[19 = M III 6b. Frühjahr 1882]

19[1]

Zwei kategorische Imperative. — Gewiß! Man muß ein Knochengerüst haben — sonst hat das liebe Fleisch keinen Halt! Aber ihr Herrn ohne Fleisch, ihr Knochengerippe der Stoa, eure Predigt sollte lauten: „man muß auch Fleisch an den Knochen haben!“

19[2]

„Dies habe ich zu hoch geschätzt und zu theuer bezahlt — wie so Vieles! ich wähnte zu bezahlen und ich beschenkte. Ich bin arm geworden, weil ich an einige Dinge geglaubt habe, als seien sie überaus schätzenswerth — ach, und so wie ich bin, werde ich immer noch ärmer werden!“

19[3]

Omnia naturalia affirmanti sunt indifferentia, neganti vero vel abstinenti aut mala aut bona.

19[4]

Seine Gesellschaft zu finden wissen.

Mit Witzbolden ist gut zu witzeln:

Wer kitzeln will ist leicht zu kitzeln.

19[5]

Aus der Tonne des Diogenes.

„Nothdurft ist wohlfeil, Glück ist ohne Preis:

Drum sitz’ ich statt auf Gold auf meinem Steiß.“

19[6]

Timon spricht:

„Nicht zu freigebig: nur Hunde

scheißen zu jeder Stunde!“

19[7]

Schlußreim.

Eine ernste Kunst ist Lachen

Soll ich’s morgen besser machen,

Sagt mir: macht’ ich’s heute gut?

Kam der Funke stets vom Herzen?

Wenig taugt der Kopf zum Scherzen,

Glüht im Herzen nicht die Gluth.


Wagt’s mit meiner Kost, ihr Esser!

Morgen schmeckt sie euch schon besser,

Und schon übermorgen — gut!

Wollt ihr dann noch mehr, so machen

Meine alten sieben Sachen

Mir zu sieben neuen Muth.

19[8]

Lebensregeln.

Das Leben gern zu leben

Mußt du darüber stehn!

Drum lerne dich erheben!

Drum lerne — abwärts sehn!


Den edelsten der Triebe

Veredle mit Bedachtung:

Zu jedem Kilo Liebe

Nimm Ein Gran Selbstverachtung!


Bleib nicht auf ebnem Feld,

Steig nicht zu hoch hinaus!

Am schönsten sieht die Welt

Von halber Höhe aus.

19[9]

Desperat.

Fürchterlich sind meinem Sinn

Spuckende Gesellen!

Lauf’ ich schon, wo lauf’ ich hin?

Spring’ ich in die Wellen?


Alle Münder stets gespitzt,

Gurgelnd alle Kehlen,

Wand und Boden stets bespritzt —

Fluch auf Speichelseelen!


Lieber lebt’ ich schlecht und schlicht

Vogelfrei auf Dächern,

Lieber unter Diebsgezücht,

Eid- und Ehebrechern!


Fluch der Bildung, wenn sie speit!

Fluch dem Tugendbunde!

Auch die reinste Heiligkeit

Trägt nicht Gold im Munde.

19[10]

Nausikaa-Lieder.

Gestern, Mädchen, ward ich weise,

Gestern ward ich siebzehn Jahr: —

Und dem gräulichsten der Greise

Gleich’ ich nun — doch nicht auf’s Haar!


Gestern kam mir ein Gedanke —

Ein Gedanke? Spott und Hohn!

Kam euch jemals ein Gedanke?

Ein Gefühlchen eher schon!


Selten, daß ein Weib zu denken

Wagt, denn alte Weisheit spricht:

Folgen soll das Weib, nicht lenken;

Denkt sie, nun, dann folgt sie nicht


Was sie noch sagt, glaubt’ ich nimmer;

Wie ein Floh, so springt’s, so sticht’s!

„Selten denkt das Frauenzimmer,

Denkt es aber, taugt es nichts!“


Alter hergebrachter Weisheit

Meine schönste Reverenz!

Hört jetzt meiner neuen Weisheit

Allerneuste Quintessenz!


Gestern sprach’s in mir, wie’s nimmer

In mir sprach — nun hört mich an:

„Schöner ist das Frauenzimmer,

Interessanter ist — der Mann!“

19[11]

Sanctus Januarius

Weib Gott und Sünde

Kunst und Schrift

Sinnsprüche

19[12]

Die fröhliche Wissenschaft.

1. 

Sanctus Januarius.

2.

Über Künstler und Frauen.

3.

Gedanken eines Gottlosen.

4.

Aus dem „moralischen Tagebuche“.

5.

„Scherz List und Rache“. Sinnsprüche.

19[13]

Lieder und Sinnsprüche.

Takt als Anfang, Reim als Endung,

Und als Seele stets Musik:

Solch ein göttliches Gequiek

Nennt man Lied. Mit kürzrer Wendung,

Lied heißt: „Worte als Musik“.


Sinnspruch hat ein neu Gebiet:

Er kann spotten, schwärmen, springen,

Niemals kann der Sinnspruch singen;

Sinnspruch heißt: „Sinn ohne Lied“. —


Darf ich euch von Beidem bringen?

19[14]

Sanctus Januarius.
Von
Friedrich Nietzsche


Meinen Freunden
als
Gruss und Geschenk.