidigen Niemanden und sind allgemein verabscheut; Sie betrachten alle Menschen wie Ihres Gleichen, und Alle haben Furcht vor Ihnen: so ist es Recht. Niemand wird wagen Ihnen auf die Schulter zu schlagen. Sie sind ein schrecklicher Aristokrat, und wenn er zu Demokraten kommt, so ist der Aristokrat un charmeur. Es ist Euch gleichmäßig gleichgültig Euer Leben oder das Andrer zu opfern. Sie sind präcis der Mann, den man nöthig hat…
Wir dringen in das Volk selbst ein, wir sind jetzt schon furchtbar stark. Nicht nur die sind die Unsrigen, welche erwürgen, Feuer anzünden und klassische coups machen. Diese hemmen uns mehr… Ich begreife nichts ohne Disciplin. Ich habe sie alle gezählt: der Lehrer, der sich mit den Kindern über ihren Gott und ihre Wiege moquirt; der Advokat, der einen wohlgebildeten Meuchelmörder vertheidigt, der beweist, daß er eine bessere Erziehung hatte als sein Opfer und daß er, um sich Geld zu verschaffen, kein andres Mittel hatte, als zu tödten; die Studenten, die, um eine Sensation zu erproben, einen Bauern tödten; die Geschworenen, die systematisch alle Verbrecher freisprechen; der Procurator, der vor dem Tribunal zittert, sich nicht liberal genug zu zeigen… Unter der Verwaltung, unter den Gelehrten — wie Viele gehören zu uns! (— und sie wissen es nicht!)… Anderseits, überall eine unermeßliche Eitelkeit, ein bestialischer appétit… Wissen Sie, wie viel wir den berühmten Theorien danken? Als ich Rußland verließ, machte die Theorie Littré’s, der das Verbrechen der Narrheit annäherte, furore; ich komme zurück, und schon ist das Verbrechen nicht mehr eine Narrheit, sondern der bon sens selbst, fast eine Pflicht, zum allermindesten ein nobler Protest. „Hé bien, wie wird ein aufgeklärter Mann nicht meucheln, wenn er Geld nöthig hat?“ Aber das ist noch nichts. Der russische Gott hat dem Getränk Platz gemacht; alles ist Trinker, die Kirchen sind leer… Wenn wir die Herren sind, werden wir sie kuriren… nöthigenfalls relegiren wir sie für 40 Jahre in eine Thebaide. Aber für 2 Generationen ist die débauche nothwendig, eine d<ébauche> ignoble, inouïe, sale, die thut noth!… Bis jetzt hat das russische Volk, trotz der Derbheit seines Ingrimm-Vokabulärs, nicht den Cynism gekannt. Wissen Sie, daß der Leibeigene sich mehr respektirte als sich Turgenjef respektirt?… Man schlug <ihn>, aber er blieb seinen Göttern treu — und T<urgenjef> hat die seinen verlassen…
Das Volk muß glauben, daß wir alle das Ziel wissen. Wir werden die Zerstörung predigen: diese Idee ist so verführerisch. Wir werden die Feuersbrunst zu Hülfe rufen — Und Pistolenschüsse… Il se cache… Es bedarf einer unerhörten Kraft…
11[344]
Der Dekabrist (russischer Aufstand von 1825) hat sein ganzes Leben die Gefahr gesucht: das Gefühl der Gefahr berauschte ihn und war ein Bedürfniß seiner Natur geworden… Die Tapferen der Legende waren sicher in hohem Grad zugänglich der Furcht: andernfalls würden sie viel ruhiger gewesen sein und nicht das Gefühl der Gefahr in ein Bedürfniß ihrer Natur umgewandelt haben. Aber in sich la poltronnerie besiegen, mit Bewußtsein dieses Siegs und denken daß nichts sie zurückscheuchen könnte — das hat sie verführt!… Einbegriffen den Kampf unter allen Formen; nicht nur in der Bärenjagd und im Duell schätzte er bei sich den Stoicismus und die Charakterstärke.
Aber die nervöse Disposition des neueren Geschlechts läßt nicht mehr das Bedürfniß dieser freien und unmittelbaren Sensationen zu, welche mit solcher Gluth einige unruhige Personnagen der guten alten Zeit suchten. N<icolas> wäre ebenso tapfer in allen Fällen gewesen, wie jener Decabrist: nur, er hätte kein Vergnügen in diesem Kampfe gefunden; er würde ihn mit Indolenz und Langeweile acceptirt haben, wie man sich einer unangenehmen Nothwendigkeit unterzieht. Für den Zorn, konnte ihm Niemand verglichen werden: er war kalt, ruhig, raisonnable — folglich war er schrecklicher als irgend ein anderer.
11[346]
Gott als Attribut der Nationalität
Das Volk, das ist der Leib Gottes. Eine Nation verdient diesen Namen nur, so lange sie einen eignen Gott hat und hartnäckig alle anderen von sich stößt; so lange nur als sie rechnet, mit ihrem Gott zu siegen und die fremden Götter aus der ganzen Welt fortzujagen.
Die Völker bewegen sich durch die Kraft eines unersättlichen Bedürfnisses zum Ziel zu kommen: es ist die unermüdliche beständige Affirmation seiner Existenz und Negation des Todes. „Der Geist des Lebens“, der „Strom lebendigen Wassers“, das aesthetische oder moralische Prinzip der Philosophen, la „recherche de Dieu“. Bei jedem Volke, auf jeder Phase seiner Existenz, ist das Ziel seiner Bewegung la recherche de Dieu, eines Gottes für sich, an den es als den allein wahren glaubt. Gott ist die synthetische Person eines ganzen Volkes, betrachtet von seinem Anfang bis zu seinem Ende. Wenn die Culte anfangen sich zu generalisiren, ist die Destruktion der Nationalitäten nahe. Wenn die Götter ihren Einzel-Charakter verlieren, sterben sie und mit ihnen die Völker. Je stärker eine Nation, um so stärker unterscheidet sich ihr Gott. Man hat niemals ein Volk ohne Religion gefunden (d.h. ohne den Begriff von Gut und Böse) Jedes Volk versteht diese Worte auf seine Manier. Wenn diese Ideen auf gleiche Weise bei mehreren Völkern verstanden werden, so sterben sie und die Differenz zwischen Gut und Böse beginnt zu erlöschen und zu verschwinden. Die Vernunft hat diese Begriffe nie definiren können, und selbst nicht einmal sie auch nur annähernd trennen: immer hat sie dieselben auf eine schmähliche Weise vermengt: la science a conclu en faveur de la force brutale. Das ist namentlich durch die Halb-Wissenschaft geschehen, der größte Fluch, der Despot, vor dem sich Alles neigt, selbst die Wissenschaft…
11[348]
„Si un grand peuple ne croit pas qu’en lui seul se trouve la vérité, s’il ne se croit pas seul appelé à ressusciter et à sauver l’univers par sa vérité, il cesse immédiatement d’être un grand peuple pour devenir une matière éthnographique.“
Ein wahrhaft großes Volk hat sich niemals mit einer sekundären Rolle begnügt, eine selbst einflußreiche Rolle genügt ihm nicht; es bedarf unbedingt der ersten. Die Nation, die auf diese Überzeugung verzichtet, verzichtet auf die Existenz…
11[353]
„Seinem Gefühle folgen?“
Daß man, einem genereusen Gefühle nachgebend, sein Leben in Gefahr bringt, und unter dem Impuls eines Augenblicks: das ist wenig werth… und charakterisirt nicht einmal… in der Fähigkeit dazu sind sich Alle gleich — und in der Entschlossenheit dazu übertrifft der Verbrecher, Bandit und Corse uns honneten Menschen gewiß…
Die höhere Stufe ist: auch diesen Andrang bei sich zu überwinden und die heroische That nicht auf Impulse hin zu thun, — sondern kalt, raisonnable, ohne das stürmische Überwallen von Lustgefühlen dabei…
Dasselbe gilt vom Mitleid: es muß erst habituell durch die raison durchgesiebt sein, im anderen Fall ist es so gefährlich, wie irgend ein Affekt…
Die blinde Nachgiebigkeit gegen einen Affekt, sehr gleichgültig, ob es ein genereuser und mitleidiger oder feindseliger ist, ist die Ursache der größten Übel…
Die Größe des Charakters besteht nicht darin, daß man diese Affekte nicht besitzt — im Gegentheil, man hat sie im furchtbarsten Grade: aber daß man sie am Zügel führt… und auch das noch ohne Lust an dieser Bändigung, sondern bloß weil…
11[354]
Christliche Mißverständnisse
Der Schächer am Kreuz: — wenn der Verbrecher selbst, der einen schmerzhaften Tod leidet, urtheilt: „so, wie dieser Jesus, ohne Revolte, ohne Feindschaft, gütig, ergeben, leidet und stirbt, so allein ist es das Rechte“: hat er das Evangelium bejaht: und damit ist er im Paradiese…
Das Himmelreich ist ein Zustand des Herzens (— von den Kindern wird gesagt „denn ihrer ist das Himmelreich“); nichts, was „über der Erde“ ist.
Das Reich Gottes „kommt“ nicht chronologisch-historisch, nicht nach dem Kalender, etwas, das eines Tages da wäre und Tags vorher nicht: sondern es ist eine „Sinnes-Änderung im Einzelnen“, etwas das jeder Zeit kommt und jeder Zeit noch nicht da ist…
Moral: der Stifter des Christenthums hat es büßen müssen, daß er sich an die niedrigste Schicht der jüdischen Gesellschaft und Intelligenz gewendet hat…
— sie hat ihn nach dem Geiste concipirt, den sie begriff…
— es ist eine wahre Schande, eine Heilsgeschichte, einen persönlichen Gott, einen persönlichen Erlöser, eine persönliche Unsterblichkeit herausfabrizirt zu haben und die ganze Mesquinerie der „Person“ und der „Historie“ übrig behalten zu haben aus einer Lehre, die allem Persönlichen und Historischen die Realität bestreitet…
Die Heils-Legende an Stelle der symbolischen Jetzt- und Allzeit, Hier und Überall, das Mirakel an Stelle des psychologischen Symbols
11[355]
Wenn ich irgend etwas von diesem großen Symboliker verstehe, so ist es dies, daß er nur innere Realitäten sah und anerkannte: daß er den Rest (alles Natürliche, Historische, Politische) nur als Zeichen und Gelegenheit zum Gleichniß verstand — nicht als Realität, nicht als „wahre Welt“…
Insgleichen ist der Menschen-Sohn nicht eine concrete Person der Geschichte sondern ein „ewiges Faktum“, ein nicht in die Zeit eingesperrtes psychologisches Symbol…
Dasselbe gilt endlich im höchsten Grade noch einmal vom Gott dieses typischen Symbolikers… vom Reich Gottes, vom „Himmelreich“…
der „Vater“ und der „Sohn“: letzterer drückt den Eintritt in jenen Gesammtverklärungs-zustand aller Dinge aus, ersterer ist eben dieser…
— und diese Vorstellung hat man so weit mißverstanden, daß man die Amphitryon-Geschichte (einen schlecht maskirten Ehebruch) an die Spitze des neuen Glaubens gestellt hat (nebst der abscheulichen Vorstellung einer unbefleckten Empfängniß: wie als ob an sich die Empfängniß etwas Beflecktes wäre —)
|
Die tiefe Entartung |
1) |
durch das Historisch-Verstehen-wollen |
|
2) |
durch das Mirakel-Sehen-wollen (— wie als ob es sich um durchbrochene und überwundene Naturgesetze handelte!) |
|
|
3) |
— — — |
11[356]
Man kann das Christenthum gar nicht mehr mißverstehen, als wenn man annimmt, daß zu Anfang die grobe Wunderthäter- und Erlöser-Geschichte steht und daß das Spiritual- und Symbolisch-Nehmen erst eine spätere Form der Metamorphose ist…
Umgekehrt: die Geschichte des Christenthums ist die Geschichte des schrittweisen immer gröberen Mißverstehen-müssens eines sublimen Symbolismus…: mit jeder Ausbreitung des Christenthums über immer breitere und rohere Massen, die den Ursprungs-Instinkten des Christenthums fern standen (— denen alle Voraussetzungen abgiengen, es zu verstehen —) ist eine Legendengeschichte, eine Theologie, eine Kirchen-Gründung zum Vorschein gekommen —: das Bedürfniß der niedrigsten, später der barbarischen Schichten brachte die Nothwendigkeit mit sich, das Christenthum erst zu vulgarisiren, dann zu barbarisiren…
Die Kirche ist der Wille, die Vulgär- und Barbaren-Sprache des Christenthums als „die Wahrheit“ aufrecht zu erhalten —… und heute noch!
Der Paulinische, der Augustinische Platonismus —: bis endlich diese schamlose Carikatur von Philosophie und Rabbinismus fertig geworden ist, die christliche Theologie…
die unwürdigen Bestandtheile des Christenthums:
das Wunder
die Hierarchie der Seelen, die Rangordnung
die Heilsgeschichte und der Glaube an sie…
der Begriff der „Sünde“
die Geschichte des Christenthums ist die Nothwendigkeit, daß ein Glaube selbst so niedrig und vulgär wird, als die Bedürfnisse sind, die mit ihm befriedigt werden sollen —
…man denke an Luther! Was könnte eine mit so groben Begierden überladene Natur mit dem ursprünglichen Christenthum anfangen!
die jüdische Stufe der Entnatürlichung: „Abfall, Unglück, Buße, Versöhnung“ als übrig gebliebenes Schema, — im Übrigen Haß gegen die „Welt“
Jesus geht direkt auf den Zustand los, das „Himmelreich“ im Herzen und findet die Mittel nicht in der Observanz der jüdischen Kirche — er rechnet selbst die Realität des Judenthums (seine Nöthigung, sich zu erhalten) für nichts; er ist rein innerlich —
ebenso macht er sich nichts aus den sämmtlichen groben Formeln im Verkehr mit Gott: er wehrt sich gegen die ganze Buß- und Versöhnungs-Lehre; er zeigt, wie man leben muß, um sich als „vergöttlicht“ zu fühlen — und wie man nicht mit Buße und Zerknirschung über seine Sünden dazu kommt: „es liegt nichts an Sünde“ ist sein Haupturtheil. Um „göttlich“ zu werden, ist die Hauptsache, daß man sich satt hat: insofern ist sogar der Sünder besser denn als der Gerechte…
Sünde, Buße, Vergebung, — das gehört Alles nicht her… das ist eingemischtes Judenthum, oder es ist heidnisch
11[358]
Unser neunzehntes Jahrhundert hat endlich die Voraussetzung, um etwas zu verstehen, das neunzehn Jahrhunderte im Grunde mißverstanden worden ist — das Christenthum…
Man war unsäglich fern von jener liebevollen und gewissenhaften Neutralität — Zustand voller Sympathie und Zucht des Geistes — man war in einer schmählichen Weise, zu allen Zeiten der Kirche, egoistisch-blind, zudringlich, unverschämt, immer mit der Miene unterwürfigster Verehrung
11[360]
Man soll dem, der böse gegen uns ist, weder durch die That, noch im Herzen Widerstand leisten.
Man soll keinen Grund anerkennen, sich von seinem Weibe zu scheiden. Vielleicht auch: „man soll sich verschneiden“.
Man soll keinen Unterschied <zwischen> Fremden und Einheimischen, Ausländern und Volksgenossen machen.
Man soll sich gegen Niemanden erzürnen, man soll Niemanden geringschätzen… Gebt Almosen im Verborgenen — man soll nicht reich werden wollen —
Man soll nicht schwören — Man soll nicht richten — Man soll sich versöhnen, man soll vergeben — betet nicht öffentlich —
Lasset eure guten Werke sehen, lasset euer Licht leuchten! Wer wird in den Himmel kommen? Der den Willen meines Vaters im Himmel thut…
Die „Seligkeit“ ist nichts Verheißenes: sie ist da, wenn man so und so lebt und thut:
Ist nicht die Kirche genau das: „falsche Propheten in Schafskleidern, inwendig reißende Wölfe“?…
„Weissagen, Wunderthun, Teufel-Austreiben — das ist Alles nichts“…
Auf eine ganz absurde Weise ist die Lohn- und Straf-Lehre hineingemengt: es ist Alles damit verdorben.
Insgleichen ist die Praxis der ersten ecclesia militans, des Apostels und sein Verhalten auf eine ganz verfälschende Weise als geboten, als voraus festgesetzt dargestellt…
die nachträgliche Verherrlichung des thatsächlichen Lebens und Lehrens der ersten Christen: wie als ob alles so vorgeschrieben… und bloß befolgt wäre…
die ganze Propheten- und Wunderthäter-Attitüde, der Zorn, die Heraufbeschwörung des Gerichts ist eine abscheuliche Verderbniß (z.B. Marc. 6, 11 „und die welche euch nicht aufnehmen… ich sage euch, wahrlich, es wird Sodom und Gomorrha usw.“)
der Feigenbaum
„Ein Prophet gilt nirgends weniger, als daheim, als bei den Seinen“: ist Unsinn, das Gegentheil ist die Wahrheit…
Nun gar die Erfüllung der Weissagungen: was ist da Alles gefälscht und zurecht gemacht worden!
11[361]
NB. Schopenhauer hatte, aus seinem Nihilismus heraus, ein vollkommenes Recht darauf, das Mitleiden allein als Tugend übrig zu behalten: mit ihm wird in der That die Verneinung des Willens zum Leben am kräftigsten gefördert. Das Mitleiden, die caritas kreuzt, indem es den Deprimirten und Schwachen gestattet fortzuleben und Nachkommenschaft zu haben, die natürlichen Gesetze der Entwicklung: es beschleunigt den Verfall, es zerstört die Gattung, — es verneint das Leben. Warum erhalten sich die anderen Thier-Gattungen gesund? Weil ihnen das Mitleiden abgeht.
11[363]
Wir haben das christliche Ideal wieder hergestellt: es bleibt übrig, seinen Werth zu bestimmen.
1. Welche Werthe werden durch dasselbe negirt: was enthält das Gegensatz-Ideal?
Stolz, Pathos der Distanz, die große Verantwortung, den Übermuth, die prachtvolle Animalität, die kriegerischen und eroberungslustigen Instinkte, die Vergöttlichung der Leidenschaft, der Rache, der List, des Zorns, der Wollust, des Abenteuers, der Erkenntniß…
: das vornehme Ideal wird negirt: Schönheit, Weisheit, Macht, Pracht und Gefährlichkeit des Typus Mensch: der Ziele setzende, der „zukünftige“ Mensch (— hier ergiebt sich die Christlichkeit als Schlußfolgerung des Judenthums —)
2. Ist es realisirbar?
Ja, doch klimatisch bedingt… Ähnlich wie das indische… Es fehlt die Arbeit… — es löst heraus aus Volk, Staat, Cultur-Gemeinschaft, Gerichtsbarkeit, es lehnt den Unterricht, das Wissen, die Erziehung zu guten Manieren, den Erwerb, den Handel ab… es löst alles ab, was den Nutzen und Werth des Menschen ausmacht — es schließt ihn durch eine Gefühls-Idiosynkrasie ab — unpolitisch, antinational, weder aggressiv, noch defensiv, — nur möglich innerhalb des festgeordnetsten Staats- und Gesellschaftslebens, welches diese heiligen Parasiten auf allgemeine Unkosten wuchern läßt…
3. es bleibt eine Consequenz des Willens zur Lust — und zu nichts weiter! „die Seligkeit“ gilt als Etwas, das sich selbst beweist, das keine Rechtfertigung mehr braucht, — alles Übrige (die Art leben und leben lassen) ist nur Mittel zum Zweck…
— Aber das ist niedrig gedacht: die Furcht vor dem Schmerz, vor der Verunreinigung, vor der Verderbniß selbst als ausreichendes Motiv, alles fahren zu lassen… Dies ist eine arme Denkweise… Zeichen einer erschöpften Rasse… Man soll sich nicht täuschen lassen („werdet wie die Kinder“) — die verwandten Naturen: Franz von Assisi (neurotisch, epileptisch, Visionär, wie Jesus)
11[364]
Zur Geschichte des Christenthums.
Fortwährende Veränderung des milieu: die christliche Lehre verändert damit fortwährend ihr Schwergewicht…
die Begünstigung der niederen und kleinen Leute…
die Entwicklung der caritas…
der Typus „Christ“ nimmt schrittweise Alles wieder an, was er ursprünglich negirte (in dessen Negation er bestand —)
der Christ wird Bürger, Soldat, Gerichtsperson, Arbeiter, Handelsmann, Gelehrter, Theolog, Priester, Philosoph, Landwirth, Künstler, Patriot, Politiker, „Fürst“… er nimmt alle Thätigkeiten wieder auf, die er abgeschworen hat (— die Selbstvertheidigung, das Gerichthalten, das Strafen, das Schwören, das Unterscheiden zwischen Volk und Volk, das Geringschätzen, das Zürnen…)
Das ganze Leben des Christen ist endlich genau das Leben, von dem Christus die Loslösung predigte…
Die Kirche gehört so gut zum Triumph des Antichristlichen, wie der moderne Staat, der moderne Nationalismus…
Die Kirche ist die Barbarisirung des Christenthums.
Über das Christenthum Herr geworden: der Judaism (Paulus) der Platonism (Augustin) die Mysterienkulte (Erlösungslehre, Sinnbild des „Kreuzes“) der Asketismus (— Feindschaft gegen die „Natur“, „Vernunft“, „Sinne“, — Orient…)
11[365]
es fehlt der excentrische Begriff der „Heiligkeit“ —
„Gott“ und „Mensch“ sind nicht auseinander gerissen
das „Wunder“ fehlt — es giebt gar nicht jene Sphäre…
— die einzige, die in Betracht kommt, ist die „geistliche (d.h. symbolisch-psychologische) als décadence: Seitenstück zum „Epicureismus“… das Paradies, nach griechischem Begriff, auch ein „Garten Epicurs“
es fehlt die Aufgabe in einem solchen Leben
: es will nichts…
: eine Form der „epikurischen Götter“ —
: es fehlt aller Grund, noch Ziele zu setzen: Kinder zu haben… alles ist erreicht…
Das Christenthum ist jeden Augenblick noch möglich… Es ist an keines der unverschämten Dogmen gebunden, welche sich mit seinem Namen geschmückt haben: es braucht weder die Lehre vom persönlichen Gott, noch von der Sünde, noch von der Unsterblichkeit, noch von der Erlösung, noch vom Glauben, es hat schlechterdings keine Metaphysik nöthig, noch weniger den Asketismus, noch weniger eine christliche „Naturwissenschaft“…
Wer jetzt sagte „ich will nicht Soldat sein“, „ich kümmere mich nicht um die Gerichte“, „die Dienste der Polizei werden von mir nicht in Anspruch genommen“ — der wäre Christ… „ich will nichts thun, was den Frieden in mir selbst stört: und wenn ich daran leiden muß, nichts wird mehr mir den Frieden erhalten als Leiden“…
Die ganze christliche Lehre von dem, was geglaubt werden soll, die ganze christliche „Wahrheit“ ist eitel Lug und Trug: und genau das Gegentheil von dem, was den Anfang der christlichen Bewegung gegeben hat…
das gerade, was im kirchlichen Sinn das Christliche ist, ist das Antichristliche von Vornherein: lauter Sachen und Personen statt der Symbole, lauter Historie statt der ewigen Thatsachen, lauter Formeln, Riten, Dogmen statt einer Praxis des Lebens… Christlich ist die vollkommene Gleichgültigkeit gegen Dogmen, Cultus, Priester, Kirche, Theologie.
Die Praxis des Christenthums ist keine Phantasterei, so wenig die Praxis des B<uddhismus> sie ist: sie ist ein Mittel, glücklich zu sein…
11[367]
Christianismi et buddhismi Essentia.
(Vergleichung des ersten Buddhismus und der ersten Christlichkeit)
Buddhismus Christlichkeit sind Schluß-Religionen: jenseits der Cultur, der Philosophie, der Kunst, des Staates
A. Gemeinsam: der Kampf gegen die feindseligen Gefühle, — diese als Quell des Übels erkannt. Das „Glück“: nur als innerlich, — Indifferenz gegen den Anschein und Prunk des Glückes.
Buddhism: loskommen-wollen vom Leben, philosophische Klarheit; einem hohen Grad von Geistigkeit entsprungen, mitten aus den höheren Ständen…
Christlichkeit: will im Grunde dasselbe (— schon „die jüdische Kirche“ ist ein décadence-Phänomen des Lebens), aber, gemäß einer tiefen Unkultur, ohne Wissen um das, was man will… hängen bleibend bei der „Seligkeit“ als Ziel…
B. die kräftigsten Instinkte des Lebens nicht mehr als lustvoll empfunden vielmehr als Leidens-Ursachen
für den Buddhisten: insofern diese Instinkte zum Handeln antreiben (das Handeln aber als Unlust gilt…)
für den Christen: insofern sie Anlaß zur Feindschaft und Widerspruch geben (das Feindsein, das Wehe-thun aber als Unlust, als Störung des „Seelen-Friedens“ gilt)
(Ein tüchtiger Soldat hat umgekehrt keine Freude außer in einem rechtschaffenen Kriegführen und Feindseinwollen.)
11[368]
Der Typus Jesus.
Man vergreift sich, wenn man sich ein fanatisches Element in Jesus hineindenkt… „impérieux“ Renan
— es fehlt alle Tortur im Glauben, es ist eine gute Botschaft und der Zustand eines „guten Botschafters“…
— dieser Glaube ist nicht erkämpft, hat keine Entwicklung, keine Katastrophe… vielmehr kindlich… die Kindheit ist bei solchen Naturen wie eine Krankheit zurückgetreten —
— dieser Glaube zürnt nicht, tadelt nicht, straft nicht, wehrt sich nicht —
— dieser Glaube bringt nicht „das Schwert“… er ahnt nicht, daß er trennen könnte…
— dieser Glaube beweist sich weder durch Wunder, noch durch Versprechung auf Lohn… er selbst ist jeden Augenblick sein Beweis, sein Lohn, sein Wunder —
— dieser Glaube formulirt sich nicht, weil er lebt —… er hält nichts sonst für real… „wahr“ d.h. lebendig…
— die Zufälle der Vorbildung, der Lektüre (die Propheten) bestimmen seine Begriffs-Sprache: das Jüdische am Christenthum ist vor allem die jüdische Begriffswelt. Vehikel, die jüdische Psychologie: aber man hüte sich hier zu verwechseln —: ein Christ in Indien hätte sich der Formeln der Sankhya-Philosophie bedient, in China der des Laotse — darauf kommt gar nichts an —
Christ<us> als „freier Geist“: er macht sich aus allem Festen nichts (Wort, Formel, Kirche, Gesetz, Dogmen) „alles, was fest ist, tödtet…“ er glaubt nur ans Leben und Lebendige — und das „ist“ nicht, das wird…
: er steht außerhalb aller Metaphysik, Religion, Historie, Naturwissenschaft, Psychologie, Ethik —: er hat nie geahnt, daß es dergleichen giebt…
: er redet bloß vom Innersten, von Erlebnissen: alles Übrige hat den Sinn eines Zeichens und eines Sprachmittels —
11[369]
Zum Typus Jesus.
— Was abzuziehen bleibt? die ganze Art Motivirung der Weisheit Christi, insgleichen seiner Lebensakte… letztere sollen als Gehorsam gegen die Verheißungen gethan sein; er erfüllt, er hat ein Schema von alle dem, was der Messias zu thun und zu leiden hat, ein Programm… Andererseits ist jedes „denn“ im Munde Jesus unevangelisch… Nutzen, Schlauheit, Lohn, Strafe…
— Was abzuziehen bleibt: das reichliche Maaß Galle, was aus dem erregten Zustand der ersten Propaganda auf den Typus ihres Meisters übergeflossen ist… sie machte ihn nach ihrem Bilde, sie rechtfertigte sich, indem sie sich einen richtenden, hadernden, zürnenden, hassenden Propheten aus ihm zurecht machte… sie brauchte ein solches „Vorbild“ —: insgleichen den Glauben an die „Wiederkunft“, an das „Gericht“ (— das ist jüdisch, s. Apocalypse)
Der psychologische Aberwitz und Widerspruch in der Attitüde Jesus wider die Cleriker und Theologen der jüdischen Kirche…
Insgleichen in dem richterlichen Gebahren in Hinsicht auf die, welche ihn nicht annehmen…
Insgleichen in der typischen Geschichte vom Feigenbaum —
Das psychologische Problem in Hinsicht auf den Lehrer einer solchen Lehre ist exakt: „wie verhält er sich zu anderen Lehren und Lehrern?“
Seine Lehre selbst ist nicht aus dem Gegensatz und Widerspruch gewachsen: ich zweifle, daß eine solche Natur um den Gegensatz und Widerspruch zu seiner Lehre wissen kann… Es fehlt ihr absolut die freie Imagination des Anders-Werthen- und -Wollen-könnens… sie kann das gegentheilige Urtheilen sich nicht vorstellen… Wo sie es trifft, wird sie mit dem innerlichsten Mitgefühl nur über eine „Blindheit“ trauern, aber nicht dagegen sprechen…
Es fehlt die Dialektik, es fehlt der Glaube an irgend eine Beweisbarkeit der Lehre, außer der durch „innerliche Wirkungen“ („Früchte“, „Beweis der Kraft“
ein solcher Lehrer kann nicht widersprechen… er versteht gar nicht, wie man den Irrthum bekämpfen dürfe… er vertheidigt sich nicht, er greift nicht an…
Dagegen ist das Erklären, Fortsetzen, Subtilisiren, Transfiguriren des Alten seine Sache… das Abkürzen…
11[370]
eine nihilistische Religion, einem greisenhaft-zähen, alle starken Instinkte überlebt habenden Volke entsprungen und gemäß — Schritt für Schritt in andre milieu’s übertragen, endlich in die jungen, noch gar nicht gelebt habenden Völker eintretend —
sehr seltsam! eine Schluß- Hirten- Abend-Glückseligkeit Barbaren, Germanen gepredigt! Wie mußte das alles erst germanisirt, barbarisirt werden! solchen, die ein Walhall geträumt hatten… —: die alles Glück im Kriege fanden! — eine übernationale Religion in ein Chaos hinein gepredigt, wo noch nicht einmal Nationen da waren —
11[371]
| : diese nihilistische Religion sucht sich die Decadence-Elemente und Verwandtes im Alterthum zusammen, nämlich:
|
a) |
die Partei der Schwachen und Mißrathenen… (den Ausschuß der antiken Welt: das, was sie am kräftigsten von sich stieß… |
|
b) |
die Partei der Vermoralisirten und Antiheidnischen… |
|
c) |
die Partei der Politisch-Ermüdeten und Indifferenten (blasirte Römer…) der Entnationalisirten, denen eine Leere geblieben war |
|
d) |
die Partei derer, die sich satt haben, — die gern an einer unterirdischen Verschwörung mit arbeiten — |
11[374]
Unser Vorrang: wir leben im Zeitalter der Vergleichung, wir können nachrechnen, wie nie nachgerechnet worden ist: wir sind das Selbstbewußtsein der Historie überhaupt…
Wir genießen anders, wir leiden anders: die Vergleichung eines unerhört Vielfachen ist unsere instinktivste Thätigkeit…
Wir verstehen Alles, wir leben Alles, wir haben kein feindseliges Gefühl mehr zurück… Ob wir selbst dabei schlecht wegkommen, unsere entgegenkommende und beinahe liebevolle Neugierde geht ungescheut auf die gefährlichsten Dinge los…
„Alles ist gut“ — es kostet uns Mühe, zu verneinen…
Wir leiden, wenn wir einmal so unintelligent werden, Partei gegen etwas zu nehmen…
Im Grunde erfüllen wir Gelehrten heute am besten die Lehre Christi — —
11[375]
Zur Kritik der griechischen Philosophie
Das Erscheinen der griechischen Philosoph<en> von Socrates an ist ein Symptom der décadence; die antihellenischen Instinkte kommen oben auf…
Noch ganz hellenisch ist der „Sophist“ — eingerechnet Anaxagoras, Demokrit, die großen Jonier —
Aber als Übergangsform: die Polis verliert ihren Glauben an ihre E<inzi>gkeit der Cultur, an ihr Herren-Recht über jede andere Polis…
man tauscht die Cultur d.h. „die Götter“ aus, — man verliert dabei den Glauben an das Allein-Vorrecht des deus autochthonus…
das Gut und Böse verschiedener Abkunft mischt sich: die Grenze zwischen Gut und Böse verwischt sich…
Das ist der „Sophist“ —
Der „Philosoph“ dagegen ist die Reaktion: er will die alte Tugend…
— er sieht die Gründe <des Verfalls> im Verfall der Institutionen, er will alte Institutionen —
— er sieht den Verfall im Verfall der Autorität: er sucht nach neuen Autoritäten (Reisen ins Ausland, in fremde Litteraturen, in exotische Religionen…)
— er will die ideale Polis, nachdem der Begriff „Polis“ sich überlebt hatte (ungefähr wie die Juden sich als „Volk“ festhielten, nachdem sie in Knechtschaft gefallen waren)
: sie interessiren sich für alle Tyrannen: sie wollen die Tugend mit force majeure wiederherstellen —
— allmählich wird alles Ächthellenische verantwortlich gemacht für den Verfall (und Plato ist genau so undankbar gegen Homer, Tragödie, Rhetorik, Pericles, wie die Propheten gegen David und Saul)
— der Niedergang von Griechenland wird als Einwand gegen die Grundlagen der hellenischen Cultur verstanden: Grundirrthum der Philosophen —
Schluß: die griechische Welt geht zu Grunde. Ursache: Homer, der Mythos, die antike Sittlichkeit usw.
Die antihellenische Entwicklung des Philosophen-Werthurtheils:
: das Aegyptische („Leben nach dem Tode“ als Gericht…)
: das Semitische (die „Würde des Weisen“, der „Sheikh“ —
: die Pythagoreer, die unterirdischen Culte, das Schweigen, die Jenseits-Furchtmittel; die Mathematik: religiöse Schätzung, eine Art Verkehr mit dem kosmischen All
: das Priesterliche, Asketische, Transscendente —
: die Dialektik, — ich denke, es ist eine abscheuliche und pedantische Begriffsklauberei schon in Plato?
Niedergang des guten geistigen Geschmacks: man empfindet das Häßliche und Klappernde aller direkten Dialektik bereits nicht mehr.
Neben einander gehen die beiden décadence-Bewegungen und Extreme:
a) die üppige, liebenswürdig-boshafte, prunk- und kunstliebende décadence,
b) und die Verdüsterung des religiös-moralischen Pathos, die stoische Selbst-Verhärtung, die platonische Sinnen-Verleumdung, die Vorbereitung des Bodens für das Christenthum…
11[377]
Aus J. Wellhausen
Gerechtigkeit als sociales Erforderniß:
„die Gerechtigkeit der Bergpredigt kann erst an die Reihe kommen, wenn die bürgerliche Rechtsordnung selbstverständlich ist“…
die Juden haben mit dem Hochmuth einer geistlichen Aristokratie als Fundament, auf dem ihr künstliches Gebilde von Theokratie erst möglich war, den Staat verachtet… Ohne den Staat kann keine „Kirche“ bestehen… Die Fremdherrschaft hält das Pathos der Distanz aufrecht.
die Stufen der Entnatürlichung:
: durch die Aufrichtung des Königthums gab es erst eine Nation, eine Einheit, ein Gesammt-Selbstbewußtsein: aber damit war der „Gott der Wüste“ und ebenso der (Kanaaniten-) übernommene Naturgott des Ackerbaus und der Viehzucht (Baal-Dionysus) — — — Der Festcultus blieb zwar noch lange halb-heidnisch; aber bezog sich immer mehr auf die Schicksale der Nation und streifte seinen Naturcharakter ab. Javeh zu Volk und Reich in nothwendiger Beziehung: dieser Glaube stand auch den schlimmsten Götzendienern fest: von Niemandem anderen kam Sieg und Heil. Der bürgerliche Staat war das Wunder, war „die Hülfe Gottes“: „die obrigkeitliche Vorsehung“ blieb ihnen ein Ideal (— offenbar weil sie ihnen fehlte…)
Als das Reich in Spaltung und Gefahr geräth, als man in einer Anarchie und äußeren Zertrümmerung fortlebt, in Furcht vor dem Assyrer, träumt man um so stärker die Wiederkehr des vollkommenen königlichen Regiments, des nationalen Staates in aller Unabhängigkeit: diese Art Phantasie ist die prophetische. Jesaia ist höchster Typus mit seinen sogenannten messianischen Weissagungen — Propheten waren Kritiker und Satyriker, Anarchisten; im Grunde hatten sie nichts zu sagen, die Leitung war in anderen Händen; sie wollen die Wiederaufrichtung des bürgerlichen Staates; sie wünschen durchaus kein „goldenes Zeitalter“, sondern ein straffes und strenges Regiment, einen Fürsten mit militärischen und religiösen Instinkten, der das Vertrauen in Jahve wieder aufrichtet. Das ist der „Messias“: jeder moderne Souverän hätte der Sehnsucht der Propheten genug gethan, vielleicht zu sehr selbst: wie man fürchten muß…
Aber es erfüllte sich Nichts. Man hatte die Wahl, seinen alten Gott aufzugeben oder aus ihm etwas Anderes zu machen. Letzteres thaten z.B. Elias und Amos: sie zerschnitten das Band, genauer die Einheit von Volk und Gott; sie trennten nicht nur, sondern sie hoben die eine Seite hoch empor und drückten die andere herab: sie concipirten ein neues Verhältniß zwischen beiden Theilen, ein Versöhnungsverhältniß. Jahve war bisher der Gott Israels und folglich Gott der Gerechtigkeit: jetzt wurde er zuerst und -oberst der Gott der Gerechtigkeit und, abseits davon erst, der Gott Israels. Die Thora Jahves, ursprünglich wie all sein Thun ein Helfen, ein Rechtschaffen, Wegweisen, Lösen verwickelter Probleme wurde Inbegriff seiner Forderungen, von denen seine Beziehung zu Israel abhieng.
Ein Gesetz wurde dadurch rechtskräftig, daß die, denen es galt, sich verpflichteten, es zu halten. „Vertrag“ für Gesetz. Ursprünglich hatten die verschiedenen Vertreter des Volkes sich verpflichtet zur Haltung des „Gesetzes“, jetzt sollen Jahve und Israel die Contrahenten sein… Seit dem feierlichen Akt, durch den Josia das Gesetz einführte, trat die Idee der Bundschließung zwischen Jahve und Israel in die Mitte der religiösen Reflexion. Das babylonische wie das assyrische Exil hat beigetragen, daß man sich mit der Idee der Bedingtheit, der eventuellen Lösung vertraut machte.
Der Untergang des Reichs gab den schwärmerischen Phantasien freien Lauf: das Gegensatz-Gefühl gegen den ganzen Rest breitet sich aus: seit dem Exil wird von einer allgemeinen Vereinigung aller Völker gegen das „neue Jerusalem“ phantasirt. Früher war der nationale Staat der höchste Wunsch, jetzt wird von einer universalen Weltherrschaft geträumt, welche über den Trümmern der heidnischen Reiche sich in Jerusalem erheben sollte.
Die Gefahr war, daß die jüdischen Exulanten, wie vorher die samarischen, von den Heiden absorbirt würden. Man organisirt nun den heiligen Rest, damit er übrig bleibt, als Träger der Verheißung und die Stürme der Zwischenzeit überdauert…
Gleichberechtigung der contrahirenden Theile nicht wesentlich: das Wort berith auch von der Capitulation, deren Bedingungen der stärkere auflegt —
Fortsetzung: Wellhausen.
Worauf hin konnte man organisiren? Die Wiedererrichtung eines wirklichen Staates war unmöglich; die Fremdherrschaft ließ eine solche nicht zu. Da zeigte sich die Wichtigkeit der Institutionen.
Das alte Gemeinwesen der Königszeit stand bei den Männern der Restauration in schlimmem Rufe: ersichtlich war es durch Jahve verworfen… Man erinnerte sich an die Propheten, welche sagten, Festungen, Rosse, Kriegsleute, Könige, Fürsten — das hilft Alles nichts…
Der jüdische Reichstempel in Jerusalem — unter dem Schatten des Königthums waren die Priester von Jerusalem groß geworden. Je schwächer der Staat, je höher das Ansehen des Tempels, desto selbstständiger die Macht der Priesterschaft. Aufschwung des Cultus im siebenten Jahrhundert, Einführung kostspieligen Materials z.B. Weihrauchs, Bevorzugung der schweren Leistungen (Kinder- und Sühnopfer) Blutiger Ernst in der Ausübung des Gottesdienstes
Als das Reich zusammenbrach, waren im Stand der Priester die Elemente vorhanden zur Organisirung der „Gemeinde“. Die Bräuche und Ordnungen waren in der Hauptsache da: sie wurden systematisirt, als Mittel zur Herstellung einer Organisation des Restes…
Die „heilige Verfassung des Judenthums“: das Kunstprodukt… Israel darauf reduzirt, ein „Reich von Priestern und ein heiliges Volk zu sein“. Früher hatte die natürliche Ordnung der Gesellschaft ihren Halt im Gottesglauben; jetzt sollte der Gottesstaat sichtbar dargestellt werden in einer künstlichen Sphäre, jedenfalls im gewöhnlichen Volksleben. Die Idee, die früher die Natur durchdrang, sollte jetzt einen eigenen heiligen Körper haben. Ein äußerlicher Gegensatz von Heilig und Profan entstand, man gränzte ab, man drängte das Naturgebiet immer weiter zurück… (Ressentiment thätig —) Die Heiligkeit, leer, antithetisch, wird der regierende Begriff: ursprünglich = göttlich, jetzt gleich priesterlich, geistlich, — als sei das Göttliche dem Weltlichen, Natürlichen durch äußere Merkmale entgegengesetzt —
Hierocratie… unter ungünstigen Bedingungen mit ewig staunenswürdiger Energie durchgesetztes Kunstprodukt, unpolitisch: die mosaische Theokratie, das residuum eines untergegangenen Staates — sie hat die Fremdherrschaft zur Voraussetzung. Nächstverwandt mit der altkatholischen Kirche, in der That deren Mutter…
Worin der Rückschritt lag. Jahves Gesetz bedeutete die jüdische Eigenthümlichkeit im Gegensatz zu den Heiden. Diese lag in Wahrheit nicht im Cultus: man kann zwischen griechischen und hebräischen Riten keine wesentliche Differenz ausfindig machen. Der Cultus ist das Heidnische in der Religion Israels: im Priestercodex wird er die Hauptsache. Ist das nicht ein Rückschritt ins Heidenthum? — es ist das, was die Propheten am Gründlichsten bekämpft haben. — Ebenfalls: der Cultus ist durch die Priestergesetzgebung seinem eignen Wesen entfremdet und in sich überwunden. Die Feste haben alle Erinnerung an Ernte und Viehzucht verloren, sie sind zu historischen Erinnerungstagen geworden; sie verleugnen ihre Herkunft aus der Natur, sie feiern die Stiftung einer übernatürlichen Religion und der Gnadenthaten Jahve’s. Das allgemein Menschliche, das Freiwüchsige geht davon, sie werden statutarisch und spezifisch israelitisch… Sie ziehen nicht mehr die Gottheit ins irdische Leben, daß sie an dessen Freud und Leid theilnehme, sie sind keine Versuche mehr, ihr etwas zu Gute zu thun und sie gnädig zu stimmen. Nichts als göttliche Gnadenmittel, die Jahve, als Sakramente der Hierarchie, eingesetzt hat. Sie gründen sich nicht auf den inneren Werth der Sache, auf frische Anlässe, sondern auf den peinlich-genauen Befehl eines unmotivirten Willens. Das Band zwischen Cult und Sinnlichkeit zerschnitten. Der Cult eine Übung der Gottseligkeit; keine natürliche sondern nur eine transscendente, unvergleichliche und unangebbare Bedeutung. Seine Hauptwirkung die Sühne. Seit dem Exil ist das Sündenbewußtsein permanent; Israel von Gottes Angesicht verworfen…
Das Werthvolle in den Darbringungen nicht in ihnen selbst, sondern im Gehorsam gegen Vorschriften; das Schwergewicht des Cultus in ein ihm fremdes Reich, die Moral verlegt. Opfer und Gaben treten zurück hinter asketischen Leistungen, die mit der Moral in noch einfacherer Verbindung stehen. Vorschriften, die ursprünglich größtentheils die Heiligung der Priester zu gottesdienstlichen Funktionen im Auge hatten, wurden auf die Laien ausgedehnt; die Beobachtung der Gebote der leiblichen Reinigkeit war von größerer durchgreifender Bedeutung als der große öffentliche Cultus und führte auf geradem Wege zum Ideal der Heiligkeit und des allgemeinen Priesterthums. Das ganze Leben ward in eine heilige Bahn eingeengt, indem stets ein göttliches Gebot zu erfüllen war. das hielt ab, den eigenen Gedanken und Herzenswünschen nachzuschweifen. Dieser kleine, fortwährend in Anspruch nehmende Privatcultus hielt das Gefühl der Sünde im Einzelnen wach und rege.
Der große Patholog des Judenthums hat Recht: der Cultus ist zum Zuchtmittel geworden. Dem Herzen ist er fremd: er wurzelt nicht mehr im naiven Sinn: er ist todtes Werk, trotz aller Wichtigkeit, oder gerade wegen der Peinlichkeit und Gewissenhaftigkeit. Die alten Bräuche sind zu einem System zusammengeflickt, zu einem System, das als Form, als harte Schale diente, um Edleres darin zu retten. Das Heidenthum auf seinem eigenen Gebiete, im Cult überwunden: der Cultus ist, nachdem die Natur darin ertödtet war, bloß der Panzer eines übernatürlichen Monotheismus — Schluss
11[378]
Meine Theorie vom Typus Jesu.
Der Typus des „Erlösers“ verdorben, ja zerstört…
Ursachen: das geistige Niveau, in dem sich fortwährend Alles vergröbert, verstellt, verschiebt, die absolute Blindheit gegen sich selbst (— hier ist noch nicht einmal der Anfang der Selbsterkenntniß gemacht —), die ungeheure Unbedenklichkeit aller Sektirer, sich ihres Meisters wie ihrer Apologie zu bedienen… der Verbrecher-Tod Christi als Räthsel…
Es wird im Typus rückständig sein: die Crudität des Geistes: man wandelt nicht ungestraft unter Fischern
: die falsche Generalisirung zum Allerwelts-Typus des Wundermanns, Propheten, Messias —
: die nachträgliche Geschichte und Psychologie der jungen Gemeinde, welche ihre stärksten Affekte in das Bild ihres Meisters eintrug —
: die kranke ausschweifende Gefühlsamkeit und Verwöhnung statt aller Vernunft: so daß die Instinkte sofort wieder Herr werden — es ist nicht die kleinste Spur von Geistigkeit, von Zucht und Strenge im Geistigen, von Gewissenhaftigkeit.
Wie Schade, daß nicht ein Dostoiewsky unter dieser Gesellschaft war: in der That gehört die ganze Geschichte am besten in einen russischen Roman — Krankhaftes, Rührendes, einzelne Züge sublimer Fremdheit, mitten unter Wüstem und Schmutzig-Pöbelhaftem… (wie Maria von Magdala
Erst der Tod, der unerwartete schmähliche Tod, erst das Kreuz, das im Allgemeinen der Canaille aufgespart blieb, — erst diese schauerlichste Paradoxie brachte die Jünger vor das eigentliche Räthsel: „wer war das?“, „was war das?“
Das erschütterte und im Tiefsten beleidigte Gefühl, der Argwohn, es möchte ein solcher Tod die Widerlegung einer Sache sein, das schreckliche Fragezeichen „warum so?“ — denn hier mußte Alles nothwendig sein, Sinn, Vernunft, höchste Vernunft haben —: die Liebe eines Jüngers kennt keinen Zufall:
erst jetzt trat die Kluft auseinander: „wer hat ihn getödtet?“, „wer war der natürliche Feind?“ Antwort: das herrschende Judenthum, sein erster Stand
— Man empfand sich selbst im Aufruhr gegen die „Ordnung“
— man verstand hinterdrein Jesus als im Aufruhr gegen die Ordnung
Bis dahin fehlte dieser kriegerische Zug in Jesus: mehr noch, er war unmöglich bei seiner Denkart. Praktisch war auch sein Verhalten bei der Verurtheilung und dem Tod wohl das ganze Gegen<theil>: er widersteht nicht, er vertheidigt sich nicht, er bittet für sie. Die Worte an den Schächer am Kreuz heißen nichts anders: wenn du fühlst, daß das das Rechte ist, nicht-sich-wehren, nicht zürnen, nicht verantwortlich-machen, vielmehr leiden, mitleiden, vergeben, beten für die, welche uns verfolgen und tödten: nun, so hast du das Eine, was noth thut, den Frieden der Seele — so bist du im Paradiese —
Offenbar verstand man gerade die Hauptsache nicht: das Vorbild von dieser Freiheit von allem Ressentiment:
wieder hat ja der Tod Christi keinen Sinn als das stärkste Vorbild und die stärkste Erprobung seiner Lehre zu sein…
Seine Jünger waren alle fern davon, diesen Tod zu verzeihen: das am meisten unevangelische Gefühl, die Rache kam obenauf…
Unmöglich konnte die Sache zu Ende sein: man brauchte eine „Vergeltung“, ein „Gericht“ (— und nichts ist weniger evangelisch als Lohn und Strafe!)
Jetzt erst kamen die populären Erwartungen eines Messias wieder in den Vordergrund: einen historischen Augenblick erwartend, wo „der Richter“ zu Gericht kommt über seine Feinde…
: jetzt erst mißverstand man das Kommen des „Reichs Gottes“ wie als Prophezeiung über einen Schlußakt der Geschichte
: jetzt erst trug man die ganze Verachtung und Bitterkeit gegen die Pharisäer und Theologen hinein in den Typus des Meisters
: man verstand nicht die Hauptsache: daß eben ein solcher Tod selbst der höchste Sieg über die „Welt“ war (über die Gefühle von Feindschaft, Rache usw.) — über das Böse, über den Bösen, dies immer nur als innerliche psychologische Realität verstanden
: die Verehrung dieser ganz aus dem Gleichgewicht gerathenen Seelen hielt es nicht aus, jene gültige Gleichberechtigung von Jedermann zum „Sohn Gottes“, wie sie Jesus gelehrt hatte, zu glauben: ihre Rache war, auf eine ausschweifende Manier Jesus emporzuheben (— ganz so wie die Juden die Rolle von Israel in die Höhe gehoben hatten, wie als ob der ganze Rest Welt sein Feind sei. Ursprung der absurden Theologie von Einem Gott und seinem Einen Sohn —
Problem „wie konnte Gott das zulassen?“ Darauf fand man die absurde Antwort „er gab seinen Sohn zur Vergebung der Sünden, als Opfer“. Wie war Alles mißverstanden!!! Nichts ist unevangelischer als das Schuldopfer und gar das des Unschuldigen für die Sünden des Schuldigen;
: aber Jesus hatte ja die Sünde abgeschafft! — nicht durch den „Glauben“, sondern durch das Gefühl der Göttlichkeit, Gottgleichheit.
Es tritt in den Typus hinein:
a) die Lehre vom Gericht und von der Wiederkunft
b) die Lehre vom Tode als Opfer
c) die Lehre von der Auferstehung: wodurch die ganze „Seligkeit“, der ganze Sinn des Evangeliums auf einmal eskamotirt wird zu Gunsten eines Zustandes — „nach dem Tode“…
Paulus, mit rabbinischer Frechheit diese Auffassung logisirend: „wenn Christus nicht auferstanden ist von den Todten, so ist unser Glaube eitel“
: zuletzt gar noch die „Unsterblichkeit der Person“
Und so hatte man in der zweiten Generation nach Jesus bereits alles das als christlich, was am tiefsten den evangelischen Instinkten zuwider ging
das Opfer, sogar das Blutopfer, als Erstlingsopfer
Strafe, Lohn, Gericht…
ein Auseinanderhalten von Diesseits und Jenseits, von Zeit und Ewigkeit
eine Theologie statt einer Praxis, ein „Glaube“ statt einer Lebensweise
eine tiefe und tödtliche Feindseligkeit gegen alles Nichtchristliche
die ganze Nothlage des Missionars hat sich in die Lehre Jesus hineingetragen: alle die harten und bösen Dinge, gegen die, welche seine Missionare nicht annehmen, sollen jetzt vom Meister schon proklamirt sein
nachdem einmal in der Hauptsache Gericht, Strafe, Lohn wieder acceptirt waren, wurde die ganze Lehre und Sprüchwortweisheit Jesus damit durchtränkt…
11[379]
Der Nihilist.
Das Evangelium: die Nachricht, daß den Niedrigen und Armen ein Zugang zum Glück offen steht, — daß man nichts zu thun hat als sich von der Institution, der Tradition, der Bevormundung der oberen Stände loszumachen: insofern ist die Heraufkunft des Christenthums nichts weiter als die typische Socialisten-Lehre.
Eigenthum, Erwerb, Vaterland, Stand und Rang, Tribunale, Polizei, Staat, Kirche, Unterricht, Kunst, Militärwesen: Alles ebenso viele Verhinderungen des Glücks, Irrthümer, Verstrickungen, Teufelswerke, denen das Evangelium das Gericht ankündigt… Alles typisch für die Socialistenlehre.
Im Hintergrunde der Aufruhr, die Explosion eines aufgestauten Widerwillens gegen die „Herren“, der Instinkt dafür, wie viel Glück nach so langem Drucke schon im Frei-sich-fühlen liegen könnte…
Meistens ein Symptom davon, daß die unteren Schichten zu menschenfreundlich behandelt worden sind, daß sie ein ihnen verbotenes Glück bereits auf der Zunge schmecken… Nicht der Hunger erzeugt Revolutionen, sondern daß das Volk en mangeant Appetit bekommen hat…
11[380]
Die angebliche Jugend
Man betrügt sich, wenn man hier von einem naiven und jungen Volks-Dasein träumt, das sich gegen eine alte Cultur abhebt; es geht der Aberglaube, als ob in diesen Schichten des niedersten Volkes, wo das Christenthum wuchs und Wurzeln schlug, die tiefere Quelle des Lebens wieder emporgesprudelt sei: man versteht nichts von der Psychologie der Christlichkeit, wenn man sie als Ausdruck einer neu heraufkommenden Volks-Jugend und Rassen-Verstärkung nimmt. Vielmehr: es ist eine typische décadence-Form; die Moral-Verzärtlichung und Hysterie einer müde und ziellos gewordenen, krankhaften Mischmasch-Bevölkerung. Diese wunderliche Gesellschaft, welche hier um diesen Meister der Volks-Verführung sich zusammenfindet, gehört eigentlich sammt und sonders in einen russischen Roman: alle Nervenkrankheiten geben sich bei ihnen ein Rendez-vous… die Abwesenheit von Aufgaben, der Instinkt, daß Alles eigentlich am Ende sei, daß sich Nichts mehr lohne, die Zufriedenheit in einem dolce far niente
: die Macht und Zukunfts-Gewißheit des jüdischen Instinkts, das Ungeheure seines zähen Willens zu Dasein und Macht liegt in seiner herrschenden Classe; die Schichten, welche das junge Christenthum emporhebt, sind durch Nichts schärfer gezeichnet als durch die Instinkt-Ermüdung. Man hat es satt: das ist das Eine — und man ist zufrieden, bei sich, in sich, für sich — das ist das Andre.
11[382]
Renan.
Im Orient ist der Narr ein priviligirtes Wesen; er tritt ein vor die höchsten Räthe, ohne daß Jemand ihn aufzuhalten wagt; man hört ihn, man befragt ihn. Das ist ein Wesen, das man Gott näher glaubt, weil man, da seine individuelle Vernunft erloschen ist, voraussetzt, daß er theil hat an der göttlichen. Der esprit, der durch einen feinen Spott jeden Fehler des raisonnements heraushebt, fehlt in Asien.
Man hat weniger Werth auf diese Schriften gelegt als auf die mündliche Tradition: und das noch in der ersten Hälfte des 2. Jahrhunderts. Daher das Wenige von Autorität dieser Schriften: man machte sie sich zurecht, ergänzte sie, die Einen aus den Anderen —
Im Johannes-Evangelium fehlen die Parabeln, die Exorcismen…
11[383]
Ego:
„Ich bin hungrig gewesen und ihr habt mich nicht gespeiset — geht hin von mir, ihr Verfluchten usw.“ Matth. 25, 41 usw.
diese empörende Sprache „was ihr nicht gethan habt einem unter diesen Geringsten meiner Brüder, das habt ihr mir auch nicht gethan“
„der Geist der Propaganda“, der sich als Geist Christi präsentirt…
„der Geist der unbefriedigten Rachsucht“, der in Worten, Flüchen und Voraussagungen von Gerichtsscenen austobt…
„der Geist des Asketismus“ („das Halten der Gebote“ als Mittel der Zucht, als Weg zur jenseitigen Belohnung, wie im Judenthum) statt jenes christlichen Indifferentism, der alle diese Güter von sich weist, aus „Seligkeit“… die Essener, Johannes usw.
„der Geist des Sündengefühls und der Nothwendigkeit der Erlösung“
Mit dem Tode Christi und der psychologischen Nöthigung, hierin keinen Schluß zu sehen, waren sämmtliche Populär-Tendenzen wieder hergestellt: alle die Cruditäten, welche in Geist umzuwandeln die Arbeit jenes typischen Spiritualisten war —
: der Messianismus, das Kommen vom „Reiche Gottes“, der Geist der Feindschaft und Rachsucht, die Erwartung des „Lohns“ und der „Strafe“, der Hochmuth der „Auserwählten“ (sie richten, fluchen, verurtheilen, die Opfer-Idee des Judenthums… die socialistische Tendenz zu Gunsten der Armen, der „Unehrlichen“, der Verachteten)
Jesus, der als Erfüllung aller populären Erwartungen lebte, der nichts anderes that als sagen: „hier ist das Himmelreich“, der die Crudität dieser Erwartungen in Geist verwandelte:
— aber mit dem Tode war Alles vergessen (auf deutsch: widerlegt) man hatte keine Wahl, entweder den Typus zurückübersetzen in die Populär-Vorstellung des „Messias“, des zukünftigen „Richters“, des Propheten im Kampfe — ——
Als Nachwirkung dieses Schlags, dem diese ungewisse und schwärmerische Bande nicht gewachsen war, trat sofort die vollkommene Entartung ein: es war Alles umsonst gewesen…
eine absurde Vergröberung aller geistlichen Werthe und Formeln
die anarchistischen Instinkte gegen die herrschende Classe treten unverschämt in den Vordergrund.
: der Haß gegen die Reichen, die Mächtigen, die Gelehrten — mit dem „Himmelreich“, mit dem „Frieden auf Erden“ war es zu Ende: aus einer psychologischen Realität wird ein Glaube, eine Erwartung an eine irgendwann kommende Realität, „eine Wiederkunft“: ein Leben in der Imagination ist die ewige Form der „Erlösung“ — oh wie anders hatte das Jesus verstanden!
11[385]
„Mein Reich ist nicht von dieser Welt“
„ich werde den Tempel Gottes zerstören und in drei Tagen wieder auferbauen“
die Prozedur gegen den „Verführer“ (mesith), der die Religion in Frage stellt: die Steinigung war im Gesetz vorgesehen
— <gegen> jeden Propheten, jeden Wunderthäter, der das Volk vom alten Glauben entfernte —
„ce grand maître en ironie“
Renan findet es billig, daß er diesen Triumph mit dem Leben zahlte.
11[387]
Renan I, 346
Ses exquises moqueries, ses malignes provocations frappaient toujours au coeur. Stigmates éternelles, elles sont restées figées dans la plaie. Cette tunique de Nessus du ridicule, que le juif, fils des pharisiens, traîne en lambeaux après lui depuis dixhuit siècles, c’est Jésus, qui l’a tissée avec un artifice divin. Chefs-d’œuvre de haute raillerie, ses traits se sont inscrits en lignes de feu sur la chair de l’hypocrite et du faux dévot. Traits incomparables, traits dignes d’un fils de Dieu! Un dieu seul sait tuer de la sorte. Socrate et Molière ne font qu’effleurer la peau. Celui-ci porte jusqu’au fond des os le feu et la rage.
Und das ist dasselbe, das von sich Isaias 42, 2—3 sagen konnte!!
11[389]
Daß er Gott sei, gottgleich sei, war als Verleumdung der Juden dargestellt (vgl. Johannes V, 18; X, 33). Er ist weniger als der Vater: der Vater hat ihm nicht Alles offenbart. Er wehrt sich, gottgleich genannt zu werden. Er ist Gottes Sohn: alle können es werden (— so ist es jüdisch: die göttliche Sohnschaft wird mehreren Personen im alten Testament zugetheilt, von denen man durchaus nicht prätendirt, daß sie gottgleich sind) „Sohn“ in den semitischen Sprachen ist ein äußerst vager, freier Begriff
11[398]
Renan I, 461
… le sentiment que Jésus a introduit dans le monde est bien le nôtre. Son parfait idéalisme est la plus haute règle de la vie détachée et vertueuse. Il a créé le ciel des âmes pures, où se trouve ce qu’on demande en vain à la terre, la parfaite noblesse des enfants de Dieu, la sainteté accomplie, la totale abstraction des souillures du monde, la liberté enfin, que la société réelle exclut comme une impossibilité et qui n’a toute son amplitude que dans le domaine de la pensée. Le grand maître de ceux qui se réfugient dans ce paradis idéal est encore Jésus. Le premier, il a proclamé la royauté de l’esprit: le premier, il a dit, au moins par ses actes: „mon royaume n’est pas de ce monde“. La fondation de la vraie religion est bien son oeuvre…
11[400]
Unsere Civilisation, regiert durch eine minutieuse Polizei, giebt keinen Begriff davon, was der Mensch in Epochen thut, wo die Originalität eines Jeden freieren Spielraum hat.
Nos petites tracasseries préventives, bien plus meurtrières que les supplices pour les choses de l’esprit, n’existaient pas. Jesus konnte, drei Jahre lang ein Leben führen, welches ihn, in unseren Gesellschaften, zwanzig Mal vor das Tribunal gebracht hätte…
Dégagées de nos conventions polies, exemptes de l’éducation uniforme, qui nous raffine, mais qui diminue si fort notre individualité, ces âmes entières portaient dans l’action une énergie surprenante… Le souffle de Dieu était libre chez eux; chez nous, il est enchaîné par les liens de fer d’une société mesquine et condamnée à une irrémédiable médiocrité.
Plaçons donc au plus haut sommet de la grandeur humaine la personne de Jésus: fordert uns Herr Renan auf.
11[404]
Qu’on se figure Jésus, réduit à porter jusqu’à soixante ou soixante-dix ans le fardeau de sa divinité, perdant sa flamme céleste, s’usant peu à peu sous les nécessités d’un rôle inouï! Renan.
Voué sans réserve à son idée, il y a subordonné toute chose à un tel degré que l’univers n’exista plus pour lui. C’est par cet accès de volonté héroïque, qu’il a conquis le ciel. Il n’y a pas eu d’homme, Çakia-Mouni peut-être excepté, qui ait à ce point foulé aux pieds la famille, les joies de ce monde, tout soin temporel… Pour nous, éternels enfants, condamnés à l’impuissance, inclinons-nous devant ces demi-dieux! Renan.
11[405]
Renan, p. 187
Le mouvement démocratique le plus exalté, dont l’humanité ait gardé le souvenir, agitait depuis longtemps la race juive. La pensée que Dieu est le vengeur du pauvre et du faible contre le riche et le puissant se retrouve à chaque page des écrits de l’Ancien Testament. L’histoire d’Israël est de toutes les histoires celle où l’esprit populaire a le plus constamment dominé. Les prophètes, vrais tribuns et, on peut le dire, les plus hardis des tribuns, avaient tonné sans cesse contre les grands et établi une étroite relation entre les mots de „pauvre, doux, humble, pieux“ et de l’autre entre les mots „riche, impie, violent, méchant“. Sous les Séleucides, les aristocrates ayant presque tous apostasié et passé à l’hellénisme, ces associations d’idées ne firent que se fortifier. Le livre d’Hénoch contiens des malédictions plus violentes encore que celles de l’Évangile contre le monde, les riches, les puissants. Le nom de „pauvre“ (ébion) était devenu synonyme de „saint“, d’„ami de Dieu“.
11[407]
Der Staat oder die organisirte Unmoralität…
inwendig: als Polizei, Strafrecht, Stände, Handel, Familie
auswendig: als Wille zur Macht, zum Kriege, zur Eroberung, zur Rache
wie wird es erreicht, daß eine große Menge Dinge thut, zu denen der Einzelne sich nie verstehen würde?
|
— |
durch Zertheilung der Verantwortlichkeit |
|
— |
des Befehlens und der Ausführung |
|
— |
durch Zwischenlegung der Tugenden des Gehorsams, der Pflicht, der Vaterlands- und Fürstenliebe |
die Aufrechterhaltung des Stolzes, der Strenge, der Stärke, des Hasses, der Rache, kurz aller typischen Züge, welche dem Heerdentypus widersprechen…
Die Kunstgriffe, um Handlungen, Maaßregeln, Affekte zu ermöglichen, welche, individuell gemessen, nicht mehr „statthaft“ sind, — auch nicht mehr „schmackhaft“ sind —
— die Kunst „macht sie uns schmackhaft“, die uns in solche „entfremdete“ Welten eintreten läßt
— der Historiker zeigt ihre Art Recht und Vernunft; die Reisen; der Exotismus; die Psychologie; Strafrecht; Irrenhaus; Verbrecher; Sociologie
— die „Unpersönlichkeit“: so daß wir als Media eines Collektivwesens uns diese Affekte und Handlungen gestatten (Richtercollegien, Jury, Bürger, Soldat, Minister, Fürst, Societät, „Kritiker“)… giebt uns das Gefühl als ob wir ein Opfer brächten…
Die Aufrechterhaltung des Militär-Staates ist das allerletzte Mittel, die große Tradition sei es aufzunehmen, sei es festzuhalten hinsichtlich des obersten Typus Mensch, des starken Typus. Und alle Begriffe, die die Feindschaft und Rangdistanz der Staaten verewigen, dürfen darauf hin sanktionirt erscheinen…
z.B. Nationalismus, Schutzzoll, — — —
der starke Typus wird aufrechterhalten als wertbestimmend…
11[408]
Man soll das Christenthum nicht schmücken und herausputzen (wie es dieser zweideutige Herr Renan thut): es hat einen Todkrieg gegen den starken Typus Mensch gemacht
es hat alle Grundinstinkte dieses Typus in Bann gelegt
es hat aus diesen Instinkten das Böse, den Bösen herausfabrizirt
: der starke Mensch als der typisch verwerfliche und verworfene Mensch
es hat die Partei alles Schwachen, Niedrigen, Mißrathenen genommen
: es hat ein Ideal aus dem Widerspruch gegen die Erhaltungs-Instinkte des starken Lebens gemacht…
: es hat die Vernunft selbst der geistigsten Menschen verdorben, indem es die obersten Instinkte der Geistigkeit als sündhaft, als irreführend, als Versuchungen empfinden lehrte…
das jammervollste Beispiel — die Verderbniß Pascals, der an die Verderbniß seiner Vernunft durch die Erbsünde glaubt: während sie nur durch sein Christenthum ihm verdorben ist…
11[410]
NB. Ich mißtraue allen Systematikern und gehe ihnen aus dem Wege. Der Wille zum System ist, für einen Denker wenigstens, etwas, das compromittirt, eine Form der Unmoralität… Vielleicht erräth man bei einem Blick unter und hinter dies Buch, welchem Systematiker es selbst mit Mühe ausgewichen ist — mir selber…
11[411]
Vorrede.
1.
Große Dinge verlangen, daß man von ihnen schweigt oder groß redet: groß, das heißt cynisch und mit Unschuld.
2.
Was ich erzähle, ist die Geschichte der nächsten zwei Jahrhunderte. Ich beschreibe, was kommt, was nicht mehr anders kommen kann: die Heraufkunft des Nihilismus. Diese Geschichte kann jetzt schon erzählt werden: denn die Nothwendigkeit selbst ist hier am Werke. Diese Zukunft redet schon in hundert Zeichen, dieses Schicksal kündigt überall sich an; für diese Musik der Zukunft sind alle Ohren bereits gespitzt. Unsere ganze europäische Cultur bewegt sich seit langem schon mit einer Tortur der Spannung, die von Jahrzehnt zu Jahrzehnt wächst, wie auf eine Katastrophe los: unruhig, gewaltsam, überstürzt: wie ein Strom, der ans Ende will, der sich nicht mehr besinnt, der Furcht davor hat, sich zu besinnen.
3.
— Der hier das Wort nimmt, hat umgekehrt Nichts bisher gethan als sich zu besinnen: als ein Philosoph und Einsiedler aus Instinkt, der seinen Vortheil im Abseits, im Außerhalb, in der Geduld, in der Verzögerung, in der Zurückgebliebenheit fand; als ein Wage- und — Versucher-Geist, der sich schon in jedes Labyrinth der Zukunft einmal verirrt hat; als ein Wahrsagevogel-Geist, der zurückblickt, wenn er erzählt, was kommen wird; als der erste vollkommene Nihilist Europas, der aber den Nihilismus selbst schon in sich zu Ende gelebt hat, — der ihn hinter sich, unter sich, außer sich hat…
4.
Denn man vergreife sich nicht über den Sinn des Titels, mit dem dies Zukunfts-Evangelium benannt sein will. „Der Wille zur Macht. Versuch einer Umwerthung aller Werthe“ — mit dieser Formel ist eine Gegenbewegung zum Ausdruck gebracht, in Absicht auf Princip und Aufgabe: eine Bewegung, welche in irgend einer Zukunft jenen vollkommenen Nihilismus ablösen wird; welche ihn aber voraussetzt, logisch und psychologisch, welche schlechterdings nur auf ihn und aus ihm kommen kann. Denn warum ist die Heraufkunft des Nihilismus nunmehr nothwendig? Weil unsere bisherigen Werthe selbst es sind, die in ihm ihre letzte Folgerung ziehn; weil der Nihilism die zu Ende gedachte Logik unserer großen Werthe und Ideale ist, — weil wir den Nihilismus erst erleben müssen, um dahinter zu kommen, was eigentlich der Werth dieser „Werthe“ war… Wir haben, irgendwann, neue Werthe nöthig…
11[413]
Der Übermensch
: es ist nicht meine Frage, was den Menschen ablöst: sondern welche Art Mensch als höherwerthige gewählt, gewollt, gezüchtet werden soll…
Die Menschheit stellt nicht eine Entwicklung zum Besseren; oder Stärkeren; oder Höheren dar; in dem Sinne, in dem es heute geglaubt wird: der Europäer des 19. Jahrhunderts ist, in seinem Werthe, bei weitem unter dem Europäer der Renaissance; Fortentwicklung ist schlechterdings nicht mit irgend welcher Nothwendigkeit Erhöhung, Steigerung, Verstärkung…
in einem andrem Sinne giebt es ein fortwährendes Gelingen einzelner Fälle an den verschiedensten Stellen der Erde und aus den verschiedensten Culturen heraus, in denen in der That sich ein höherer Typus darstellt: etwas, das im Verhältniß zur Gesammt-Menschheit eine Art „Übermensch“ ist. Solche Glücksfälle des großen Gelingens waren immer möglich und werden viell<eicht> immer möglich sein. Und selbst ganze Stämme, Geschlechter, Völker können unter Umständen einen solchen Treffer darstellen…
Von den ältesten uns errathbaren Zeiten der indischen, ägyptischen und chinesischen Cultur bis heute ist der höhere Typus Mensch viel gleichartiger als man denkt…
Man vergißt, wie wenig die Menschheit in eine einzige Bewegung hineingehört, wie Jugend, Alter, Untergang durchaus keine Begriffe sind, die ihr als Ganzem zukommen
Man vergißt, um ein Beispiel zu geben, wie unsere europäische Cultur erst heute sich wieder jenem Zustand von philosophischer Mürbigkeit und Spätcultur annähert, aus dem die Entstehung eines Buddhism begreiflich wird.
Wenn es einmal möglich sein wird, isochronische Cultur-Linien durch die Geschichte zu ziehen, so wird der moderne Begriff Fortschritt artig auf den Kopf zu stehen kommen: — und der Index selbst, nach dem er gemessen, der Demokratismus
11[414]
Vorrede.
* * *
Was ist gut? — Alles, was das Gefühl der Macht, den Willen zur Macht, die Macht selbst im Menschen steigert.
Was ist schlecht? — Alles, was aus der Schwäche stammt.
Was ist Glück? — Das Gefühl davon, daß die Macht wächst, — daß ein Widerstand überwunden wird.
Nicht Zufriedenheit, sondern mehr Macht; nicht Frieden überhaupt, sondern Krieg; nicht Tugend, sondern Tüchtigkeit (Tugend im Renaissance-Stile, virtù, moralinfreie Tugend.)
Die Schwachen und Mißrathenen sollen zu Grunde gehn: erster Satz der Gesellschaft. Und man soll ihnen dazu noch helfen.
Was ist schädlicher als irgend ein Laster? — Das Mitleiden der That mit allem Mißrathenen und Schwachen, — „das Christenthum“…
* * *
Nicht was die Menschheit ablösen soll in der Reihenfolge der Wesen, ist mein Problem, das ich hiermit stelle; sondern welchen Typus Mensch man züchten soll, wollen soll, als den höherwertigen, lebenswürdigeren, zukunftsgewisseren.
Dieser höherwerthigere Typus ist oft genug schon dagewesen: aber als ein Glücksfall, als eine Ausnahme, — niemals als gewollt. Vielmehr ist er gerade am besten gefürchtet worden, er war bisher beinahe das Furchtbare: und aus der Furcht heraus hat man den umgekehrten Typus gewollt, gezüchtet, erreicht: das Hausthier, das Heerdenthier, das Thier der „gleichen Rechte“, das schwache Thier Mensch, — den „Christen“…
* * *
Der Wille zur Macht.
Versuch einer Umwerthung aller Werthe.
11[415]
Die Conception der Welt, auf welche man in dem Hintergrunde dieses Buches stößt, ist absonderlich düster und unangenehm: unter den bisher bekannt gewordenen Typen des Pessimismus scheint keiner diesen Grad von Bösartigkeit erreicht zu haben. Hier fehlt der Gegensatz einer wahren und scheinbaren Welt: es giebt nur Eine Welt, und diese ist falsch, grausam, widersprüchlich, verführerisch, ohne Sinn… Eine so beschaffene Welt ist die wahre Welt… Wir haben Lüge nöthig, um über diese Realität, diese „Wahrheit“ zum Sieg zu kommen das heißt, um zu leben… Daß die Lüge nöthig ist, um zu leben, das gehört selbst noch mit zu diesem furchtbaren und fragwürdigen Charakter des Daseins…
Die Metaphysik, die Moral, die Religion, die Wissenschaft — sie werden in diesem Buche nur als verschiedene Formen der Lüge in Betracht gezogen: mit ihrer Hülfe wird ans Leben geglaubt. „Das Leben soll Vertrauen einflößen“: die Aufgabe, so gestellt, ist ungeheuer. Um sie zu lösen, muß der Mensch von Natur schon ein Lügner sein, er muß mehr als alles Andere noch Künstler sein… Und er ist es auch: Metaphysik, Moral, Religion, Wissenschaft — Alles nur Ausgeburten seines Willens zur Kunst, zur Lüge, zur Flucht vor der „Wahrheit“, zur Verneinung der „Wahrheit“. Dies Vermögen selbst, dank dem er die Realität durch die Lüge vergewaltigt, dieses Künstler-Vermögen par excellence des Menschen — er hat es noch mit Allem, was ist, gemein: er selbst ist ja ein Stück Wirklichkeit, Wahrheit, Natur — er selbst ist auch ein Stück Genie der Lüge…
Daß der Charakter des Daseins verkannt wird — tiefste und höchste Geheim-Absicht <der> Wissenschaft, Frömmigkeit, Künstlerschaft. Vieles niemals sehn, Vieles falsch sehn, Vieles hinzusehn… Oh wie klug man noch ist, in Zuständen, wo man am fernsten davon ist, sich für klug zu halten! Die Liebe, die Begeisterung, „Gott“ — lauter Feinheiten des letzten Selbstbetrugs, lauter Verführungen zum Leben! In Augenblicken, wo der Mensch zum Betrogenen wird, wo er wieder ans Leben glaubt, wo er sich überlistet hat: oh wie schwillt es da ihm auf! Welches Entzücken! Welches Gefühl der Macht! Wie viel Künstler-Triumph im Gefühl der Macht!… Der Mensch ward wieder einmal Herr über den „Stoff“ — Herr über die Wahrheit!… Und wann immer der Mensch sich freut, er ist immer der Gleiche in seiner Freude: er freut sich als Künstler, er genießt sich als Macht. Die Lüge ist die Macht…
Die Kunst und nichts als die Kunst. Sie ist die große Ermöglicherin des Lebens, die große Verführerin zum Leben, das große Stimulans zum Leben…