[2 = W I 8. Herbst 1885 — Herbst 1886]

2[1]

Es giebt eine vornehme und gefährliche Nachlässigkeit, welche einen tiefen Schluß und Einblick gewährt: die Nachlässigkeit der überreichen Seele, die sich nie um Freunde bemüht hat, sondern nur die Gastfreundschaft kennt, immer nur Gastfreundschaft übt und zu üben versteht — Herz und Haus offen für Jedermann, der eintreten will, seien es nun Bettler oder Krüppel oder Könige. Dies ist die ächte Leutseligkeit: wer sie hat, hat hundert „Freunde“, aber wahrscheinlich keinen Freund.

2[2]

Dieser herrliche Geist, sich selbst jetzt genug und gut gegen Überfälle vertheidigt und abgeschlossen: — ihr zürnt ihm wegen seiner Burg und Heimlichkeit und schaut dennoch neugierig durch das goldne Gitterwerk, mit dem er sein Reich umzäunt hat? — neugierig und verführt: denn ein unbekannter undeutlicher Duft bläst euch boshaft an und erzählt etwas von verschwiegenen Gärten und Seligkeiten.

2[3]

Wir sind mitten im gefährlichen Carneval des Nationalitäten-Wahnsinns, wo alle feinere Vernunft sich bei Seite geschlichen hat und die Eitelkeit der ruppigsten Winkel-Völker nach den Rechten der Sonder-Existenz und Selbstherrlichkeit schreit — wie <kann> man heute es den Polen, der vornehmsten Artung der slavischen Welt, verargen Hoffnungen zu unterhalten und — — —

man sagt mir, daß D<eutschland> dabei das große Wort spreche.

2[4]

Halkyonische Zwischenreden.


Zur Erholung von „Also sprach Zarathustra“
seinen Freunden geweiht


von
Friedrich Nietzsche

2[5]

Das ausschließliche Interesse, was jetzt in Deutschland den Fragen der Macht, dem Handel und Wandel und — zu guterletzt — dem „Gut-leben“ geschenkt wird, das Heraufkommen des parlamentarischen Blödsinns, des Zeitungslesens und der litteratenhaften Mitsprecherei von JedemErratum:Jedermann
lies:Jedem
Nach KGW Nachberichte
über Jegliches, die Bewunderung eines Staatsmannes, der von Philosophie eben so viel weiß und hältErratum:hält,
lies:hält
Nach KGW Nachberichte
als ein Bauer oder CorpsstudentErratum:Corpsstudent,
lies:Corpsstudent
Nach KGW Nachberichte
und seine kühne rücksichtenlose Augenblicks-Politik durch eine alterthümliche Verbrämung mit Royalismus und Christenthum dem deutschen Geschmacke (oder Gewissen —) „acceptabler“ zu machen glaubt —: alles das hat in dem unheimlichen und vielfach anziehenden Jahre 1815 seinen Ursprung. Da fiel plötzlich die Nacht hernieder für den deutschen Geist, der bis dahin einen langen fröhlichen Tag gehabt hatte: das „Vaterland“Erratum:Vaterland
lies:„Vaterland“
Nach KGW Nachberichte
, die Grenze, die Scholle, der Vorfahr — alle Arten Bornirtheit begannen plötzlich ihre Rechte geltend zu machen. Damals erwachteErratum:erwachte
lies:erwachte
Nach KGW Nachberichte
oben die Reaktion und Beängstigung, die Furcht vor dem deutschen Geiste, und folglich unten der Liberalismus und Revolutionismus und das ganze politische FieberErratum:Fieber,
lies:Fieber
Nach KGW Nachberichte
— man versteht dies Folglich. Seitdem — seit es politisirt — verlor Deutschland die geistige Führerschaft von Europa: und jetzt gelingt esErratum:es,
lies:es
Nach KGW Nachberichte
mittelmäßigen Engl<ändern>, dieErratum:den
lies:die
Nach KGW Nachberichte
D<eutschen> — — —

2[6]

Die vorletzten Jahrhunderte. —

Deutschland hat erst in dem 17. und 18. Jahrhundert seine eigenste Kunst, die Musik, auf die Höhe gebracht: man vergebe es einem mitunter melancholischen Beobachter, wenn er die deutsche Musik des neunzehnten Jahrhunderts auch nur als eine glänzende vielfache und gelehrte Form des Verfalls zu erkennen vermag. Es hat in demselben vielverlästerten Jahrhundert ebenfalls in den bildenden Künsten eine verschwenderische Lust und Kraft gezeigt: der deutsche Barockstil in Kirche und Pallast gehört als Nächstverwandter zu unsrer Musik — u<nd>Erratum:er
lies:u<nd>
Nach KGW Nachberichte
bildet im Reiche der Augen dieselbe Gattung von Zaubern und Verführungen, welche unsere Musik für einen anderen Sinn ist. Zwischen Leibnitz und Schopenhauer (geboren 1788) hat Deutschland den ganzen Kreis originellerErratum:orgineller
lies:origineller
Nach KGW Nachberichte
Gedanken ausgedacht, also ebenfalls innerhalb jener Jahrhunderte: — und auch diese Philosophie, mit ihrem Zopf und Begriffs-Spinngewebe, ihrer Geschmeidigkeit, ihrer Schwermuth, ihrer heimlichen Unendlichkeit und Mystik gehört zu unserer Musik und ist eine Art Barokko im Reiche der Philosophie.

2[7]

Dem Geiste, den wir begreifen —, dem gleichen wir nicht: dem sind wir überlegen!

2[8]

Was noch jung ist und auf schwachen Beinen steht, macht immer das lauteste Geschrei: denn es fällt noch zu oft um. Zum Beispiel der „Patriotismus“ im heutigen Europa, „die Liebe zum Vaterlande“, die nur ein Kind ist: — man soll den kleinen Schreihals ja nicht zu ernst nehmen!

2[9]

An meine Freunde.

Dieses Buch, welches in einem weiten Umkreis von Ländern und Völkern seine Leser zu finden gewußt hat und irgend eine Kunst verstehen muß, durch die auch spröde und widerspänstige Ohren verführt werden: gerade dieses Buch ist meinen näheren Freunden am unverständlichsten geblieben: — es war ihnen, als es erschien, ein Schrecken und ein Fragezeichen und legte eine lange Entfremdung zwischen sie und mich. In der That, der Zustand, aus dem es entsprang, hatte genug des Räthselhaften und Widersprechenden an sich: ich war damals zugleich sehr glücklich und sehr leidend — Dank einem großen Siege, den ich über mich selbst davongetragen hatte, einem jener gefährlichen Siege, an denen man zu Grunde zu gehen pflegt. Eines Tages — es war im Sommer 1876 — kam mir eine plötzliche Verachtung und Einsicht: und von da an gieng ich unbarmherzig über all die schönen Wünschbarkeiten hinweg, an die meine Jugend ihr Herz verschenkt hatte

2[10]

Der Nationalitäten-Wahnsinn und die Vaterlands-Tölpelei sind für mich ohne Zauber: „Deutschland, Deutschland über Alles— klingt mir schmerzlich in den Ohren, im Grunde, weil ich von den Deutschen mehr will und wünsche als —. Ihr erster Staatsmann, in dessen Kopfe sich braver Grund von Royalismus und Christenthum mit einer rücksichtenlosen Augenblicks-Politik verträgt, der nicht mehr von der Philosophie berührt ist als ein Bauer oder ein Corpsstudent, erregt meine ironische Neugierde. Es scheint mir sogar nützlich, daß es einige Deutsche giebt, die gegen das d<eutsche> R<eich> gleichgültig geblieben sind: nicht einmal als Zuschauer, sondern als Wegblickende. Wohin blicken sie denn? Es giebt wichtigere Dinge, gegen welche gerechnet diese Fragen nur Vordergrunds-Fragen sind: z.B. das wachsende Heraufkommen des demokratischen Mannes und die dadurch bedingte Verdummung Europas und Verkleinerung des europäischen Menschen.

2[11]

Das intellectuelle Gewissen.
Versuch einer Kritik der geistigeren Menschen.


Der Philosoph. Der freie Geist. Der Künstler. Der religiöse Mensch. Der Gelehrte. Der vornehme Mensch. Dionysos.

2[12]

Inter pares: ein Wort, das trunken macht, — so viel Glück und Unglück schließt es für den ein, welcher ein ganzes Leben allein war; der Niemandem begegnet ist, welcher zu ihm gehörte, ob er schon auf vielerlei Wegen gesucht hat; der im Verkehre immer der Mensch der wohlwollenden und heiteren Verstellung, der gesuchten und oft gefundenen Anähnlichung sein mußte und jene gute Miene zum bösen Spiele aus allzulanger Erfahrung kennt, welche „Leutseligkeit“ heißt, — mitunter freilich auch jene gefährlichen herzzerreißenden Ausbrüche aller verhehlten Unseligkeit, aller nicht erstickten Begierde, aller aufgestauten und wild gewordenen Ströme der Liebe, — den plötzlichen Wahnsinn jener Stunde, wo der Einsame einen Beliebigen umarmt und als Freund und Zuwurf des Himmels und kostbarstes Geschenk behandelt, um ihn eine Stunde später mit Ekel von sich zu stoßen, — mit Ekel nunmehr vor sich selber, wie beschmutzt, wie erniedrigt, wie sich selbst entfremdet, wie an seiner eignen Gesellschaft krank —.

2[13]

Dies ist mein Mißtrauen, das immer wieder kommt, meine Sorge, die sich mir nie schlafen legt, meine Frage, welche Niemand hört oder hören mag, meine Sphinx, neben der nicht nur Ein Abgrund ist: — ich glaube, wir täuschen uns heute über die Dinge, welche wir Europäer am höchsten lieben, und ein grausamer (oder nicht einmal grausamer, nur gleichgültiger und kindsköpfischer) Kobold spielt mit unserem Herzen und seiner Begeisterung, wie er vielleicht mit Allem schon gespielt hat, was sonst lebte und liebte —: ich glaube, daß Alles, was wir in Europa heute als „Humanität“, „Moralität“,Erratum:„Moralität“
lies:„Moralität“,
Nach KGW Nachberichte
„Menschlichkeit“, „Mitgefühl“, „Gerechtigkeit“Erratum:Gerechtigkeit
lies:„Gerechtigkeit“
Nach KGW Nachberichte
zu verehren gewohnt sind, zwar als Schwächung und Milderung gewisser gefährlicher und mächtiger Grundtriebe einen Vordergrunds-Werth haben mag, aber auf die Länge hin trotzdem nichts Anderes ist als die Verkleinerung des ganzen Typus „Mensch“ — seine endgültige Vermittelmäßigung, wenn man mir in einer verzweifelten Angelegenheit ein verzweifeltes Wort nachsehen will; ich glaube, daß die commedia umana für einen epikurischen Zuschauer-Gott darin bestehen müßte, daß die Menschen vermöge ihrer wachsenden Moralität, in aller Unschuld und Eitelkeit sich vom Thiere zum Range der „Götter“ und zu überirdischen Bestimmungen zu erheben wähnen, aber in Wahrheit sinken, das heißt durch Ausbildung aller der Tugenden, vermöge deren eine Heerde gedeiht, und durch Zurückdrängung jener andren und entgegengesetzten, welche einer neuen höheren stärkeren herrschaftlichen Art den Ursprung geben, eben nur das Heerdenthier im Menschen entwickeln und vielleicht das Thier „Mensch“ damit feststellen — denn bisher war der Mensch das „nicht festgestellte Thier“—; ich glaube, daß die große vorwärts treibende und unaufhaltsame demokratische Bewegung Europa’s — das, was sich „Fortschritt“ nennt — und ebenso schon deren Vorbereitung und moralisches Vorzeichen, das Christenthum — im Grunde nur die ungeheure instinktive Gesammt-Verschwörung der Heerde bedeutet gegen alles, was Hirt, Raubthier, Einsiedler und Cäsar ist, zu Gunsten der Erhaltung und Heraufbringung aller Schwachen, Gedrückten, Schlecht-Weggekommenen, Mittelmäßigen, Halb-Mißrathenen, als ein in die Länge gezogener, erst heimlicher, dann immer selbstbewußterer Sklaven-Aufstand gegen jede Art von HerrErratum:von Herrn
lies:von Herr
Nach KGW Nachberichte
, zuletzt noch gegen den Begriff „Herr“, als ein Krieg auf Leben und Tod wider jede Moral, welche aus dem Schooße und Bewußtsein einer höheren stärkeren, wie gesagt herrschaftlichen Art Mensch entspringt, — einer solchen, die der Sklaverei in irgend welcher Form und unter irgend welchem Namen als ihrer Grundlage und Bedingung bedarf; ich glaube endlich,Erratum:endlich
lies:endlich,
Nach KGW Nachberichte
daß bisher jede Erhöhung des Typus Mensch das Werk einer aristokratischen Gesellschaft war, welche an eine lange Leiter der Rangordnung und Werthverschiedenheit von Mensch und Mensch glaubte und die Sklaverei nöthig hatte: ja daß ohne das Pathos der Distanz, wie es aus dem eingefleischten Unterschiede der Stände, aus dem beständigen AnblickErratum:Ausblick
lies:Anblick
Nach KGW Nachberichte
und Herabblick der herrschenden Kaste auf Unterthänige und WerkzeugeErratum:Werkzeuge,
lies:Werkzeuge
Nach KGW Nachberichte
und ihrer ebenso beständigen Übung im Befehlen, Nieder- und Fernhalten erwächst, auch jenes andre geheimnißvollere Pathos gar nicht entstehen kann, jenes Verlangen nach immer neuer Distanz-Erweiterung innerhalb der Seele selbst, die Herausbildung immer höherer, seltnerer, fernerer, weitgespannterer, umfänglicherer Zustände, kurz die „Selbst-Überwindung des Menschen“, um eine moralische Formel in einem übermoralischen Sinne zu nehmen. Eine Frage kommt mir immer wieder, eine versucherische und schlimme Frage vielleicht: sei sie denen in’s Ohr gesagt, welche ein Recht auf solche fragwürdigeErratum:fragwürdigen
lies:fragwürdige
Nach KGW Nachberichte
Fragen haben, den stärksten Seelen von heute, welche sich selbst auch am besten in der Gewalt haben: wäre es nicht an der Zeit, je mehr der Typus „Heerdenthier“ jetzt in Europa entwickelt wird, mit einer grundsätzlichen künstlichen und bewußten Züchtung des entgegengesetzten Typus und seiner Tugenden den Versuch zu machen? Und wäre es für die demokratische Bewegung nicht selber erst eine Art Ziel, Erlösung und Rechtfertigung, wenn Jemand käme, der sich ihrer bediente —, dadurch daß endlich sich zu ihrer neuen und sublimen Ausgestaltung der Sklaverei,Erratum:Sklaverei —
lies:Sklaverei,
Nach KGW Nachberichte
als welche sich einmal die Vollendung der europäischen Demokratie darstellen wird,Erratum:wird, —
lies:wird,
Nach KGW Nachberichte
jene höhere Art herrschaftlicher und cäsarischer Geister hinzufände, welche diese neue Sklaverei nun auch — nöthig hat? Zu neuen, bisher unmöglichen, zu ihren Fernsichten? Zu ihren Aufgaben?

2[14]

Unsre vier Cardinal-Tugenden: Muth, Mitleid, Einsicht und Einsamkeit — sie würden sich selber unerträglich sein, wenn sie sich nicht mit einem heiteren und spitzbübischen Laster verbrüdert hätten, genannt „Höflichkeit“. —

2[15]

Grausamkeit kann die Erleichterung von gespannten und stolzen Seelen sein, von solchen, die gewohnt sind, beständig gegen sich Härten auszuüben; es ist ein Fest für sie geworden, endlich einmal wehe zu thun, leiden zu sehn — alle kriegerischen Rassen sind grausam; Grausamkeit kann, umgekehrt, auch eine Art Saturnalien gedrückter und willensschwacher Wesen sein, von Sklaven, von Frauen des Serails, einErratum:als ein
lies:ein
Nach KGW Nachberichte
kleiner Kitzel der Macht, — es giebt eine Grausamkeit böser und auch eine Grausamkeit schlechter und geringer Seelen.

2[16]

Was ist vornehm?

Glaube an die Rangordnung.

Arbeit (über Künstler, Gelehrte usw.)

Heiterkeit (Symptom des Wohlgerathenseins).

Herren-Moral und Heerden-Moral.

2[17]

Die genannten Schriften, sorgsam und langwierig befragt, möchten als Mittel benutzt werden, um vielleicht den Zugang zum Verständniß eines noch höheren und schwierigeren Typus zu erschließen, als es selbst <der> Typus des freien Geistes ist: — es führt kein anderer Weg zum Verständniß von — — —

*   *   *

Schriften aus der Jugend desselben Verfassers.

Die Geburt der Tragödie. 1. Auflage 1872. 2. Aufl. — — —

Unzeitgemässe Betrachtungen 1873-76.

2[18]

Ein Gott der Liebe könnte eines Tages sprechen, gelangweilt durch seine Tugend: „versuchen wir’s einmal mit der Teufelei!“ — und siehe da, ein neuer Ursprung des Bösen! Aus Langeweile und Tugend! — —

2[19]

„Das Paradies ist unter dem Schatten der Schwerter“ — auch ein Symbolon und Kerbholz-Wort, an dem sich Seelen vornehmer und kriegerischer Abkunft verrathen und errathen. —

2[20]

„Geradezu stoßen die Adler“. Die Vornehmheit der Seele ist nicht am wenigsten an der prachtvollen und stolzen Dummheit zu erkennen, mit der sie angreift — „geradezu“.

2[21]

Es giebt auch eine Verschwendung unsrer Leidenschaften und Begierden, nämlich in der bescheidenen und kleinbürgerlichen Art, in der wir sie befriedigen: — was den Geschmack verdirbt, noch mehr aber die Ehrfurcht und Furcht vor uns selber. Der zeitweilige Ascetismus ist das Mittel, sie zu stauen, — ihnen Gefährlichkeit und großen Stil zu geben — —

2[22]

In Hinsicht darauf, was fruchtbare Geister zu oberst und zu unterst nöthig haben, um nicht an den Würmern ihres Gewissens zu leiden — nämlich „Eier legen, gackern, Eier brüten“ und so weiter mit oder ohne Grazie — mögen sie sich mit gutem Grunde, wie es Stendhal und Balzac gethan haben, — Keuschheit zur Diät verordnen. Und mindestens darf man nicht zweifeln, daß gerade dem „Genie“ das Ehebett noch verhängnißvoller sein kann als concubinage und libertinage. — Auch in vieler andrer Hinsicht — zum Beispiel, was „Nachkommenschaft“ betrifft — muß man mit sich bei Zeiten zu Rathe gehn und sich entscheiden: aut liberi aut libri.

2[23]

Lange nachgedacht über jenen Ursprungsheerd der religiösen Genialität und folglich auch des „metaphysischen Bedürfnisses“, die „religiöse Neurose“; — unwillig eingedenk jenes in Frankreich berühmten und selbst sprichwörtlichen Ausdrucks, der so viel über die „Gesundheit“ des französischen Geistes zu verstehen giebt: „le génie est une neurose“. —

2[24]

— Und nochmals gesagt: die Bestie in uns will belogen werden, — Moral ist Nothlüge.

2[25]

„Du scheinst mir Schlimmes im Schilde zu führen, sagte ich einmal zu dem Gotte Dionysos: nämlich die Menschen zu Grunde zu richten?“ — „Vielleicht, antwortete der Gott, aber so, daß dabei etwas für mich heraus kommt.“ — Was denn? fragte ich neugierig. — „Wer denn? solltest du fragen.“ Also sprach Dionysos und schwieg darauf, in der Art, welche ihm zu eigen ist, nämlich versucherisch. — Ihr hättet ihn dabei sehen sollen! Es war Frühling, und alles Holz stand in jungem Safte.

2[26]

Jenseits von Gut und Böse.


Vorspiel
einer Philosophie der Zukunft.


Von
Friedrich Nietzsche.

2[27]

Jenseits von Gut und Böse.


Allerhand Nachdenkliches
für halkyonische Geister.


Von
Friedrich Nietzsche.

2[28]

Mein leidlich radikales Fragezeichen bei allen eurenErratum:neueren
lies:euren
Nach KGW Nachberichte
Straf-Gesetzgebungen ist dieses: gesetzt, daß die Strafen proportional wehe thun sollen gemäß der Größe des Verbrechens — und so wollt ihr’s ja Alle im Grunde!Erratum:Grunde! —
lies:Grunde!
Nach KGW Nachberichte
nun, so müßten sie jedem Verbrecher proportional seiner Empfindlichkeit für Schmerz zugemessen werden: — daß heißt, es dürfte eine vorherige Bestimmung der Strafe für ein Vergehen, es dürfte einen Strafcodex gar nicht geben?Erratum:geben!
lies:geben?
Nach KGW Nachberichte
Aber, in Anbetracht, daß es nicht leicht gelingen möchte, bei einem Verbrecher die Grad-Skala seiner Lust und Unlust festzustellen, so würde man in praxi wohl auf das Strafen verzichten müssen? Welche Einbuße! Nicht wahr? Folglich — —

2[29]

Die Musik offenbart nicht das Wesen der Welt und ihren „Willen“ wie es Schopenhauer behauptet hat (der sich über die Musik betrog wie über das Mitleiden und aus dem gleichen Grunde — er kannte beide zu wenig aus Erfahrung —): die Musik offenbart nur die Herrn Musiker! Und sie wissen es selber nicht! — Und wie gut vielleicht, daß sie es nicht wissen! —

2[30]

Unsere Tugenden.


Allerhand Fragen und Fragwürdiges
für feinere Gewissen.


Von
Friedrich Nietzsche.

2[31]

Unsere Tugenden.


Fingerzeige zu einer Moral der Zukunft.


Von
Friedrich Nietzsche.


Von der Stärke der Seele.

Von der Redlichkeit.

Von der Heiterkeit.

Vom Willen zur Einsamkeit.

„Was ist vornehm?“

2[32]

Die Philosophen der Zukunft.
Eine Rede.


1.

Ist heute solch eine Größe möglich? —

2.

Aber vielleicht morgen, vielleicht übermorgen. — Ich sehe neue Ph<ilosophen> heraufkommen usw.

2[33]

Es giebt ein Mißverständniß der Heiterkeit, welches nicht zu heben ist: aber wer es theilt, darf zuletzt gerade damit zufrieden sein. — Wir, die wir zum Glücke flüchten —: wir, die wir jede art Süden und unbändige Sonnenfülle brauchen und uns dorthin an die Straße setzen, wo das Leben sich wie ein trunkener Fratzen-Festzug — als etwas das von Sinnen bringt — vorüberwälzt;Erratum:vorüberwälzt
lies:vorüberwälzt;
Nach KGW Nachberichte
wir, die wir gerade das vom Glücke verlangen, daß es „von Sinnen“ bringt: scheint es nicht, daß wir ein Wissen haben welches wir fürchten? Mit dem wir nicht allein sein wollen? Ein Wissen, vor dessen Druck wir zittern, vor dessen Flüstern wir bleich werden? Diese hartnäckige Abkehr von den traurigen Schauspielen, diese verstopften und harten Ohren gegen alles Leidende, diese tapfere, spöttische Oberflächlichkeit, dieser willkürliche Epicureismus des Herzens, welcher nichts warm und ganz haben willErratum:will,
lies:will
Nach KGW Nachberichte
und die Maske als ihre letzte Gottheit und Erlöserin anbetet: dieser Hohn gegen denErratum:die
lies:den
Nach KGW Nachberichte
Melancholiker des Geschmacks, bei demErratum:denen
lies:dem
Nach KGW Nachberichte
wir immer auf Mangel an Tiefe rathen — ist das nicht alles nur LebenshaßErratum:eine Leidenschaft
lies:nur Lebenshaß
Nach KGW Nachberichte
? Es scheint, wir wissen uns selber als allzu zerbrechlich, vielleicht schon als zerbrochen und unheilbar; es scheint, wir fürchten diese Hand des Lebens, daß es uns zerbrechen muß, und flüchten uns in seinen Schein, in seine Falschheit, seine Oberfläche und bunte Betrügerei; es scheint, wir sind heiter, weil wir ungeheuer traurig sind. Wir sind ernst, wir kennen den Abgrund: deshalb wehren wir uns gegen alles Ernste.


— — — wir lächeln bei uns über die Melancholiker des Geschmacks — ach wir beneiden sie noch, indem wir sie verspotten! — denn wir sind nicht glücklich genug, um uns ihre zarte Traurigkeit gestatten zu können. Wir müssen noch den Schatten der Traurigkeit fliehen: unsere Hölle und Finsterniß ist uns immer zu nahe. Wir haben ein Wissen, welches wir fürchten, mit dem wir nicht allein sein wollen; wir haben einen Glauben, vor dessen Druck wir zittern, vor dessen Flüstern wir bleich werden — die Ungläubigen scheinen uns selig. Wir kehren uns ab von den traurigen Schauspielen, wir verstopfen das Ohr gegen das Leidende,Erratum:Leidende;
lies:Leidende,
Nach KGW Nachberichte
das Mitleiden würde uns sofort zerbrechen, wenn wir nicht uns <zu> verhärten wüßten. Bleib uns tapfer zur Seite, spöttischer Leichtsinn: kühle uns, Wind, der über Gletscher gelaufen ist: wir wollen nichts mehr ans Herz nehmen, wir wollen zur Maske betenErratum:beten.
lies:beten
Nach KGW Nachberichte


Es ist etwas an uns, das leicht zerbricht: wir fürchten die zerbrechenden kindischen Hände? wir gehen dem Zufall aus dem Wege und retten uns — — —

2[34]

Ich habe Richard Wagner mehr geliebt und verehrt als irgend sonst Jemand; und hätte er nicht zuletztErratum:zuletzt nicht
lies:nicht zuletzt
Nach KGW Nachberichte
den schlechten Geschmack — oder die traurige Nöthigung — gehabt, mit einer mir unmöglichen Qualität von „Geistern“ gemeinsame Sache zu machen, mit seinen Anhängern, den Wagnerianern, so hätte ich keinen Grund gehabt, mich schonErratum:ihm schon
lies:mich schon
Nach KGW Nachberichte
bei seinen Lebzeiten Lebewohl zu sagen: ihm, dem Tiefsten und Kühnsten, auch Verkanntesten aller Schwer-Zu erkennendenErratum:Schwer-zu-erkennenden
lies:Schwer-Zu erkennenden
Nach KGW Nachberichte
von heute, dem begegnet zu sein meiner Erkenntniß mehr als irgend eine andere Begegnung förderlich gewesen ist. Vorangestellt, was voran steht, daß seine Sache und meine Sache nicht verwechselt werden wolltenErratum:wollte
lies:wollten
Nach KGW Nachberichte
, und daß es ein gutes Stück Selbst-Überwindung bedurfte, ehe ich dergestalt „Sein“ und „Mein“ mit gebührendem Schnitte zu trennen lernte. Daß ich über das außerordentliche Problem des Schauspielers zur Besinnung gekommen bin — ein Problem, das mir vielleicht ferner liegt als irgend ein andres, aus einem schwer aussprechbaren Grunde — daß ich den Schauspieler im Grunde jedes Künstlers entdeckte und wiedererkannte, das Typisch-Künstlerhafte, dazu bedurfte es der Berührung mit jenem <Manne> — und es scheint mir, daß ich von Beiden höher u<nd>Erratum:und —
lies:u<nd>
Nach KGW Nachberichte
schlimmer denke als ein früherer Philos<oph>Erratum:frühere Philosophen
lies:ein früherer Philos<oph>
Nach KGW Nachberichte
. — Die Verbesserung des Theaters geht mich wenig an, seine „Verkirchlichung“ noch weniger; die eigentliche WagnerischeErratum:Wagner’sche
lies:Wagnerische
Nach KGW Nachberichte
Musik gehört mir nicht genug zu — ich würde sie zu meinem Glücke und zu meiner Gesundheit entbehren können (quod erat demonstrandum et demonstratum). Was mir am fremdesten an ihm war, die Deutschthümelei und Halbkirchlichkeit seiner letzten Jahre — — —

2[35]

Eine neue Denkweise — welche immer eine neue Meßweise ist und das Vorhandensein eines neuen Maaßstabes, einer neuen Empfindungs-Skala voraussetzt — fühlt sich im WidersprucheErratum:Widerspruch
lies:Widerspruche
Nach KGW Nachberichte
mit altenErratum:allen
lies:alten
Nach KGW Nachberichte
Denkweisen und sagt, indem sie ihnen widerstrebt, beständig „das ist falsch“. Feiner zugesehn, heißt solch einErratum:solches
lies:solch ein
Nach KGW Nachberichte
„das ist falsch“ eigentlich nur „ich fühle darin nichts von mir“, „ich mache mir nichts daraus“ „ich begreife nicht, wie ihr nicht mit mir fühlen könnt“

2[36]

Von der Loslösung.

Von der Verhärtung.

Von der Maske.

Von der Rangordnung.

Europäisch und über-europäisch.

2[37]

Man hat immer etwas Nöthigeres zu thun, als sich zu verheirathen: Himmel, so ist mirsErratum:mir’s
lies:mirs
Nach KGW Nachberichte
immer gegangen!

2[38]

Jenseits von Gut und Böse.
Fingerzeige zu einer Moral der Stärksten.

2[39]

Maske und Mittheilung.

2[40]

Die Philosophen der Zukunft.

Zur Naturgeschichte des freien Geistes.

Unsere Tugenden.

Völker und Vaterländer.

Die Entweiblichung.

homo religiosus.

2[41]

Zur Naturgeschichte des höheren Menschen.


Gedanken eines Erziehers.


1. 

Die Philosophen von Ehedem.

2. 

Künstler und Dichter.

3. 

Das religiöse Genie.

4. 

Wir Tugendhaften.

5. 

Das Weib.

6. 

Die Gelehrten.

7. 

Die „Versucher“.

8. 

Völker und Vaterländer.

9. 

Weisheit der Maske.

10. 

Moral-Psychologie.

Sprüche und Gedanken-Striche.

Was ist vornehm?

Anhang. Lieder des Prinzen Vogelfrei.

2[42]

Jenseits von Gut und Böse.


Vorspiel
einer Philosophie der Zukunft.


Mit einem Anhang: Lieder und Pfeile des Prinzen Vogelfrei.


Von
Friedrich Nietzsche.

2[43]

Zur Naturgeschichte des höheren Menschen.


Gedankenstriche eines Psychologen.


1. 

Der Philosoph.

2. 

Der freie Geist.

3. 

Das religiöse Genie.

4. 

Zur Moral-PsychologieErratum:Moral-Psychologie.
lies:Moral-Psychologie
Nach KGW Nachberichte

5. 

Was ist vornehm?

6. 

Völker und Vaterländer.

7. 

Das Weib an sich.

8. 

Die Gelehrten.

9. 

Wir Tugendhaften.

10. 

Weisheit und Maske.

11. 

Die Kommenden.

12. 

Sprüche eines Schweigsamen.

Anhang. Lieder und Pfeile des Prinzen Vogelfrei.

2[44]

Vorrede.

1. 

Was war der Philosoph?

2. 

Zur Naturgeschichte des freien Geistes.

3. 

Selbstgespräch eines Psychologen.

4. 

Das Weib an sich.

5. 

Das religiöse Genie.

6. 

Wir Gelehrten.

7. 

Wir Tugendhaften.

8. 

Was ist vornehm?

9. 

Völker und Vaterländer.

10. 

Die Masken.

11. 

Die Versucher.    Dionysos.Erratum:Dionysos
lies:Dionysos.
Nach KGW Nachberichte

Anhang: — — —

Inhalts-Verzeichniß.

2[45]

Nichts von Advokat: kein Parteimann;Erratum:Parteimann,
lies:Parteimann;
Nach KGW Nachberichte
mißtrauisch gegen das, was man „Überzeugung“ nennt; ungläubig gegen Unglauben; — — —

2[46]

Zur Naturgeschichte des höheren Menschen.


Gedanken eines Müssiggängers.


Von
Friedrich Nietzsche.

2[47]

Jenseits von Gut und Böse.


Selbstgespräche
eines
Psychologen.


Mit einem Anhang: Lieder und Pfeile des Prinzen Vogelfrei.


Von
Friedrich Nietzsche.


Anhang:
Lieder und Pfeile
des
Prinzen Vogelfrei.


1. 

An den Mistral.

2. 

An Goethe.

3. 

An gewisse Lobredner.

4. 

Sils-Maria.

5. 

Einsiedlers Mittag.

6. 

Nach neuen Meeren.

7. 

„Die Tauben von San Marco“Erratum:Marco“.
lies:Marco“
Nach KGW Nachberichte

8. 

Über der Hausthür.

9. 

Der ächte Deutsche.

10. 

Parsifal-Musik.

11. 

An Spinoza.

12. 

Rimus remedium.

13. 

Narr in Verzweiflung.

14. 

Nachgesang.

2[48]

Das Weib ist so wenig sich selbst genug, daß es sich lieber noch schlagen läßt als —

2[49]

In den meisten Lieben giebt es Einen, der spielt, und Einen, der mit sich spielen läßt: Amor ist vor Allem ein kleiner Theater-Regisseur.

2[50]

Inhalt:

Vorrede.

1. 

Von den Vorurtheilen der Philosophen.

2. 

Der freie Geist.

3. 

Das religiöse Genie.     Das religiöse Wesen.

4. 

Das Weib an sich.     Sprüche und Zwischenspiele.

5. 

Zur Naturgeschichte der Moral.

6. 

Wir Gelehrten

„Carcasse, tu trembles? Tu tremblerais bien davantage, si tu savais, où je te mène.“

Turenne.

7. 

Unsere Tugenden.

8. 

Völker und Vaterländer. 

9. 

Masken.

10. 

Was ist vornehm?

Anhang: Lieder und Pfeile des Prinzen Vogelfrei.

2[51]

Selbstgespräche
eines Psychologen.


Von
Friedrich NietzscheErratum:Nietzsche.
lies:Nietzsche
Nach KGW Nachberichte


Zur Naturgeschichte des höheren Menschen.

Was ist vornehm?

2[52]

Sprüche und Selbstgespräche.


Mit einer gereimten Zuthat.


Von
Friedrich Nietzsche.

2[53]

Jenseits von Gut und Böse
Vorspiel
einer Philosophie der Zukunft.

Einleitung.

Erstes Buch:

von den Vorurtheilen der Philosophen.

Zweites Buch: 

Fingerzeige eines Moral-Psycholo<gen>Erratum:einer Moral-Psychologie.
lies:eines Moral-Psycholo<gen>
Nach KGW Nachberichte

Drittes Buch:

wir Europäer. Eine Gelegenheit zur Selbstbespiegelung.

2[54]

Jenseits von Gut und Böse.


Von
Friedrich Nietzsche.

2[55]

Vorletztes Capitel

Alkuin der Angelsachse, der den königlichen Beruf des Philosophen so bestimmte:

Prava corrigere, et recta corroborare, et sancta sublimare.

2[56]

Corruption des kräftigen Naturmenschen im Zwang der civilisirten Städte (— geräth zu den aussätzigen Bestandtheilen, lernt da das schlechte Gewissen)Erratum:Gewissen).
lies:Gewissen)
Nach KGW Nachberichte

2[57]

Es wird von nun an günstige Vorbedingungen für umfänglichere Herrschafts-Gebilde geben, deren Gleichen es noch nicht gegeben hat. Und dies ist noch nicht das Wichtigste; es ist die Entstehung von internationalen Geschlechts-Verbänden möglich gemacht, welche sich die Aufgabe setzten, eine Herren-Rasse heraufzuzüchten, die zukünftigen „Herren der Erde“; — eine neue, ungeheure, auf der härtesten Selbst-Gesetzgebung aufgebaute Aristokratie, in der dem Willen philosophischer Gewaltmenschen und Künstler-Tyrannen Dauer über Jahrtausende gegeben wird: — eine höhere Art MenschErratum:Menschen
lies:Mensch
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, welche sichErratum:sich,
lies:sich
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Dank ihrem Übergewicht von Wollen, Wissen, Reichthum und EinflußErratum:Einfluß,
lies:Einfluß
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des demokratischen Europas bedienten als ihres gefügigsten und beweglichsten Werkzeugs, um die Schicksale der Erde in die Hand zu bekommen, um „am Menschen“Erratum:am „Menschen“
lies:„am Menschen“
Nach KGW Nachberichte
selbst als Künstler zu gestalten.

Genug, die Zeit kommt, wo man über Politik umlernen wird.

2[58]

ich glaube, wir ermangeln der politischen Leidenschaft: wir würden es unter einem demokr<atischen> Himmel so gut als unter einem abs<olutistischen> mit Ehren aushalten.

2[59]

Zu 1


Zuletzt aber: wozu müßte man das, was kommen wird, so laut und mit solchem Ingrimm sagen! Sehen wir es kälter, ferner, klüger, höher an, sagen wir es, wie es unter uns gesagt werden darf, so heimlich, daß alle Welt es überhört, —Erratum:überhört,
lies:überhört, —
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daß alle Welt uns überhört… Nenne man es eine Fortsetzung.

2[60]

Wie? Das Drama ist der Zweck, die Musik immer nur das Mittel? Das mag W<agner>s Theorie sein: seine Praxis war dagegen: die (dramatische) Attitüde ist der Zweck, die Musik immer nurErratum:Musik nur ein
lies:Musik immer nur
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Mittel zu einer Attitüde (zu ihrer Verdeutlichung, Verstärkung, Verinnerlichung —)

2[61]

Die Entwicklung der mechanistisch-atomistischen Denkweise ist sich heute ihres nothwendigen Ziels immer noch nicht bewußt; — das ist mein Eindruck, nachdem ich lange genug ihren Anhängern zwischen die Finger gesehen habe. Sie wird mit der Schaffung eines Systems von Zeichen endigen: sie wird auf Erklären verzichten, sie wird den Begriff „Ursache und Wirkung“ aufgeben.

2[62]

Nicht täuschen wollen — und sich nicht täuschen lassen wollen: das ist etwas als Gesinnung und Wille Grundverschiedenes, aber der eine wie der andere Hang pflegt sich des Wortes „Philosophie“ zu bedienen, sei es zum Schmuck oder zum Versteck oder aus Mißverständniß.

2[63]

Die Physiologen sollten sich besinnen, den Erhaltungstrieb als kardinalen Trieb eines organischen Wesens anzusetzen: vor allem will etwas Lebendiges seine Kraft auslassen: die „Erhaltung“ ist nur eine der Consequenzen davon. — Vorsicht vor überflüssigen teleologischen Principien! Und dahin gehört der ganze Begriff „Erhaltungstrieb“.

2[64]

Jeder Philoktet weiß, daß ohne seinen Bogen und seine Pfeile Troja nicht erobert wird.

2[65]

In media vita.
Selbstgespräche eines Psychologen.


Von
Friedrich Nietzsche.

2[66]

— 

Zur Vorrede. — Vielleicht eine Fortsetzung: der Künstler-Philosoph (bisher Wissenschaftlichkeit, Stellung zur Religion und Politik erwähnt): höherer Begriff der Kunst. Ob der Mensch sich so fern stellen kann von den anderen Menschen, um an ihnen zu gestalten? (Vorübungen: 1) der Sich-selbst-Gestaltende, der Einsiedler 2) der bisherige Künstler, als der kleine Vollender, an einem Stoffe (nein!<)>Erratum:— nein! —
lies:(nein!<)>
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)
— dazu gehört die Rangfolge der höheren Menschen, welche dargestellt werden muß.

— 

Ein Capitel: Musik. — Zur Lehre vom „Rausche“ (Aufzählung, z.B. Anbetung der petits faits)
— Deutsche und französische und italienische Musik. (Unsere politisch niedrigsten Zeiten die fruchtbarsten: —)
dieErratum:Die
lies:die
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Slaven?
— das kulturhistorische Ballet: — hat die Oper überwunden.
— ein Irrthum, daß das, was W<agner> geschaffen hat, eine Form sei, — es ist eine Formlosigkeit. Die Möglichkeit eines dramatischen Baus ist immer noch zu finden. Schauspieler-Musik und Musiker-MusikErratum:Musiker-Musik.
lies:Musiker-Musik
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— Rhythmisches. Der Ausdruck um jeden Preis.
— zu Ehren von „Carmen“.
— zu Ehren von H. Schütz (und „Liszt-Verein“ —)
— hurenhafte Instrumentation
— zu Ehren Mendelssohn’s: ein Element Goethe darin, und nirgends sonst! ebenso wie ein andres Element Goethe in der Rahel zur Vollendung kam! ein drittes H. HeineErratum:Heine.
lies:Heine
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Zum Capitel „freier Geist.“Erratum:Geist“
lies:Geist.“
Nach KGW Nachberichte
— 1) Ich will ihn nicht „verherrlichen“: ein Wort zu Gunsten der gebundenen Geister.
2) die Lasterhaftigkeit des Intellekts: der Beweis aus der Lust („es macht mich glücklich, also ist es wahr“) Dabei die Eitelkeit zu unterstreichen in dem „mich“.

Zum Capitel „unsere Tugenden“: 3) neue Form der Moralität: Treue-Gelübde in Vereinen über das, was man lassen und thun will, ganz bestimmte Entsagung von Vielem. Proben, ob reif dazu. —

Zum Capitel „religiöses Genie“. 1) das Mysterium, die vorbildliche Geschichte einer SeeleErratum:Seele.
lies:Seele
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(„Drama“ — bedeutet?)
2) die Ausdeutbarkeit des Geschehens,Erratum:Geschehens;
lies:Geschehens,
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der Glaube an den „Sinn“ wird Dank der Religion festgehalten —
3) in wiefern die höhere Seele auf Unkosten der niederen wächst und gedeiht?
4) was widerlegt ist, ist die Moral des Christenthums als essentiell in den Welt-Seelegeschicken: — womit noch nicht der Wille beseitigt ist, sie hineinzubringen und herrschend zu machen. — Letzteres könnte zuletzt doch nur eine Don-Quixoterie sein: — aber dies wäre kein Grund, gering von ihr zu denken!
5) inwiefern das religiöse Genie eine Abart des künstlerischen ist: — die gestaltende Kraft.
6) inwiefern erst das Künstler-Gewissen die Freiheit vor „wahr— und „unwahr“ giebt. Der unbedingte „Glaube“Erratum:Glaube
lies:„Glaube“
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zu verwandeln in den unbedingten Willen — —
7) religiöse Litteratur, der Begriff „heiliges Buch“.

zu „unsere Tugenden“. Woran wir unsere Wissenschaftlichkeit auslassen können, das nehmen wir nicht mehr schwer und ernst: eine Art Immoralität.


Zum Capitel „Naturgeschichte der Moral“.Erratum:Moral“?
lies:Moral“.
Nach KGW Nachberichte
Corruption, was ist das? Z.B. des natürl<ichen> kräftigenErratum:der natürliche kräftige
lies:des natürl<ichen> kräftigen
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Mensch der in die Städte kommt. Z.B. der französ<ischen> AristokratenErratum:französische Aristokrat
lies:französ<ischen> Aristokraten
Nach KGW Nachberichte
, vor der französischen Revolution.


Zum Capitel „Mann und Weib“.

Der Sieg des MannesErratum:Manns
lies:Mannes
Nach KGW Nachberichte
über das Weib, überall wo die Cultur anhebt.
NB. magister liberalium artium et hilaritatum.
NB. ich habe irgend etwas bei den Hörnern gepackt — nur zweifle ich, ob es gerade ein Stier war —Erratum:war.
lies:war —
Nach KGW Nachberichte

2[67]

„Ich“ „Subjekt“ als Horizont-Linie. Umkehrung des PerspektivischenErratum:perspektivischen
lies:Perspektivischen
Nach KGW Nachberichte
Blicks.

2[68]

AmErratum:Am
lies:Am
Nach KGW Nachberichte
Leitfaden des Leibes. Das sich theilende Protoplasma.Erratum:Protoplasma
lies:Protoplasma.
Nach KGW Nachberichte
1/2 + 1/2 nicht = 1, sondern = 2. <Damit> wird der Glaube an die Seelen-Monas hinfällig.
Selbst ErhaltungErratum:Selbsterhaltung
lies:Selbst Erhaltung
Nach KGW Nachberichte
nur als eine der Folgen der Selbsterweiterung. seinesErratum:Und
lies:seines
Nach KGW Nachberichte
„Selbst“?

2[69]

Die mechanische Kraft ist uns nur als ein Widerstandsgefühl bekannt: und dieses wird mit Druck und Stoß nur sinnfällig ausgelegt, nicht erklärt.

Welcher Art ist der Zwang, den eine stärkere Seele auf eine schwächere ausübt? — Und es wäre möglich, daß der anscheinende „Ungehorsam“ gegen die höhere Seele im Nicht-verstehen-ihres-Willens beruhte.Erratum:beruhte,
lies:beruhte.
Nach KGW Nachberichte
z.B. ein Fels läßt sich nicht kommandiren. AberErratum:Aber —
lies:Aber
Nach KGW Nachberichte
es bedarf eben einer langsamen Grad- und Rangverschiedenheit: nur die Nächst-verwandtenErratum:Nächstverwandten
lies:Nächst-verwandten
Nach KGW Nachberichte
können sich verstehen und folglich kann es hier Gehorsam geben.

Ob es möglich, alle Bewegungen als Zeichen eines seelischen Geschehens zu fassen? Naturwissenschaft als eine Symptomatologie —

Es ist vielleicht falsch, weil die Lebens-Gebilde sehr klein sind (Zellen z.B.) nun nach noch kleineren Einheiten, „Kraft-Punkten“ usw. zu suchen?

Das Vorstadium der Herrschafts-GebildeErratum:Herrschafts-Gebilde.
lies:Herrschafts-Gebilde
Nach KGW Nachberichte

Hingebung an die Person (Vater, Vorfahr, Fürst, Priester, Gott) als Erleichterung der Moral.

2[70]

Jenseits von Gut und Böse

— 

Problem des Gesetzgebers.

Am Leitfaden des Leibes. Mechanismus und Leben.

Der Wille zur Macht.

— 

Auslegung, nicht Erkenntniß. Zur Methoden-Lehre.

Die ewige Wiederkunft.

— 

Der Künstler. Cultur und deren Unterbau.

— 

Wir Gottlosen.

— 

Musik und Cultur.

— 

Von großer und kleiner Politik.

„Mysterium“.

— 

Die Guten und Gerechten.

Die Gelobenden.

— 

Zur Geschichte des Pessimismus.

— 

Erziehung.

2[71]

Zum „Zarathustra“Erratum:„Zarathustra“.
lies:„Zarathustra“
Nach KGW Nachberichte


Calina: braunroth, alles zu scharf in der Nähe. Höchster SommerErratum:Höchste Sonne
lies:Höchster Sommer
Nach KGW Nachberichte
. GespenstischErratum:Gespenstisch.
lies:Gespenstisch
Nach KGW Nachberichte


Sipo Matador.


Und wer sagt es, daß wir dies nicht wollen? Welche Musik und Verführung! Da ist nichts, das nicht vergiftete, verlockte, annagte, umwürfe, umwerthete!


Der entscheidende Moment:


Die Rangordnung. 

1) 

Zerbrecht die Guten und Gerechten!

2)


Die ewige Wiederkunft.


Mittag und Ewigkeit.
Buch des Wahrsagers.

2[72]

Mittag und Ewigkeit.
Von
F. N.


Das Todtenfest. Zarathustra findet ein ungeheures Fest vor:


II 

Die neue Rangordnung:Erratum:Rangordnung.
lies:Rangordnung:
Nach KGW Nachberichte


III 

Von den Herrn der Erde.


IV 

Vom Ring der Wiederkunft.


2[73]

Die Titel von 10 neuen Büchern: (Frühling 1886.Erratum:1886
lies:1886.
Nach KGW Nachberichte
)


Gedanken über die alten Griechen.
Von
Friedrich Nietzsche.


Inwiefern im Werden Alles entartet und unnatürlich wird. Die Entartung der Renaissance — der Philologie

Beispiel für die unmoralischen Grundbedingungen einer höheren Cultur, einer Erhöhung des Menschen.


Der Wille zur Macht.
Versuch einer
neuen Welt-Auslegung.


Die Künstler.
Hintergedanken eines PsychologenErratum:Psychologen.
lies:Psychologen
Nach KGW Nachberichte

Von
Friedrich Nietzsche.


Wir Gottlosen
Von
Friedrich Nietzsche


Mittag und Ewigkeit.
Von
Friedrich Nietzsche


Jenseits von Gut und Böse.
Vorspiel einer Philosophie der Zukunft.
Von
Friedrich Nietzsche.


Gai saber.
Lieder des Prinzen Vogelfrei.
Von Friedrich Nietzsche.


Musik.
Von Friedrich NietzscheErratum:Nietzsche.
lies:Nietzsche
Nach KGW Nachberichte


Erfahrungen eines Schriftgelehrten.
Von
Friedrich Nietzsche.


Zur Geschichte der modernen
Verdüsterung.
Von
Friedrich Nietzsche.

2[74]

Der Wille zur Macht.

1. 

Physiologie der Rangordnung.

2.

Der große Mittag.

3.

Zucht und Züchtung.

4.

Die ewige Wiederkunft.

2[75]

Die ewige Wiederkunft. Buch neuer Feste und Wahrsagungen.


Die ewige Wiederkunft.Erratum:Wiederkunft
lies:Wiederkunft.
Nach KGW Nachberichte

Heilige Tänze und Gelöbnisse.


Mittag und Ewigkeit.

Heilige Tänze der Wiederkünftigen.

2[76]

(28)

Von der Rangordnung:

Zu I. Zur Physiologie der Macht.

Die Aristokratie im Leibe, die Mehrheit der Herrschenden (Kampf der Gewebe?

Die Sklaverei und die Arbeitstheilung: der höhere Typus nur möglich durch Herunterdrückung eines niederen auf eine Funktion

Lust und Schmerz kein Gegensatz. Das Gefühl der Macht.

Ernährung nur eine Consequenz der unersättlichen Aneignung, des Willens zur Macht.

Die Zeugung, der Zerfall eintretend bei der Ohnmacht der herrschenden Zellen das Angeeignete zu organisiren.

Die gestaltende Kraft ist es, die immer neuen „Stoff“ (noch mehr „Kraft“) vorräthig haben will. Das Meisterstück des Aufbaues eines Organismus aus dem Ei.

„Mechanistische Auffassung“: will nichts als Quantitäten: aber die Kraft steckt in der Qualität: die Mechanistik kann also nur Vorgänge beschreiben, nicht erklären.

Der „Zweck“. Auszugehn von der „Sagacität“ der Pflanzen.

Begriff der „Vervollkommnung“: nicht nur größere Complicirtheit, sondern größere Macht (— braucht nicht nur größere Masse zu sein —)Erratum:sein —).
lies:sein —)
Nach KGW Nachberichte

Schluß auf die Entwicklung der Menschheit: die Vervollkommnung besteht in der Hervorbringung der mächtigsten Individuen, zu deren Werkzeug die größte Menge gemacht wird (und zwar als intelligentestes und beweglichstes Werkzeug)

Die Künstler als die kleinen Gestaltenden. Die Pedanterie der „Erzieher“ dagegen

Die Strafe: Aufrecht-Erhaltung eines höheren Typus.

Die Isolation.

Falsche Lehren aus der Geschichte. Weil etwas Hohes mißrieth oder mißbraucht wurde (wie die Aristokratie) ist es nicht widerlegt!

2[77]

Der Anschein des Leeren und Vollen, des Festen und Lockeren, des Ruhenden und Bewegten und des Gleichen und Ungleichen.

(der absolute Raum 

(die Substanz)

der ältesteErratum:älteste
lies:älteste
Nach KGW Nachberichte
Anschein ist zur Metaphysik gemacht.

—: es sind die menschlich-thierischen Sicherheits-Werthmaaße darin.

Unsere Begriffe sind von unserer Bedürftigkeit inspirirt.

Die Aufstellung der Gegensätze entspricht der Trägheit (eine Unterscheidung, die zur Nahrung, Sicherheit usw. genügt, gilt als „wahr“)

— simplexErratum:simplex
lies:— simplex
Nach KGW Nachberichte
veritas! — Gedanke der Trägheit.

Unsere Werthe sind in die Dinge hineininterpretirt.

Giebt es denn einen Sinn im An-sich??

Ist nicht nothwendig Sinn aberErratum:eben
lies:aber
Nach KGW Nachberichte
Beziehungs-sinn und Perspektive?

Aller Sinn ist Wille zur Macht (alle Beziehungs-Sinne lassen sich in ihn auflösen).

Ein Ding = seine Eigenschaften =Erratum:Eigenschaften:
lies:Eigenschaften =
Nach KGW Nachberichte
diese aber gleich allem, was uns an diesem DingeErratum:Ding
lies:Dinge
Nach KGW Nachberichte
angeht: eine Einheit, unter derErratum:die
lies:der
Nach KGW Nachberichte
wir die für uns in Betracht kommenden Relationen zusammenfassen. Im Grunde die an uns wahrgenommenen Veränderungen (— ausgelassen die, welche wir nicht wahrnehmen z.B. seine Elektrizität). In summa: Objekt ist die Summe der erfahrenen Hemmungen, die uns bewußt geworden sind. Eine Eigenschaft drückt also immerErratum:nie
lies:immer
Nach KGW Nachberichte
etwas von „nützlich“ oder „schädlich“ für uns aus. Die Farben z.B. — jede entspricht einem Lust- oder Unlustgrade und jeder Lust- und Unlustgrad ist das Resultat von Schätzungen über „nützlich“ undErratum:oder
lies:und
Nach KGW Nachberichte
„unnützlich“. — Ekel.

2[78]

Themata.


Ausdeutung, nicht Erklärung.

Reduktion der logischen Werthurtheile auf moralische und politische (Werth der Sicherheit, der Ruhe, der Faulheit („kleinste Kraft“) usw.

Das Problem des Künstlers, seine Moralität (Lüge, Schamlosigkeit, Erfindungsgabe für das ihm Fehlende).

Die Verleumdung der unmoralischen Triebe: in Consequenz betrachtet eine Verneinung des Lebens.

Das Unbedingte und woher die idealen Züge stammen, die man ihm beimißt.

Die Strafe als Züchtungsmittel.

Gravitation mehrfach ausdeutbar: wie alles angeblich „Faktische“.

Das Prädikat drückt eine Wirkung aus, die auf uns hervorgebracht ist (oder werden könnte) nicht das Wirken an sich; die Summe der Prädikate wird in Ein Wort zusammengefaßt. Irrthum, daß das Subjekt causa sei. — Mythologie des Subjekt-Begriffs. (der „Blitz“ leuchtet — Verdoppelung — die Wirkung verdinglicht.

Mythologie des Causalitäts-Begriffs. Trennung von „Wirken“ und „Wirkendem“ grundfalsch. Der Schein des Unverändert-Bleibenden, nach wie vor — —

Unsere europäische Cultur — worauf sie drängt, im Gegensatz zur buddhistischen Lösung in Asien?Erratum:Asien? —
lies:Asien?
Nach KGW Nachberichte

Religion, wesentlich Lehre der Rangordnung, sogar Versuch einer kosmischen Rang- und Machtordnung.

Schwäche

Lüge, Verstellung

Dummheit

Herrschsucht

Neugierde

Habsucht

Grausamkeit

 
 
 
 
 

in wiefernErratum:in wiefern
lies:in wiefern
Nach KGW Nachberichte
idealisirend?

2[79]

Meine Schriften sind sehr gut vertheidigt: wer zu ihnen greift und sich dabei vergreift als Einer, der kein Recht auf solche Bücher hat — der macht sich sofort lächerlich —, ein kleiner Anfall von Wuth treibt ihn, sein Innerstes und Lächerlichstes auszuschütten: und wer wüßte nicht, was da immer herauskommt! Litteratur-Weiberchen, wie sie zu sein pflegen, mit krankhaften Geschlechtsorganen und mit Tintenklexen auf den Fingern —

Die Unfähigkeit, das Neue und Originale zu sehen: die plumpen Finger, die eine Nuance nicht zu fassen wissen, der steife Ernst, der über ein Wort stolpert und zu Falle kommt: die Kurzsichtigkeit, welche vor dem ungeheuren Reiche ferner Landschaften bis zur Blindheit sich steigert

Habe ich mich je über mein Schicksal beklagt, zu wenig gelesen, so schlecht verstanden zu sein? Aber für wie Viele darf denn überhaupt etwas Außerordentliches geschaffen werden! — Meint ihr denn, daß Gott die Welt um der Menschen willen geschaffen hat?

2[80]

Zur Einleitung.

Die düstere Einsamkeit und Oede der campagna Romana, die Geduld im UngewissenErratum:Ungewissen.
lies:Ungewissen
Nach KGW Nachberichte

Jedes Buch als eine Eroberung, Griff — tempo lento — — bis zum Ende dramatisch geschürzt, zuletzt Katastrophe und plötzliche ErlösungErratum:Erlösung
lies:Erlösung
Nach KGW Nachberichte
.

2[81]

(15)

Es ist nur eine Sache der Kraft: alle krankhaften Züge des Jahrhunderts haben, aber ausgleichen in einer überreichen plastischen wiederherstellendenErratum:eine überreiche plastische wiederherstellende
lies:einer überreichen plastischen wiederherstellenden
Nach KGW Nachberichte
Kraft. Der starke Mensch: Schilderung

2[82]

Jenseits von Gut und Böse.
Zweiter und letzter Theil


Vorrede.

Auslegung, nicht Erklärung. Es giebt keinen Thatbestand, alles ist flüssig, unfaßbar, zurückweichend; das Dauerhafteste sind noch unsere Meinungen. Sinn-HineinlegenErratum:Sinn-hineinlegen
lies:Sinn-Hineinlegen
Nach KGW Nachberichte
— in den meisten Fällen eine neue Auslegung über eine alte unverständlich gewordene Auslegung, die jetzt selbst nur Zeichen ist.


Zur Physiologie der Macht. Eine Betrachtung, bei der der Mensch seine stärksten Triebe und seine Ideale (und sein gutes Gewissen) als identisch fühlt.

Wir Gottlosen.

Was sind Künstler?

Recht und Gesetzgebung.

Zur Geschichte der modernen Verdüsterung.

Die Schauspielerei.

Von den Guten und Gerechten.

Rang und Rangordnung.

An den Mistral. Ein Tanzlied.

Jenseits von Gut und Böse als Auf-hellungErratum:Aufhellung
lies:Auf-hellung
Nach KGW Nachberichte
für Einige als tiefste Verdüsterung für Viele.


Zur Geschichte der modernen Verdüsterung.

Psychologie des Künstlers.

Von der Schauspielerei.

Das Problem des Gesetzgebers.

Die Gefahr in der Musik.

Auslegung, nicht Erkenntniß.

Die Guten und Gerechten.

Von großer und kleiner Politik.Erratum:Politik —
lies:Politik.
Nach KGW Nachberichte

Wir Gottlosen.

An den Mistral. Tanzlied.

In 30 Seiten.

2 Bogen.       


(Vorrede: das Gemeinsame meiner Schriften)

Auslegung, nicht Erklärung.

Zur Physiologie der Macht.

Von der SchauspielereiErratum:Schauspielerei.
lies:Schauspielerei
Nach KGW Nachberichte

Zur Geschichte der modernen VerdüsterungErratum:Verdüsterung.
lies:Verdüsterung
Nach KGW Nachberichte

Wir Gottlosen.

Die Guten und Gerechten.

Von der Rangordnung.

Recht und Gesetzgebung.

KünstlerErratum:Künstler.
lies:Künstler
Nach KGW Nachberichte

2[83]

(7)

Der Mensch glaubt sich als Ursache, als Thäter —

alles, was geschieht, verhält sich prädikativ zu irgend welchem Subjekte

In jedem Urtheile steckt der ganze volle tiefe Glauben an Subjekt und Prädikat oder an Ursache und Wirkung; und dieser letztereErratum:letzte
lies:letztere
Nach KGW Nachberichte
Glaube (nämlich als die Behauptung daß jede Wirkung Thätigkeit sei und daß jede Thätigkeit einen Thäter voraussetze) ist sogar nurErratum:sogar
lies:sogar nur
Nach KGW Nachberichte
ein Einzelfall des ersteren, so daß der Glaube als Grundglaube übrig bleibt: es giebt Subjekte

Ich bemerke etwas und suche nach einem Grund dafür: das heißt ursprünglich: ich suche nach einer Absicht darin und vor allem nach einem der AbsichtenErratum:Absicht
lies:Absichten
Nach KGW Nachberichte
hat, nach einem Subjekt, einem Thäter: — ehemals sah man in allem Geschehen Absichten, alles Geschehen war Thun. Dies ist unsere älteste Gewohnheit. Hat das Thier sie auch? Ist es, als Lebendiges, nicht auch auf die Interpretation nach sich angewiesen? — Die Frage „warum?“ ist immer die Frage nach der causa finalis, nach einem „Wozu?“ Von einem „Sinn der causa efficiens“ haben wir nichts: hier hat Hume Recht, die Gewohnheit (aber nicht nur die des Individuums!) läßt uns erwarten, daß ein gewisser oft beobachteter Vorgang auf den andern folgt: weiter nichts! Was uns die außerordentliche Festigkeit des Glaubens an Causalität giebt, ist nicht die große Gewohnheit des HintereinanderErratum:Hintereinanders
lies:Hintereinander
Nach KGW Nachberichte
von Vorgängen, sondern unsere Unfähigkeit, ein Geschehen anders interpretiren zu können alsErratum:denn als
lies:als
Nach KGW Nachberichte
ein Geschehen aus Absichten. Es ist der Glaube an das Lebendige und Denkende als das einzig Wirkende — an den Willen, die Absicht — daß alles Geschehn ein Thun sei, daß alles Thun einen Thäter voraussetze, es ist der Glaube an das „Subjekt“. Sollte dieser Glaube an den Subjekt- und Prädikat-Begriff nicht eine große D<ummheit> sein?

Frage: ist die Absicht Ursache eines Geschehens? Oder ist auch das Illusion? Ist sie nicht das Geschehen selbst?


„Anziehen“ und „Abstoßen“ imErratum:in
lies:im
Nach KGW Nachberichte
rein mechanischenErratum:mechanischem
lies:mechanischen
Nach KGW Nachberichte
Sinne ist eine vollständige Fiktion: ein Wort. Wir können uns ohne eine Absicht ein Anziehen nicht denken: dh. ohne eine AbsichtErratum:denken
lies:denken: dh. ohne eine Absicht
Nach KGW Nachberichte
. — Den Willen sich einer Sache zu bemächtigen oder gegen ihre Macht unsErratum:sich
lies:uns
Nach KGW Nachberichte
zu wehren und sie zurückzustoßen — das „verstehen wir“: das wäre eine Interpretation, die wir brauchen könnten.

Kurz: die psychologische Nöthigung anErratum:zu
lies:an
Nach KGW Nachberichte
einem Glauben an Causalität liegt in der UnvorstellbarkeitErratum:Unvorstellbarkeit
lies:Unvorstellbarkeit
Nach KGW Nachberichte
eines Geschehens ohne Absichten: womit natürlich über Wahrheit oder Unwahrheit (Berechtigung eines solchen Glaubens) nichts gesagt ist. Der Glaube an causae fällt mit dem Glauben an τέλη (gegen Spinoza und dessen Causalismus).

2[84]

(30)

Das Urtheilen ist unser ältester Glaube, unser gewohntestes für-Wahr- oder für-Unwahrhalten

Im Urtheile liegt unser ältester Glaube vor, in allem Urtheilen giebt es ein Fürwahrhalten oder für Unwahrhalten, ein Behaupten oder Leugnen, eine Gewißheit, daß etwas so und nicht anders ist, ein Glaube, hier wirklich „erkannt“ zu haben — was wird in allemErratum:allen
lies:allem
Nach KGW Nachberichte
Urtheilen als wahr geglaubt?

Was sind Prädikate? — Wir haben Veränderungen an uns nicht als solche genommen, sondern als ein „an sichErratum:an-sich
lies:an sich
Nach KGW Nachberichte
“, das uns fremd ist, das wir nur „wahrnehmen“: und wir haben sie nicht als ein Geschehen, sondern als ein Sein gesetzt, als „Eigenschaft“ — und ein Wesen hinzuerfunden, an dem sie haften.Erratum:haften,
lies:haften.
Nach KGW Nachberichte
d.h. wir haben die Wirkung als Wirkendes angesetzt und das Wirkende alsErratum:als
lies:als
Nach KGW Nachberichte
Seiendes. Aber auch noch in dieser Formulirung ist der Begriff „Wirkung“ willkürlich: denn von jenen Veränderungen, die an uns vorgehen und von denen wir bestimmt glauben, nicht selbst die Ursachen zu sein, schließen wir nur, daß sie Wirkungen sein müssen: nach dem Schluß: „zu jeder Veränderung gehört ein Urheber;“Erratum:Urheber“.
lies:Urheber;“
Nach KGW Nachberichte
— Aber dieser Schluß ist schon Mythologie: er trennt das Wirkende und das Wirken. Wenn ich sage „der Blitz leuchtet“, so habe ich das Leuchten einmal als Thätigkeit und das andere Mal als Subjekt gesetzt: also zum Geschehen ein Sein supponirt, welches mit dem Geschehen nicht eins ist, vielmehr bleibt, ist, und nicht „wird“. — Das Geschehen als Wirken anzusetzen: und die Wirkung als Sein: diesErratum:das
lies:dies
Nach KGW Nachberichte
ist der doppelte Irrthum, oder Interpretation, deren wir uns schuldig machen. Also z.B. „der Blitz leuchtet“ —: „leuchten“ ist ein Zustand an uns:Erratum:an uns;
lies:an uns:
Nach KGW Nachberichte
aber wir nehmen ihn nicht als Wirkung auf uns, und sagen: „etwas Leuchtendes“ als ein „An sichErratum:An-sich
lies:An sich
Nach KGW Nachberichte
“ und suchen dazu einen Urheber, den „Blitz“.

2[85]

(32)

Die Eigenschaften eines Dings sind Wirkungen auf andere „Dinge“: denkt man andere „Dinge“ weg, so hat ein Ding keine Eigenschaften d.h. es giebt kein Ding ohne andere Dinge d.h. es giebt kein „Ding an sich“.

2[86]

(30)

Was kann allein Erkenntniß sein? — „Auslegung“, nicht „Erklärung“.

2[87]

(32)

Alle Einheit ist nur als Organisation und Zusammenspiel Einheit: nicht anders als wie ein menschliches Gemeinwesen eine Einheit ist: also Gegensatz der atomistischen Anarchie; somit ein Herrschafts-Gebilde, das Eins bedeutet, aber nicht eins ist.


Man müßte wissen, was Sein ist, um zu entscheiden, ob dies und jenes real ist (z.B. „die Thatsachen des Bewußtseins“)Erratum:Bewußtseins)“
lies:Bewußtseins“)
Nach KGW Nachberichte
; ebenso was Gewißheit ist, was Erkenntniß ist und dergleichen. — Da wir das aber nicht wissen, so ist eine Kritik des Erkenntnißvermögens unsinnig: wie sollte das Werkzeug sich selber kritisiren können, wenn es eben nur sich zur Kritik gebrauchen kann? Es kann nicht einmal sich selbst definiren!

WennErratum:wenn
lies:Wenn
Nach KGW Nachberichte
alle Einheit nur als Organisation Einheit ist? aber das „Ding“ an das wir glauben, ist nur als Ferment zu verschiedenen Prädikaten hinzuerfunden. Wenn das Ding „wirkt“, so heißt das: wir fassen alle übrigen Eigenschaften, die sonst noch hier vorhanden sind und momentan latent sind, als Ursache, daß jetzt eine einzelne Eigenschaft hervortritt: d.h. wir nehmen die Summe seiner Eigenschaften — x als Ursache der Eigenschaft x: was doch ganz dumm und verrückt ist!

„Das Subjekt“ oder das „Ding“

2[88]

(33)

Eine Kraft, die wir uns nicht vorstellen können (wie die sogenannte rein mechanische Anziehungs- und Abstoßungskraft) ist ein leeres Wort und darf kein Bürgerrecht in der Wissenschaft haben: welche uns die Welt vorstellbar machen will, nichts weiter!


Alles Geschehen aus Absichten ist reduzirbar auf die Absicht der Mehrung von Macht.

2[89]

Illusion, daß etwas erkannt sei, wo wir eine mathematische Formel für das Geschehen haben: es ist nur bezeichnet, beschrieben: nichts mehr!

2[90]

(31)

Gleichheit 

und Ähnlichkeit. 1) das gröbere Organ sieht viele scheinbare Gleichheit

                           2) der Geist will Gleichheit d.h. einen Sinneneindruck subsumiren unter eine vorhandene Reihe: ebenso wie erErratum:der Körper
lies:er
Nach KGW Nachberichte
Unorganisches sich assimilirt.

Zum Verständniß der Logik::: der Wille zur

Gleichheit ist der Wille zur Macht.

— der GlaubeErratum:Glaube
lies:Glaube
Nach KGW Nachberichte
, daß etwas so und so sei, das Wesen des Urtheils, ist die Folge eines Willens, es soll so viel als möglich gleich sein.

2[91]

(30)

Wenn unser „Ich“ uns das einzige Sein ist, nach dem wir Alles sein machen oder verstehen: sehr gut! dann ist der Zweifel sehr am Platze ob hier nicht eine perspektivische Illusion vorliegt — die scheinbare Einheit, in der wie in einer Horizontlinie alles sich zusammenschließt. Am Leitfaden des Leibes zeigt sich eine ungeheure Vielfachheit; es ist methodisch erlaubt, das besser studirbare reichere Phänomen zum Leitfaden für das Verständniß des ärmeren zu benutzen. Endlich: gesetzt alles ist Werden, so ist Erkenntniß nur möglich auf Grund des Glaubens an Sein.

2[92]

Die Sinneswahrnehmungen nach „außen“ projicirt: „innen“ und „außen“ — da kommandirt der Leib —?

— dieselbe gleichmachende und ordnende Kraft, welche im Idioplasma waltet, waltet auch beim Einverleiben der Außenwelt: unsere Sinneswahrnehmungen sind bereits das Resultat dieser Anähnlichung und Gleichsetzung in Bezug auf alle Vergangenheit in uns; sie folgen nicht sofort auf den „Eindruck“ —

2[93]

(34)

Inwiefern die Dialektik und der Glaube an die Vernunft noch auf moralischen Vorurtheilen ruht. Bei Plato sind wir als einstmalige Bewohner einer intelligibelen Welt des Guten noch im Besitz eines Vermächtnisses jener Zeit: die göttliche Dialektik, als aus dem Guten stammend, führt zu allem Guten.Erratum:allem Guten
lies:allem Guten.
Nach KGW Nachberichte
(— also gleichsam „zurück“ —) Auch Descartes hatte einen Begriff davon, daß in einer christlich-moralischen Grunddenkweise, welche an einen guten Gott als Schöpfer der Dinge glaubt, die Wahrhaftigkeit Gottes erst uns unsre Sinnesurtheile verbürgt. Abseits von einer religiösen Sanktion und Verbürgung unsrer Sinne und Vernünftigkeit — woher sollten wir ein Recht auf Vertrauen gegen das Dasein haben! Daß das Denken gar ein Maaß des Wirklichen sei, — daß was nicht gedacht werden kann, nicht ist, — ist ein plumpes non plus ultra einer moralistischen Vertrauens-seligkeit (auf ein essentielles Wahrheits-Princip im Grund der Dinge), an sich eine tolle Behauptung, der unsre Erfahrung in jedem AugenblickErratum:Augenblicke
lies:Augenblick
Nach KGW Nachberichte
widerspricht. Wir können gerade gar nichts denken, in wiefern es ist

2[94]

Wir können schlecht genug die Entstehung eines Qualität’s UrtheilsErratum:Qualitäts-Urtheiles
lies:Qualität’s Urtheils
Nach KGW Nachberichte
beobachten

Reduktion der Qualitäten auf Werthurtheile.

2[95]

Unsere Wahrnehmungen, wie wir sie verstehen: d.i. die Summe aller der Wahrnehmungen, deren Bewußtwerden uns und dem ganzen organischen Prozesse vor uns nützlich und wesentlich war: also nicht alle Wahrnehmungen überhaupt (z.B. nicht die elektrischen) Das heißt: wir haben Sinne nur für eine Auswahl von Wahrnehmungen — solcher, an denen uns gelegen sein muß, um uns zu erhalten. Bewußtsein ist so weit da, als Bewußtsein nützlich ist. Es ist kein Zweifel, daß alle Sinneswahrnehmungen gänzlich durchsetzt sind mit Werthurtheilen (nützlich schädlich — folglich angenehm oder unangenehm) Die einzelne Farbe drückt zugleich einen Werth für uns aus (obwohl wir es uns selten oder erst nach langem ausschließlichem Einwirken derselben Farbe (z.B. Gefangene im Gefängniß oder Irre) eingestehn) Deshalb reagiren Insekten auf verschiedene Farben anders: einige lieben sie z.B. Ameisen.

2[96]

Ironie gegen die, welche das Christenthum durch die modernen Naturwissenschaften überwunden glauben. Die christlichen Werthurtheile sind damit absolut nicht überwunden. „Christus am Kreuze“ ist das erhabenste Symbol — immer noch. —

2[97]

Gesundheit und Krankhaftigkeit: man sei vorsichtig! Der Maaßstab bleibt die Efflorescenz des Leibes, die Sprungkraft, Muth und Lustigkeit des Geistes — aber, natürlich auch, wie viel von Krankhaftem erErratum:er
lies:er
Nach KGW Nachberichte
auf sich nehmen u<nd>Erratum:und
lies:u<nd>
Nach KGW Nachberichte
überwinden kann — gesund machen kann. Das, woran die zarteren Menschen zu Grunde gehen würden, gehört zu den Stimulanz-Mitteln der großen Gesundheit.

2[98]

(35)

Armut, Demuth und Keuschheit — gefährliche und verleumderische Ideale, aber, wie Gifte, in gewissen Krankheitsfällen, nützliche Heilmittel z.B. in der römischen Kaiserzeit.

Alle Ideale sind gefährlich, weil sie das Thatsächliche erniedrigen und brandmarken, alle sind Gifte, aber als zeitweilige Heilmittel unentbehrlich

2[99]

Wie hat sich der gesammteErratum:gesamte
lies:gesammte
Nach KGW Nachberichte
organische Prozeß verhalten gegen die übrige Natur? — Da enthüllt sich sein Grundwille.

2[100]

Der Wille zur Macht.
Versuch
einer Umwerthung aller Werthe.
In vier Büchern.


Erstes Buch:

die

Gefahr der Gefahren (Darstellung des Nihilismus) (als derErratum:als der
lies:als der
Nach KGW Nachberichte
nothwendigen Consequenz der bisherigen Werthschätzungen)


Zweites Buch: 

Kritik der Werthe (der Logik usw.


Drittes Buch:

das 

Problem des Gesetzgebers (darin die Geschichte der Einsamkeit) Wie müssen Menschen beschaffen sein, die umgekehrt werthschätzen? —Erratum:werthschätzen?
lies:werthschätzen? —
Nach KGW Nachberichte
Menschen, die alleErratum:alle
lies:alle
Nach KGW Nachberichte
Eigenschaften der modernen Seele haben, aber stark genug sind, sie in lauter Gesundheit umzuwandeln.


Viertes Buch:

der

Hammer

ihr Mittel zu ihrer Aufgabe. —Erratum:Aufgabe
lies:Aufgabe. —
Nach KGW Nachberichte


Sils-Maria, Sommer 1886


Ungeheure Gewalten sind entfesselt:Erratum:entfesselt;
lies:entfesselt:
Nach KGW Nachberichte
aber sich widersprechend

die entfesselten Kräfte sich gegenseitig vernichtend

die entfesselten Kräfte neu zu binden, daß sie sich nicht gegenseitig vernichten und

Augen aufmachen für die wirkliche Vermehrung an Kraft!

Überall die Disharmonie aufzuzeigen, zwischen dem Ideal und seinen einzelnen Bedingungen (z.B. Redlichkeit bei Christen, welche fortwährend zur Lüge gezwungen sind)


Zu Buch 2.


Im demokratischen Gemeinwesen, wo Jedermann Spezialist ist, fehlt das Wozu? FürErratum:für
lies:Für
Nach KGW Nachberichte
Wen? der Stand, in dem alle die tausendfältige Verkümmerung aller Einzelnen (zu Funktionen) Sinn bekommt.

Die Entwicklung 

der Sinnlichkeit

der Grausamkeit

der Rache

der Narrheit

der Habsucht

der Herrschsucht 

usw.

 
 
 
 
 

zur Summe
der Cultur

Über

Die Gefahr in allen bisherigen Idealen

Kritik der indischen und chinesischen Denkweise, ebenso der christlichen (als Vorbereitungen zu einer nihilistischen —)

Die Gefahr der Gefahren: Alles hat keinen Sinn.

(2)

Der Hammer: eine Lehre, welche durch Entfesselung des todsüchtigsten Pessimismus eine Auslese der Lebensfähigsten bewirkt

2[101]

Der Rückschluß vom Werk auf den Schöpfer: die furchtbare Frage, ob die Fülle oder die Entbehrung, der Wahnsinn des Entbehrens zum Schaffen drängt: der plötzliche Blick dafür, daß jedes romantische Ideal eine Selbstflucht, eine Selbst-Verachtung und Selbst-Verurtheilung dessen ist, der es erfindet.

Es ist zuletzt eine SacheErratum:Frage
lies:Sache
Nach KGW Nachberichte
der Kraft: diese ganze romantische Kunst könnte von einem Überreichen und willensmächtigen Künstler ganz ins Antiromantische — oderErratum:oder —
lies:— oder
Nach KGW Nachberichte
um meine Formel zu brauchen — ins Dionysische umgebogen werden, ebenso wie jede Art Pessimismus und Nihilismus in der Hand des Stärksten nur ein Hammer und Werkzeug mehr wird, mit dem man sich ein neues Paar Flügel zulegtErratum:zusetzt
lies:zulegt
Nach KGW Nachberichte
.

Ich erkannte mit EinemErratum:einem
lies:Einem
Nach KGW Nachberichte
Blick, daß Wagner zwar sein Ziel erreicht, aber nur so wie Napoleon sein Moskau erreicht hatte — an jeder Etappe war so viel verloren, unersetzbar verloren, daß gerade am Ende des ganzen Aufmarsches und scheinbar im Augenblick des Siegs das Schicksal schon entschieden war. Verhängnißvoll die Verse Brünhildes — soErratum:Brünnhildes. So
lies:Brünhildes — so
Nach KGW Nachberichte
kam Napoleon nach Moskau (R. Wagner nach Bayreuth —)

Sich mit keinen krankhaften und von vornherein besiegten Mächten verbünden —

Hätte ich mir selber mehr getraut: mir hat die Wagner<sche> Unfähigkeit zu gehn (noch mehr zu tanzen — und ohne Tanz giebt es für mich keine Erholung und Seligkeit) immer Noth gemacht.

Das Verlangen nach vollständigen Passionen ist verrätherisch: wer ihrer fähig ist, verlangt den Zauber des Gegentheils d.h. der Skepsis. Die von Grund aus Gläubigen haben ihre gelegentliche Wohlthat und Erholung in der Scepsis.


Wagner von den Entzückungen redend, die er dem christlichen Abendmahle abzugewinnen wisse: diesErratum:das
lies:dies
Nach KGW Nachberichte
entschied bei mir, er galt mir als besiegt. — Es kam hinzu, daß ein Mißtrauen bei mir erwachte, ob er nicht für nützlichErratum:möglich
lies:nützlich
Nach KGW Nachberichte
hielte zum Zweck seiner neuen Einbürgerung in Deutschland etwas den Christen und Neubekehrten zu spielen: dies Mißtrauen schadete ihm noch mehr bei mir als der Verdruß, auf einen alt werdenden Romantiker Hoffnungen gesetzt zu haben, dessen Kniee schon müde genug zum Niederfallen vor dem Kreuze waren.

2[102]

Der Glaube an den Leib ist fundamentaler als der Glaube an die Seele: letzterer ist entstanden aus den Aporien der unwissenschaftlichen Betrachtung des Leibes (etwas, das ihn verläßt. Glaube an die Wahrheit des Traumes —)

2[103]

Mißtrauen gegen die Selbstbeobachtung. Daß ein Gedanke Ursache eines Gedankens ist, ist nicht festzustellen. Auf dem Tisch unseres Bewußtseins erscheint ein Hintereinander von Gedanken, wie als ob ein Gedanke die Ursache des Folgenden sei. Thatsächlich sehen wir den Kampf nicht, der sich unter dem Tische abspielt.Erratum:abspielt
lies:abspielt.
Nach KGW Nachberichte
— —

2[104]

Bei Plato als bei einem Menschen der überreizbaren Sinnlichkeit und Schwärmerei ist der Zauber des Begriffs so groß gewesen, daß er unwillkürlich den Begriff als eine Idealform verehrte und vergötterte. Dialektik-Trunkenheit, als das Bewußtsein, mit ihr eine Herrschaft über sich auszuüben — — als Werkzeug des Machtwillens.

2[105]

Druck und Stoß etwas unsäglich Spätes, Abgeleitetes, Unursprüngliches. Es setzt ja schon EtwasErratum:etwas
lies:Etwas
Nach KGW Nachberichte
voraus, das zusammenhält und drücken und stoßen kann! Aber woher hielte es zusammen?

2[106]

Die Bedeutung der deutschen Philosophie (Hegel): einen Pantheismus auszudenken, bei dem das Böse, der Irrthum und das Leid nicht als Argumente gegen Göttlichkeit empfunden werden. Diese grandiose Initiative ist mißbraucht worden von den vorhandenen Mächten (Staat usw.), als sei damit die Vernünftigkeit des gerade Herrschenden sanktionirt.


Schopenhauer erscheint dagegen als hartnäckiger Moral-Mensch, welcher endlich, um mit seiner moral<ischen> Schätzung Recht zu behalten, zum Welt-Verneiner wird. Endlich zum „Mystiker“.


Ich selbst habe eine ästhetische Rechtfertigung versucht: wie ist die Häßlichkeit der Welt möglich? — Ich nahm den Willen zur Schönheit, zum Verharren in gleichen Formen, als ein zeitweiliges Erhaltungs- und Heilmittel: fundamental aber schien mir das Ewig-Schaffende als das ewig-Zerstören-Müssende gebunden an den Schmerz. Das Häßliche ist die Betrachtungsform der Dinge, unter dem Willen, einen Sinn, einen neuen Sinn in das sinnlos Gewordene zu legen: die angehäufte Kraft, welche den Schaffenden zwingt, das Bisherige als unhaltbar, mißrathen, verneinungswürdig, als häßlich zu fühlen? —


Die Täuschung Apollos: die Ewigkeit der schönen Form; die aristokratische Gesetzgebung „so soll es immer seinErratum:sein
lies:sein
Nach KGW Nachberichte
!“

DionysosErratum:Dionysos
lies:Dionysos
Nach KGW Nachberichte
: Sinnlichkeit und Grausamkeit. Die Vergänglichkeit könnte ausgelegt werden als Genuß der zeugenden und zerstörenden Kraft, als beständige Schöpfung.

2[107]

NB. Die Religionen gehn an dem Glauben der Moral zu Grunde: der christlich-moralische Gott ist nicht haltbar: folglich „Atheismus“ — wie als ob es keine andere Art Götter geben könne.

Insgleichen geht die Cultur am Glauben an die Moral zu Grunde: denn wenn die nothwendigen Bedingungen entdeckt sind, aus denen allein sie wächst, so will man sie nicht mehr: Buddhismus.

2[108]

Daß der Werth der Welt in unserer Interpretation liegt (— daß vielleicht irgendwo noch andere Interpretationen möglich sind als bloß menschliche —) daß die bisherigen Interpretationen perspektivische Schätzungen sind, vermöge deren wir uns im Leben, das heißt im Willen zur Macht, zum Wachsthum der Macht erhalten, daß jede Erhöhung derErratum:Erhöhung des
lies:Erhöhung der
Nach KGW Nachberichte
Menschen die Überwindung engerer Interpretationen mit sich bringt, daß jede erreichte Verstärkung und Machterweiterung neue Perspektiven aufthut und an neue Horizonte glauben heißt — dies geht durch meine Schriften. Die Welt, die uns etwas angeht, ist falsch d.h. ist kein Thatbestand, sondern eine Ausdichtung und Rundung über einer mageren Summe von Beobachtungen; sie ist „im Flusse“, als etwas Werdendes, als eine sich immer neu verschiebende Falschheit, die sich niemals der Wahrheit nähert: denn — es giebt keine „Wahrheit“.

2[109]

Die „Sinnlosigkeit des Geschehens“: der Glaube daran ist die Folge einer Einsicht in die Falschheit der bisherigen Interpretationen, eine Verallgemeinerung der Muthlosigkeit und Schwäche — kein nothwendiger Glaube.

Unbescheidenheit des MenschenErratum:Menschen —
lies:Menschen
Nach KGW Nachberichte
: wo er den Sinn nicht sieht, ihn zu leugnen!

2[110]

Zur „Geburt der Tragödie“.

Das „Sein“ als die Erdichtung des am Werden Leidenden.

Ein Buch aus lauter Erlebnissen über ästhetische Lust- und Unlustzustände aufgebaut, mit einer Artisten-Metaphysik im Hintergrunde. Zugleich ein Romantiker-Bekenntniß, endlich ein Jugend-Werk voller Jugend-Muth und Melancholie. Der Leidendste verlangt am tiefsten nach Schönheit — er erzeugt sie.

Psychologische Grunderfahrungen: mit dem Namen „apollinisch— wird bezeichnet das entzückte Verharren vor einer erdichteten und erträumten Welt, vor der Welt des schönen Scheins als einer Erlösung vom Werden: auf den Namen des Dionysos ist getauft, andererseits, das Werden aktiv gefaßt, subjektiv nachgefühlt, aus wüthenderErratum:als wüthende
lies:aus wüthender
Nach KGW Nachberichte
Wollust des Schaffenden, der zugleich den Ingrimm des Zerstörenden kennt. Antagonismus dieser beiden Erfahrungen und der ihnen zu Grunde liegenden Begierden: die erstere will die Erscheinung ewig, vor ihr wird der Mensch stille, wunschlos, meeresglatt, geheilt, einverstanden mit sich und allem Dasein: die zweite Begierde drängt zum Werden, zur Wollust des Werden-machens d.h. des Schaffens und Vernichtens. Das Werden, von innen her empfunden und ausgelegt, wäre das fortwährende Schaffen eines Unbefriedigten, Überreichen, Unendlich-Gespannten und GedrängtenErratum:-Gedrängten
lies:Gedrängten
Nach KGW Nachberichte
, eines Gottes, der die Qual des Seins nur durch beständiges Verwandeln und Wechseln überwindet: — der Schein als seine zeitweilige, in jedem Augenblick erreichte Erlösung; die Welt als die Abfolge göttlicher Visionen und Erlösungen im Scheine. — Diese Artisten-Metaphysik stellt sich der einseitigen Betrachtung Schopenhauer’s entgegen, welcher die Kunst nicht vom Künstler aus, sondern vom Empfangenden aus allein zu würdigen versteht: weil sie Befreiung und Erlösung im Genuß des Nicht-Wirklichen mit sich bringt, im Gegensatz zur Wirklichkeit (die Erfahrung eines an sich und seiner Wirklichkeit Leidenden und Verzweifelnden) — Erlösung in der Form und ihrer Ewigkeit (wie auch Plato es erlebt haben mag: nur daß dieser auch im Begriff schon den Sieg über seine allzu reizbare und leidende Sensibilität genoß) Dem wird die zweite Thatsache, die Kunst vom Erlebniß des Künstlers aus, entgegengestellt, vor Allem des Musikers: die Tortur des Schaffenmüssens, als dionysischer Trieb.

Die tragische Kunst, an beiden Erfahrungen reich, wird als Versöhnung des Apoll und Dionysos bezeichnet: der Erscheinung wird die tiefste Bedeutsamkeit geschenkt, durch Dionysos: und diese Erscheinung wird doch verneint und mit LustErratum:Lust
lies:Lust
Nach KGW Nachberichte
verneint. Dies ist gegen Schopenhauer’s Lehre von der Resignation als tragische Weltbetrachtung gekehrt.

Gegen Wagner’s Theorie, daß die Musik Mittel ist, und das Drama Zweck.

Ein Verlangen nach dem tragischen Mythus (nach „Religion“ und zwar pessimistischer Religion) (als einer abschließenden Glocke worin Wachsendes gedeiht)

Mißtrauen gegen die Wissenschaft: obwohl ihr augenblicklich lindernder Optimismus stark empfunden ist. „HeiterkeitErratum:Heiterkeit
lies:„Heiterkeit
Nach KGW Nachberichte
des theoretischen Menschen.

Tiefer Widerwille gegen das Christenthum: warum? Die Entartung des deutschen Wesens wird ihm zugeschoben.

Nur aesthetisch giebt es eine Rechtfertigung der Welt. Gründlicher Verdacht gegen die Moral (sie gehört mit in die Erscheinungswelt).

Das Glück am Dasein ist nur möglich als Glück am Schein

Das Glück am Werden ist nur möglich in der Vernichtung des Wirklichen des „Daseins“, des schönen Anscheins, in der pessimistischen Zerstörung der Illusion.

in der Vernichtung auch des schönsten Scheins kommt das dionysische Glück auf seinen Gipfel.

2[111]

Das Problem vom Sinn der Kunst: wozu Kunst?

Wie verhielten sich die lebenskräftigsten und wohlgerathensten Menschen die Griechen zur Kunst?

Thatsache: die Tragödie gehört ihrer reichsten Zeit von Kraft an — warum?

Zweite Thatsache: das Bedürfniß nach Schönheit;Erratum:Schönheit,
lies:Schönheit;
Nach KGW Nachberichte
ebenso nach Logisirung der Welt gehört in ihre décadence

Deutung beider Thatsachen: — — —

Fehlerhafte Nutzanwendung auf die Gegenwart: ich deutete den Pessimismus als Folge der höheren Kraft und Lebensfülle, welche sich den Luxus des Tragischen erlauben kann. Insgleichen deutete ich die deutsche Musik als Ausdruck einer dionysischen Überfülle und Ursprünglichkeit d.h.

1) 

ich überschätzte das deutsche Wesen

2)

ich verstand die QuellenErratum:Quelle
lies:Quellen
Nach KGW Nachberichte
der modernen Verdüsterung nicht

3)

mir fehlte das kulturhistorische Verständniß für den Ursprung der modernen Musik und ihre essentielle Romantik.

Abgesehen von dieser fehlerhaften Nutzanwendung bleibt das Problem bestehn: wie würde eine Musik sein, welche nicht romantischen Ursprungs wäre — sondern eines dionysischen?

2[112]

ein Romantiker ist ein Künstler, den das große Mißvergnügen an sich schöpferisch macht — der von sich und seiner Mitwelt wegblickt, zurückblickt

2[113]

Ich fieng an mit einer metaphysischen Hypothese über den Sinn der Musik: aber zu Grunde lag eine psychologische Erfahrung, welcher ich noch keine genügende historische Erklärung unterzuschieben wußte. Die Übertragung der Musik insErratum:in’s
lies:ins
Nach KGW Nachberichte
Metaphysische war ein Akt der Verehrung und Dankbarkeit; im Grunde haben es alle religiösen Menschen bisher so mit ihrem Erlebniß gemacht. — Nun kam die Kehrseite: die unleugbar schädliche und zerstörerische Wirkung eben dieser verehrten Musik auf mich — und damit auch das Ende ihrer religiösen Verehrung. Damit giengen mir auch die Augen auf für das moderne Bedürfniß nach Musik (welches gleichzeitig in der Geschichte erscheint mit dem zunehmenden Bedürfniß nach Narcoticis) Gar das „Kunstwerk der Zukunft“ erschien mir als Raffinement des Aufregungs- und Betäubungs-Bedürfnisses, wobei alle Sinne zugleich ihre Rechnung finden wollen, eingerechnet der idealistische, religiöse, hypermoralische Widersinn — als eine Gesammt-ExcitationErratum:Gesamt-Excitation
lies:Gesammt-Excitation
Nach KGW Nachberichte
der ganzen nervösen Maschinerie. Das Wesen der Romantik gieng mir auf: der Mangel einer fruchtbaren Art von Menschen ist da zeugend geworden. Zugleich die Schauspielerei der Mittel, die Unächtheit und Entlehntheit aller einzelnen Elemente, der Mangel an Probität der künstlerischen Bildung, die abgründliche Falschheit dieser modernsten Kunst: welche wesentlich Theaterkunst sein mußErratum:möchte
lies:muß
Nach KGW Nachberichte
. Die psychologische Unmöglichkeit dieser angeblichen Helden- und Götterseelen, welche zugleich nervös, brutal und raffinirt sind gleich den Modernsten unter den Pariser Malern und Lyrikern. — Genug, ich stellte sie mit hinein in die moderne „Barbarei“. — Damit ist über das Dionysische nichtsErratum:Nichts
lies:nichts
Nach KGW Nachberichte
gesagt. In der Zeit der größten Fülle und Gesundheit erscheint die Tragödie, aber auch in der Zeit der Nervenerschöpfung und -Überreizung. Entgegengesetzte Deutung. — Bei Wagner ist bezeichnend, wie er schon dem Ring des Nibelungen einen nihilistischen (ruhe- und endesüchtigen) Schluß gab.

2[114]

Das Kunstwerk, wo es ohne KünstlerErratum:Künstler
lies:Künstler
Nach KGW Nachberichte
erscheint z.B. als Leib, als Organisation (preußisches Offiziercorps, Jesuitenorden). In wiefern der Künstler nur eine Vorstufe ist. Was bedeutet das „Subjekt“ —?

Die Welt als ein sich selbst gebärendes Kunstwerk — —

Ist die Kunst eine Folge des Ungenügens am Wirklichen? Oder ein Ausdruck der Dankbarkeit über genossenes Glück? Im ersten Falle Romantik, im zweiten Glorien-schein und Dithyrambus (kurz Apotheosen-KunstErratum:Apotheosen-Kunst
lies:Apotheosen-Kunst
Nach KGW Nachberichte
): auch Raffael gehört hierhin, nur daß er jene Falschheit hatte, den Anschein der christlichen Weltauslegung zu vergöttern. Er war dankbar für das Dasein, wo es nicht spezifisch-christlich sich zeigte.

Mit der moral<ischen> Interpretation ist die Welt unerträglich. Das Christenthum war der Versuch, damit die Welt zu „überwinden“Erratum:überwinden
lies:„überwinden“
Nach KGW Nachberichte
: das heißt zu verneinen. —Erratum:verneinen.
lies:verneinen. —
Nach KGW Nachberichte
In praxi lief ein solches Attentat des Wahnsinns — einer wahnsinnigen Selbstüberhebung des Menschen angesichts der Welt — <auf> Verdüsterung, Verkleinlichung, Verarmung des Menschen hinaus: die mittelmäßigste und unschädlichste Art, die heerdenhafte Art Mensch, fand allein dabei ihre Rechnung, ihre Förderung, wenn man will…

Homer als Apotheosen-Künstler; auch Rubens. Die Musik hat noch keinen gehabt.

Die Idealisirung des großen Frevlers (der Sinn für seine Größe) ist griechisch; das Herunterwürdigen, Verleumden, Verächtlichmachen des Sünders ist jüdisch u<nd> christlichErratum:jüdisch-christlich
lies:jüdisch u<nd> christlich
Nach KGW Nachberichte
.

2[115]

„Gott ist todt“. Gefahr in der Gottesverehrung nach jüdisch-christlichem SchemaErratum:jüdisch-christlichen Schemen
lies:jüdisch-christlichem Schema
Nach KGW Nachberichte
.

2[116]

Jene Selbst-Erkenntniß, welche Bescheidenheit ist — denn wir sind nicht unser eigen Werk — aber ebensosehr auch Dankbarkeit ist — denn wir sind „gut gerathen“ —

2[117]

Psychologie des wissenschaftlichen Bedürfnisses.

Die Kunst aus Dankbarkeit oder aus Ungenügen.

Die moralische Welt-ausdeutung endet in Weltverneinung (Kritik des Christenthums).

Antagonismus zwischen „Verbesserung“ und Verstärkung des Typus Mensch.

Unendliche Ausdeutbarkeit der Welt: jede Ausdeutung ein Symptom des Wachsthums oder des Untergehens.

Die bisherigen Versuche, den moralischen Gott zu überwinden (Pantheismus Hegel usw.)

Die Einheit (der Monismus) ein Bedürfniß der inertia; die Mehrheit der Deutung Zeichen der Kraft. Der Welt ihren beunruhigenden und änigmatischen Charakter nicht abstreiten wollen!

2[118]

1.

I.

Der Nihilismus in allen Anzeichen vor der Thür.

II.

Unvermeidlich, falls man nicht seine Voraussetzungen begreift. Diese sind die Werthschätzungen (nicht die socialen Thatsachen: welche alle erst durch eine bestimmte Ausdeutung bald pessimistisch, bald optimistisch wirken)

2.

III.

Genesis der Werthschätzungen, als Kritik derselben.

3.

IV.

Die Umgekehrten. Ihre Psychologie.

4.

V.

Der Hammer: als die Lehre, welche die Entscheidung herbeiführt.


1.

Die Gefahr der Gefahren.

2.

Kritik der Moral.

3.

Wir Umgekehrten.

4.

Der Hammer.

2[119]

„Wie weit reicht die Kunst ins Innere der Welt? Und giebt es abseits vom ‚Künstler‘ noch künstlerische Gewalten?“ Diese Frage war, wie man weiß, mein Ausgangspunkt: und ich sagte Ja zu der zweiten Frage; und zur ersten „die Welt selbst ist nichts als Kunst.“ Der unbedingte Wille zum Wissen, zur Wahr- und Weisheit erschien mir in einer solchen Welt des Scheins als Freveln an <dem>Erratum:Frevel an dem
lies:Freveln an <dem>
Nach KGW Nachberichte
metaphysischen Grundwillen, als Wider-Natur: und billigerweise wendet sich <die> Spitze der „Weisheit“Erratum:Weisheit
lies:„Weisheit“
Nach KGW Nachberichte
gegen den Weisen. Das Wider-natürlicheErratum:Widernatürliche
lies:Wider-natürliche
Nach KGW Nachberichte
der Weisheit offenbart sich in ihrer Kunstfeindlichkeit: erkennen wollen, wo der Schein eben die Erlösung ist — welche Umkehrung, welcher Instinkt zum Nichts!

2[120]

Alle Culte stellen ein einmaliges Erlebniß, das Zusammenkommen mit einem Gotte, einen „Heils-Akt“Erratum:Heils-Akt
lies:„Heils-Akt“
Nach KGW Nachberichte
in irgend einem Sinne, fest;Erratum:fest,
lies:fest;
Nach KGW Nachberichte
und führen es immer wieder vor. Die Ortslegende als Ursprung eines Dramas: wo die Poesie den Gott spielt.

2[121]

(38)

Die Schauspielerei

Die Farbenbuntheit des modernen Menschen und ihr Reiz.

Wesentlich Versteck und Überdruß.

Der Litterat.

Der Politiker (im „Nationalen Schwindel“)

Die Schauspielerei in den Künsten

Mangel an Probität der Vorbildung und Schulung (Fromentin)

die Romantiker (Mangel an Philosophie und Wissenschaft und Überfluß an Litteratur)

die Romanschreiber (Walter Scott, aber auch die Nibelungen-Ungeheuer mit der nervösesten Musik)

die Lyriker

Die „Wissenschaftlichkeit“

Virtuosen (Juden)

die volksthümlichen Ideale als überwunden aber noch nicht vor dem Volk.Erratum:dem Volk:
lies:dem Volk.
Nach KGW Nachberichte

der Heilige, der Weise, der Prophet

2[122]

(37)

Zur Geschichte der modernen Verdüsterung.

Die Staats-Nomaden (Beamte usw.): ohne „Heimat“ — Der Niedergang der Familie.

„Der gute Mensch“ als Symptom der Erschöpfung.

Gerechtigkeit als Wille zur Macht (Züchtung)

Geilheit und Neurose.

Schwarze Musik;Erratum:Musik:
lies:Musik;
Nach KGW Nachberichte
— die erquickliche Musik wohin?

Der Anarchist.

Menschenverachtung.Erratum:Menschenverachtung
lies:Menschenverachtung.
Nach KGW Nachberichte
Ekel.

Tiefste Unterscheidung: ob der Hunger oder der Überfluß schöpferisch wird? Ersterer erzeugt die Ideale der Romantik

nordische Unnatürlichkeit.

das Bedürfniß nach Alcoholica in derErratum:und die
lies:in der
Nach KGW Nachberichte
Arbeiter- „Noth“

der philosophische Nihilismus.

2[123]

Die Christen müssen an die Wahrhaftigkeit Gottes glauben: da bekommen sie leider den Glauben in die Bibel und an deren „Naturwissenschaft“ mit in Kauf; sie dürfen durchaus keine relative Wahrheit (oder deutlicher gesagt,Erratum:gesagt — — —
lies:gesagt,
Nach KGW Nachberichte
) zugestehen. An dem unbedingten Charakter seiner Moral zerbricht das Christenthum. — Die Wissenschaft hat den Zweifel an der Wahrhaftigkeit des christlichen Gottes geweckt: an diesem Zweifel stirbt das Christenthum (Pascals deus absconditus).

2[124]

1. 

Geburt der Tragödie.

Artisten-Metaphysik.

2.

Unzeitgemässe Betrachtungen. 

Der Bildungsphilister. Der Ekel.

Leben und Historie — Grundproblem.

Der philosophische Einsiedler. „Erziehung“

Der Künstler-Einsiedler. Was an Wagner zu lernen ist.

3.

Menschliches Allzumenschliches.

Der freie Geist.


4.

Vermischte Meinungen und Sprüche.

Der Pessimist des Intellekts.

(7)

Causalität. „WarumErratum:Warum
lies:„Warum
Nach KGW Nachberichte
bin ich so und so? Der unsinnige Gedanke für sein Dasein, auch für sein So- und So-sein selbst frei wählend sich zu denken. Hintergrund: die Forderung, es müßte ein Wesen geben, welches ein sich selbst verachtendes Geschöpf, wie ich es bin, am Entstehen verhindert hätte. Sich als Gegenargument gegen Gott fühlen

5.

Wanderer und Schatten.

Einsamkeit,Erratum:Einsamkeit
lies:Einsamkeit,
Nach KGW Nachberichte
als Problem.


6.

Morgenröthe.

Moral als eine Summe von Vorurtheilen

7.

Fröhliche Wissenschaft.

Hohn über die europäische Moralistik.

Aussicht auf eine Überwindung der Moral.

Wie müßte ein Mensch beschaffen sein, der jenseits lebte?

Z<arathustra> - - -


Sieben Vorreden.
Ein Nachtrag
zu sieben Veröffentlichungen.

2[125]

Zur Geschichte des Pessimismus.

Die moderne Verdüsterung.

Die Schauspielerei.

2[126]

Zu 2) Kritik der höchsten Werthe.

Zur Geschichte der Verleumdung.

Wie man Ideale macht.

Cultur (und „Vermenschlichung“: antagonistisch)

Moral als Instinkt der Scham, als Verkleidung, Maske, grundsätzlich wohlmeinende Interpretation


(37)

Urtheile über die Pessimisten einzumischen!
Die Inder

Der Pessimismus (als Instinkt) und der Wille zum Pessimismus: Haupt-Contrast

Der Pessimist des Intellekts.Erratum:Intellekts
lies:Intellekts.
Nach KGW Nachberichte
 

Der Pessimist der
Sensibilität

jener dem Unlogischen,
dieser dem Schmerzhaften
nachspürend.

alleErratum:alle
lies:alle
Nach KGW Nachberichte
diese MaßstäbeErratum:Maaßstäbe
lies:Maßstäbe
Nach KGW Nachberichte
sind es nur aus moralischen Gründen

oderErratum:— oder
lies:oder
Nach KGW Nachberichte
, wie Plato, auch die ἡδονή, als Werth-Umwertherin und Verführerin gefürchtet


A.

Was ist Wahrheit?

B.

Gerechtigkeit.

C.

Zur Geschichte der Mitgefühle.

D.

Der „gute Mensch“.

E.

Der „höhere Mensch“.

F.

Der Künstler.


(36)

Was ist Wahrheit? (inertia, die Hypothese, bei der Befriedigung entsteht, geringster Verbrauch von geistiger Kraft usw.)

2[127]

(2)

Der Nihilismus steht vor der Thür: woher kommt uns dieser unheimlichste aller Gäste? —

I. 

1. 

Ausgangspunkt: es ist ein Irrthum, auf „sociale Nothstände“ oder „physiologische Entartungen“ oder gar auf Corruption hinzuweisen als Ursache des Nihilismus. Diese erlauben immer noch ganz verschiedene Ausdeutungen. Sondern in einer ganz bestimmten Ausdeutung:Erratum:Ausdeutung,
lies:Ausdeutung:
Nach KGW Nachberichte
in der christlich-moral<ischen> steckt der Nihilismus. Es ist die honnetteste, mitfühlendste Zeit. Noth, seelische, leibliche, intellektuelle Noth ist an sich durchaus nicht vermögend, Nihilismus d.h. die radikale Ablehnung von Werth, Sinn, Wünschbarkeit hervorzubringen

2.

Der Untergang des Christenthums — an seiner Moral (die unablösbar ist —) welche sich gegen den christlichen Gott wendet (der Sinn der Wahrhaftigkeit, durch das Christenthum hoch entwickelt, bekommt Ekel vor der Falschheit und Verlogenheit aller christlichen Welt- und Geschichtsdeutung. Rückschlag von „Gott ist die Wahrheit“ in den fanatischen Glauben „Alles ist falsch“. Buddhismus der That

3.

Skepsis an der Moral ist das Entscheidende. Der Untergang der moral<ischen> Weltauslegung die keine Sanktion mehr hat, nachdem sie versucht hat, sich in eine Jenseitigkeit zu flüchten: endet in Nihilismus „Alles hat keinen Sinn“ (die Undurchführbarkeit Einer Weltauslegung, der ungeheure Kraft gewidmet worden ist — erweckt das Mißtrauen ob nicht alle Weltauslegungen falsch sind —) Buddhistischer Zug, Sehnsucht insErratum:in’s
lies:ins
Nach KGW Nachberichte
Nichts. (Der indische Buddhism hat nicht eine grundmoralische Entwicklung hinter sich, deshalb ist bei ihm im Nihilismus nur unüberwundene Moral: Dasein als Strafe, Dasein als Irrthum combinirt, der Irrthum also als Strafe — eine moralische Werthschätzung) Die philosophischen Versuche, den „moralischen Gott“ zu überwinden (Hegel, Pantheismus). Überwindung der volksthümlichen Ideale: der Weise. Der Heilige. Der Dichter. Antagonismus von „wahr“ und „schön“ und „gut“ — —

4.

Gegen die „Sinnlosigkeit“ einerseits, gegen die moralischen Werthurtheile andererseits: in wiefern alle Wissenschaft und Philosophie bisher unter moralischen Urtheilen stand? und ob man nicht die Feindschaft der Wissenschaft mit in den Kauf bekommt? Oder die Anti-wissenschaftlichkeit? Kritik des Spinozismus. Die christlichen Werthurtheile überall in den socialistischen und positivistischen Systemen rückständig. Es fehlt eine Kritik der christlichen Moral.

5.

die nihilistischen Consequenzen der jetzigen Naturwissenschaft (nebst ihren Versuchen ins Jenseitige zu entschlüpfen). Aus ihrem Betriebe folgt endlich eine Selbstzersetzung, eine Wendung gegen sich, eine Anti-Wissenschaftlichkeit. — Seit Copernikus rollt der Mensch aus dem Centrum ins x

6.

Die nihilistischen Consequenzen der politischen und volkswirthschaftlichen Denkweise wo alle „Principien“ nachgerade zur Schauspielerei gehören: der Hauch von Mittelmäßigkeit, Erbärmlichkeit, Unaufrichtigkeit usw. Der Nationalismus, der Anarchismus usw. Strafe. Es fehlt der erlösende Stand und Mensch, der RechtfertigerErratum:die Rechtfertiger
lies:der Rechtfertiger
Nach KGW Nachberichte

7.

die nihilistischen Consequenzen der Historie und der „praktischen Historiker“ d.h. der Romantiker. Die Stellung der Kunst: absolute Unoriginalität ihrer Stellung in der modernen Welt. Ihre Verdüsterung. Goethes angebliches Olympier-thum.

8.

Die Kunst und die Vorbereitung des Nihilismus:Erratum:Nihilismus.
lies:Nihilismus:
Nach KGW Nachberichte
Romantik (Wagners Nibelungen-SchlußErratum:Nibelungen-Schluß
lies:Nibelungen-Schluß
Nach KGW Nachberichte
)

2[128]

I. 

Grundwiderspruch in der Civilisation und der Erhöhung des Menschen. Es ist die Zeit des großen Mittags, der furchtbarstenErratum:fruchtbarsten
lies:furchtbarsten
Nach KGW Nachberichte
Aufhellung: meine Art von Pessimismus: — großer Ausgangspunkt.

II. 

Die moral<ischen> Werthschätzungen als eine Geschichte der Lüge und Verleumdungskunst im Dienste eines Willens zur Macht (des Heerden-Willens) welcher sich gegen die stärkeren Menschen auflehnt

III. 

Die Bedingungen jeder ErhöhungenErratum:Erhöhung
lies:Erhöhungen
Nach KGW Nachberichte
der Cultur (der Ermöglichung einer Auswahl auf Unkosten einer Menge) sind die Bedingungen alles Wachsthums.

IV. 

Die Vieldeutigkeit der Welt als Frage der Kraft, welche alle Dinge unter der Perspektive ihres Wachsthums ansieht. Die moralischen christlichen Werthurtheile als Sklaven-Aufstand und Sklaven-Lügenhaftigkeit (gegen die aristokratischen Werthe der antiken Welt)

Wie weit reicht die Kunst hinab in das Wesen der Kraft?

2[129]

Die ewige Wiederkunft.


Zarathustrische Tänze und
Umzüge.
Erster Theil: Gottes Todtenfest.


Von
Friedrich Nietzsche.


1. Gottes Todtenfest.

2. Am großen Mittag.

3. „Wo ist die Hand für diesen Hammer?“

4. Wir Gelobenden.


I.

Die Peststadt. Er wird gewarnt, er fürchtet sich nicht und geht hinein, verhüllt. Alle Arten des Pessimismus ziehen vorbei. Der Wahrsager deutet jeden Zug. Die Sucht zum Anders, die Sucht zum Nein, endlich die Sucht zum Nichts folgen sich.

Zuletzt giebt Zarathustra die Erklärung: Gott ist todt, dies ist die Ursache der größten Gefahr: wie? sie könnte auch die Ursache des größten MuthesErratum:Muths
lies:Muthes
Nach KGW Nachberichte
sein!


II.

Das Erscheinen der Freunde.

Der Genuß der Untergehenden an dem Vollkommenen: Abziehende.

Die Rechenschaft der Freunde.

Festzüge. Die entscheidende Zeit, der große Mittag.

Das große Dank- und Todtenopfer an den todten Gott.


III.

Die neue Aufgabe.

Das Mittel der Aufgabe.

Die Freunde verlassen ihn.

Der Tod Gottes, für den Wahrsager das furchtbarste Ereigniß, ist das Glücklichste und Hoffnungsreichste für Zarathustra.

Zarathustra stirbt.


IV. Wir Gelobenden

2[130]

Das Phänomen „Künstler“ ist noch am leichtesten durchsichtig: — von da aus hinzublicken auf die Grundinstinkte der Macht, der Natur usw.! Auch der Religion und Moral!

„das Spiel“, das Unnützliche, als Ideal des mit Kraft Überhäuften, als „kindlich“. Die „Kindlichkeit“ Gottes, παῖς παίζων

2[131]

Plan des ersten Buches.

Es dämmert der Gegensatz der Welt, die wir verehren, und der Welt, die wir leben, die wir — sind. Es bleibt übrig, entweder unsere Verehrungen abzuschaffen oder uns selbst. Letzteres ist der Nihilismus.

1.

Der heraufkommende Nihilismus, theoretisch und praktisch. Fehlerhafte Ableitung desselben.

(Pessimismus, seine Arten: Vorspiele des Nihilismus, obschon nicht nothwendig.)

Übergewicht des Nordens über den Süden.

2.

Das Christenthum an seiner Moral zu Grunde gehend. „Gott ist die Wahrheit“.Erratum:Wahrheit“
lies:Wahrheit“.
Nach KGW Nachberichte
„Gott ist die Liebe“ „der gerechte Gott.“Erratum:Gott“
lies:Gott.“
Nach KGW Nachberichte
— Das größte Ereigniß — „Gott ist todt“ —, dumpf gefühlt. Der deutsche Versuch, Chr<istenthum> in eine Gnosis umzuwandeln, ist zum tiefsten Mißtrauen ausgeschlagen: das „Unwahrhaftige“ dabei am stärksten empfunden (gegen Schelling z.B.)

3.

Moral, ohne Sanktion nunmehr, weiß sich selbst nicht mehr zu halten. Man läßt die moralische Ausdeutung endlich fallen — (Das Gefühl überall noch voller Nachschläge des christlichen Werthurtheils —)

4.

Aber auf moralischen Urtheilen beruhte der Werth bisher, vor Allem der Werth der Philosophie! („des Willens zur Wahrheit“ —)

die volksthümlichen Ideale „der Weise“ „der Prophet“ „der Heilige“ hingefallen

5.

Nihilistischer Zug in den Naturwissenschaften. („Sinnlosigkeit“ —) Causalismus, Mechanismus. Die „Gesetzmäßigkeit“ ein Zwischenakt, ein Überbleibsel.

6.

Insgleichen in der Politik: es fehlt der Glaube an sein Recht, die Unschuld, es herrscht die Lügnerei, die Augenblicks-Dienerei

7.

Insgleichen in der Volkswirthschaft: die Aufhebung der Sklaverei: Mangel eines erlösenden Standes, eines Rechtfertigers, — Heraufkommen des Anarchismus. „Erziehung?“

8.

Insgleichen in der Geschichte: der Fatalismus, der Darwinismus, die letzten Versuche, Vernunft und Göttlichkeit hineinzudeuten, mißrathen. Sentimentalität vor der Vergangenheit; Man ertrüge keine Biographie! — (der Phänomenalismus auch hier: Charakter als Maske, es giebt keine Thatsachen)

9.

Insgleichen in der Kunst: Romantik und ihr Gegenschlag (Widerwille gegen die romantischen Ideale und Lügen) die reinen „Artisten“Erratum:Artisten
lies:„Artisten“
Nach KGW Nachberichte
(gleichgültig gegen den Inhalt) LetztererErratum:Letzteres,
lies:Letzterer
Nach KGW Nachberichte
moralisch, als Sinn größerer Wahrhaftigkeit, aber pessimistisch

(Beichtvater-Psychologie und Puritaner-Psychologie, zwei Formen der psychologischen Romantik: aber auch noch ihr Gegenschlag, der Versuch, sich rein artistisch zum „Menschen“ zu stellen, — auch da wird noch nicht die umgekehrte Werthschätzung gewagt!)

10.

Das ganze europäische System der menschlichen Bestrebungen fühlt sich theils „sinnlos“Erratum:sinnlos
lies:„sinnlos“
Nach KGW Nachberichte
, theils bereits „unmoralisch“. Wahrscheinlichkeit eines neuen Buddhismus. Die höchste Gefahr. „Wie verhalten sich Wahrhaftigkeit, Liebe, Gerechtigkeit zur wirklichen Welt?“ Gar nicht! —

Die Anzeichen

Der europäische Nihilismus.

Seine Ursache: die Entwerthung der bisherigen Werthe.


Das unklare Wort „Pessimismus“: Leute, die sich schlecht befinden und Leute, die sich zu gut befinden — beide sind P<essimisten>) gewesen.

Verhältniß von Nihilismus, Romantik und Positivismus (letzterer ein Gegenschlag gegen die Romantik, Werk enttäuschter Romantiker)

„Rückkehr zur Natur“:Erratum:Natur“ 1.
lies:Natur“:
Nach KGW Nachberichte
seine Stationen: Hintergrund christliche Vertrauensseligkeit (ungefähr schon Spinoza „deus sive natura“!)

Rousseau, die Wissenschaft nach dem romantischen Idealismus

Der Spinozismus höchst einflußreich: 1) Versuch, sich zufrieden zu geben mit der Welt, wie sie ist

2) 

Glück und Erkenntniß naiv in Abhängigkeit gesetzt (ist Ausdruck eines Willens zum Optimismus, an dem sich ein tief Leidender verräth —)

3)

Versuch, die moralische Weltordnung loszuwerden, um „Gott“, eine vor der Vernunft bestehende Welt übrig zu behalten…

„Wenn der Mensch sich nicht mehr für böse hält, hört er auf es zu sein —“ Gut und böse sind nur Interpretationen, und durchaus kein Thatbestand, kein An sich. Man kann hinter den Ursprung dieser Art Interpretation kommen; man kann den Versuch machen, damit sich von der eingewurzelten Nöthigung, moralisch zu interpretiren, langsam zu befreien.


Zum zweiten Buche.

Entstehung und Kritik der moralischen Werthschätzungen. Beides fällt nicht zusammen, wie man leichthin glaubt (dieser Glaube ist schon das Resultat einer moralischen Schätzung „etwas so und so Entstandnes ist wenig werth, als unmoralischen Ursprungs“)

Maaßstab, wonach der Werth der moralischen Werthschätzungen zu bestimmen ist: Kritik der Worte „Besserung, Vervollkommnung, Erhöhung“.

Die übersehene Grundthatsache: Widerspruch zwischen dem „Moralischer-werden“ und der Erhöhung und Verstärkung des Typus Mensch

Homo natura. Der „Wille zur Macht“.


Zum dritten Buche.

Der Wille zur Macht.

Wie die Menschen beschaffen sein müßten, welche diese Umwerthung an sich vornehmen.

Die Rangordnung als Machtordnung: Krieg und Gefahr die Voraussetzung, daß ein Rang seine Bedingungen festhält. Das grandiose Vorbild: der Mensch in der Natur, das Schwächste Klügste Wesen sich zum Herrn machend, die dümmeren Gewalten sich unterjochend


Zum vierten Buche.

Der größte Kampf: dazu braucht es eine neueErratum:einer neuen
lies:eine neue
Nach KGW Nachberichte
Waffe.

Der Hammer: eine furchtbare Entscheidung heraufbeschwören, Europa vor die Consequenz stellen, ob sein Wille zum Untergang „will“

Verhütung der Vermittelmäßigung. Lieber noch Untergang!

2[132]

(36)

Die Voraussetzung, daß es im Grunde der Dinge so moralisch zugeht, daß die menschliche Vernunft Recht behält, — ist eine Treuherzigkeit und Biedermanns-Voraussetzung, die Nachwirkung des Glaubens an die göttliche Wahrhaftigkeit — Gott als Schöpfer der Dinge gedacht. — Die Begriffe eine Erbschaft aus einer jenseitigen Vorexistenz — —

Ein Werkzeug kann nicht seine eigene Tauglichkeit kritisiren: der Intellekt kann nicht selber seine Grenze, auch nicht sein Wohlgerathensein oder sein Mißrathensein bestimmen. —

„Erkennen“ ist ein Zurückbeziehn: seinem Wesen nach ein regressus in infinitum. Was Halt macht (bei einer angeblichen causa prima, bei einem Unbedingten usw.) ist die Faulheit, die Ermüdung — —

So gut man immer auchErratum:noch
lies:auch
Nach KGW Nachberichte
die Bedingungen verstanden haben mag, unter denen eine Sache entsteht, deshalb versteht man sie selbst noch garErratum:noch
lies:noch gar
Nach KGW Nachberichte
nicht: — den Herrn Historikern ins Ohr gesagt.

2[133]

Gegen das Versöhnen-Wollen und die Friedfertigkeit. DahinErratum:Dazu
lies:Dahin
Nach KGW Nachberichte
gehört auch jeder Versuch von Monismus.

2[134]

(39)

Die Volks- und Massen-Wirkung von Seiten der Künstler: Balzac V. Hugo, R. Wagner

2[135]

— Error veritate simplicior —

2[136]

— Eines jener schlagenden Argumente, das den schlägt, der es anwendet —

2[137]

Gedanken-Wegweiser.
Hülfsmittel
zu einem ernstlichen Studium
meiner Schriften.


Grundsätzliches. Zur 

Lehre vom Machtgefühl.

Zur psychologischen Optik.

Zur Kritik der Religionen

Zur disciplina intellectus.

Das Fragwürdige an den Tugenden.

Zu Ehren des Bösen.

Das Problem des Künstlers.

Politika.


An die Logiker.

Gegen die Idealisten.

Gegen die Wirklichkeits-Gläubigen.

Von der Musik.

Aufklärung über das Genie.

Aus den Geheimnissen der Einsamkeit.

Was ist griechisch?


Zur Kunst des Lebens. Die moderne Verdüsterung. Weib und Liebe. Bücher und Menschen. Völker und „Volk“.

2[138]

Jenseits von Gut und Böse.


Vorspiel
einer Philosophie der Zukunft.


Von
Friedrich Nietzsche


Neue verständlichere Ausgabe.
Zweiter Band.
Mit einem Anhang: Gedanken-WegweiserErratum:Gedankenwegweiser
lies:Gedanken-Wegweiser
Nach KGW Nachberichte
.
Ein Hülfsmittel zum ernsthaften Studium meiner Schriften.

2[139]

(7)

Zum „Causalismus“.

Es liegt auf der Hand, daß weder Dinge an sich mit einander im Verhältniß von Ursache und Wirkung stehen können, noch Erscheinung mit Erscheinung: womit sich ergiebt, daß der Begriff „Ursache und Wirkung“ innerhalb einer Philosophie, die an Dinge an sich und an Erscheinungen glaubt, nicht anwendbar ist. Die Fehler Kants —… Thatsächlich stammt der Begriff „Ursache und Wirkung“, psychologisch nachgerechnet, nur aus einer Denkweise, die nurErratum:immer
lies:nur
Nach KGW Nachberichte
und überall Wille auf Wille wirkenErratum:wirkend
lies:wirken
Nach KGW Nachberichte
glaubt, — die nur an Lebendiges glaubt und im Grunde nur an „Seelen“ (und nicht an Dinge) Innerhalb der mechanistischen Weltbetrachtung (welche Logik ist und deren Anwendung auf Raum und Zeit) reduzirt sich jener Begriff auf die mathematische Formel — mit der, wie man immer wieder unterstreichen muß, niemals Etwas begriffen, wohl aber etwas bezeichnet, verzeichnet wird.

Die unabänderliche Aufeinanderfolge gewisser Erscheinungen beweist kein „Gesetz“, sondern ein Machtverhältniß zwischen 2 oder mehreren Kräften. Zu sagen: „aber gerade dies Verhältniß bleibt sich gleich!“ heißt nichts Anderes als: „ein und dieselbe Kraft kann nicht auch eine andere Kraft sein“. — Es handelt sich nicht um ein Nacheinander, — sondern um ein Ineinander, einen Prozeß, in dem die einzelnen sich folgenden Momente nicht als Ursachen und Wirkungen sich bedingen…

Die Trennung des „Thuns“ vom „Thuenden“, des Geschehens von einem <Etwas>, das geschehen macht, des Prozesses von einem Etwas, das nicht Prozeß, sondern dauernd, Substanz, Ding, Körper, Seele usw. ist, — der Versuch das Geschehen zu begreifen als eine Art Verschiebung und Stellungs-Wechsel von „Seiendem“, von Bleibendem: diese alte Mythologie hat den Glauben an „Ursache und Wirkung“ festgestellt, nachdem er in den sprachl<ichen> grammat<ikalischen> Funktionen eine feste Form gefunden hatte. —

2[140]

(30)

Gegen beide Behauptungen „es kann das Gleiche nur vom Gleichen erkannt werden— und „es kann das Gleiche nur vom Ungleichen erkannt werden“ — um welche schon im Alterthum ein Kampf von Jahrhunderten gekämpft worden ist — läßt sich heute einwenden, von einem strengerenErratum:strengen
lies:strengeren
Nach KGW Nachberichte
und vorsichtigerenErratum:vorsichtigen
lies:vorsichtigeren
Nach KGW Nachberichte
Begriff des Erkennens aus: es kann gar nicht erkannt werden — und zwar ebendeshalb, weil das Gleiche nicht das Gleiche erkennen kann, und weil ebensowenig das Gleiche vom Ungleichen erkannt werden kann. —

2[141]

Diese Scheidungen des ThuensErratum:Scheidungen des Thuns
lies:Scheidungen des Thuens
Nach KGW Nachberichte
und des Thuenden, des Thuns und des Leidens, des Seins und des Werdens, der Ursache und der Wirkung

schon der Glaube an die Veränderungen setzt den Glauben an etwas voraus, das „sich ändert“.

Die VernunftErratum:die Vernunft
lies:Die Vernunft
Nach KGW Nachberichte
ist die Philosophie des Augenscheins

2[142]

(30)

die „Regelmäßigkeit“ der Aufeinanderfolge ist nur ein bildlicher Ausdruck, wie als ob hier eine Regel befolgt werde: kein Thatbestand. Ebenso „Gesetzmäßigkeit“. Wir finden eine Formel, um eine immer wiederkehrende Art der Folge auszudrücken: damit haben wir kein „Gesetz“ entdeckt, noch weniger eine Kraft, welche die Ursache zur Wiederkehr von Folgen ist. Daß etwas immer so und <so> geschieht, wird hier interpretirt, als ob ein Wesen in Folge eines Gehorsams gegen ein Gesetz oder einen Gesetzgeber immer so und so handelte: während es, abgesehen vom „Gesetz“, Freiheit hätte, anders zu handeln. Aber gerade jenes So-und-nicht-anders könnte aus dem Wesen selbst stammen, das nicht in Hinsicht erst auf ein Gesetz sich so und so verhielte, sondern als so und so beschaffen. Es heißt nur: etwas kann nicht auch etwas anderes sein, kann nicht bald dies, bald anderes thun, ist weder frei, noch unfrei, sondern eben so und so. Der Fehler steckt inErratum:in
lies:in
Nach KGW Nachberichte
der Hineindichtung eines Subjekts

2[143]

Gesetzt, die Welt verfügte über Ein Quantum von Kraft, so liegt auf der Hand, daß jede Macht-Verschiebung an irgend einer Stelle das ganze System bedingt — also neben der Causalität hintereinanderErratum:hinter einander
lies:hintereinander
Nach KGW Nachberichte
wäre eine Abhängigkeit neben und miteinander gegeben.

2[144]

(40)

Gesetzt selbst, daß ein Gegenbeweis des christlichen Glaubens nicht geführt werden könnte, hielt Pascal in Hinsicht auf eine furchtbare Möglichkeit, daß er dennoch wahr sei, es für klug im höchsten Sinne, Christ zu sein. Heute findet man, zum Zeichen, wie sehr das Christenthum an Furchtbarkeit eingebüßt hat, jene andere<n> VersucheErratum:jenen andern Versuch
lies:jene andere<n> Versuche
Nach KGW Nachberichte
seiner Rechtfertigung, daß, selbst wenn es ein Irrthum wäre, man zeitlebens doch den großen Vortheil und Genuß dieses Irrthums habe: es scheint also, daß gerade um seiner beruhigendenErratum:beruhigenden
lies:beruhigenden
Nach KGW Nachberichte
Wirkungen willen dieser Glaube aufrecht erhalten werden solle, — also nicht aus Furcht vor einer drohenden Möglichkeit, vielmehr aus Furcht vor einem Leben, dem ein Reiz abgeht. Diese hedonistische Wendung, der Beweis aus der Lust,Erratum:Lust
lies:Lust,
Nach KGW Nachberichte
ist ein Symptom des Niedergangs: er ersetzt den Beweis aus der Kraft, aus dem, was an der christlichen Idee Erschütterung ist, aus der Furcht. Thatsächlich nähert sich in dieser Umdeutung das Christenthum der Erschöpfung: man begnügt sich mit einem opiatischen Christenthum, weil man weder zum Suchen, Kämpfen, Wagen, Alleinstehen wollenErratum:Alleinstehen-wollen
lies:Alleinstehen wollen
Nach KGW Nachberichte
die Kraft hat, noch zum Pascalismus, zu tiefe<r>Erratum:dieser
lies:tiefe<r>
Nach KGW Nachberichte
grüblerischen Selbstverachtung, zum Glauben an die menschliche Unwürdigkeit, zur Angst des „Vielleicht-Verurtheilten“. Aber ein Christenthum, das vor allem kranke Nerven beruhigen soll, hat jene furchtbare Lösung eines „Gottes am Kreuze“ überhaupt nicht nöthig: weshalb im Stillen überall der Buddhismus in Europa Fortschritte macht.

2[145]

Die Auslegung eines Geschehens als entweder Thun oder Leiden — also jedes Thun ein Leiden — sagt: eine jedeErratum:jede
lies:eine jede
Nach KGW Nachberichte
Veränderung, einErratum:jedes
lies:ein
Nach KGW Nachberichte
Anderswerden setzt einen Urheber voraus und einen, an dem „verändert“ wird.

2[146]

Es läßt sich eine vollkommene Analogie führen zwischen dem Vereinfachen und Zusammendrängen zahlloser Erfahrungen auf General-Sätze und dem Werden der Samenzelle, welche die ganze Vergangenheit verkürzt in sich trägt: und ebenso imErratum:zwischen dem
lies:im
Nach KGW Nachberichte
künstlerischen Herausbilden aus zeugenden Grundgedanken bis zum „System“ und dem Werden des Organismus als einesErratum:einem
lies:eines
Nach KGW Nachberichte
Aus- und FortdenkensErratum:Fortdenken
lies:Fortdenkens
Nach KGW Nachberichte
, als einer Rückerinnerung des ganzen vorherigen Lebens, der Rück-Vergegenwärtigung, Verleiblichung.

Kurz: das sichtbare organische Leben und das unsichtbare schöpferische seelische Walten und Denken enthalten einen Parallelismus: am „Kunstwerk“ kann man diese zwei Seiten am deutlichsten als parallel demonstriren. — InwiefernErratum:In wiefern
lies:Inwiefern
Nach KGW Nachberichte
Denken, Schließen und alles Logische als Außenseite angesehen werden kann: als Symptom viel innerlicheren und gründlicheren Geschehens?

2[147]

(30)

„Zweck“ und „Mittel“Erratum:„Zweck und Mittel“
lies:„Zweck“ und „Mittel“
Nach KGW Nachberichte

als Ausdeutung

(nicht als Thatbestand)

„Ursache und Wirkung“

als Ausdeutung

alle im Sinne eines

„Subjekt und Objekt“

als Ausdeutung

Willens zur Macht

„Thun und Leiden“

(„Ding an sich“ und „Erscheinung“Erratum:„Ding an sich und Erscheinung“
lies:„Ding an sich“ und „Erscheinung“
Nach KGW Nachberichte
) als Ausdeutung

und inwiefern vielleicht nothwendige Ausdeutungen? (als „erhaltende“)

2[148]

Der Wille zur Macht interpretirt: bei der Bildung eines Organs handelt es sich um eine InterpretationErratum:bei der Bildung eines Organs handelt es sich um eine Interpretation
lies:bei der Bildung eines Organs handelt es sich um eine Interpretation
Nach KGW Nachberichte
; er grenzt ab, bestimmt Grade, Machtverschiedenheiten. Bloße Machtverschiedenheiten könnten sich noch nicht als solche empfinden: es muß ein wachsen-wollendes Etwas da sein, das jedes andere wachsen-wollende Etwas auf seinen Werth hin interpretirt. Darin gleich — — In Wahrheit ist Interpretation ein Mittel selbst, um Herr über etwas zu werden. (Der organische Prozeß setzt fortwährendes Interpretiren voraus.

2[149]

Ein „Ding an sich“ ebenso verkehrt wie ein „Sinn an sich“, „eine BedeutungErratum:eine „Bedeutung
lies:„eine Bedeutung
Nach KGW Nachberichte
an sich“. Es giebt keinen „Thatbestand an sich“, sondern ein Sinn muß immer erst hineingelegt werden, damit es einen „Thatbestand“Erratum:Thatbestand
lies:„Thatbestand“
Nach KGW Nachberichte
geben könne

Das „was ist das?“ ist eine Sinn-Setzung von etwas Anderem aus gesehen. Die „Essenz“, die „Wesenheit“ ist etwas Perspektivisches und setzt eine Vielheit schon voraus. Zu Grunde liegt immer „was ist das für mich?“ (für uns, für alles, was lebt usw.)

Ein Ding wäre bezeichnet, wenn an ihm erst alle Wesen ihr „was ist das?“ gefragt und beantwortet hätten. Gesetzt, ein einziges Wesen, mit seinen eigenen Relationen und Perspektiven zu allen Dingen, fehlendErratum:fehlte
lies:fehlend
Nach KGW Nachberichte
: und das Ding ist immer noch nicht „definirt“.

2[150]

Kurz, das Wesen eines Dings ist auch nur eine Meinung über das „Ding“. Oder vielmehr: das „es gilt“ ist das eigentliche „das ist“, das einzige „das ist“.

2[151]

Man darf nicht fragen: „wer interpretirt denn?“ sondern das Interpretiren selbst, als eine Form des Willens zur Macht, hat Dasein (aber nicht als ein „Sein“, sondern als ein Prozeß, ein Werden) als ein Affekt.

2[152]

Die Entstehung der „Dinge“ ist ganz und gar das Werk der Vorstellenden, Denkenden, Wollenden, Erfindenden. Der Begriff „Ding“ selbst ebenso als alle Eigenschaften. — Selbst „das Subjekt“ ist ein solches Geschaffenes, ein „Ding“, wie alle Andern: eine Vereinfachung, um die Kraft, welche setzt, erfindet, denkt, als solche zu bezeichnen, im Unterschiede von allem einzelnen Setzen, Erfinden, Denken selbst. Also das Vermögen im Unterschiede von allem Einzelnen bezeichnet: im Grunde das Thun in Hinsicht auf alles noch zu erwartende Thun (Thun und die Wahrscheinlichkeit ähnlichen Thuns) zusammengefaßt

2[153]

NB. Aus der uns bekannten Welt ist der humanitäre Gott nicht nachzuweisen: so weit kann man euch heute zwingen und treiben,Erratum:treiben:
lies:treiben,
Nach KGW Nachberichte
— aber welchen Schluß zieht ihr darausErratum:heraus
lies:daraus
Nach KGW Nachberichte
? Entweder erErratum:Er
lies:Entweder er
Nach KGW Nachberichte
ist uns nicht nachweisbar: Skepsis der Erkenntniß. Aber ihr Alle fürchtet den Schluß: „aus der uns bekannten Welt würde ein ganz anderer Gott nachweisbar sein, ein solcher, der zum Mindesten nicht humanitär ist“ — — und, kurz und gut, d.h. ihr haltet euren Gott fest und erfindet für ihn eine Welt, die uns nicht bekannt ist.

2[154]

(36)

Gegen das wissenschaftliche Vorurtheil. — Die größte Fabelei ist die von der Erkenntniß. Man möchte wissen, wie die Dinge an sich beschaffen sind: aber siehe da, es giebt keine Dinge an sich! Gesetzt aber sogar, es gäbe ein An-sich, ein Unbedingtes, so könnte es eben darum nicht erkannt werden! Etwas Unbedingtes kann nicht erkannt werden: sonst wäre es eben nicht unbedingt! Erkennen ist aber immer „sich-irgend-wozu-in-Bedingung-setzen“ — —; ein solcher „Erkennender“ will, daß das, was er erkennen will, ihn nichts angeht; und daß dasselbe etwas überhaupt Niemanden nichts angeht: wobei erstlich ein Widerspruch gegeben ist, im Erkennen-Wollen und dem Verlangen, daß es ihn nichts angehen soll (wozu doch dann Erkennen!) und zweitens, weil etwas, das Niemanden nichts angeht, gar nicht ist, also auch nicht erkannt werden kann. — Erkennen heißt „sich in Bedingung setzen zu etwas“: sich durch etwas bedingt fühlen und zwischen uns — — es ist also unter allen Umständen ein Feststellen Bezeichnen Bewußtmachen von Bedingungen (nicht ein Ergründen von Wesen, Dingen, „An-sichs“)

2[155]

Tiefe Abneigung, in irgend einer Gesammt-Betrachtung der Welt ein für alle Mal auszuruhen; Zauber der entgegengesetzten DenkweisenErratum:Denkweise
lies:Denkweisen
Nach KGW Nachberichte
; sich den Anreiz des änigmatischen Charakters nicht nehmen lassen.

2[156]

Zum Capitel „Künstler“ (als Bildner, Werthzuleger, Besitzergreifer)

Unsere Sprachen als Nachklänge der ältesten Besitzergreifungen der Dinge, von Herrschenden und Denkern zugleich — —: jedem gemünzten WorteErratum:Wort
lies:Worte
Nach KGW Nachberichte
lief der Befehl neben her „so soll das Ding nunmehr genannt werden!“

2[157]

Sollten nicht alle Quantitäten Anzeichen von Qualitäten sein? Die größere Macht entspricht einem anderen Bewußtsein, Gefühl, Begehren, einem anderen perspektivischen Blick; Wachsthum selbst ist ein Verlangen, mehr zu sein; aus einem quale heraus erwächst das Verlangen nach einem Mehr von Quantum; in einer rein quantitativen Welt wäre alles todt, starr, unbewegt. — Die Reduktion aller Qualitäten auf Quantitäten ist Unsinn: was sich ergiebt, ist daß eins und das andere beisammen steht, eine Analogie —

2[158]

Psychologische Geschichte des Begriffs „Subject“. Der Leib, das Ding, das vom Auge construirte „Ganze“ erweckt die Unterscheidung von einem Thun und einem Thuenden; der Thuende, die Ursache des Thuns immer feiner gefaßt, hat zuletzt das „Subjekt“ übrig gelassen.

2[159]

Ist jemals schon eine Kraft constatirt? Nein, sondern Wirkungen, übersetzt in eine völlig fremde Sprache. Das Regelmäßige im Hintereinander hat uns aber so verwöhnt, daß wir uns über das Wunderliche daran nicht wundern

2[160]

Heute, wo es gilt, diesem Buch, das offen steht,Erratum:steht
lies:steht,
Nach KGW Nachberichte
aber trotzdem nach seinem Schlüssel verlangt, hierzu einen Eingang eine Vorrede zu geben, soll es das Erste sein, zu sagen, warum ich mich damals vor einer Vorrede fürchtete.

2[161]

(41)

Zur Vorrede.

Gegen die erkenntnißtheoretischen Dogmen tief mißtrauisch, liebte <ich> es, bald aus diesem, bald aus jenem Fenster zu blicken, hütete mich, <mich> darin festzusetzen, hielt sie für schädlich — und zuletzt: ist es wahrscheinlich, daß ein Werkzeug seine eigene Tauglichkeit kritisiren kann?? — Worauf ich Acht gab, war vielmehr daß niemals eine erkenntnißtheoretische Skepsis oder Dogmatik ohne Hintergedanken entstanden ist, — daß sie einen Werth zweiten Ranges hat, sobald man erwägt, was im Grunde zu dieser Stellung zwang: selbst schon der Wille zur Gewißheit, wenn er nicht der Wille „ich will erst leben“ — — — Grundeinsicht: sowohl Kant als Hegel als Schopenhauer — sowohl die skeptisch-epochistische Haltung, als die historisirende als die pessimistische sind moralischen Ursprungs. Ich sah Niemanden, der eine Kritik der moralischen Werthgefühle gewagt hätte: und den spärlichen Versuchen, zu einer Entstehungs-GeschichteErratum:Entstehungsgeschichte
lies:Entstehungs-Geschichte
Nach KGW Nachberichte
dieser Gefühle zu kommen (wie bei den englischen und deutschen Darwinisten) wandte ich bald den Rücken. — Wie erklärt sich Spinoza’s Stellung, seine Verneinung und Ablehnung der moralischen Werthurtheile? (Es war eine Consequenz einer Theodicee?)

2[162]

Man bemerkt, bei meinen früheren Schriften, einen guten Willen zu unabgeschlossenen Horizonten, eine gewisse kluge Vorsicht vor Überzeugungen, ein Mißtrauen gegen die Bezauberungen und Gewissens-Überlistungen, welche jeder starke Glaube mit sich bringt; mag man darin zu einem Theile die Behutsamkeit des gebrannten Kindes, des betrogenen Idealisten sehen — wesentlicher scheint mir der epikureische Instinkt (eines Räthselfreundes —)Erratum:eines Räthselfreundes
lies:(eines Räthselfreundes —)
Nach KGW Nachberichte
, der sich den änigmatischen Charakter der Dinge nicht leichten Kaufs nehmen lassen will, am wesentlichsten endlich ein aesthetischer Widerwille gegen die großen tugendhaften unbedingten Worte, ein Geschmack, der sich gegen alle viereckigen Gegensätze zur WehreErratum:Wehr
lies:Wehre
Nach KGW Nachberichte
setzt, ein gut Theil Unsicherheit in den Dingen wünscht und die Gegensätze wegnimmt: —Erratum:wegnimmt,
lies:wegnimmt: —
Nach KGW Nachberichte
als Freund der Zwischenfarben, Schatten, Nachmittagslichter und endlosen Meere.

2[163]

Gewöhnliche Fehler der Moral-Historiker:

1. 

sie zeigenErratum:sagen
lies:zeigen
Nach KGW Nachberichte
, daß es bei verschiedenen Völkern verschiedene moralische Schätzungen giebt und schließen daraus deren Unverbindlichkeit überhaupt. — Oder sie behaupten irgend einen consensus der Völker, mindestens der civilisirtenErratum:christlichen
lies:civilisirten
Nach KGW Nachberichte
, in gewissen Dingen der Moral und schließen daraus auf dessen Verbindlichkeit für uns!Erratum:uns:
lies:uns!
Nach KGW Nachberichte
— Beides ist gleich naiv.

2. 

sie kritisiren die MeinungenErratum:Meinung
lies:Meinungen
Nach KGW Nachberichte
eines Volkes über seine Moral (über derenErratum:die
lies:deren
Nach KGW Nachberichte
Herkunft, Sanktion, Vernünftigkeit usw.) und glaubenErratum:Glauben
lies:glauben
Nach KGW Nachberichte
eine Moral selbst kritisirt zu haben, welche mit diesem Unkraut von Unvernunft überwachsen ist.

3. 

sie stehen selbst unter dem Regiment einer Moral, ohne es zu wissen und thun im Grunde nichts anderes als ihrem Glauben an sie zum Siege zu verhelfen: — ihre Gründe beweisen nur ihren eigenen Willen, daß das und das geglaubt werdeErratum:würde
lies:werde
Nach KGW Nachberichte
, daß das und das durchaus wahr sein solle.


Mit den bisherigen Moral-Historikern hat es wenig auf sich: sie stehen gewöhnlich selbst unter dem Commando einer Moral und thun im Grunde nichts anderesErratum:Anderes
lies:anderes
Nach KGW Nachberichte
als deren Propaganda zu machen. Ihr gewöhnlicher Fehler ist, daß sie die thörichten Meinungen eines Volkes über seine Moral kritisiren (also über deren Herkunft, Sanktion, Vernünftigkeit) und eben damit die Moral selbst kritisirt zu haben glauben, welche mit diesem Unkraut von Unvernunft überwachsen ist. Aber der Werth einer Vorschrift „du sollst“ ist unabhängig von der Meinung über dieselbe, so gewiß der Werth eines Medikaments unabhängig davon ist, ob ich wissenschaftlich oder wie ein altes Weib über Medizin denke

Oder wiederum sie behaupten irgend einen consensus der Völker, mindestens der zahmen Völker über gewisse Dinge der Moral und schließen daraus auf deren unbedingte Verbindlichkeit, auch für dich und mich: was Beides gleich große Naivetäten sind —

2[164]

Ein durch Kriege und Siege gekräftigter Geist, dem die Eroberung, das Abenteuer, die Gefahr, der Schmerz sogar zum Bedürfniß geworden ist; eine Gewöhnung an scharfe hohe Luft, an winterliche Wanderungen, an Eis und Gebirge in jedem Sinne; eine Art sublimer Bosheit und letzten Muthwillens der Rache, denn es ist Rache darin, Rache am Leben selbst, wenn ein Schwerleidender das Leben in seine Protektion nimmt. Dies Buch, dem nicht nur Eine Vorrede noth thun mag, ist aus vielen Gründen schwerverständlich, nicht durch ein Ungeschick seines Urhebers, noch weniger durch dessen schlechten Willen, sondern <durch> den letzten Muthwillen eines Schwer-Leidenden, der sich beständig über ein Ideal lustig macht, an das das Volk glaubt, welches er vielleicht in diesem ZustandeErratum:diesen Zuständen
lies:diesem Zustande
Nach KGW Nachberichte
erreicht hat.

— Und vielleicht habe ich ein Recht, über diese Zustände mitzureden, weil ich ihnen nicht nur zugesehen habe.


Ich zweifle nicht: es war der Zustand des WeisenErratum:Weisen
lies:Weisen
Nach KGW Nachberichte
, wie ihn das Volk sich denkt, über den ich damals mit einer ironischen Selbst-Überlegenheit hinweglebte: die sanfte Unfruchtbarkeit und Selbstbefriedigung des Weisen, wie ihn sich das Volk denkt, das Abseits und Jenseits des „Rein-Erkennenden“, der ganze sublime Onanismus eines Geistes, dem der gute Wille zur That, zur Zeugung, zum Schaffen in jedem Sinne abhanden gekommen ist. Wer fühlt mir das wunderliche Glück jener Zeit nach, in der das Buch entstand! Die sublime Bosheit einer Seele, welche — — —

Meinem GeschmackeErratum:Geschmack
lies:Geschmacke
Nach KGW Nachberichte
von heute sagt etwas anderes zu: der Mensch der großen Liebe und der großen Verachtung, den seine überflüssige Kraft aus allem „Abseits“ und „Jenseits“ mittenhinein in die Welt treibt, den die Einsamkeit zwingt, sich Wesen zu schaffen, die ihm gleich sind — ein Mensch mit dem Willen zu einer furchtbaren Verantwortlichkeit, an sein Problem geschmiedet


Was vielleicht am schwersten an diesem schwerverständlichen BucheErratum:Buch
lies:Buche
Nach KGW Nachberichte
zu begreifen ist, dem nicht nur Eine Vorrede noth thut, das ist die Ironie des Gegensatzes zwischen seinem Thema, einer Auflösung und Aufdröselung der moralischen Werthe — und seinem ToneErratum:Ton
lies:Tone
Nach KGW Nachberichte
, dem der höchsten mildesten weisesten Gelassenheit, an dem ein Schwer-Leidender, ein dem Leben Abgewandter sich wie an seinem letzten Muthwillen ergetzte.

2[165]

(41)

Zur Vorrede der „Morgenröthe“Erratum:„Morgenröthe“.
lies:„Morgenröthe“
Nach KGW Nachberichte

Versuch über Moral zu denken, ohne unter ihrem Zauber zu stehen, mißtrauisch gegen die Überlistung ihrer schönen Gebärden und BlickeErratum:Blicke.
lies:Blicke
Nach KGW Nachberichte

Eine Welt, die wir verehren können, die unserem anbetenden Triebe gemäß ist — die sich fortwährend beweist — durch Leitung des Einzelnen und Allgemeinen —: dies die christliche Anschauung, aus der wir Alle stammen.

Durch ein Wachsthum an Schärfe, Mißtrauen, Wissenschaftlichkeit (auch durch einen höher gezüchtetenErratum:gerichteten
lies:gezüchteten
Nach KGW Nachberichte
Instinkt der Wahrhaftigkeit, also unter wieder christlichen Einwirkungen) ist diese Interpretation uns immer mehr unerlaubt worden.

Feinster Ausweg: der Kantsche Kriticismus. Der Intellekt stritt sich selbst das Recht ab sowohl zur Interpretation in jenem Sinne als zur Ablehnung der Interpretation in jenem Sinne. Man begnügteErratum:begnügt
lies:begnügte
Nach KGW Nachberichte
sich, mit einem Mehr von Vertrauen und Glauben, mit einem Verzichtleisten auf alle Beweisbarkeit seines Glaubens, mit einem unbegreiflichen und überlegenen „Ideal“ (Gott) die Lücke auszufüllen.

Der Hegelische Ausweg, im Anschluß an Plato, ein Stück Romantik und Reaktion, zugleich das Symptom des historischen Sinns, einer neuen Kraft: der „Geist“ selbst ist das sich enthüllende und verwirklichende Ideal, im „Prozeß“, im „Werden“ offenbart sich ein immer Mehr von diesem Ideal, an das wir glauben —, also das Ideal verwirklicht sich, der Glaube richtet sich auf die Zukunft, in der er seinem edlen Bedürfnisse nach anbeten kann. Kurz,

1) 

Gott ist uns unerkennbar und unnachweisbar — Hintersinn der erkenntnißtheoretischen Bewegung

2)

Gott ist nachweisbar, aber als etwas WerdendesErratum:Werdendes —
lies:Werdendes
Nach KGW Nachberichte
, und wir gehören dazu, eben mit unsrem Drang zum Idealen — Hintersinn der historisirenden Bewegung

Aber derselbe historische Sinn, in die NaturgeschichteErratum:Natur
lies:Naturgeschichte
Nach KGW Nachberichte
übertretend, hat — — —

Man sieht: es ist niemals die Kritik an das Ideal selbst gerückt, sondern nur an das Problem, woher der Widerspruch gegen dasselbe kommt, warum es noch nicht erreicht oder warum es nicht nachweisbar im Kleinen und Großen ist.

Das Ideal des Weisen in wiefern grundmoralisch bisher? - - -

Es macht den größten Unterschied: ob man aus der Leidenschaft heraus, aus einem Verlangen heraus diesen Nothstand als Nothstand fühlt oder ob man ihn mit der Spitze des Gedankens und einer gewissen Kraft der historischen Imagination gerade noch alsErratum:als ein
lies:als
Nach KGW Nachberichte
Problem erreicht…

Abseits von der religiös-philosophischen Betrachtung finden wir dasselbe Phänomen: der Utilitarismus (der Socialismus, der Demokratismus) kritisirt die Herkunft der moralischen Werthschätzungen, aber er glaubt an sie, ebenso wie der Christ. (Naivetät, als ob Moral übrig bliebe, wenn der sanktionirende Gott fehlt. Das „Jenseits“ absolut nothwendig, wenn der Glaube an Moral aufrecht erhalten werden soll.)

Grundproblem: woher diese Allgewalt des Glaubens? Des Glaubens an die Moral?

(— der sich auch darin verräth, daß selbst die Grundbedingungen des Lebens zu Gunsten der Moral falsch interpretirt werden: trotz Kenntniß der Thierwelt und Pflanzenwelt.

die „Selbsterhaltung“,Erratum:„Selbsterhaltung“:
lies:„Selbsterhaltung“,
Nach KGW Nachberichte
darwinistische Perspektive auf Versöhnung altruistischer und egoistischer Principien.

(Kritik des Egoismus, z.B. Larochefoucauld)

Mein Versuch, die moralischen Urtheile als Symptome und Zeichensprachen zu verstehen, in denen sich Vorgänge des physiologischen Gedeihens oder Mißrathens, ebenso das Bewußtsein von Erhaltungs- und Wachsthumsbedingungen verräthErratum:verrathen
lies:verräth
Nach KGW Nachberichte
: eine Interpretation’s-Weise vom Werthe der Astrologie. Vorurtheile, denen Instinkte souffliren (von Rassen, Gemeinden, von verschiedenen Stufen wie Jugend oder Verwelken usw.)

Angewendet auf die speziell christlich-europäische Moral: unsere moralischen Urtheile sind Anzeichen vom Verfall, vomErratum:von Verfall, von
lies:vom Verfall, vom
Nach KGW Nachberichte
Unglauben an das Leben, eine Vorbereitung des Pessimismus.

Was bedeutet es, daß wir einen Widerspruch in das Dasein hineininterpretirt haben? — Entscheidende Wichtigkeit: hinter allen anderen Werthschätzungen stehen commandirend jene moralischen Werthschätzungen. Gesetzt, sie fallen fort, wonach messen wir dann? UndErratum:und
lies:Und
Nach KGW Nachberichte
welchen Werth haben dann Erkenntniß usw. usw.???

Mein Hauptsatz: es giebt keine moralischen Phänomene, sondern nur eine moral<ische> Interpretation dieser Phänomene. Diese Interpretation selbst ist außermoralischen Ursprungs.

2[166]

Vorrede zur „Fröhlichen Wissenschaft“

Eine Lustbarkeit vor einer großen Unternehmung, zu der man jetzt endlich die Kraft bei sich zurückkehren fühlt: wie Buddha sich 10 Tage den weltl<ichen> Vergnügungen ergab, als er seinen Hauptsatz gefunden.

Allgemeiner Spott über alles Moralisiren von heute. Vorbereitung zu Zarathustras naiv-ironischer Stellung zu allen heiligen Dingen (naive Form der Überlegenheit: das Spiel mit demErratum:Form der Überlegenheit: das Spiel mit dem
lies:Form der Überlegenheit: das Spiel mit dem
Nach KGW Nachberichte
Heiligen)

(42)

Über das Mißverständniß der „Heiterkeit“. Zeitweilige Erlösung von der langen Spannung, der Übermuth, die SaturnalienErratum:Übermuth
lies:Übermuth, die Saturnalien
Nach KGW Nachberichte
eines Geistes, der sich zu langen und furchtbaren Entschließungen weiht und vorbereitet. Der „Narr“ in der Form der „Wissenschaft“.


Diesem Buche thut vielleicht nicht nur Eine Vorrede noth: von seiner „fröhlichen Wissenschaft“ hat man gar nichts verstanden. Selbst über den Titel — — —

Von dieser „fröhlichen Wissenschaft“ hat man gar Nichts verstanden;Erratum:verstanden:
lies:verstanden;
Nach KGW Nachberichte
nicht einmal den Titel, über dessen provenzalischem Sinn wenigstensErratum:vergaßen
lies:wenigstens
Nach KGW Nachberichte
viele GelehrteErratum:Gelehrten
lies:Gelehrte
Nach KGW Nachberichte
— — —


Der triumphirende Zustand, aus dem dies Buch hervorgieng, ist schwer zu begreifen — ich selbst war aber aus einem Zustand hervorgegangen.

das Bewußtsein des Widerwillens gegen Alles, was hinter mir lag, gepaart mit einem sublimen Willen zur Dankbarkeit selbst für das „Hinter-mirErratum:Hinter mir
lies:Hinter-mir
Nach KGW Nachberichte
“, welcher nicht zu fern von dem Gefühl des Rechts auf eine lange Rache war

ein Stück graues eiskaltes Greisenthum, an der unrechtesten Stelle des Lebens eingeschaltet, die Tyrannei des Schmerzes überboten durch die Tyrannei des Stolzes, der die Folgerungen des Schmerzes ablehnt, die Vereinsamung als Nothwehr gegen eine krankhaftErratum:krankhafte
lies:krankhaft
Nach KGW Nachberichte
hellseherische Menschen-Verachtung und deshalb noch als Erlösung geliebt und genossen, andererseits ein Verlangen nach dem Bittersten Herbsten Wehethuendsten der Erkenntniß

Es gehört zu den Dingen, die ich nicht vergessen werde, daß man mir zu keinem Buche so aufrichtig gratulirt hat wie zu diesem, man gab mir selbst zu verstehen, wie gesund eine solche Denkweise sei


Nichts beleidigt so tief als die Höhe und Strenge der eigenen Ansprüche an sich merken zu lassen.


Nichts beleidigt so tief, nichts trennt so gründlich abErratum:ab,
lies:ab
Nach KGW Nachberichte
als etwas von der Höhe u. StrengeErratum:Strenge
lies:Höhe u. Strenge
Nach KGW Nachberichte
, mit der man sich selbst behandelt, merken zu lassen: oh wie entgegenkommend und liebreich zeigt sich alle Welt gegen uns, sobald wir es machen wie alle Welt und uns „gehen lassen“ wie alle Welt!


Es gehört zu den Dingen, die ich nicht vergessen werde, daß man mir zu diesem Buche des „gai saber“ mehr Glückwünsche gesagt hat als zu allen übrigen zusammen: man war plötzlich mit mir versöhntErratum:versöhnt
lies:mit mir versöhnt
Nach KGW Nachberichte
, man zeigte sich wieder entgegenkommend und liebreich, alle Welt sah darin eine Genesung, Rückkehr, Heimkehr, Einkehr — nämlich als Rückkehr zu „aller Welt“.


Abgesehen von einigen Gelehrten, deren Eitelkeit an dem Worte „Wissenschaft“ Anstoß nahm (— sie gaben mir zu verstehen, Das sei „fröhlich“ vielleicht, sicherlich aber nicht „Wissenschaft“ —) nahm alle Welt dies Buch wie eine Rückkehr zu „aller Welt“ und zeigte sich um seinetwillen entgegenkommend und liebreich gegen mich: und ich errieth nachträglichErratum:nachträglich
lies:nachträglich
Nach KGW Nachberichte
, wie Nichts am tiefsten beleidigt und am gründlichsten gegen uns — — —


NB Vielleicht daß man zum Schluß auch einigen übermüthigen Liedern Gehör schenkt, in denen ein Dichter sich über dieErratum:über
lies:über die
Nach KGW Nachberichte
Dichter lustig macht und deren schöne lyrische Gefühle.

NB!! Zarathustra, der auf eine heilige Weise allen heiligen Dingen Muth und Spott entgegenstellt und seinen Weg zum Verbotensten, Bösesten mit Unschuld geht - - -

2[167]

Leugnung der Causalität. Um nicht für Jegliches Alles verantwortlich zu machen und den Faden kurz zu nehmen, an dem etwas hängt. „Zufall“ existirt wirklich.

2[168]

Tendenz der Moral-Entwicklung. Jeder wünscht, daß keine andere Lehre und Schätzung der Dinge zur Geltung komme außer eine solcheErratum:einer solchen
lies:eine solche
Nach KGW Nachberichte
, bei der er selbst gut wegkommt. Grundtendenz folglich der Schwachen und Mittelmäßigen aller Zeiten, die Stärkeren schwächer zu machen, herunterzuziehen: Hauptmittel das moralische Urtheil. Das Verhalten des Stärkeren gegen den Schwächeren wird gebrandmarkt; die höheren Zustände des Stärkeren bekommen schlechte Beinamen.

Der Kampf der Vielen gegen die Wenigen, der Gewöhnlichen gegen die Seltenen, der Schwachen gegen die Starken

— eine seiner feinsten Unterbrechungen ist die, daß die Ausgesuchten Feinen Anspruchsvolleren sich als die Schwachen präsentirtenErratum:präsentiren
lies:präsentirten
Nach KGW Nachberichte
und die gröberen Mittel der Macht von sich wiesenErratum:weisen
lies:wiesen
Nach KGW Nachberichte

2[169]

(34)

Es könnte scheinen als ob ich der Frage nach der Gewißheit ausgewichen sei. Das Gegentheil ist wahr: aber indem ich nach dem Kriterium der Gewißheit fragte, prüfte ich, nach welchem Schwergewichte überhaupt bisher gewogen worden ist — und daß die Frage nach der Gewißheit selbst schon eine abhängige Frage sei, eine Frage zweiten Ranges.

2[170]

(44)

Es fehlt das Wissen und Bewußtsein davon, welche Umdrehungen bereits das moralische Urtheil denn durchgemacht hat, und wie wirklich mehrere Male schon im gründlichsten Sinne „Böse“ auf „Gut“ umgetauft worden ist. Auf eine dieser Verschiebungen habe ich mit dem Gegensatze „Sittlichkeit der Sitte“ und — — —

Auch das Gewissen hat seine Sphäre vertauscht: es gab einen Heerden-Gewissensbiß


In wiefern auch unser Gewissen, mit seiner anscheinenden persönlichen Verantwortung doch noch Heerden-Gewissen ist.

2[171]

(43)

Der Gewissensbiß wie alle ressentiments bei einer großen Fülle von Kraft fehlend.Erratum:fehlend
lies:fehlend.
Nach KGW Nachberichte
(Mirabeau, B. Cellini, Cardanus).

2[172]

Das „Sein“ — wir haben keine andere Vorstellung davon als „leben“. — Wie kann also etwas Todtes „sein“?

2[173]

Zu l’art pour l’art cf. Doudan pensées p. 10 wie der Cultus der Farben depravirt

Scherer VIII p. 292.

2[174]

Man findet in den Dingen nichts wieder als was man einstErratum:nicht
lies:einst
Nach KGW Nachberichte
selbst hineingesteckt hat: dies Kinderspiel, von dem ich nicht gering denken möchte, heißt sich „Wissenschaft“Erratum:Wissenschaft
lies:„Wissenschaft“
Nach KGW Nachberichte
? Im Gegentheil: führen wir fort mit BeidemErratum:mit Beiden
lies:mit Beidem
Nach KGW Nachberichte
, es gehört guter Muth zu BeidemErratum:zu Beiden
lies:zu Beidem
Nach KGW Nachberichte
— die Einen zum Wiederfinden, die Andern — wir Anderen!Erratum:wir Andern
lies:wir Anderen!
Nach KGW Nachberichte
— zum Hineinstecken!

— der Mensch findet zuletzt in den Dingen nichts wieder als was er selbst in sie hineingesteckt hat: das Wiederfinden heißt sich Wissenschaft, das Hineinstecken — Kunst, Religion, Liebe, Stolz. In Beidem, wenn es selbst Kinderspiele sein sollten, — — —

2[175]

(45)

NB. Gegen die Lehre vom Einfluß des milieu und der äußeren Ursachen: die innere Kraft ist unendlich überlegen; Vieles, was wie Einfluß von Außen aussieht, ist nur ihre Anpassung von Innen her. Genau dieselben milieu’s können entgegengesetzt ausgedeutet und ausgenutzt werden: es giebt keine Thatsachen. — Ein Genie ist nicht erklärt aus solchen Entstehungs-Bedingungen —

2[176]

Was den starken Menschen des 20. Jahrhunderts ausmacht: —

2[177]

(46)

Volksthümliche Ideale z.B. Franz von Assisi: Leugnung der Seelen-Hierarchie, vor Gott Alle gleich.

2[178]

Es thut gut, „Recht“ „Unrecht“ usw. in einem bestimmten engen bürgerlichen Sinn zu nehmen, wie „thue Recht und scheue Niemanden“: d.h. einem bestimmten groben Schema gemäß, innerhalb dessen ein Gemeinwesen besteht, seine Schuldigkeit thun.

2[179]

Vorrede

Von einer Vorstellung des Lebens ausgehend (das nicht ein Sich-erhalten-wollen, sondern ein Wachsen-Wollen ist) habe ich einen Blick über den GrundinstinktErratum:die Grundinstinkte
lies:den Grundinstinkt
Nach KGW Nachberichte
unserer politischen geistigen gesellschaftlichen Bewegung Europas gegeben.


Wovon ich vielleicht einen Begriff gegeben habe?

1) daß hinter den grundsätzlichsten Verschiedenheiten der Philosophien eine gewisse Gleichheit des Bekenntnisses steht: die unbewußte Führung durch moralische Hinterabsichten, deutlicher: durch volksthümliche Ideale; — daß folglich das moralische Problem radikaler ist als das erkenntnißtheoretische

2) daß einmal eine Umkehrung des Blicks noth thut, um das Vorurtheil der Moral und aller volksthümlicherErratum:volksthümlichen
lies:volksthümlicher
Nach KGW Nachberichte
Ideale insErratum:ans
lies:ins
Nach KGW Nachberichte
Licht zu bringen: wozu alle Art „freier Geister“ — d.h. unmoralischer — gebraucht werden kann.

3) daß das Christenthum, als plebejisches Ideal, mit seiner Moral auf Schädigung der stärkeren höher gearteten männlichenErratum:männlicheren
lies:männlichen
Nach KGW Nachberichte
Typen hinausläuft und einen Heerdenart-Menschen begünstigt: daß sieErratum:es
lies:sie
Nach KGW Nachberichte
eine Vorbereitung der demokratischen Denkweise ist

4) daß die Wissenschaft im Bunde mit der Gleichheits-Bewegung vorwärts geht, Demokratie ist, daß alle Tugenden des Gelehrten die Rangordnung ablehnen

5) daß das demokratische Europa nur auf eine sublime Züchtung der Sklaverei hinausläuft, welche durch eine starke Rasse kommandirt werden muß, um sich selbst zu ertragen

6) daß eine Aristokratie nur unter hartem langem Druck entsteht (Herrschaft über die Erde)

2[180]

Vielleicht giebt es ein Paar Menschen in Europa, auch in Deutschland, welche an das Problem dieses Buches reichen, und nicht nur mit ihrer Neugierde, nicht nur mit den Fühlhörnern eines verwöhnten Verstandes, ihrer errathenden Ein- und Nachbildungskraft, ihres „historischen Sinns“ zumal, sondern mit der Leidenschaft des Entbehrenden: deren Seele Höhe genug hat, um meine Conception des „freien Geistes“ als ein Ausdrucksmittel, als eine Feinheit, wenn man will, als eine Bescheidenheit zu verstehn: diese werden sich nicht über meine Dunkelheit beklagen.

Es giebt viele Dinge, gegen welche ich nicht nöthig gefunden habe, zu reden: es versteht sich von selbst, daß mir der „Litterat“ widerlich ist, daß mir alle politischen Parteien von heute widerlich sind, daß der Sozialist von mir nicht nur mit Mitleiden behandelt wird. Die beiden vornehmsten Formen Mensch, denen ich leibhaft begegnet bin, <waren>Erratum:(waren)
lies:<waren>
Nach KGW Nachberichte
der vollkommene Christ — ich rechne es mir zu Ehren, aus einem Geschlechte zu stammen, das in jedem Sinne Ernst mit seinem Christenthum gemacht hat — und der vollkommene Künstler des romantischen Ideals, welchen ich tief unter dem christlichen Niveau gefunden habe: es liegt auf der Hand, daß, wenn man diesen Formen den Rücken gekehrt hat, weil sie Einem nicht genügen, man nicht leicht in einer anderen Art Mensch von heute sein Genüge findet, — in sofern bin ich zur Einsamkeit verurtheilt, obwohl ich mir sehr gut eine Art Menschen denken kann, an der ich mein Vergnügen hätte. Mein duldsamer und milder Ekel vor der Selbstgenügsamkeit unserer mit Bildung sich putzenden Großstädter, unserer Gelehrten — — —

2[181]

(42)

Die Ironie des Plato, mit der eine übergroße Zartheit der GefühleErratum:des Gefühls
lies:der Gefühle
Nach KGW Nachberichte
und der Sinne, eine Verletzlichkeit des Herzens sich zu schützen, mindestens zu verbergen weiß, jenes olympische Wesen Goethes, der Verse über seine Leiden machte, um sie loszuwerden, insgleichen Stendhal, Merimée —

2[182]

(10)

Damit etwas bestehen soll, was länger ist als ein Einzelner, damit also ein Werk bestehen bleibt, das vielleicht ein Einzelner geschaffen hat: dazu muß dem Einzelnen alle mögliche Art von Beschränkung, von Einseitigkeit usw. auferlegt werden. Mit welchem Mittel? Die Liebe Verehrung Dankbarkeit gegen die Person, die das Werk schuf, ist eine Erleichterung: oder daß unsere Vorfahren es erkämpft haben: oder daß meine Nachkommen nur so garantirt sind, wenn ich jenes Werk (z.B. die πόλις) garantire. Moral ist wesentlich das Mittel, über die Einzelnen hinweg, oder vielmehr durch eine Versklavung der Einzelnen etwas zur Dauer zu bringen. Es versteht sich, daß die Perspektive von unten nach oben ganz andere Ausdrücke geben wird, als die von oben nach unten.

Ein Macht-Complex: wie wird er erhalten? Dadurch, daß viele Geschlechter ihm sich opfern, d.h. — — —

2[183]

Zur Einleitung.

Für Jeden, der mit einem großen Fragezeichen wie mit seinem Schicksale zusammengelebt hat und dessen Tage und Nächte sich in lauter einsamen Zwiegesprächen und Entscheidungen verzehrten, sind fremde Meinungen über das gleiche Problem eine Art Lärm, gegen den er sich wehrt und die Ohren zuhält: überdies, gleichsam etwas Zudringliches Unbefugtes und Schamloses, von Seiten solcher, welche, wie er glaubt, kein Recht auf ein solches Problem besitzen: weil sie es nicht gefunden haben. Es sind die Stunden des Mißtrauens gegen sich selbst, des Mißtrauens gegen das eigene Recht und Vorrecht, wo der einsiedlerische Liebende — denn das ist ein Philosoph — zu hören verlangt, was Alles über sein Problem gesagt und geschwiegen wird; vielleicht, daß er dabei erräth, daß die Welt voll solcher eifersüchtig Liebender ist, gleich ihm, und daß alles Laute, Lärmende, Öffentliche, der ganze Vordergrund von Politik, Alltag, Jahrmarkt, „Zeit“ nur erfunden zu sein scheint, damit alles, was uns heute Einsiedler und Philosoph ist, sich dahinter verstecken könne — als in ihre eigenste Einsamkeit; Alle mit Einem beschäftigt, in Eins verliebt, auf Eins eifersüchtig, gerade auf sein Problem. „Es wird gar nichts Andres heute gedacht wo überhaupt gedacht wird“ — sagt er sich endlich; „es dreht sich Alles gerade um dies Fragezeichen; was mir vorbehalten schien, darum bewirbt sich das ganze Zeitalter: es begiebt sich im Grunde gar nichts Anderes; ich selbst — aber was liegt an mir!“

2[184]

(47)

Spät komme ich zum Bewußtsein, wie weit die moralistische Skepsis gegangen ist: woran erkenne ich mich wieder?

DerErratum:der
lies:Der
Nach KGW Nachberichte
Determinismus: wir sind für unser Wesen nicht verantwortlich

DerErratum:der
lies:Der
Nach KGW Nachberichte
Phänomenalismus: wir wissen nichts von einem „Ding an sich“

Mein Problem: Welchen Schaden hat die Menschheit bisher von der Moral sowohl wie von ihrer Moralität gehabt? Schaden am Geiste usw.

mein Ekel am Weisen als einem Zuschauer

mein höherer Begriff „Künstler“

2[185]

(47)

„Wir Immoralisten“

wirkliche 

Kritik des moralischen Ideals

— 

des guten Menschen, des Heiligen, des Weisen

von der Verleumdung der sogenannten bösen Eigenschaften

welchen Sinn haben die verschiedenen moralischen Interpretationen?

was ist die Gefahr der jetzt in Europa herrschenden Interpretation?

was ist das Maaß, woran gemessen werden kann? („Wille zur Macht“)

2[186]

Glaubt ja nicht, daß ich euch zu dem gleichen Wagnisse auffordern werde! Oder auch nur zur gleichen Einsamkeit. Denn wer auf eigenen Wegen geht, begegnet Niemandem: das bringen die „eigenen Wege“ mit sich. Niemand kommt ihm dabei zu „helfenErratum:Hülfe
lies:helfen
Nach KGW Nachberichte
“, und mit allem, was ihm von Gefahr, Zufall, Bosheit und schlechtem Wetter zustößt, muß er selbst fertig werden. Er hat eben seinen Weg für sich, und auch seinen gelegentlichen Verdruß über dieses harte unerbittliche „für sich“: wozu es zum Beispiel gehört, daß selbst seine guten Freunde nicht immer sehen und wissen, wo er eigentlich geht, wohin er eigentlich will — und sich bisweilen fragen: wie? geht er überhaupt? hat er — einenErratum:einen
lies:— einen
Nach KGW Nachberichte
Weg?…

— Indem ich hiermit den Versuch mache, denen, welche mir bisher — trotz alledem — wohlgesinnt geblieben sind, einen Wink über den Weg zu geben, welchen ich gegangen bin, empfiehlt es sich zuerst zu sagen, auf welchen Wegen man mich bisweilen gesucht und selbst zu finden geglaubt hat. Man pflegt mich zu verwechseln: ich gestehe es ein; insgleichen, daß mir ein großer Dienst geschehen wäre, wenn Jemand Anderer mich gegen diese Verwechslungen vertheidigte und abgrenzte. Aber, wie gesagt, ich muß mir selbst zu Hülfe kommen: wozu geht man „auf eigenen Wegen“?

antimetaphysisch, antiromantisch, artistisch, pessimistisch, skeptisch, historisch


Eine artistische Weltbetrachtung 

eine antimetaphysische — ja, aber eine artistische —

eine pessimistische-buddhistische —

eine skeptische —

eine wissenschaftliche — nicht positiv<istische>

2[187]

— placatumque nitet diffuso lumine coelum —

2[188]

daß sich die Geschichte sämmtl<icher> Ph<änomene> der Moralität dermaßenErratum:dermaaßen
lies:dermaßen
Nach KGW Nachberichte
vereinfachen lasse, wie es Schopenhauer glaubte — nämlich so, daß als Wurzel jeder bisherigen moral<ischen> Neigung das Mitleiden wiederzufinden sei — zu diesem Grade von Widersinn und Naivetät konnte nur ein Denker kommen, der von allem historischen Instinkte entblößt war und in der wunderlichsten Weise selbst jener starken Schulung zur Historie, wie sie die Deutschen von Herder bis Hegel durchgemacht haben, entschlüpft war.

2[189]

Die Frage nach der Herkunft unserer Werthschätzungen und Gütertafeln fällt ganz und gar nicht mit deren Kritik zusammen, wie so oft geglaubt wird: so gewiß auch die Einsicht in irgend eine pudenda origo für das Gefühl eine Werthverminderung der so entstandenen Sache mit sich bringt und gegen dieselbe eine kritische Stimmung und Haltung vorbereitet.

2[190]

(47)

was sind unsere Werthschätzungen und moralischen Gütertafeln selber werth? Was kommt bei ihrer Herrschaft heraus? Für wen? In Bezug worauf? — Antwort: für das Leben. Aber was ist Leben? Hier thut also eine neue bestimmtere Fassung des Begriffs „Leben“ noth: meine Formel dafür lautet: Leben ist Wille zur Macht.

was bedeutet das Werthschätzen selbst? weist es auf eine andere metaphysische Welt zurück oder hinab? Wie noch Kant glaubte (der vor der großen historischen Bewegung steht) Kurz: wo ist es entstandenErratum:„entstanden“
lies:entstanden
Nach KGW Nachberichte
? Oder ist es nicht „entstanden“? Antwort: das moralische Werthschätzen ist eine Auslegung, eine Art zu interpretiren. Die Auslegung selbst ist ein Symptom bestimmter physiologischer Zustände, ebenso eines bestimmten geistigen Niveaus von herrschenden Urtheilen. Wer legt aus? — Unsere Affekte.

2[191]

Meine Behauptung: daß man die moralischen Werthschätzungen selbst einer Kritik unterziehn muß. Daß man dem moralischen Gefühls-Impuls mit der Frage: warum? Halt gebieten muß. Daß dies Verlangen nach einem „Warum?“, nach einer Kritik der Moral, eben unsere jetzige Form der Moralität selbst ist, als ein sublimer Sinn der Redlichkeit. Daß unsere Redlichkeit, unser Wille, uns nicht zu betrügen sich selbst ausweisen muß: „warum nicht?“ — Vor welchem Forum? — Der Wille, sich nicht betrügen <zu> lassen, ist anderen Ursprungs, eine Vorsicht gegen Überwältigung, Ausbeutung, ein Nothwehr-Instinkt des Lebens.


Das sind meineErratum:meine
lies:meine
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Forderungen an euch — sie mögen euch schlecht genug zu Ohren gehen —: daß ihr die moralischen Werthschätzungen selbst einer Kritik unterziehen sollt. Daß ihr dem moralischen Gefühls-Impuls, welcher hier Unterwerfung und nicht Kritik verlangt, mit der Frage: „warum Unterwerfung?“ Halt gebieten sollt. Daß ihr dies Verlangen nach einem „Warum?“, nach einer Kritik der Moral, eben als eure jetzige Form der Moralität selbst ansehen sollt, als die sublimste Art von Rechtschaffenheit, die euch und eurer Zeit Ehre macht.

2[192]

das Gefühl: du sollst!, die Unruhe beim Zuwiderhandeln — Frage: „wer befiehlt da? Wessen Ungnade fürchten wir da?“

2[193]

(7)

Unsere Unart, ein Erinnerungs-Zeichen, eine abkürzende Formel als Wesen zu nehmen, schließlich als Ursache z.B. vom Blitz zu sagen: „er leuchtet“. Oder gar das Wörtchen „ich“. Eine Art von Perspektive im Sehen wieder als Ursache des Sehens selbst zu setzen: das war das Kunststück in der Erfindung des „Subjekts“, des „Ichs“!

2[194]

(23)

Stendhal: „Combien de lieues ne ferais-je pas à pied, et à combien de jours de prison ne me soumettrais-je pas pour entendre Don Juan ou le Matrimonio segreto; et je ne sais pour quelle autre chose je ferais cet effort.“ Damals war er 56 JahrErratum:Jahre
lies:Jahr
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alt.

2[195]

(41)

Hegel: seine populäre Seite die Lehre vom Krieg und den großen Männern. Das Recht ist bei demErratum:den
lies:dem
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Siegreichen: er stellt den Fortschritt der Menschheit dar.

Versuch, die Herrschaft der Moral aus der Geschichte zu beweisen

Kant: uns entzogen, unsichtbar, wirklich, ein Reich der moralischen Werthe

Hegel: eine nachweisbare Entwicklung, Sichtbarwerdung des moralischen Reichs

Wir wollen uns weder auf die Kantische noch Hegelsche Manier betrügen lassen: — wir glauben nicht mehr, wie sie, an die Moral und haben folglich auch keine Philosophien zu gründen, damit die Moral Recht behalte. Sowohl der Kriticismus als der Historicismus hat für uns nicht darin seinen Reiz: — nun, welchen hat er denn?Erratum:denn? —
lies:denn?
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2[196]

Wir Heimatlosen — ja! Aber wir wollen die Vortheile unserer Lage ausnützen und, geschweige an ihr zu Grunde zu gehn, uns die freie Luft und mächtige Lichtfülle zu Gute kommen lassen.

2[197]

Ungläubige und Gottlose, ja! — aber ohne jene Bitterkeit und Leidenschaft des Losgerissenen, der sich aus dem Unglauben einen Glauben, einen Zweck, oft ein Martyrium zurecht macht: wir sind abgesotten und kalt geworden in der Einsicht, daß es in der Welt durchaus nicht göttlich zugeht, ja noch nicht einmal nach vernünftigem, barmherzigem, menschlichem MaaßeErratum:Maaß
lies:Maaße
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; wir wissen es, die Welt, in der wir leben, ist unmoralisch, ungöttlich, unmenschlich — wir haben sie allzulange im Sinne unserer Verehrung interpretirt. Die Welt ist nicht das werth, was wir geglaubt haben: und der letzte Spinnefaden von Trost, den Schopenhauer gesponnen hat, ist von uns zerrissen worden: eben das sei der Sinn der ganzen Geschichte, daß sie hinter ihre Sinnlosigkeit kommt und ihrer selber satt wird. Dies Am-Dasein-Müde-werden, dieser Wille zum Nicht-mehr-wollen, das Zerbrechen des Eigenwillens, des Eigenwohles, Selbstl<osigkeit>Erratum:Eigenwohls, <des> Subjekts
lies:Eigenwohles, Selbstl<osigkeit>
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(als Ausdruck dieses umgekehrten Willens) — dies und nichts Anderes wollte Schopenhauer mit der höchsten Ehre geehrt wissen: er hieß es Moral, er dekretirte, daß alles selbstlose Handeln — — — er glaubte selbst der Kunst ihren Werth zu sichern, indem er in den indifferenten Zuständen, welche sie schafft, Vorbereitungen für jene gänzliche Loslösung und Sattheit des Ekels erkennen möchte.

— aber wären wir wirklich in Hinsicht auf den Anblick einer unmoralischen Welt Pessimisten? Nein, denn wir glauben nicht an die Moral — — wir glauben, daß Barmherzigkeit, Recht, Mitleid u. GesetzlichkeitErratum:Mitleid, Gesetzlichkeit
lies:Mitleid u. Gesetzlichkeit
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bei weitem überschätzt sind, daß ihr Gegentheil verleumdet worden ist, daß in Beidem, im Übertreiben und Verleumden, in der ganzen Anlegung des moral<ischen> Ideals und Maaßstabes eine ungeheure Gefährdung des Menschen lag. Vergessen wir auch den guten Ertrag nicht: das Raffinement der Auslegung, der moral<ischen> Vivisektion, der Gewissensbiß hat die Falschheit des Menschen aufs höchsteErratum:Höchste
lies:höchste
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gesteigert und ihn geistreich gemacht.

An sich hat eine Religion nichts mit der Moral zu thun: aber die beiden Abkömmlinge der jüdischen R<eligion> sind beide wesentlich moralische Religionen, solche, die Vorschriften darüberErratum:darüber Vorschriften
lies:Vorschriften darüber
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geben, wie gelebt werden soll und mit Lohn und Strafe ihren Forderungen Gehör schaffen.

2[198]

die aera Bismarcks (die aera der deutschen Verdummung)

auf solchem Sumpfboden gedeihen, wie billig, auch die eigentlichen Sumpfpflanzen, z.B. derErratum:die
lies:der
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A<ntisemiten>

2[199]

— national zu sein, in dem Sinne und Grade, wie es jetzt von der öffentlichen Meinung verlangt wird, würde an uns geistigenErratum:geistigeren
lies:geistigen
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Menschen, wie mir scheint, nicht nur eine Abgeschmacktheit: sondern eine Unredlichkeit sein, eine willkürliche Betäubung unseres besseren Wissens und GewissensErratum:Gewissens.
lies:Gewissens
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2[200]

Insgleichen sind wir keine Christen mehr: wir sind dem Christenthum entwachsen, nicht weil wir ihm zu fern, sondern weil wir ihm zu nahe gewohnt haben, mehr noch weil wir aus ihm gewachsen sind — es ist unsere strengere und verwöhntere Frömmigkeit selbst, die uns heute verbietet, noch Christen zu sein —

2[201]

Wenn ich einstmals das Wort „unzeitgemäß“ auf meine Bücher geschrieben habe, wie viel Jugend, Unerfahrenheit, Winkel drückt sich in diesem Worte aus! Heute begreife ich, daß mit dieser Art Klage Begeisterung und Unzufriedenheit ich eben damit zu den Modernsten der Modernen gehörte.

2[202]

Kant: die bloße Idee von einer möglichen Wissenschaft, welcher man sich auf mancherlei Wegen zu nähern sucht, so lange, bis der einzige, sehr durch Sinnlichkeit verwachsene Fußsteig entrückt wird“ —

2[203]

Und auch heute noch geben die Philosophen, ohne daß sie es wissen, den stärksten Beweis, wie weit diese Autorität der Moral reicht. Mit allem ihrem Willen zur Unabhängigkeit, mit ihren Gewohnheiten oder Grundsätzen des Zweifels, selbst mit ihrem Laster des Widerspruchs, der Neuerung um jeden Preis, des Hochmuths vonErratum:vor
lies:von
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jeder Höhe — was wird aus ihnen, sobald sie über „du sollst“ und „du sollst nicht“ nachdenken? Es giebt sofort gar nichts Bescheideneres auf Erden: die Circe Moral hat sie eben angehaucht und verzaubert! Alle diese Stolzen und Einsam-Wandelnden! — Nun sind es mit einem Mal Lämmer, nun wollen sie Heerde sein. Zunächst wollen sie allesammt ihr „du sollst“ und „du sollst nicht“ mit Jedermann gemein haben, — erstes Zeichen der preisgegebenen Unabhängigkeit. Und was ist ihr Kriterium einer moralischen Vorschrift? Alle sind darüber einmüthig: deren Gemeingültigkeit, ihr Absehen von der Person. Dies heiße ich „Heerde“. Darauf freilich trennen sie sich: denn jeder will mit seiner besten Kraft der M<oral> zu Diensten sein. Die meisten von ihnen verfallen darauf „die Moral zu begründen“, wie man sagt, nämlich sie mit der Vernunft zu verschwistern und zu vereinbaren, womöglich bis zur Einheit; die Feineren finden umgekehrt in der Unbegründbarkeit der Moral das Anzeichen und Vorrecht ihres Ranges, ihres der Vernunft überlegenen Ranges; andere werden sie historisch ableiten wollen (etwa mit den Darwinisten, welche das Hausmittelchen für schlechte Historiker erfunden haben „erst Nützlichkeit und Zwang, dann Gewohnheit, endlich Instinkt, sogar Vergnügen“), wieder andereErratum:Andere
lies:andere
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widerlegen diese Ableitungen und leugnen überhaupt jede historische Ableitbarkeit der Moral, und dies ebenfalls zu Ehren ihres Ranges, ihrer höheren Art und Bestimmung: alle aber sind einmüthig in der Hauptsache „die Moral ist da, die Moral ist gegeben!“, sie glauben alle, redlich, unbewußt, ungebrochen an den Werth dessen, was sie Moral nennen, das heißt, sie stehen unter deren Autorität. Ja! Der Werth der Moral! Wird man es erlauben, daß hier JemandErratum:jemand
lies:Jemand
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das Wort nimmt, der gerade über diesen Werth Zweifel hat? UndErratum:Der
lies:Und
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nur in dieser Hinsicht sich auch um ihre Ableitung, Ableitbarkeit, psychologische Möglichkeit und Unmöglichkeit kümmert?

2[204]

Fünftes Buch: Wir Umgekehrten.

Unsere neue „Freiheit“

Gegen die volksthümlichen Idealmenschen

Wie weit geht Kunst und Falschheit in’s Wesen des Seins?

Warum wir nicht mehr Christen sind.

Warum wir antinational sind.

Pessimismus und Dionysismus.

Unser Mißtrauen gegen die Logik

l’art pourErratum:L’art pour
lies:l’art pour
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l’art

Die Beschränktheit aller Teleologie.

Gegen den Causalitäts-Fatalismus.

Gegen die Lehre vom Milieu: Maske und Charakter. Zum Begriff „Phänomenalismus“.

Gegen die Romantik.

Begriff der Sklaverei d.h. Verwerkzeugung

Mißverständniß der Heiterkeit.

Was die Rangordnung macht.

Kritik der neueren Philosophie: fehlerhafter Ausgangspunkt, als ob es „Thatsachen des Bewußtseins“ gäbe — und keinen Phänomenalismus in der Selbst-Beobachtung

2[205]

Es giebt gar keinen Egoismus, der bei sich stehen bliebe und nicht übergriffe — es giebt folglich jenen „erlaubten“, „moralisch indifferenten“ E<goismus> gar nicht, von dem ihr redet.

ManErratum:„Man
lies:Man
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fördert sein Ich stets auf „KostenErratum:Kosten
lies:„Kosten
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des Andern“; LebenErratum:„Leben
lies:Leben
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lebt immer auf Unkosten andern LebensErratum:Lebens“
lies:Lebens
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. — Wer das nicht begreift, hat bei sich noch nicht den ersten Schritt zur Redlichkeit gemacht.

2[206]

(48)

Welches Freiheitsgefühl liegt darin, zu empfinden, wie wir befreiten Geister empfinden, daß wir nicht in ein System von „Zwecken“ eingespannt sind! Insgleichen, daß die Begriffe „Lohn“ und „Strafe“ nicht im Wesen des Daseins ihren Sitz haben! Insgleichen,Erratum:Insgleichen
lies:Insgleichen,
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daß die gute und böse Handlung nicht an sich, sondern nur unter der Perspektive der Erhaltungs-Tendenzen gewisser Arten von menschlichen Gemeinschaften, gut und böse zu nennen ist! Insgleichen, daß unsere Abrechnungen über Lust und Schmerz keine kosmische, geschweige denn eine metaphysische Bedeutung haben! — Jener Pessimismus, der dieErratum:der
lies:der die
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Lust und Unlust des Daseins selbst auf die Wagschale zu setzen sich anheischig macht, mit seiner willkürlichen Einsperrung in das vor-kopernikanische Gefängniß und Gesichtsfeld, würde etwas Rückständiges und Rückfälliges <sein>, falls er nicht nur ein schlechter Witz eines Berliners ist (der P<essimismus> E<duard> von Hartmanns

2[207]

AnfangErratum:Anfang
lies:Anfang
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Schluß.

In wiefern diese Selbstvernichtung der Moral noch ein Stück ihrer eigenen Kraft ist. Wir Europäer haben das Blut solcher in uns, die für ihren Glauben gestorben sind; wir haben die Moral furchtbar und ernst genommen und es ist nichts, was wir ihr nicht irgendwannErratum:irgendwie
lies:irgendwann
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geopfert haben. Andrerseits: unsre geistige Feinheit ist wesentlich durch Gewissens-Vivisektion erreicht worden. Wir wissen das wohin? noch nicht, zu dem wir getrieben werden, nachdem wir uns dergestalt von unsrem alten Boden abgelöst haben. Aber dieser Boden selbst hat uns die Kraft angezüchtet, die uns jetzt hinaus treibt in die Ferne, in’s Abenteuer, <durch die wir> in’s Uferlose, Unerprobte, Unentdeckte hinausgestossen werden, — es bleibt uns keine Wahl, wir müssen Eroberer sein, nachdem wir kein Land mehr haben, wo wir heimisch sind, wo wir „erhalten“ möchten. Nein, das wißt ihr besser, meine Freunde! Das verborgene Ja in euch ist stärker als alle Neins und Vielleichts, an denen ihr mit eurer Zeit krank und süchtig seid; und wenn ihr aufs Meer müßt, ihr Auswanderer, so zwingt euch ein Glaube dazu — —Erratum:dazu …
lies:dazu — —
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2[208]

das nicht-fertig-werden mit dem Christenthum

2[209]

Es ist Ehren-Sache meiner Freunde, für meinen Namen, Ruf und weltliche Sicherheit thätig zu sein und mir eine Burg zu bauen, wo ich gegen die grobe Verkennung bewahrt bin: ich selbst will keinen Finger mehr dafür rühren

2[210]

DieErratum:die
lies:Die
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vollkommene Funktions-Sicherheit der regulirenden Instinkte